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„Krankheiten sind allgegenwärtig“: Die ohnehin „katastrophale“ Gesundheitskrise im Gazastreifen verschlechtert sich weiterhin

  • vor 4 Tagen
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Neben einem sprunghaften Anstieg von Krankheiten, die durch Insekten, Nagetiere und verunreinigtes Wasser verursacht werden, berichten Gesundheitsbehörden und Hilfsorganisationen, dass die von Israel verhängten Beschränkungen zu einem gravierenden Mangel an Medikamenten und medizinischem Material geführt haben. Schätzungsweise 1,2 Millionen Menschen im Gazastreifen leben in überfüllten Zeltlagern.


Von Nagham Zbeedat, Haaretz, 14. April 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Gesundheitsbehörden und humanitäre Organisationen warnen davor, dass sich die „katastrophale“ Krise im Gesundheitswesen in Gaza weiter verschärft – bedingt durch israelische Beschränkungen der Hilfslieferungen, einen gravierenden Mangel an lebenswichtigen Medikamenten und Hilfsgütern, zerstörte Krankenhäuser und Kliniken sowie die entsetzlichen Lebensbedingungen, unter denen die 1,2 Millionen Palästinenser*innen in mehr als 1.600 Vertriebenenlagern im gesamten Gazastreifen leben müssen.

Beschränkungen für humanitäre Hilfsgüter – insbesondere für Gegenstände, die Israel als „Dual-Use-Güter“ einstuft und von denen es behauptet, sie könnten von der Hamas für „die Entwicklung von Waffen oder Infrastruktur“ genutzt werden – verhindern weiterhin die Einfuhr lebenswichtiger medizinischer Ausrüstung nach Gaza, darunter Operationstische, Skalpelle und Ersatzteile für Ultraschallgeräte, Beatmungsgeräte und Inkubatoren.

„Die Gesundheitskrise im Gazastreifen hat die herkömmlichen Definitionen eines Notfalls weit überschritten und ein katastrophales Ausmaß erreicht, in dem die grundlegendsten Menschenrechte verletzt werden“, erklärte das palästinensische Gesundheitsministerium letzte Woche in einer Stellungnahme.

Mehr als die Hälfte der lebenswichtigen Medikamente in Gaza sind laut den vom Ministerium veröffentlichten Daten vollständig aufgebraucht, was bedeutet, dass sie nirgendwo im Gazastreifen erhältlich sind. Zudem sind 71 Prozent der Materialien für Laboruntersuchungen und 57 Prozent der medizinischen Einwegartikel nicht mehr vorrätig. Dazu gehören grundlegende Hilfsmittel wie Mullbinden, Nadeln, Kompressen und sterile medizinische Ausrüstung wie Handschuhe, Schutzkittel und Desinfektionsmittel für Oberflächen.

Nachdem am 28. Februar der Krieg der USA und Israels gegen den Iran begonnen hatte, sperrten die israelischen Behörden die Grenzübergänge nach Gaza, was in den ersten drei Wochen des Krieges zu einem Rückgang der Zahl der in den Gazastreifen einfahrenden Lastwagen um 80 Prozent führte. Auf Druck der USA öffnete Israel am 4. März den Grenzübergang Kerem Shalom wieder, gefolgt vom Grenzübergang Rafah zu Ägypten am 19. März. Die Hilfslieferungen wurden am 12. April über den Grenzübergang Zikim wieder aufgenommen – zwei Tage, nachdem die USA einen zweiwöchigen Waffenstillstand mit dem Iran erklärt hatten –, doch die Palästinenser*innen im Gazastreifen sagen, sie verspürten keine Verbesserung ihrer Lage.

Sharqiya, eine 25-jährige Frau aus Gaza-Stadt, sagt, dass ihr Vater, der an Diabetes leidet, trotz der Öffnungen immer noch keinen regelmäßigen Zugang zu Insulin habe. „Selbst wenn Lastwagen einfahren, reicht es nicht aus“, erzählt sie Haaretz. „Medikamente für chronische Krankheiten kommen, wenn überhaupt, nur in kleinen Mengen herein und reichen nicht für alle. Seit Beginn des Krieges mit dem Iran hat sich die Versorgungslage nur noch verschlimmert.“

Ein Anästhesist des Al-Shifa-Krankenhauses in Gaza-Stadt, der aus Angst um seine Sicherheit unter der Bedingung der Anonymität mit Haaretz sprach, ist derzeit auf der Flucht und lebt in einem Zelt. Er beschreibt das Gesundheitssystem in Gaza als „völlig am Ende“.

„Seit ich vor sechs Jahren meine ärztliche Tätigkeit aufgenommen habe, stand Gaza stets unter Blockade, doch die Gesundheitslage war relativ stabil. Jetzt ist sie katastrophal“, sagt er. „Es herrscht ein großer Mangel an Anästhetika. Wir sind gezwungen, Operationen mit alternativen Medikamenten, einfachen Instrumenten und manchmal ohne Vollnarkose durchzuführen. In einem Fall konnten wir bei einer Amputation keine Vollnarkose anwenden“, fügt der Arzt hinzu. „Wir haben nur Ketamin verwendet, weil es die einzige verfügbare Option war.“

Einige Operationen, wie Operationen am offenen Herzen und Herzkatheteruntersuchungen, wurden laut einer Erklärung des Gesundheitsministeriums aufgrund fehlender Ressourcen „vollständig eingestellt“.

„Gehirn- und neurochirurgische Eingriffe können aufgrund fehlender Ausrüstung nicht durchgeführt werden. Das Gleiche gilt für Prothesen und viele orthopädische Operationen“, fügt der Anästhesist hinzu.

Patient*innen, die diese Operationen benötigen, gehören zu den mehr als 18.500 Einwohner*innen des Gazastreifens, die für eine Evakuierung registriert sind, um im Ausland lebensrettende medizinische Versorgung zu erhalten. „Viele Patient*innen sterben, während sie darauf warten, dass sie an die Reihe kommen, weil wir hier nicht die Kapazitäten haben, sie zu behandeln“, sagt der Arzt.

Marah Shamali, eine Zahnärztin, die ehrenamtlich in einer öffentlichen Klinik im Stadtteil al-Sabra in Gaza-Stadt arbeitet, sagt, es gebe „einen gravierenden Mangel an lebenswichtigen Ressourcen aufgrund von Maßnahmen, die die Einfuhr von zahnmedizinischem Material nach Gaza verhindern“.

„Wir sind gezwungen, Notfälle mit starken Schmerzen abzuweisen, weil uns das für Wurzelbehandlungen erforderliche Material fehlt“, sagt sie. „Wir bieten hauptsächlich Notfall-Schmerzlinderung, Zahnentfernungen und einfache Füllungen an. In einigen Fällen spenden wir persönlich Geld, um Materialien für eine begrenzte Anzahl von Patient*innen zu kaufen. Aber das ist auf Dauer nicht tragbar.“

Shamali sagt, im Gazastreifen sei eine „beängstigende Verschlechterung der Mundgesundheit von Kindern“ zu beobachten, insbesondere da Eltern gezwungen sind, sich zwischen der Ernährung ihrer Familien und der Zahlung von mehr als einem Monatsgehalt für zahnärztliche Behandlungen zu entscheiden.

„Kinder kommen mit fortgeschrittenen Infektionen zu uns, die sich bis zum Hals ausbreiten und lebensbedrohlich werden können. Wir sind gezwungen, die Zahnentfernung als einzige endgültige Lösung für bleibende Zähne in Betracht zu ziehen, da sich die Familien eine restaurative Behandlung nicht leisten können“, erklärt sie. „Eine Wurzelbehandlung kostete früher 150 Schekel. Jetzt kann sie 400 bis 500 Schekel kosten. Da sie kein Einkommen haben, geben die Familien der Ernährung Vorrang vor einer Behandlung.“

Der israelische Koordinator für Regierungsaktivitäten in den Gebieten (COGAT) erklärte, die israelische Armee „handle im Einklang mit dem Völkerrecht und erlaube die Einfuhr von Medikamenten nach Gaza ohne Einschränkungen, ebenso wie die regelmäßige Einfuhr von medizinischer Ausrüstung in Abstimmung mit der UNO und anerkannten internationalen Organisationen.“

COGAT fügt hinzu, dass Ausrüstung, die als „Dual-Use“ definiert ist, Beschränkungen unterliegt, „da solche Materialien in der Vergangenheit nachweislich von der Hamas für den Aufbau terroristischer Kapazitäten genutzt wurden. Die israelische Armee wird über die COGAT weiterhin humanitäre Hilfe im Einklang mit dem Abkommen und dem Völkerrecht ermöglichen und gleichzeitig die zynische Ausnutzung der Hilfe durch die Hamas verhindern.“

 

Krankheiten breiten sich in Zeltlagern rasch aus

Gesundheitsbehörden und Hilfsorganisationen berichten von einem gravierenden Anstieg wasser-, lebensmittel- und insektenübertragener Krankheiten in den letzten Wochen, insbesondere in den mehr als 1.600 Vertriebenenlagern, in denen schätzungsweise 1,2 Millionen Palästinenser*innen in Zelten und provisorischen Unterkünften leben.

„Kaltes und regnerisches Wetter, starke Überbelegung, baufällige Unterkünfte sowie schlechte Wasser- und Sanitärbedingungen haben in ganz Gaza ein Umfeld geschaffen, das die Übertragung von Krankheiten begünstigt“, heißt es in einem aktuellen Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 wurden bei mehr als 1,9 Millionen Menschen akute Atemwegsinfektionen diagnostiziert, was diese laut Daten des Gesundheitsministeriums zur häufigsten übertragbaren Krankheit im Gazastreifen macht, gefolgt von akutem wässrigem Durchfall und Hautkrankheiten (einschließlich Läusebefall und Krätze).

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza wurden im Februar fast 23.000 Verdachtsfälle von durch Insekten übertragenen Krankheiten wie Krätze und Läusebefall registriert. Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten erklärt, dass die Möglichkeiten zur Behandlung dieser Infektionen begrenzt seien, da der Zugang zu Hygieneartikeln, Insektiziden und Mitteln zur Krätzebehandlung nach wie vor äußerst eingeschränkt sei.

Eine OCHA-Untersuchung im März ergab, dass in 80 Prozent der Vertriebenenlager in Gaza „häufig und sichtbar Nagetiere und Schädlinge anzutreffen sind, während Hautkrankheiten in 48 Prozent der Lager weit verbreitet sind“.

„Überall auf den Straßen liegt Müll. Es gibt Abwasserlachen, weil das Abwassersystem zerstört ist“, berichtet Sharqiya, eine 25-Jährige Frau aus Gaza-Stadt. „Die Trümmer verdecken alles. Man weiß nicht, was darunter liegt: Tote, Tiere, Verwesung. Es wird zu einem Ort für Nagetiere und Insekten. Und wir leben unter ihnen.“

Faraj, 32, berichtet, dass Krankheit Teil des Alltags im Flüchtlingslager in Jabalya geworden ist, wo er jetzt im Norden von Gaza lebt: „Wir versuchen, den Kontakt zu anderen Menschen zu vermeiden, weil es überall Krankheiten gibt und viele davon sich schnell ausbreiten. Aber wir können keine wirklichen Vorsichtsmaßnahmen treffen. Wenn man in einem Zelt lebt, muss man sich damit abfinden. Die Zelte stehen sehr dicht beieinander. Selbst das kleinste Lager hat etwa 4.000 Menschen. Es gibt keine Infrastruktur, überall liegt Abwasser, und die Toiletten werden gemeinsam genutzt.“ Faraj sagt, er rechne nicht damit, dass sich die Lage in nächster Zeit verbessern werde. „Solange die Grenzübergänge geschlossen sind, wird sich unsere Lage nur noch verschlimmern.“

 

Bürokratische Hürden

Die Grenzübergänge Kissufim und Erez bleiben vollständig geschlossen, während die Grenzübergänge Kerem Shalom, Zikim und Rafah zum Zeitpunkt der Veröffentlichung technisch gesehen geöffnet und betriebsbereit sind. Dennoch berichten humanitäre Organisationen, dass Hindernisse jenseits der Kontrollpunkte ihre Möglichkeiten zur Hilfslieferung einschränken.

Zwischen dem 31. März und dem 5. April wurden am Grenzübergang Kerem Shalom nur 70 Prozent der Lastwagen entladen, während die restlichen 30 Prozent nach Ägypten zurückgeschickt wurden – ein Rückgang um 23 Prozent gegenüber der Vorwoche, wie aus einem Bericht des Büros der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten hervorgeht. Die Organisation führt den Rückgang auf Schließungen während des jüdischen Passahfestes am Grenzübergang Kerem Shalom zurück.

Ärzte ohne Grenzen berichtet, dass „langwierige und unvorhersehbare Verwaltungsverfahren“, die von den israelischen Behörden auferlegt werden, die Lieferungen um bis zu einen Monat verzögern. Wird auch nur ein einziger Artikel an einem Grenzübergang abgelehnt, werden der Lkw und alle an Bord befindlichen Hilfsgüter nach Ägypten zurückgeschickt.

In einem separaten Bericht führte das OCHA der Vereinten Nationen bürokratische Herausforderungen an, darunter „israelische Auflagen im Zusammenhang mit der Zollabfertigung, die sich häufig verzögert; unzureichende Überprüfungskapazitäten, die es erschweren, die Genehmigung für viele wichtige Güter zu erhalten; sowie pauschale Verbote für bestimmte UN-Organisationen und NGO-Partner, die für die gemeinsame humanitäre Hilfe von zentraler Bedeutung sind“.

Ärzte ohne Grenzen gehört zu den 37 internationalen Hilfsorganisationen, die von den israelischen Behörden mit einem „pauschalen Verbot“ der Tätigkeit in Israel, im Westjordanland und im Gazastreifen belegt wurden. Seit dem 1. Januar wird diesen Organisationen die Einfuhr von medizinischen oder humanitären Hilfsgütern in den Gazastreifen untersagt, und internationale Gesundheitsfachkräfte – darunter Ärzt*innen, Chirurg*innen und Pflegekräfte –, die diesen Organisationen angehören, mussten den Gazastreifen Ende Februar verlassen.

Die 37 Organisationen übernehmen einen Großteil der medizinischen Versorgung im Gazastreifen, betreiben zudem Flüchtlingslager, sorgen für die Wasserversorgung und die Abfall- und Abwasserentsorgung und bieten den Bewohner*innen Gazas Bildungs- und psychologische Dienste an.

COGAT erklärt, der Mechanismus für die Einfuhr von Hilfsgütern nach Gaza sei aufgrund „der Sicherheitslage und der Bedrohung durch iranische Raketen“ an die „Sicherheitsbeschränkungen“ angepasst worden. „Täglich fuhren etwa 250 Hilfsgüter-Lkw ein, die meisten davon wurden von der UNO und internationalen Organisationen betrieben. Es sei betont, dass in diesem Zeitraum 100 % der Koordinierungsanträge der UNO und internationaler Organisationen zur Einfuhr von Lebensmitteln genehmigt wurden.“ Seit letzter Woche seien täglich 600 Hilfs-Lkw nach Gaza eingefahren, so COGAT. „Die UNO und internationale Organisationen koordinieren nur 20 % der Hilfe entsprechend ihren Anträgen, während der Rest vom privaten Sektor koordiniert wird.“



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