Israels Vorgehen gegen die palästinensische Flagge nimmt surreale Züge an
- 3. Mai
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Eine zerfetzte Kippa und eine beschlagnahmte ungarische Flagge verraten das tiefe Gefühl der Unsicherheit, das Israels Wahnvorstellungen von militärischer Größe zugrunde liegt.
Von Amos Brison, +972Mag, 1. Mai 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Schon der bloße Anblick einer palästinensischen Flagge bereitet den Machthabern in Israel seit langem Unbehagen. Doch in der vergangenen Woche zeigten zwei scheinbar nebensächliche Vorfälle, wie die wachsende Besorgnis der Behörden gegenüber selbst dem geringsten Ausdruck palästinensischer nationaler Identität den Rahmen einfacher Unterdrückung überschritten hat und ins Absurde abgleitet.
Der erste Vorfall ereignete sich in der Stadt Modi’in, wo Polizeibeamte den 53-jährigen britisch-israelischen Dozenten Alex Sinclair von der Hebräischen Universität Jerusalem festnahmen, weil er eine Kippa trug, auf der sowohl die israelische als auch die palästinensische Flagge aufgestickt waren. Nachdem er in eine Zelle gesperrt worden war, erhielt Sinclair die Kippa zurück – die palästinensische Flagge war grob ausgeschnitten und somit entfernt worden.
Beim zweiten Vorfall, der sich bei einer regierungskritischen Demonstration im Norden Israels ereignete, beschlagnahmten Polizeibeamte eine ungarische Flagge, die ein israelischer Demonstrant trug – eine Anspielung auf den kürzlichen Sturz des rechtsextremen Ministerpräsidenten des Landes und die Hoffnung auf einen ähnlichen Wandel im eigenen Land –, mit der Begründung, sie ähnele einer palästinensischen Flagge und könne daher eine „Provokation“ darstellen. Als der Demonstrant darauf hinwies, dass es sich überhaupt nicht um eine palästinensische Flagge handele (wobei anzumerken ist, dass das Schwenken einer solchen in Israel nicht illegal ist), antwortete ein Beamter: „Sie verstehen das vielleicht, aber andere werden es nicht.“
Auf den ersten Blick könnten diese Vorfälle als vereinzelte Überreaktionen einzelner Polizeibeamter abgetan werden. Betrachtet man sie jedoch in einem größeren Zusammenhang, sind sie symptomatisch für eine politische Psychose, die die israelischen Behörden – und die israelische Gesellschaft insgesamt – in den letzten Jahren erfasst hat. Seit dem Schock der Anschläge vom 7. Oktober ringt die israelische Gesellschaft mit einem tiefen Gefühl der Verletzlichkeit. Abgesehen von den Versäumnissen der Geheimdienste und des Militärs an jenem Tag haben die Anschläge die tief verwurzelte israelische Illusion zerschlagen, dass der palästinensische Widerstand auf unbestimmte Zeit eingedämmt und effektiv ignoriert werden könne.
Seitdem sind weitere Illusionen zerfallen. Israels Militäraktionen im Gazastreifen zielten darauf ab, die palästinensische Präsenz in dem Gebiet physisch zu beseitigen. Dieses Vorhaben ist gescheitert. Obwohl Israel Zehntausende Menschen getötet und einen Großteil des Gazastreifens in Schutt und Asche gelegt hat, bleibt die palästinensische Existenz dort eine unbestreitbare Tatsache. Ebenso wie die Existenz der Hamas, trotz Israels wiederholter Behauptung, die Zerschlagung der Organisation sei nur eine Frage der Zeit.
Auch Israels Kriege gegen den Iran und dessen Verbündete – sowohl der „12-Tage-Krieg“ vom vergangenen Juni als auch der jüngste Konflikt, der nun in einem brüchigen „Waffenstillstand“ endete – haben nicht zu dem entscheidenden Ergebnis geführt, das Israels Führung seit langem versprochen hatte. Im Gegenteil: Diese Kriege haben die Grenzen der israelischen Streitkräfte und die Widerstandsfähigkeit ihrer regionalen Gegner offenbart. Für viele Israelis, wie aktuelle Umfragen nahelegen, ist das Ergebnis ein schleichendes Gefühl, dass die militärische Vorherrschaft des Staates weniger gesichert ist, als es einst schien.
In einer solchen Atmosphäre gewinnen Symbole an Bedeutung. Die palästinensische Flagge, nichts weiter als ein Zeichen nationaler Bestrebungen, wird zu einer Mahnung, dass keine noch so große militärische Gewalt – nicht einmal genozidale Gewalt – die Palästinenser*innen verschwinden lassen oder den Israelis einen Ausweg aus dem blutigen Konflikt bieten wird, der ihr politisches Leben seit Jahrzehnten prägt. Vorerst ist es einfacher, zu versuchen, das Symbol zu unterdrücken, als sich dem zu stellen, wofür es steht. Je aggressiver die israelischen Behörden versuchen, palästinensische Symbole zu tilgen oder zu kriminalisieren, desto mehr offenbaren sie ihre eigene Unsicherheit. Ein Staat, der von seiner Legitimität überzeugt ist, muss weder die Farben auf einem Stück Stoff überwachen, noch sieht er eine existenzielle Gefahr in der Kopfbedeckung eines Cafébesuchers. Eine solch unverhältnismäßige Reaktion spiegelt eher Schwäche als Stärke wider.
In diesem Sinne spiegeln die Vorfälle in Modi’in und bei der Demonstration das tiefe Unbehagen einer Gesellschaft wider, die darum ringt, ihr Selbstbild als sichere, demokratische und dominante Regionalmacht mit einer Realität in Einklang zu bringen, die immer mehr im Widerspruch zu diesem Narrativ steht. Anstatt die Ursachen dieser Spannungen anzugehen, nehmen die Behörden die Symbole ins Visier, die als visuelle Erinnerung daran dienen.
Für palästinensische Bürger*innen Israels sowie für diejenigen, die im Westjordanland und im Gazastreifen leben, wird all dies keine Überraschung sein. Israel kontrolliert ihre Identität seit Jahrzehnten, sei es durch Einschränkungen der Meinungsäußerung, der Versammlungsfreiheit oder des symbolischen Ausdrucks. Neu ist vielleicht das Ausmaß, in dem dies nun auf Bereiche übergreift, die zuvor weniger betroffen waren: ein Universitätsprofessor, der ruhig in einem Vorortcafé sitzt, oder ein jüdisch-israelischer Bürger, der eine Flagge hält, die keinerlei Verbindung zu diesem Stück Land hat.
Der erste Vorfall birgt eine zusätzliche Ebene der Ironie. Die Kippa gehört zu den bekanntesten Symbolen jüdischer religiöser Identität. Dass Vertreter eines Staates, der unablässig behauptet, im Namen des jüdischen Volkes zu handeln, einen solchen Gegenstand beschlagnahmen und beschädigen, ist äußerst aufschlussreich; es deutet darauf hin, dass das Gebot, die palästinensische Präsenz auszulöschen, mittlerweile sogar das vom Staat bekundete Bekenntnis zum Schutz jüdischen Lebens und der jüdischen Kultur außer Kraft gesetzt hat.
Der Anblick, wie die Polizei ein jüdisches religiöses Symbol verunstaltet oder eine ungarische Flagge beschlagnahmt, nur weil sie einer palästinensischen ähnelt, sollte Anlass zum Nachdenken geben – weniger über die Gefahr, die diese Symbole tatsächlich darstellen, als vielmehr darüber, was es bedeutet, wenn eine Gesellschaft beginnt, sie überall zu sehen, und ihre Anwesenheit nirgendwo mehr ertragen kann.
Amos Brison ist Redakteur bei +972 und lebt in Berlin.




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