Israelische Soldaten erschossen einen palästinensischen Jungen und standen daneben, während er verblutete, wie ein Video zeigt
- 4. März
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Im vergangenen November wurde ein 14-jähriger palästinensischer Junge namens Jad Jadallah in einem Flüchtlingslager im besetzten Westjordanland aus nächster Nähe von israelischen Soldaten erschossen. Als Jad zusammengebrochen in einer Gasse lag, bildeten die Soldaten eine Absperrung um ihn herum und hinderten zwei palästinensische Krankenwagen daran, zu ihm zu gelangen.
Von Joel Gunter, BBC, 26. Februar 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache. Wenn es Ihnen möglich ist, schauen Sie sich die Videoaufnahmen an, vor verstörenden Bildern muss jedoch gewarnt werden)
Laut Videoaufnahmen und Augenzeugenberichten standen die Soldaten – insgesamt 14 – dann mindestens 45 Minuten lang lässig um Jad herum, während er aus einer oder mehreren Schusswunden blutete. Alle israelischen Soldaten werden in der Traumabehandlung ausgebildet, und jede israelische Kampfeinheit sollte einen speziell ausgebildeten Sanitäter haben, aber keiner der Soldaten leistete Jad lebensrettende medizinische Hilfe. Zeitweise scheint es, als dass sie Jads wiederholte Versuche, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, ignorieren.
Die israelischen Streitkräfte teilten der BBC mit, dass Soldaten „erste medizinische Hilfe“ geleistet hätten, aber ein Sprecher weigerte sich, Einzelheiten über die Art oder den Zeitpunkt der Behandlung zu nennen. Die israelische Armee hat Jad außerdem beschuldigt, einen Stein geworfen zu haben, was nach ihren Einsatzregeln Soldaten den Einsatz tödlicher Gewalt erlaubt.
Die Aufnahmen des Vorfalls zeigen jedoch, wie ein israelischer Soldat nach dem Schuss einen Gegenstand neben Jad fallen lässt und dann ein Foto davon macht – eine Handlung, die laut Jads Familie und einer führenden Menschenrechtsorganisation offenbar darauf abzielt, ihm die Tat anzuhängen.
Die Soldaten luden Jad schließlich auf die Ladefläche eines israelischen Militärfahrzeugs, aber irgendwann, entweder davor oder danach, starb er. Es ist immer noch unklar, wo an seinem Körper und wie oft er angeschossen wurde, da das israelische Militär sich weigert, seine Leiche an die Familie zurückzugeben, und keine Fragen zu seinen Verletzungen beantwortet.
Aus nächster Nähe erschossen
Jad wurde in al-Far'a geboren und wuchs dort auf, einem Flüchtlingslager im Westjordanland, in dem etwa 10 000 Palästinenser*innen leben. Wie andere ähnliche Lager in den besetzten Gebieten ist auch dieses häufigen israelischen Militärrazzien ausgesetzt, die laut Israel notwendig sind, um gegen dort operierende bewaffnete Gruppen vorzugehen.
In vielerlei Hinsicht war Jads Tod nichts Ungewöhnliches. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden im vergangenen Jahr 55 Kinder von israelischen Streitkräften im Westjordanland getötet, seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 waren es insgesamt 227.
Zwei Dinge fallen jedoch in diesem Fall besonders auf: Das erste ist, dass Jad so lange unbehandelt auf dem Boden lag, umgeben von so vielen Soldaten, während er starb. Das zweite ist das Auftauchen einer beträchtlichen Menge an Videomaterial zu dem Vorfall, das von der BBC eingehend überprüft wurde.
Der genaue Moment der Schüsse wurde von einer Überwachungskamera im Lager aufgezeichnet. Die Aufnahme zeigt drei Jungen, die an der Ecke einer Gasse stehen. Zuerst schauen sie nach rechts, wo laut Augenzeugen israelische Militärfahrzeuge kurz zuvor in Richtung Ausgang des Lagers davongefahren waren.
Einer der beiden Freunde, die zu diesem Zeitpunkt bei Jad waren, erzählte der BBC, dass die Jungen nach draußen gegangen waren, nachdem in einer Messenger-Gruppe für das Lager gepostet worden war, dass die israelischen Einheiten sich zurückziehen würden, und dass die Jungen um die Ecke spähten, um nachzusehen.
Jad und seine Freunde wussten nicht, dass eine Gruppe von vier israelischen Soldaten zurückgeblieben war und nur wenige Meter entfernt zu ihrer Linken hinter einer Mauer stand. Jads Freunde entdeckten die Soldaten zuerst und rannten die Gasse hinauf. Jad sah sie entweder nicht oder aber er sah sie zu spät.
Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen, wie der führende Soldat weniger als drei Meter von Jad entfernt ins Bild tritt, dann offenbar sein Gewehr hebt und das Feuer eröffnet. Jad macht eine Bewegung, die darauf hindeutet, dass er in diesem Moment getroffen wird. Im Lager sind genau an dieser Stelle Einschusslöcher in der Wand zu sehen.
Jad, der wahrscheinlich bereits verwundet ist, rennt dann die Gasse hinauf, und der israelische Soldat scheint sich umzudrehen und sein Gewehr auf Jad zu richten. Die Aufnahmen der Überwachungskamera zeigen, wie Staub in der Gasse vor ihm aufgewirbelt wird, was darauf hindeutet, dass der israelische Soldat Jad von hinten weiter beschoss, während dieser weglief.
In den Aufnahmen sieht man, wie Jad nach nur wenigen Metern zusammenbricht und beim Fallen aus dem Bild verschwindet. Kurz darauf nimmt eine von einem Lagerbewohner geheim gefilmte Aufnahme aus der anderen Richtung als die der Überwachungskamera auf. Diese Aufnahmen zeigen einige der letzten Momente von Jads Leben.
Es zeigt, wie der Teenager wiederholt versucht, die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sich zu lenken, indem er mit den Armen winkt und seine Kappe in ihre Richtung wirft. Die Soldaten scheinen seine Bemühungen zu ignorieren und kicken die Kappe zurück.
Als Jads Mutter von den Schüssen alarmiert wurde, versuchte sie, ihn zu Fuß zu erreichen, wurde jedoch von den israelischen Soldaten daran gehindert, wie sie und andere Augenzeug*innen berichteten. Ein anderer Anwohner tätigte einen Notruf, woraufhin sofort ein Krankenwagen entsandt wurde, der laut den der BBC vom Palästinensischen Roten Halbmond zur Verfügung gestellten Anrufprotokollen acht Minuten später am Tatort eintraf.
Der leitende Sanitäter, Hassan Fouqha, sagte, sein Team sei von israelischen Soldaten mit vorgehaltener Waffe aufgehalten und daran gehindert worden, Jad zu erreichen, der nur etwa hundert Meter entfernt war und in ihrem Blickfeld lag. Fouqha und seine Rettungsmannschaft mussten dann hilflos zusehen, wie Jad dalag und aus seinen Wunden blutete. Der Sanitäter sagte, sie hätten mindestens 35 Minuten lang zusehen müssen ohne etwas tun zu können. Fouqha rief eine zweite Ambulanz aus einer anderen Richtung herbei, aber auch diese wurde von den Soldaten aufgehalten.
„Wir haben mehrmals versucht, vorzustoßen, und ihnen signalisiert, dass sie uns zu dem Kind lassen sollten, aber wir wurden komplett blockiert“, so Fouqha. „Wir hätten ihn erreichen und medizinisch versorgen können, aber wir wurden daran gehindert. Den Grund dafür kennen wir nicht, aber so ist es passiert.“
Die israelische Armee teilte der BBC mit, dass sie Jad „erste medizinische Hilfe“ geleistet habe, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass er keine versteckten Sprengkörper bei sich trug. Aufnahmen des Vorfalls sowie separate Nahaufnahmen von Überwachungskameras, die Jad zuvor beim Verlassen seines Hauses zeigen, belegen, dass er nur ein T-Shirt und Jeans trug. Auf die Frage, welche Verletzungen Jad erlitten habe und welche medizinische Behandlung er erhalten habe, lehnte die israelische Armee eine Antwort ab.
Beschuldigt, einen Stein platziert zu haben
Die israelische Armee behauptet, Jad habe einen Stein geworfen und sei ein „Terrorist“, der „versucht habe, die Streitkräfte anzugreifen“. Jads Familie beschuldigt die Soldaten jedoch, ihren Sohn zu verleumden, nachdem Aufnahmen aufgetaucht sind, die zeigen, wie einer der Soldaten von außerhalb des Bildausschnitts die Szene betritt, einen schweren Gegenstand neben Jad fallen lässt und dann ein Foto von dem Gegenstand neben ihm macht.
„Sie haben einen Stein neben ihn geworfen, um ihn zu beschuldigen und es so aussehen zu lassen, als hätte er Steine auf sie geworfen“, sagt Jads Mutter Safa. „Man kann es im Video sehen“, sagt sie. „Jeder, der sich das Video ansieht, wird es erkennen.“
Menschenrechtsorganisationen berichten, dass israelische Soldaten im Westjordanland nach einer freizügigen „Feuer frei“-Politik vorgehen, nach der sie häufig auf Menschen schießen, die keine unmittelbare Gefahr für ihr Leben darstellen, darunter auch Kinder, die Steine in ihre Richtung werfen. Shai Parnes von der israelischen Menschenrechtsgruppe B'Tselem sagte gegenüber der BBC, dass das Filmmaterial von Jad offenbar zeige, wie ein Soldat einen Stein neben ihn lege, um die Schüsse zu rechtfertigen.
„Es ist schwer, mit Sicherheit zu sagen, was wir hier sehen – ob es sich um einen Stein handelt und ob sie versuchen, ihn damit zu belasten“, so Parnes. „Aber ich denke, jeder, der sich das Video unvoreingenommen ansieht, wird wahrscheinlich zu diesem Schluss kommen.“
Eine solche Handlung wäre „abscheulich“, fügt Parnes hinzu. „Aber wir haben auch andere Fälle gefunden, in denen israelische Streitkräfte auf die eine oder andere Weise versucht haben, einen Palästinenser nach der Tat zu belasten. Es wäre nicht das erste Mal, dass wir so etwas vor der Kamera sehen.“
Auf die konkrete Frage nach dem Vorwurf, der Soldat habe einen Stein neben Jad platziert, ignorierte die israelische Armee die Frage.
Viele der genauen Umstände von Jads Tod, darunter wie oft er angeschossen wurde und wann und wo er starb, bleiben unklar, da die israelische Armee sich weigert, die Leiche zurückzugeben und detaillierte Fragen zu dem Vorfall zu beantworten. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Israel sich weigert, die Leichen von Menschen zurückzugeben, die von der Armee getötet wurden – Berichten zufolge halten die israelischen Behörden derzeit die Leichen von 776 Palästinenser*innen oder anderen Staatsangehörigen zurück, die von Israel beschuldigt oder verdächtigt werden, Anschläge verübt zu haben.
Auf Nachfrage der BBC lehnte die israelische Armee es ab, zu erklären, warum sie Jads Leiche zurückhält. Jads Mutter Safa sagte, die Armee versucht entweder, etwas zu verbergen, oder aber sie üben einfach eine Form bewusster Grausamkeit aus.
„Vielleicht wollen sie uns nur provozieren, uns zermürben, unsere Geduld auf die Probe stellen“, sagt sie. „Aber wir sind geduldig, wir haben Hoffnung und wir werden weiter warten. Heute, morgen oder in hundert Jahren werden wir ihn zurückbekommen. So Gott will, werden wir ihn zurückbekommen.“




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