„Kollateralschaden“. Das Wort klingt harmlos. So sieht es jedoch in Wirklichkeit aus.
Nach dem Sieg des NAZA-Films melden sich die Befürworter*innen der Tötung von Menschen in Gaza durch Israel in Scharen zu Wort. Schauen wir uns einmal an, was „Kollateralschaden“ denn tatsächlich bedeutet.
Von Dr. Elana Sztokman, Substack, 17. September 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Ich sehe, wie dieser Beitrag überall geteilt wird – eine Beschreibung der vielen militärischen Aufgaben und Mechanismen, die die israelische Armee einsetzt, um den Tod Unschuldiger zu „minimieren“. Er soll beweisen, dass Israel die „moralischste Armee der Welt“ ist und dass es aufgrund der erstaunlichen Menschlichkeit Israels und der enormen Anstrengungen, die unternommen werden, um den Tod von Zivilist*innen zu verhindern, nicht einmal möglich ist, dass der NAZA-Film der Wahrheit entspricht – zum Teufel mit den 20.000 toten Babys.
Auch wenn diese Aufgaben der israelischen Armee zweifellos existieren, halte ich es für sinnvoll, auf die sehr realen Probleme mit diesem gesamten Mechanismus hinzuweisen, wie die israelische Armee mit palästinensischen Zivilist*innen umgeht.
Zunächst einmal hat der Sprecher der israelischen Armee erklärt, dass sie „nur“ zwei getötete Unschuldige pro „Zielperson“ verrechnen. Er sagte, dies sei eine GUTE Statistik, obwohl „nur zwei Unschuldige“ – falls das überhaupt stimmt – eine MENGE Todesopfer sind. Und viele dieser Unschuldigen sind Kinder. Viele sind ganze Familien. Und eine externe Auswertung der eigenen Daten der israelischen Armee zeigt, dass tatsächlich 83 % der von ihr getöteten Menschen „nicht beteiligt“, also unschuldig, sind. Um es in Bezug auf diese Unschuldigen ganz klar zu sagen: Viele dieser Unschuldigen sind Kinder – über 20.000 der geschätzten 70.000 bis 100.000 Toten waren Säuglinge und Kinder. Fast 3.000 Familien wurden vollständig ausgelöscht. Beide Elternteile, alle Kinder, Großeltern – ganze Familien wurden ausgelöscht. Sie gehören zu den „Kollateralschäden“.
Zweitens haben wir keine Ahnung, wer diese „Ziele“ sind. Es ist kein Justizsystem beteiligt, kein Polizei- oder Rechtssystem, das die Behauptungen bestätigen könnte, dass diese Menschen den Tod verdienen. Wir müssen der israelischen Armee also einfach glauben, wenn sie sagt, dass sie irgendwie – ohne Beteiligung eines Justizsystems – weiß, dass das „Ziel“ den Tod verdient und es daher in Ordnung ist, auch alle Menschen in seiner Umgebung zu töten. Sobald jemand als „Terrorist“ oder „Feind“ markiert ist, gilt er als solches und wird zur Zielscheibe, und wir sollen das alles einfach hinnehmen. Diese Art von Angriffen spiegelt keine tatsächliche Gerechtigkeit wider, und wir haben keine Möglichkeit festzustellen, ob sie tatsächlich gerechtfertigt sind. Wir müssen uns auf das Wort der israelischen Armee verlassen. Das ist Militärjustiz, keine tatsächliche Gerechtigkeit.
Echte Menschen, keine Zahlen
Drittens: Die israelische Armee mag zwar gut im Zählen sein, aber sie ist miserabel darin, das echte Leben echter Menschen zu verstehen. Diese Berechnungen berücksichtigen niemals, wie sich diese angeblichen Schutzmaßnahmen für die tatsächlichen Palästinenser*innen in Gaza auswirken.
Zum Beispiel ist dieses ganze „Warnsystem“ lächerlich. Stellen Sie sich vor, jemand würde ankündigen, dass Sie zehn Minuten Zeit haben, das Gebäude zu verlassen, bevor es vollständig zerstört wird. Und stellen Sie sich dann vor, Sie tun, was man Ihnen sagt – Sie rennen um Ihr Leben, mit allem, was Sie in wenigen Minuten greifen können, und ziehen zu einem Verwandten irgendwohin oder in ein Zelt, und dann passiert ein paar Tage später genau dasselbe. Palästinensische Familien berichten, dass sie vier-, fünfmal oder noch öfter umziehen, bis sie einfach aufhören. Sie bezeichnen das als „langsames Sterben“.
Zudem werden auch Zeltlager, die eigentlich sicher sein sollten, oft angegriffen. Die Bombardements sind so massiv, dass über 90 % der Wohnhäuser in Gaza zerstört wurden. Und es gibt keinen sicheren Ort. Nirgendwo. All diese angeblich moralischen Überlegungen berücksichtigen also nie das tatsächliche Leben der Palästinenser*innen und die tatsächlichen Auswirkungen dieser Entscheidungen auf echte Menschen.
Gaza im Vergleich
Schließlich behauptet die israelische Armee gerne, dass all dies gut und moralisch sei, weil es „überall sonst“ noch schlimmer sei und das eben zum modernen Krieg gehöre. Die Behauptung, dass es anderswo schlimmer sei, muss jedoch diskutiert werden, da Tod und Zerstörung in Gaza viele grausame Rekorde übertroffen haben.
Zerstörungsgeschwindigkeit (physischer Fußabdruck): Die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Zerstörung der Infrastruktur im Gazastreifen gehören zu den höchsten in der modernen Geschichte. Satellitenanalysen zeigen immer wieder, dass der Anteil der beschädigten oder zerstörten Gebäude im Norden des Gazastreifens innerhalb weniger Monate die über mehrere Jahre hinweg verzeichneten Zerstörungsmuster von Kämpfen wie in Raqqa oder Aleppo bei weitem übertraf.
Tägliche Opferrate unter der Zivilbevölkerung: Während der intensivsten Monate der Bombardements lag der tägliche Durchschnitt der zivilen Todesopfer deutlich über den täglichen Opferzahlen der von den USA geführten Kampagnen gegen den IS in Mossul und Raqqa.
Opfer unter Journalist*innen und humanitären Helfer*innn: Die Vereinten Nationen und internationale Presseaufsichtsgremien haben festgestellt, dass Gaza für Journalist*innen und humanitäre Helfer*innen in einem so kurzen Zeitraum am tödlichsten seit Beginn der Aufzeichnungen war.
Unbeweglichkeit der Zivilbevölkerung (die „gefangene“ Bevölkerung): Im Gegensatz zu Konflikten in der Ukraine oder in Syrien, wo Millionen Zivilist*innen internationale Grenzen überqueren konnten, um als Flüchtlinge Sicherheit zu suchen, waren die Grenzen des Gazastreifens praktisch abgeriegelt. Analyst*innen betonen, dass die Unmöglichkeit für die Zivilbevölkerung, physisch aus einem Gebiet mit hochintensiven Kampfhandlungen zu fliehen, in der modernen Kriegsführung einzigartig ist. [Um es klar zu sagen: Der Wunsch, aus einem Kriegsgebiet zu fliehen, ist NICHT dasselbe wie der Wunsch, sein Zuhause dauerhaft zu verlassen. Ungeachtet dessen, was Israels Verteidigungsminister Israel Katz denkt].
Rückgang der Lebenserwartung: Studien im Bereich der öffentlichen Gesundheit deuten darauf hin, dass die intensive Art der Bombardements während des Höhepunkts der Angriffe zu einem dramatischen, beispiellosen kurzfristigen Rückgang der statistischen Lebenserwartung der Bevölkerung im Gazastreifen geführt hat.
Die Kinder von Gaza
Und wir haben noch gar nicht über die Kinder gesprochen. Kinder. Wir müssen über die beispiellosen Auswirkungen dieses Krieges auf palästinensische Kinder sprechen. (Einige dieser Statistiken stammen aus Daten, die von „Ärzte ohne Grenzen“, der WHO und anderen Organisationen zusammengestellt wurden, die Anfang dieses Jahres in Tel Aviv eine gemeinsame Konferenz zu diesem Thema abgehalten haben.)
Amputationen bei Kindern pro Kopf: Medizinische Netzwerke und die UNO erkennen Gaza offiziell als den Ort mit der weltweit höchsten Zahl an Kindern mit Amputationen pro Kopf an.
Das Ausmaß des Verlusts von Gliedmaßen: Während der Spitzenphasen der Angriffe berichteten Organisationen wie der von der UNO geförderte „Global Protection Cluster“, dass durchschnittlich zehn Kinder pro Tag ein oder beide Beine verloren. Bis Mitte 2025 und bis ins Jahr 2026 hinein schätzten das International Rescue Committee (IRC) und UNICEF, dass seit Oktober 2023 zwischen 3.000 und 4.000 Kinder eine oder mehrere Gliedmaßenamputationen erlitten hatten.
Der moderne Vergleichskontext: Studien im Bereich der öffentlichen Gesundheit zeigen, dass zwar langwierige Großkonflikte wie der syrische Bürgerkrieg über einen Zeitraum von einem Jahrzehnt zu Zehntausenden von Amputationen in allen Bevölkerungsgruppen geführt haben, jedoch kein moderner Krieg in einem so kurzen Zeitraum eine derart große Gruppe von Kindern mit Amputationen hervorgebracht hat.
Kindersterblichkeit pro Kopf: Die Geschwindigkeit und das Ausmaß der Tötungen von Kindern in Gaza haben moderne Vergleichswerte übertroffen, was Organisationen wie „Save the Children“ zu der Feststellung veranlasst hat, dass die Rate der getöteten Minderjährigen in der jüngeren Geschichte beispiellos ist.
Prozentualer Anteil pro Kopf: Nach den von dem Gesundheitsministerium im Gazastreifen und UN-Organisationen erfassten Zahlen wurden mehr als 20.000 palästinensische Kinder getötet. Dies entspricht etwa 2 % der gesamten Kinderbevölkerung im Gazastreifen, die in weniger als zwei Jahren getötet wurden.
Historische Vergleiche: Eine gemeinsame analytische Untersuchung von Oxfam und Action on Armed Violence ergab, dass bei der Militäroperation im Gazastreifen in einem kurzen Zeitraum mehr Kinder getötet wurden als in jedem anderen Konflikt weltweit in den letzten zwei Jahrzehnten. Zum Vergleich: Die Gesamtzahl der bestätigten Todesfälle unter Kindern im Gazastreifen im ersten Jahr überstieg die Summe der über mehrere Jahre erfassten Kinderopferzahlen aus globalen Konfliktgebieten, die von der UNO erfasst wurden (einschließlich Ukraine, Syrien, Jemen und Afghanistan).
Demografischer Anteil: In den meisten modernen konventionellen Kriegen machen Kinder weniger als 10 % der gesamten direkten Opfer aus. In Gaza zeigen Daten aus der Kinderheilkunde, dass Kinder tendenziell 30 % bis 40 % der insgesamt erfassten Todesopfer ausmachen.
Verletzungen bei Kindern und langfristige Behinderungen: Nach Daten der WHO und von „Ärzte ohne Grenzen“ liegt die Pro-Kopf-Rate lebensverändernder körperlicher Traumata bei überlebenden Minderjährigen auf einem historischen Höchststand.
Verletzungszahlen: Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und lokaler Ministerien deuten darauf hin, dass über 42.000 bis 44.000 Kinder körperliche Verletzungen erlitten haben.
Neue Behinderungen: Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen berichtet, dass mindestens 21.000 Kinder dauerhaft behindert geblieben sind.
Verschärfende Faktoren: Was diese Verletzungen im Vergleich zu anderen Konflikten besonders schwerwiegend macht, ist der systematische Zusammenbruch der lokalen Gesundheitsinfrastruktur. Unabhängige Beobachter*innen und „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) haben dokumentiert, dass die Versorgung schwerer Traumata, rekonstruktive Operationen an Gliedmaßen und Amputationen aufgrund der strengen Blockade häufig ohne angemessene Anästhesie oder postoperative Sterilisation durchgeführt werden müssen.
All dies sind Folgen, auf die die Verfechter Israels nicht eingehen oder die sie gar nicht zur Kenntnis nehmen. Es ist diese ständige Leugnung. Sie tun es, behaupten dann aber, es nicht zu tun.
Schädliche Taktiken
Tatsächlich kommen bei Israels Reaktion auf diese Situation zahlreiche schädliche Taktiken zum Einsatz:
Leugnung.
Schuldzuweisung. („Es ist die Schuld der Hamas.“)
Ablenkung. („Anderswo ist es noch schlimmer.“)
Opferbeschuldigung. („Sie haben es sich selbst zuzuschreiben.“)
Sich als Opfer darstellen. („Das ist einfach nur Antisemitismus. Sie hassen uns einfach alle.“)
Sich als Retter darstellen. („Wir sind die moralischste Armee der Welt.“)
Den anderen entmenschlichen. („Die Kinder werden sowieso zu Terroristen heranwachsen. Also verdienen sie es zu sterben.“)
Letztendlich wird alles darangesetzt, den Rahmen und die Darstellung zu kontrollieren.
Elana Maryles Sztokman (*1969) ist eine US-amerikanische Soziologin, Autorin und feministische Aktivistin.




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