Leben mit dem „Gaza-Syndrom“: Ein Trauma, das sich jeden Tag aufs Neue wiederholt
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Ein Summen am Himmel unterbricht die Sitzung: Die anhaltende militärische Gewalt unter Bedingungen, in denen die Grundbedürfnisse kaum gedeckt werden, lässt keinen Raum für Erholung.
Von Iyad Krunz, Haaretz, 31. Juli 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache: https://www.haaretz.com/opinion/2026-07-31/ty-article-opinion/.premium/living-with-gaza-syndrome-trauma-that-renews-itself-every-day/0000019f-b36f-dfac-a5df-bbff4c2f0000?fromLogin=success)
Das Leben im Gazastreifen ist in jeder Hinsicht anders als überall sonst auf der Welt. Gerade jetzt sitze ich zum Beispiel in einem Zelt, das für die psychologische Betreuung eingerichtet wurde, und leite eine Sitzung einer Selbsthilfegruppe für Frauen, die unter Traumata und posttraumatischem Stress leiden, verursacht durch den Krieg. Ein lautes Summen unterbricht das Treffen. Die Blicke richten sich zum Himmel, auf der Suche nach der Drohne, während die Ohren versuchen zu erraten, wo die nächste Bombe einschlagen wird.
Solche Bombenangriffe finden trotz des „Waffenstillstands“ täglich statt. Jedes Mal erfasst die Angst Körper und Seele aufs Neue. Ein paar Minuten später ertönt ein Knall, gefolgt von der üblichen Aufregung: Die Menschen zücken ihre Handys – auch ich – um zu überprüfen, ob es Neuigkeiten über den getroffenen Ort gibt, und um herauszufinden, wo ihre Ehepartner und Kinder sind und ob sie in Sicherheit sind.
Später, wenn wir alle in Erfahrung bringen konnten, was passiert ist, und uns vergewissert haben, dass unseren Liebsten nichts zugestoßen ist, lassen die Angst und das Weinen nach. Ich versuche, uns wieder in die Sitzung zurückzuführen. Ich schlage eine Aktivität in kleinen Gruppen vor, um unsere Emotionen zu verarbeiten. Während sie stattfindet, frage ich mich, wie ich es in solchen Momenten gewöhnlich tue, was es für mich bedeutet, jemanden zu behandeln und zu unterstützen, der ein Trauma erlebt hat und unter posttraumatischen Symptomen leidet, wenn ich selbst unter genau denselben Symptomen leide.
Oft verlieren wir Therapeut*innen die emotionale Distanz, die uns von den Menschen trennt, die wir behandeln. Schließlich leben wir – wie der Rest der Bevölkerung in Gaza – in derselben schrecklichen Realität aus Vertreibung, einstürzenden Zelten, Hunger, Durst und ständiger Sorge um unsere Angehörigen. Auch wir leiden unter der tiefen Erschöpfung, die das Trauma mit sich bringt, unter der Angst vor der Zukunft und unter dem Gefühl, dass alle Hoffnung verloren ist.
Trotz alledem kommen wir immer wieder zu den Zelten und in die Vertriebenenlager und versuchen trotz aller Widrigkeiten, eine gewisse Kontinuität in der Betreuung aufrechtzuerhalten – trotz der Gefahren auf dem Weg dorthin und der Gefahr von Luftangriffen.
Die palästinensische Gesellschaft lebt seit Jahrzehnten unter Besatzung, Abriegelungen und ständigen Angriffen. In Gaza ist die Situation einzigartig – etwas, das ich als „Gaza-Syndrom“ bezeichne. Es handelt sich um einen anhaltenden Zustand kollektiven psychischen Traumas, hervorgerufen durch wiederholte militärische Gewalt in einem abgeschotteten, belagerten Raum, in dem ständig die Gefahr gewaltsamer Ausbrüche besteht. In einer solchen Realität ist das Trauma Teil des Alltags und erneuert sich ständig.
Das Syndrom äußert sich in chronischen Angstzuständen, posttraumatischen Störungen, einem geschwächten Sicherheitsgefühl und zunehmenden Schwierigkeiten bei der Zukunftsplanung. Es beschränkt sich nicht auf einzelne Personen, sondern betrifft die gesamte Gesellschaft über alle Altersgruppen hinweg. Das Gefährlichste an diesem Syndrom ist, dass es sich zyklisch und rekursiv entwickelt, wobei jede neue Welle der Gewalt die bereits vorhandenen Traumaschichten weiter verstärkt. Infolgedessen haben die Menschen keine Zeit, sich zu erholen und ihr seelisches Gleichgewicht wiederzufinden.
Je länger dieser Zustand andauert, desto größer ist die Gefahr, dass soziale und familiäre Bindungen zerbrechen. Es handelt sich um einen Zustand anhaltender psychischer und sozialer Erschöpfung, in dem die Rückkehr zum „normalen Leben“ immer schwieriger wird.
Diese Symptome setzen in einer Realität ein, in der selbst die grundlegendsten Lebensbedürfnisse – Unterkunft, Nahrung, medizinische Versorgung – fast nicht vorhanden sind. Trotz der großen Anstrengungen von Fachleuten ist das Trauma in vielen Fällen zu schwerwiegend, als dass herkömmliche Behandlungsmethoden Abhilfe schaffen könnten.
Gleichzeitig zeigt ein Bericht mit dem Titel „A Safe Space for the Mind“ – das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen den gemeinnützigen [israelischen] Organisationen Gisha und dem Gaza Community Mental Health Programme sowie weiteren Fachleuten –, dass das psychische Gesundheitssystem in Gaza nach Jahren der Angriffe zusammenbricht, während ein dramatischer Mangel an Psychiater*innen herrscht und diejenigen, die eine Behandlung suchen, einer unerträglichen Belastung ausgesetzt sind. Und so hält das Trauma unvermindert an, da selbst die grundlegenden Voraussetzungen für eine gewisse Linderung, geschweige denn für eine Rehabilitation, nicht gegeben sind.
Ich frage mich auch, wie sich dieser Krieg auf die Gesellschaft ausgewirkt hat, die ihn führt – auf psychologischer, politischer und sozialer Ebene. Neben zunehmender Angst, posttraumatischen Symptomen und einem Gefühl der Instabilität gewinnt der militaristische Diskurs an Stärke, während der zivile Raum für Kritik am Krieg schrumpft.
Diese Prozesse werden zum Teil durch psychologische Kriegsführung gegen die Bewohner*innen Gazas vorangetrieben: durch die Leugnung ihrer Menschlichkeit („menschliche Tiere“), durch die Darstellung als existenzielle Bedrohung ohne politische Lösung und durch die Verstärkung der Dichotomie zwischen „uns“ und „ihnen“, während jede Militäroperation als überlebensnotwendig gerechtfertigt wird. Je fester sich diese Vorstellungen verankern, desto mehr nimmt die Gewalt zu und wird normalisiert – und desto tiefer wird das menschliche Leid in Gaza.
Die Gruppenaktivität ist beendet, und die Frauen kehren auf ihre Plätze im Kreis zurück. Ich hoffe, dass sie mit einem Gefühl der Erleichterung gehen, so gering es auch sein mag. Schließlich kann man ein Trauma nicht heilen, das jeden Tag aufs Neue zugefügt wird. Die einzige Chance, dass Heilung beginnen kann, besteht darin, die Realität der Besatzung, der Belagerung und der unaufhörlichen Gewalt zu beenden.
Dr. Krunz ist Psychologe und Experte für psychische Gesundheit und lebt im Gazastreifen.




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