„Lauft! Weg hier!“: Zeugen berichten von einem israelischen „Double-Tap“-Angriff, bei dem ein Kind und ein Sanitäter in Gaza getötet wurden
Als der 15-jährige Mohammad Abdul Zinati einem bei einem Bombenanschlag verwundeten Mann zu Hilfe eilte, hatte er keine Zeit zu reagieren, bevor auch er getroffen wurde
Von Lorenzo Tondo und Seham Tantesh, The Guardian, 18. Sep. 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Mohammad Abdul Zinati war auf dem Heimweg von der Schule und ging durch die Trümmer der Salah-Khalaf-Straße im Norden von Gaza-Stadt, als er vor einem Supermarkt stehen blieb, wo sich eine Gruppe von Klassenkamerad*innen und Freund*innen versammelt hatte.
Kurz vor 15:30 Uhr erschütterte eine Explosion die Luft. Zusammen mit mehreren anderen eilte Mohammad auf die Straße, um zu sehen, was passiert war. Als sich Rauch und Staub gelegt hatten, sahen sie einen Mann blutend auf der staubigen Straße liegen. Er war schwer verletzt, aber noch am Leben. Der Mann rief um Hilfe, und Mohammad rannte auf ihn zu. Er hörte die Rufe seines Cousins nicht, der eine sich nähernde israelische Drohne entdeckt hatte. Innerhalb von Sekunden warf die Drohne eine Gleitbombe ab, die es den operierenden Soldaten ermöglicht, Ziele mit hoher Genauigkeit zu identifizieren und zu treffen. Die Munition stürzte auf die Straße zu und detonierte nur wenige Meter vom Jugendlichen entfernt. Mohammad hatte keine Zeit zu reagieren, bevor ihn eine zweite Explosion tötete.
„The Guardian“ überprüfte das Filmmaterial des Angriffs und sprach mit Zeugen und Waffenexperten, um Licht in den jüngsten israelischen Angriff zu bringen, bei dem ein Kind in Gaza getötet wurde.
„Wir hörten eine laute Explosion und versuchten, uns zum Ort des Geschehens durchzuschlagen, um herauszufinden, was passiert war“, berichtet Tamer Lubbad, ein Zeuge, der den Angriff gefilmt hatte. „Wir fanden einen Mann, der auf dem Boden lag. Er lebte noch und rief um Hilfe.“
Der bei dem ersten Angriff verletzte Mann wurde später vom Zivilschutz in Gaza als der Rettungssanitäter Sharif Shadi Labad identifiziert. Das israelische Militär erklärte, Labad sei gezielt angegriffen worden, weil er ein Hamas-Kämpfer sei.
Mehrere andere Zivilist*innen näherten sich Labad, als er verletzt auf der Straße lag. Unter ihnen war auch der Cousin von Mohammad Zinati, Mohammed Rajeh Zinati, 26. „Ich rannte aus dem Haus auf die Straße, um herauszufinden, was passiert war“, sagt er. „Auf dem Weg sah ich meinen Cousin aus dem Supermarkt kommen. Er rannte auf die Stelle des Angriffs zu. Ich fing an, ihm hinterherzuschreien: ‚Mohammad, bleib stehen!‘, aber er hörte mich nicht und rannte weiter. Dann sah ich eine Drohne am Himmel. ‚Lauf weg!‘ In diesem Moment hatte Mohammad den Verletzten erreicht. Kaum war er dort angekommen, traf ihn die Drohne. Mohammad wurde direkt in Brust und Bauch getroffen und war fast sofort tot. Ich konnte nichts tun, um ihn zu retten“, so Zinati.
Später aufgenommene Videoaufnahmen zeigten Mohammads Leichnam, der nach dem Angriff vor dem Al-Shifa-Krankenhaus unter einem weißen Leichentuch liegt, während sein Vater sich unter dem Rezitieren von Koranversen emotional von ihm verabschiedet.
Menschen, die Mohammad kannten, berichten, dass er in der Nachbarschaft sehr beliebt gewesen ist.
„Er war ein freundlicher, hilfsbereiter, höflicher und respektvoller Junge“, sagt sein Cousin. „Er half älteren Menschen dabei, Wasser von den Wasserwagen zu holen. Als er getötet wurde, kamen die Menschen aus der Nachbarschaft auf die Straße und weinten um ihn.“
Die israelische Armee hat Vorwürfe, sie würde gezielt Zivilist*innen angreifen, wiederholt zurückgewiesen und erklärt, sie bewerte und berücksichtige das Risiko von zivilen Opfern bei der Durchführung von Angriffen. Waffenexperten, die das Video analysierten, sagen jedoch, der Tod des Teenagers hätte vermieden werden können.
„Die Bombe, die vor dem Aufprall zu sehen ist, ist eine ‚Mikholit‘, die von israelischen unbemannten Fluggeräten (UAVs) oder Drohnen eingesetzt wird“, so Trevor Ball, Konfliktforscher und Ausbilder bei Bellingcat sowie Drohnenexperte. „Diese UAVs verfügen über hochwertige Kameras, die den Jugendlichen und den Mann, der sich der Leiche näherte, hätten erkennen können. Zumindest einige Varianten der Mikholit lassen sich während des Fluges auf ein anderes Ziel oder einen anderen Punkt umleiten.“
Der Angriff, bei dem der Teenager und der Rettungssanitäter ums Leben kamen, folgt offenbar dem Muster, das gemeinhin als „Double-Tap“-Angriff bezeichnet wird: Ein erster Angriff, gefolgt von einem zweiten am selben Ort, nachdem Rettungskräfte oder Umstehende eingetroffen sind, um den Verwundeten zu helfen.
In einer Stellungnahme gegenüber dem „Guardian“ erklärte das israelische Militär, Sharif Shadi Ibrahim Labad sei ein Hamas-Terrorist gewesen, der den Eliteeinheiten der „Nukhba“ angehört habe. Die israelische Armee gab an, Labad habe an den Anschlägen vom 7. Oktober 2023 am Grenzübergang Erez teilgenommen und sei ins Visier genommen worden, weil er neue Operationen geplant habe.
Auf die Frage, warum der zweite Angriff durchgeführt wurde, obwohl das Ziel offensichtlich ein Minderjähriger war, gab das Militär keine Antwort, erklärte jedoch, es sei „sich der Berichte bewusst, wonach eine unbeteiligte Person infolge des gegen den Terroristen gerichteten Angriffs zu Schaden gekommen sei, bedauere jeglichen Schaden für unbeteiligte Personen und unternehme alle Anstrengungen, um solchen Schaden so gering wie möglich zu halten“.
Das israelische Militär teilte mit, der Vorfall werde derzeit untersucht.
Am Dienstag berichteten medizinische Quellen in Gaza von einem israelischen Angriff auf das Flüchtlingslager al-Bureij, bei dem ein Erwachsener und ein fünfjähriges Kind, identifiziert als Udai al-Muridi, getötet wurden.
Eine schwangere Palästinenserin starb am Samstag an den Folgen ihrer Verletzungen, nachdem sie südlich von Khan Younis von israelischen Streitkräften in den Kopf geschossen worden war, wie ihre Familie und medizinisches Personal berichteten. Die Frau namens Iman Shalouf (27), die im achten Monat schwanger war, saß im Zelt ihrer Familie im Gebiet Mawasi, als sie von israelischen Schüssen getroffen wurde, wie Rettungssanitäter und Zeug*innen berichteten. Das israelische Militär erklärte, es habe keine Informationen über die Tötung der schwangeren Frau.
Laut UNICEF sind in den letzten Tagen bei israelischen Angriffen auf den Gazastreifen mehrere weitere Kinder getötet worden, darunter zwei Schwestern im Alter von sechs und zwölf Jahren, die zusammen mit ihren Eltern bei einem Luftangriff auf Beit Lahia im Schlaf ums Leben kamen, sowie drei weitere Mädchen im Alter von drei, acht und neun Jahren, die durch Schüsse getötet wurden.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums des Gebiets wurden seit Inkrafttreten des brüchigen Waffenstillstands am 11. Oktober 2025 1.369 Palästinenser*innen getötet und 4.627 verletzt. Seit Beginn des israelischen Krieges im Gazastreifen am 7. Oktober 2023 wurden nach Angaben von Gesundheitsbehörden mindestens 73.783 Palästinenser*innen getötet und 174.738 verletzt.




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