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Mariams letzte Minuten: Ein Blick hinter die Kulissen des israelischen Krankenhausangriffs, der ihr Leben kostete – und die möglichen Kriegsverbrechen, die ihm zugrunde liegen

  • vor 4 Tagen
  • 19 Min. Lesezeit

Die Journalistin Mariam Abu Dagga wurde am 25. August 2025 bei einem „Double-Tap“-Angriff auf das Nasser-Krankenhaus in Gaza getötet. Auf der Grundlage von Dutzenden Zeug*innenaussagen, Informationen von Whistleblowern und einer visuellen Analyse ist dies die bislang umfassendste Rekonstruktion des Angriffs.


Von Bel Trew, Ezz Al Din Abu Eisha & Nedal Hamdouna, The Independent, 23. August 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache und dazugehörendem Bildmaterial)

 

25. August 2025, 9:30 Uhr


Unter dem tödlichen Trommelfeuer israelischer Panzer kratzt Mariam Abu Dagga gemeinsam mit ihrer engen Freundin und Mitbewohnerin, der Journalistin Baraa Lafi die letzten Reste ihres kostbaren Kaffeevorrats zusammen.

Es ist ein weiterer Montag in diesem unerbittlichen Gemetzel.

Die 33-jährige Journalistin, die für „Independent Arabia“ und die „Associated Press“ arbeitet, sitzt in dem teilweise zerstörten Gebäude, das sie sich mit anderen Reporterinnen in Khan Younis im Süden des Gazastreifens teilt. Israelische Militärbulldozer hatten zu einem früheren Zeitpunkt in diesem Krieg eine Lücke in die Seitenwand gerissen, die die Eigentümer mit Schutt, Zement und Steinen geflickt hatten. Und so ist der Raum „zertrümmert und verformt“, sagt Baraa. Aber es ist ihr Zuhause – vorerst.

Gemeinsam besprechen die beiden Frauen, die durch ihre Leidenschaft für die Arbeit zueinandergefunden haben, ihren neuesten gemeinsamen Bericht über die Überbelegung im Nasser-Krankenhaus, das direkt auf der anderen Straßenseite liegt. Sie hatten ihre Freundin Amanda interviewt, eine kanadisch-palästinensische Notfallkrankenschwester und internationale Freiwillige, deren Nachname zufällig ebenfalls Nasser lautet. Sie werden von Baraas Mutter unterbrochen, die anruft, um nach ihnen zu sehen. Sie versichern ihr, dass es ihnen beiden gut geht.

Doch die Wahrheit ist, dass es Mariam schon seit Wochen nicht gut geht. Sie vermisst ihr einziges Kind zutiefst: den 14-jährigen Ghaith, den sie im vergangenen Jahr aus Gaza in die Vereinigten Arabischen Emirate schicken konnte. Sie trauert immer noch um ihre Mutter, die mitten in den Bombenangriffen im Mai 2024 an Krebs starb – unter anderem aufgrund fehlender medizinischer Versorgung. Auch ihrem Vater, dem sie vor dem Krieg eine ihrer Nieren gespendet hatte, ging es nicht gut. Die Familie hatte, wie so viele in Gaza, ihr Zuhause in Khan Yunis verloren, war mehrfach gewaltsam vertrieben worden und hatte den Hunger überlebt.

Umgeben vom Tod hatte sie heimlich ein Testament für ihren Sohn bei Baraa hinterlegt. Drei Tage zuvor hatte sie zudem eine Sprachnachricht an Hadi Torfi, ihren Redakteur bei „Independent Arabia“, geschickt, in der sie warnte, dass sie möglicherweise zum vierten Mal zur Flucht gezwungen werden könnte. Die Mitarbeiter*innen des Nasser-Krankenhauses hatten Journalist*innen mitgeteilt – ganz nach dem altbekannten Muster, dass Israel Krankenhäuser angreift, einkreist und belagert –, dass das Nasser-Krankenhaus und die Umgebung als Nächstes an der Reihe sein würde.

„Ich hoffe, ihr behaltet mich im Auge, ja?“, sagt sie in der Sprachnachricht, bevor sie in tiefen, brustzerreißenden Husten ausbricht. „Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll. Ich kann nirgendwo hingehen“, verstummt sie.

Im Krankenhaus ist Amanda Nasser, die sich ehrenamtlich für die kanadische medizinische Hilfsorganisation GLIA engagiert, frustriert, dass sie ihre Arbeit unterbrechen muss, um sich einem Konvoi anzuschließen. Allen internationalen medizinischen Fachkräften in Nasser war am Vorabend mitgeteilt worden, dass sie an einer obligatorischen Schulung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt (GBV) außerhalb des Geländes teilnehmen müssen.

Die stickigen Stationen, in denen der Geruch von Tod und Verwesung in der Luft liegt, sind überbelegt, und daher erscheint es unverhältnismäßig, dass ein medizinischer Mitarbeiter das Krankenhaus verlässt. „Normalerweise können wir [die Schulung] in Form eines Online-Kurses absolvieren“, erinnert sie sich. „GBV ist zwar auch ein Problem. Aber wir befinden uns offensichtlich mitten in einem Völkermord.“

Ein weiterer internationaler GLIA-Freiwilliger, der Anästhesist Dr. Travis Melin, ist ebenso verwirrt. Heute ist sein letzter Tag in Gaza: Warum sollte er diese Schulung gerade jetzt absolvieren müssen? „Normalerweise planen sie solche Dinge im Voraus. Was uns seltsam vorkam, war, dass sie plötzlich sagten: ‚Hey, jetzt gibt es eine Pflichtschulung‘“, erinnert er sich.

Draußen erwacht der Innenhof des Krankenhauses, der mittlerweile zu einer geschäftigen Zeltstadt geworden ist, in der sengenden Hitze des Sommermorgens zum Leben. Zivilist*innen, die aus ihren zerstörten Häusern in der 40 km langen Enklave geflohen sind, haben auf dem Gelände eines Komplexes ihr Lager aufgeschlagen, der nach internationalem Recht eigentlich geschützt sein sollte. Ein kleines Ökosystem ist entstanden: Am Haupttor verkaufen Menschen die wenigen verfügbaren Vorräte; unter ihnen ist auch Ali Abu Latifa.

Das größte Zelt im Innenhof ist lang, mit einer hellblauen Plane überdacht und erstreckt sich entlang der Ostseite des Geländes. Es ist für die Journalist*innen reserviert, die ebenfalls vertrieben wurden und praktisch auch hier leben.

 

9.45 Uhr


In diesem Zelt ruhen sich der freiberufliche Journalist Abdallah al-Attar (27) und der Kameramann Moaz Abu Taha zwischen ihren Reportagen aus. Abdallah döst vor sich hin, während über ihm das anhaltende Surren israelischer Überwachungsdrohnen zu hören ist. Ebenfalls Schutz vor der Hitze sucht der erfahrene Ghad-TV-Korrespondent Ibrahim Qannan, der mit 53 Jahren unter den jüngeren Korrespondent*innen weithin als Vaterfigur gilt.

Er spricht mit dem 49-jährigen Reuters-Kameramann Hussam al-Masri, einem Vater von vier Kindern, der sich Sorgen macht, dass die sengende Sonne seine Kamera überhitzen und die Live-Übertragung auf dem Außentreppenhaus an der Ostseite des Krankenhauses unterbrechen könnte. Hussam macht sich auf den Weg, um die Kamera anzupassen, während Ibrahim sich direkt gegenüber auf seine Live-Übertragung um 10.00 Uhr vorbereitet. Die Freunde verabschieden sich voneinander.

Hussam überquert die Straße und begibt sich zum östlichen, äußeren Beton-„Notfall“-Treppenhaus, das mit einem Holzunterstand überdacht ist und sich zu einem bekannten Treffpunkt für Reporter*innen entwickelt hat, um von dort aus Live-Berichte zu senden, eine Zigarette zu rauchen oder während der häufigen Stromausfälle Handyempfang zu bekommen. Eineinhalb Wochen zuvor zeigt ein von Mariam aufgenommenes und gepostetes Foto Hussam, wie er neben seiner Kamera steht, die mit einem grün-weißen Gebetsteppich bedeckt ist, um sie vor der Hitze zu schützen. Auch Mariam verbrachte die meisten Tage dort, um ihre Social-Media-Beiträge zu überprüfen und ihre Berichte zu verfassen.

Tatsächlich ist es offenbar Mariam, die auf israelischem Überwachungsmaterial zu sehen ist, das vier Tage zuvor aufgenommen wurde – wie aus Screenshots hervorgeht, die „The Independent“ vorliegen. Mit gesenktem Kopf ist sie zu sehen, wie sie neben dem Stativ und der Kamera sitzt und über ihr Handy gebeugt ist. Rafael Hayun, ein israelischer Zivilist, der angibt, die Lage in Gaza zu beobachten, stellte „The Independent“ ein Bild zur Verfügung, ohne dessen Quelle zu nennen, und erklärte, es zeige, wie die Kamera der Hamas Soldaten gefährde. Das israelische Militär reagierte nicht auf eine Bitte um Stellungnahme.

Reuters bestätigte jedoch später, dass es sich bei der Kamera um ihre Live-Übertragung aus Khan Yunis handelte und dass das israelische Militär wusste, dass Teams im Nasser-Krankenhaus im Einsatz waren. Die britische Nachrichtenagentur berichtet, dass die Übertragung in den Tagen vor dem Angriff Aufnahmen von israelischen Militärbulldozern gezeigt habe, die Teile des südlichen Gazastreifens dem Erdboden gleichmachten.

 

10:09 Uhr


Samaher, 39, die Frau von Hussam al-Masri, ruft ihren Mann an, während er neben seiner Kamera im Treppenhaus steht. Sie hat gerade erst etwas Gemüse zu einem Wucherpreis auftreiben und kaufen können und braucht ihn nun, damit er Geld auf ihr Konto überweist. Hussam klingt müde und erschöpft. In letzter Zeit macht sich Samaher, die in dem belagerten Gebiet, in dem es keine Behandlungsmöglichkeiten gibt, gegen Eierstockkrebs kämpft, Sorgen, dass ihr Mann zu sehr in morbiden Gedanken versinkt. „Ich will mich einfach nur ausruhen. Ich möchte als Märtyrer sterben, damit ich endlich Ruhe finde“, sagt er ihr erneut verzweifelt.

Ihr Gespräch wird jäh unterbrochen. Eine gewaltige Explosion erschüttert die Luft, und die Verbindung bricht ab.

Der Ghad-TV-Korrespondent Ibrahim Qannan steht am östlichen Eingang des Komplexes und bereitet sich auf die Live-Übertragung vor, als zwei ohrenbetäubende Explosionen den Himmel zerreißen. Ein Geschoss schlägt in die Nordseite des Krankenhauses ein und durchschlägt das, was den Spitznamen „die Titanic“ trägt: einen Gemeinschaftsbereich mit großen Fenstern in der Nähe des Operationssaals, in dem sich das medizinische Personal zwischen den Operationen ausruht. Das zweite Geschoss schlägt in das östliche Außentreppenhaus im vierten Stock ein.

Durch seinen Sucher sieht Ibrahim ein meterbreites Loch im Treppenhaus, genau dort, wo sein Freund Hussam noch vor wenigen Augenblicken gestanden hatte. An seiner Stelle befindet sich nun eine Wolke aus Asche und Staub. Ibrahim schickt sofort eine Nachricht an das Hauptstudio von Ghad TV in Kairo, man solle sofort zu ihm kommen. „Das Krankenhaus wird bombardiert“, wiederholt er geschockt.

Die Journalisten Abdallah al-Attar und Moaz Abu Taha werden im Journalist*innenzelt aus dem Schlaf gerissen. Abdallah hat nicht einmal Zeit, richtige Schuhe anzuziehen, als er zusammen mit Moaz in Richtung der Explosion rennt. Ibrahim fragt sie, was los sei, als sie an ihm vorbeirennen. „Hussam, Hussam, Hussam“, ist alles, was Moaz antworten kann.

Die Explosionen erschüttern auch die Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite. Baraa schnappt sich ihre Pressejacke und stürmt, schneller als Mariam, noch in Hausschuhen aus der Wohnung. Als sie losrennt, ruft sie ihrer Freundin, die noch dabei ist, ihre Sachen zusammenzusuchen, zu: „Ich laufe voraus, okay?“

Hatem Omar, ein weiterer Reuters-Mitarbeiter, sprintet ebenfalls zum Ort der Explosion und filmt die Menschenmassen, die sowohl zum Ort der Explosion hin als auch davon weg strömen. Ahmed Abu Aziz, ein freier Mitarbeiter von Middle East Eye mit einem schwarzen Sonnenhut, kreuzt in dem Gedränge seinen Weg. Auch er filmt mit seinem Handy.

In dem Chaos teilten sich die Journalist*innen unwissentlich in zwei Gruppen auf. Hatem, Ahmed, Moaz, Mariam sowie der Kameramann von Palestine TV, Jamal Badah, und Mohamed Salama, der für Al Jazeera arbeitet, beginnen, das Treppenhaus hinaufzusteigen, um zu Hussams Leiche zu gelangen. Andere, darunter Mohamed Salamas jüngerer Bruder Ibrahim, ebenfalls Journalist, und Baraa, filmen den Eingang zur Notaufnahme im Erdgeschoss.

Von seinem Stand am Eingang aus sieht Ali Abu Latifa, wie eine Gruppe von Vertriebenen, die in dem Komplex leben, es bis in den vierten Stock geschafft hat und ruft: „Es gibt Tote, es gibt Tote!“ Instinktiv schließt er sich ihnen an, um die Verwundeten hinunterzubringen – eine gängige Praxis, die alle in Gaza gelernt haben. Als er dort ankommt, hält ein Mann in Unterhemd und Flip-Flops der Menschenmenge unten die Überreste dessen entgegen, was wie Hussams zerstörte Kamera und seine Live-Übertragungsgeräte aussieht.

In dem Durcheinander bemerken die Menschen plötzlich einen israelischen Quadcopter am Himmel, und jemand ruft: „Da ist noch ein Flugzeug, sie könnten bombardieren, geht in Deckung!“ Aus Angst vor einem weiteren unmittelbar bevorstehenden Angriff eilt Ali das Treppenhaus hinunter und begegnet dabei seiner Nachbarin und Freundin Mariam, die sich ganz auf ihre Berichterstattung konzentriert. Sie trägt ein weißes Kopftuch und einen schwarzen Mantel.

Mariam ist wie immer eine der Ersten am Ort des Geschehens.

 

10:10 Uhr bis 10:16 Uhr


Dr. Mohamed Sakr, der Pflegedirektor des Nasser-Krankenhauses, war gerade durch diesen gewaltigen Knall, den er als „Erdbeben“ beschreibt, aus seinen Gedanken gerissen worden. Er schaut aus dem Fenster seines Büros in einem anderen Gebäudeteil und sieht, wie Rauch aus der Nord- und Ostseite des Yassin-Gebäudes aufsteigt. Dort sind drei der wichtigsten Abteilungen des gesamten Krankenhauses untergebracht: die Notaufnahme, der Operationssaal und die Intensivstation. Er eilt los, um nach seinen Mitarbeiter*innen zu sehen.

Auf dem Weg zur Rezeption im Erdgeschoss begegnet er Saja, einer seiner Medizinstudentinnen, die blutüberströmt ist und aus dem vierten Stock herabtaumelt. Auf der Nordseite hatte eines der Geschosse die Wände durchschlagen und medizinisches Personal bei der Arbeit verletzt. Saja wurde am Kopf verletzt; sie reicht ihre blutbefleckte OP-Kleidung der Pflegedienstleiterin, die sie nach unten bringt, um sie den wartenden Journalist*innen und der Welt zu zeigen. Baraa und andere filmen mit ihren Handys, als Dr. Sakr mit der OP-Kleidung in Bild tritt. „Das gehörte einer Krankenschwester, die im Operationsbereich gewartet hat. Sie wurde gezielt angegriffen“, berichtet er entsetzt.

Ein paar hundert Meter entfernt, im örtlichen Zivilschutzhauptquartier, beginnt das Team seine 24-Stunden-Schicht. Die Leitung hat der unerschütterliche, erfahrene Ersthelfer und Feuerwehrchef Major Raed Saqr. Er trifft am Einsatzort ein, begleitet von den Rettungswagenfahrern Ahmed Siam, Bassem Abu Nimr und Osama Musbah sowie von Imad Al-Shaer, der gerade seine Schicht beendet hat, sich aber trotzdem anschließt, um zu helfen. Die Gruppe erreicht das Treppenhaus im vierten Stock weniger als fünf Minuten nach dem Angriff. Mit Ausnahme von Imad tragen alle auffällige orangefarbene Warnwesten. Sie beginnen, Leichenteile zu bergen, die, wie Ahmed später erklärt, „überall verstreut“ in einer Blutlache liegen.

Es herrscht nun Chaos: Weit über 20 Menschen befinden sich auf verschiedenen Ebenen des Treppenhauses, und noch mehr sind im Erdgeschoss. Die Szene wird live und aus verschiedenen Blickwinkeln gefilmt, wobei Journalist*innen für einige der größten Nachrichtenagenturen der Welt berichten. Eine Rettungsaktion ist eindeutig in vollem Gange.

Hatem Omar von Reuters (beruflich bekannt als Hatem Khaled), in einem roten T-Shirt und Jeans, steht ganz oben im Treppenhaus neben Mohamed Salama. In die Wände hinter ihnen sind die Spuren der mit hoher Geschwindigkeit einschlagenden Splitter eingebrannt, die vom Epizentrum aus wie ein Mandala aus Tränen auslaufen. Mit seiner Fotokamera um den Hals wechselt Hatem geschickt zwischen dem Fotografieren des Geschehens und dem Filmen der blutigen Szenen mit seinem Handy hin und her. Seine Kamera erfasst Mohamed, als dieser das Treppenhaus hinunterläuft, in Richtung Mariam, Ahmed Abu Aziz, Moaz Abu Taha und dem Zivilschutzmitarbeiter Osama Musbah, der einen Schutzhelm trägt und sich eine Etage tiefer befindet. Er wechselt wieder zu seinem Handy und geht vorsichtig auf die Rettungskräfte zu, um eine Nahaufnahme zu machen.

Major Saqr ruft seinem Team am Boden zu, es solle weitere Leichensäcke bringen.

 

10:17 Uhr


Zwei ohrenbetäubende Explosionen – so dicht aufeinanderfolgend, dass sie zu einem einzigen tödlichen Herzschlag verschmelzen – zerreißen den Himmel, die Luft, den Klang und das Licht selbst.

Ibrahims Live-Stream wird von einer Wolke aus Staub, Beton, zersplittertem Metall und Holz verschlungen. Unter Schock schreit er live auf Sendung unvollständige Sätze. „Oh Gott. Der Zivilschutz, weg. Sie haben Menschen getötet. Zivilschutz, weg.“

Hatems Handy, das weiterläuft, wird von der Explosion verschluckt. Links auf dem Bildschirm taucht der Umriss eines Arms in einer orangefarbenen Warnweste auf. Der Ton ist erschreckend still.

Es sind nun sieben bis acht Minuten seit der ersten Explosion vergangen: gerade lang genug, damit sich Sanitäter, Ersthelfer und Journalist*innen in Scharen am Ort des Geschehens versammeln.

Jamal Badah kommt wieder zu sich, kann aber 30 Sekunden lang weder etwas hören noch sehen. Der Schmerz ist so unerträglich stark, dass er überzeugt ist, seine Beine seien weggerissen worden. Als er endlich die Augen öffnen kann, sieht er Mariam regungslos zu seinen Füßen liegen. Mohamed Salama wurde am Hinterkopf getroffen und erbricht sich. Auf der anderen Seite verblutet Ahmed Abu Aziz. In der Nähe hat Moaz Abu Taha die Hälfte seines Kopfes verloren.

Jamal fleht alle um Hilfe an.

Der Ersthelfer Ahmed Siam, desorientiert und kaum in der Lage, richtig zu sehen oder zu hören, kann nicht begreifen, wohin seine Kollegen verschwunden sind. „Ich sah stockfinstere Dunkelheit, hörte den Lärm, roch Sprengstoff, Holz, Beton, den Geruch von Leichen, den Geruch von Blut“, sagt er.

Verwirrt kriecht er über das, was sich später als die Leiche seines Kollegen Imad herausstellt, in der Annahme, er würde sich in Sicherheit bringen. Tatsächlich wird er, als sich der Staub legt, live im Fernsehen gefilmt, wie er durch die zerstörte Seite des Treppenhauses greift und sich Zentimeter für Zentimeter in eine vier Stockwerke tiefe Leere vorarbeitet. „Ich wäre fast von der obersten Treppenstufe gestürzt, hätte mir die Menschenmenge unten nicht zugerufen, zurückzubleiben.“

Er hat Granatsplitter in den Augen und kann daher nichts sehen; die Schmerzen sind unerträglich. Er ruft nach seinen Kollegen und nennt sie bei ihren Spitznamen: „Abu Mahmoud, Abu Ahmed, wo seid ihr? Abu Ahmed, geht es dir gut?“ Er hört nur einen Journalisten, der etwas oberhalb von ihm stand, antworten: „Ich bin hier, ich höre dich.“

„Dann verstummte die Stimme. Ich fragte ihn: ‚Wo bist du?‘ Aber die Verbindung war abgebrochen.“

Unten im Erdgeschoss steht der Journalist Ibrahim Salama unter Schock und ist verletzt. Betonbrocken und Granatsplitter regneten auf die Notaufnahme herab und töteten Menschen oben und unten; Körperteile lagen überall verstreut. Sein erster und einziger Gedanke gilt seinem Bruder Mohamed, den er gerade noch auf dem nun zerstörten Treppenhaus gesehen hatte

Blind stolpert Ahmed Siam die Treppe hinunter, begleitet von einem jungen Mann. „Ich fragte ihn: ‚Worauf laufen wir denn?‘ Er antwortete: ‚Auf nichts.‘ Aber mir wurde schnell klar, dass wir über Leichenteile, über Tote hinwegstiegen.“

In diesem engen Raum lagen über ein Dutzend Leichen. Major Saqr ist ebenfalls zu sehen, wie er das Treppenhaus hinunterstolpert und sich selbst Erste Hilfe leistet. Die Rettungskräfte trauen sich nicht, wieder nach oben zu gehen, aus Angst, Israel könnte erneut zuschlagen.

Mohamad Ghadour, ein weiterer Redakteur von Mariam bei „Independent Arabia“, ist im Jahresurlaub, als die Nachricht vom Doppelangriff auf das Nasser-Krankenhaus auf seinem Handy eintrifft. Er befindet sich im Libanon, um sich um Familienangehörige zu kümmern, da Israel – das sich in einem weiteren Krieg mit der libanesischen militanten Gruppe Hisbollah befindet – sein Elternhaus im Süden des Landes zerstört hat. Ein paar Tage zuvor hatte Mariam ihm eine Nachricht geschickt, um sich bei ihm zu erkundigen: Sie versteht nur zu gut den besonderen Druck, der damit verbunden ist, eine Familie unter jahrzehntelangem israelischem Beschuss zu versorgen.

Mohamad wird mit wachsender Panik klar, dass Mariam im Nasser-Krankenhaus wohnt. „Ich habe angefangen, ihr Nachrichten zu schicken, aber es kam keine Antwort. Ich schicke Nachrichten, aber es gibt keine Verbindung“, erklärt er. Da Mariam nicht erreichbar ist und es keine gesicherten Informationen gibt, ruft auch Hadi, der stellvertretende Chefredakteur, verzweifelt bei ihr an. Er schickt einen weiteren Korrespondenten aus Gaza-Stadt los, um herauszufinden, was passiert ist.

Beide beten um ein Wunder.

Die Notaufnahmen sind überfüllt, blutende, verwundete Menschen taumeln herein und rufen um Hilfe. Verängstigte Angehörige suchen verzweifelt nach ihren Liebsten. Ibrahim sucht nach seinem Bruder Mohamed Salama, überzeugt davon, dass dieser bei dem Angriff getötet worden sein muss. Doch weder in der Notaufnahme noch in der Leichenhalle ist er zu finden.

Baraa, deren Hose mit ihrem eigenen Blut getränkt ist, sucht gemeinsam mit Mariams Bruder nach Mariam. Obwohl die Menschen vor israelischen Drohnen warnen, die „unnatürlich nah“ über ihnen schweben und die Angst vor einem dritten Angriff schüren, steigt Baraa das Treppenhaus hinauf, um nachzuschauen. Die Seite des Treppenhauses ist völlig zerstört, die Lamellen des Holzdachs sind weggesprengt.

„Die Treppe war mit Blut, Körperteilen und verstreutem Fleisch bedeckt, das überall herumlag. Als ich den vierten Stock erreichte, traf ich auf zwei junge Männer. Einer von ihnen sah mich an und sagte: ‚Suchst du deine Freundin? Wir haben sie gerade als Märtyrerin heruntergebracht.‘ In diesem Moment bin ich bin völlig zusammengebrochen.“

An seinem Live-Kamerastandort gegenüber dem Krankenhaus fleht Ibrahim Qannan das Ghad-TV-Studio an, ihn gehen zu lassen, damit er sich um die jüngeren Journalist*innen kümmern kann, für die er sich verantwortlich fühlt. „Nicht einmal ich konnte mich noch zusammenreißen, obwohl ich der Älteste und Erfahrenste war.“ In der Notaufnahme trifft er auf Baraa und andere, die unkontrolliert weinen und Mariam immer noch nicht finden können. In einer Ecke sitzt Hatem Omar blutüberströmt und unter Schock. Jamal Badah wurde ein Fuß amputiert und wird gerade aus der Intensivstation gebracht.

Überall liegen Leichen. Der Raum gleicht „einer Szene aus dem Jüngsten Gericht“, wie ein Augenzeuge später beschreibt. In der nordwestlichen Ecke sieht Ibrahim eine unbeaufsichtigte Leiche, die mit einem Krankenhauslaken bedeckt ist. „Ich fragte einen der Ärzte: ‚Ist die Person unter dem Laken eine Frau?‘“ Ibrahim wird mulmig, als der Arzt nickt. Er bittet um Erlaubnis, ihr Gesicht freizulegen.

Es ist Mariam.

„Stell dir vor, eine Person, mit der du 24 Stunden am Tag gesprochen hast, eine Freundin, jemand, der noch vor wenigen Minuten vor dir stand … tot.“

Bei der Schulung zum Thema geschlechtsspezifische Gewalt, die etwa 20 Autominuten entfernt stattfand, erreichte die internationalen Gesundheitsmitarbeiter*innen die Nachricht, dass das Nasser-Krankenhaus kurz nachdem sie alle das Gelände verlassen mussten, angegriffen worden war. Bis zu 22 Menschen kamen ums Leben, darunter fünf Journalist*innen sowie fünf Rettungskräfte und Sanitäter.

„Als ich hörte, dass Mariam eine von ihnen war, bin ich völlig aus der Fassung geraten. Ich habe immer wieder gesagt: ‚Nein, wir müssen sofort zurück ins Krankenhaus‘“, erzählt Amanda. Doch die Organisatoren der Schulung entschieden, dass es für die Ausländer*innen zu gefährlich sei, noch in dieser Nacht zurückzukehren – vielleicht aus Sorge vor einem weiteren Angriff, vielleicht aus Angst, die lokale Bevölkerung könnte denken, die Internationalen hätten im Voraus davon gewusst und seien absichtlich gegangen. „Ich habe eine Stunde lang ununterbrochen geweint. Ich war so überwältigt von Emotionen, Angst und Wut. Es ist ganz klar, was passiert ist, warum wir weggelockt wurden, damit das Krankenhaus angegriffen werden konnte. Es fühlte sich wie eine Warnung an: Sie können tun, was sie wollen.“ Die Bewegungen der internationalen Freiwilligen hätten im Rahmen des Deeskalationsprotokolls mit dem israelischen Militär abgestimmt werden müssen, fügt sie hinzu. Das Militär muss davon gewusst haben, sagt sie. „Sie verfolgen jeden unserer Schritte.“

Die Welt hatte in Echtzeit mitverfolgt, wie Israel am helllichten Tag in einem Krankenhaus einen Doppelangriff auf Journalist*innen, Rettungskräfte und Ärzt*innen verübte. Selbst wenn die internationale Gemeinschaft gegenüber dem Gemetzel in Gaza bereits gleichgültig geworden war, so gab es doch einen Aufschrei. Das israelische Militär veröffentlichte zunächst eine Erklärung, in der es behauptete, eine weitere Untersuchung einzuleiten, und fügte hinzu, es „bedauere jeglichen Schaden, der unbeteiligten Personen zugefügt wurde“, und dass es „Journalist*innen als solche nicht ins Visier nehme“. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu – gegen den ein Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) wegen Kriegsverbrechen, darunter das Verbrechen gegen die Menschlichkeit des Mordes, vorliegt – bezeichnete den Vorfall als „tragisches Missgeschick“ und behauptete, Israel „schätze die Arbeit von Journalist*innen, medizinischem Personal und allen Zivilist*innen“. (Netanjahu bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe.)

Doch wie Ibrahim Qannan es formulierte, wurde Mariam „bei einer Hinrichtung getötet, die live im Fernsehen übertragen und von der ganzen Welt mitverfolgt wurde“.

Und die von „The Independent“ gesammelten Beweise erzählen eine andere Geschichte als die von Israel dargestellte. Das israelische Militär erklärte später, die Golani-Brigade, eine der Elite-Infanteriebrigaden Israels, habe eine Kamera identifiziert, „die von der Hamas aufgestellt worden war“, um Truppen zu beobachten. Doch auch hier hatte Reuters bestätigt, dass es sich um ihren Live-Standort handelte – was zudem von einem halben Dutzend Journalist*innen, zwei Mitgliedern der örtlichen Gemeinde und internationalen medizinischen Fachkräften, die im Krankenhaus tätig waren und mit „The Independent“ sprachen, bestätigt wurde. Ein Foto der mit einem Gebetsschal bedeckten Kamera war von Mariam selbst in den Tagen zuvor aufgenommen und gepostet worden. Reuters erklärte, das israelische Militär habe gewusst, dass sich Teams von Reuters im Krankenhaus befanden.

Dr. Sakr, Leiter der Pflegeabteilung, erklärte gegenüber „The Independent“, dass Israel in direktem Kontakt mit dem Krankenhauspersonal stand und jedes Problem, das sie mit einer Kamera hatten, problemlos hätte ansprechen können. „Sie kennen unsere Kontaktdaten. Hätten sie Bedenken gehabt, hätten sie uns wie üblich kontaktiert, und wir hätten jedes Problem, das ihnen Sorgen bereitete, geklärt.“

Das israelische Militär veröffentlichte die Namen von sechs Männern, die es als „Terroristen“ bezeichnete, die bei den Angriffen auf das Krankenhaus getötet worden seien. Unter den vom Militär veröffentlichten Namen befand sich auch „Omar Abu Teim“. Ismail Al-Thawabta, der Leiter des von der Hamas geführten Regierungsmedienbüros in Gaza, erklärte jedoch gegenüber Reuters, dass dieser bei dem Angriff auf das Nasser-Krankenhaus am 25. August 2025 nicht getötet worden sei. „The Independent“ wandte sich an Al-Thawabta, hat jedoch keine Antwort erhalten.

Das israelische Militär führte auch Imad al-Shaer, der von mehreren Mitgliedern des Zivilschutzteams als vor Ort im Einsatz genannt wurde, als Teil seines Rettungsteams auf. Auch „The Independent“ konnte ihn in mehreren Videos visuell identifizieren, in denen er eindeutig bei den Rettungsmaßnahmen half. Nach dem zweiten Angriff zeigen Aufnahmen, wie sein Körper von dem Sims im vierten Stock hängt, wo er gearbeitet hatte. Auf der Facebook-Seite des Nasser-Krankenhauses selbst wurde eine dritte Person identifiziert, die von Israel als Krankenhausmitarbeiter bezeichnet wurde.

Reuters berichtete, man habe mit den Familienangehörigen von zwei der anderen aufgeführten Männer gesprochen, die angaben, diese hätten Patient*innen im Krankenhaus besucht und an den Rettungsmaßnahmen teilgenommen, als sie beim zweiten Angriff getötet wurden. „The Independent“ konnte die Familienangehörigen nicht ausfindig machen.

„The Independent“ sprach mit sieben Zeugen am Ort des Angriffs, die unmittelbar nach dem ersten Angriff Überwachungsdrohnen über dem Gebiet gesehen hatten. Khaled Shaath, ein freiberuflicher Journalist, den „The Independent“ interviewte, filmte eine solche Drohne nur wenige Minuten nach dem ersten Angriff. Alle, mit denen „The Independent“ sprach, hatten das Gefühl, genau beobachtet zu werden, als sich die Gruppen auf dem Treppenhaus versammelten, um Hilfe zu leisten und Bericht zu erstatten.

„The Independent“ sprach mit zwei israelischen Whistleblowern, beides Reservisten, die im südlichen Gazastreifen gedient hatten. Einer von ihnen, der in einer Panzereinheit gedient hatte, erklärte gegenüber „The Independent“, dass die Art des Angriffs zeige, dass dieser nicht nur „absichtlich“ gewesen sei, sondern dass „dies nach etwas sehr Geplantem aussieht“.

Beide sagten, das Zücken einer Kamera sei „Standardprotokoll“ und erfordere keine zusätzliche Genehmigung. Das mehrmalige Beschießen eines Krankenhauses hätte jedoch eine Genehmigung auf Bataillons-Ebene oder höher durch das Südkommando erfordert. „Es müssten so viele Menschen in den Entscheidungsprozess eingebunden sein, um dieses Ziel und diese spezielle Schussmethode auszuwählen“, so der erste Whistleblower.

Die Person erklärte, die „spezielle Feuertechnik mit zwei Panzergranaten“ etwa zehn Minuten nach dem ersten Angriff bedeute, dass „sie die Menschenmenge definitiv gesehen haben“, was die Annahme stützt, dass es sich um einen absichtlichen Doppelangriff gehandelt hat. „Eine Granate soll den Schutzraum zerstören, die zweite tötet die Menschen“, fügte die Person hinzu: ein Standardprotokoll, um maximalen Personenschaden zu verursachen. Wenn Panzer feuern, so der Whistleblower weiter, blicken die Schützen durch das Visier direkt auf ihr Ziel. Dieser Whistleblower kam zu dem Schluss, dass all dies Teil einer „Kultur“ sei, die auf „das tödlichste Ergebnis“ abziele. „Es ist kein Missgeschick, das gesamte Umfeld ist kein Missgeschick. Es ist eine bewusste Methode, die von unserer Regierung angewendet wird … eine Methode, die alles verschleiert, es sehr verwirrend, chaotisch und tödlich macht“, so die Person. Das traf insbesondere auf Khan Younis zu, wo dieser Panzeroffizier stationiert war und das Gefühl hatte, dass das israelische Militär sie dort ohne klaren Auftrag „so lange festhielt, nur um diese Art von Chaos zu verursachen“. Der andere Whistleblower sagte, es gebe nicht nur einen „leichten Finger am Abzug“, sondern auch „überhaupt keine Rechenschaftspflicht“.

Ein Standbild aus einer der Weitwinkelaufnahmen des Angriffs zeigt zwei Geschosse, die kurz nacheinander einschlagen – zu dicht beieinander, als dass es sich um einen einzigen Panzerschuss handeln könnte. Dies deutet erneut auf eine koordinierte Aktion hin.

Earshot, eine Nichtregierungsorganisation, die Audio-Untersuchungen zur Verteidigung der Menschenrechte durchführt, hat eine eingehende akustische Analyse vorgenommen und dabei das Filmmaterial von mindestens fünf Kameras trianguliert, die die zweite Salve filmten, bei der Mariam ums Leben kam. Lawrence Abu Hamdan, der Gründer von Earshot, erklärt gegenüber „The Independent“, man gehe davon aus, dass es sich wahrscheinlich um eine 120-mm-M329-Panzergranate von Elbit Systems handelte und dass eine davon auf den Antipersonenmodus mit sechs Submunitionen oder Bomblets eingestellt war, „wodurch eine Art tödliche Explosionszone entstand“. Anhand der Analyse des Geräusches, der Flugbahn der Projektile sowie der Entfernung zwischen dem Einschlagort und dem Mündungsknall konnten sie die Entfernung und den Standort des Panzers abschätzen, der den Schuss abgefeuert hatte: 2,5 km nordöstlich des Krankenhauses.

„The Independent“ untersuchte am 25. August 2025 von Planet Labs bereitgestellte Satellitenbilder, die 2,5 km nördlich des Krankenhauses einen Panzerstützpunkt mit Schutzwällen zeigten. Dort sind mehrere Panzer stationiert.

„The Independent“ befragte außerdem zwei weitere Waffenexperten: Chris Cobb-Smith und N.R. Jenzen-Jones, den Leiter des Rüstungs- und Munitionsberatungsunternehmens „Armament Research Services“. Beide identifizierten am Tatort gefundene Fragmente, die von Associated Press fotografiert worden waren, und kamen zu dem Schluss, dass es sich um Teile einer israelischen 120-mm-Panzergranate handelte. N.R. Jenzen-Jones sagte, das Bildmaterial vom Tatort „deute zudem auf den Einsatz von hochexplosiven oder ‚Mehrzweck‘-Geschossen hin, wie es bei Panzerfeuer zu erwarten wäre, das auf Personen in Gebäuden gerichtet ist.“

Kevin Jon Heller, Professor für Völkerrecht am Zentrum für Militärstudien der Universität Kopenhagen, erklärte gegenüber „The Independent“, dass ein Staatsanwalt nach Prüfung aller Beweise „vernünftigerweise zu dem Schluss kommen“ könne, dass die Täter die Kriegsverbrechen „des vorsätzlichen Angriffs auf Zivilist*innen und der Durchführung eines unverhältnismäßigen Angriffs, insbesondere im Hinblick auf den zweiten Angriff“, begangen hätten. „Es gab zum Beispiel überhaupt keinen Versuch, das Krankenhaus zu warnen“, fuhr er fort. „Nach dem humanitären Völkerrecht besteht absolut die Pflicht, das Krankenhaus zu warnen und ihm eine angemessene Frist einzuräumen, um das angebliche Problem zu beheben.“

Angesichts des geringen militärischen Nutzens von Israels angeblich angestrebtem Ziel, eine Kamera zu zerstören, im Vergleich zu den enormen zivilen Kollateralschäden bei einem „Double-Tap“-Angriff stellte sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. „Braucht man wirklich zwei hochexplosive Panzergranaten, um eine Kamera zu zerstören?“, fragt er.

Und das geschieht nicht in einem Vakuum.

Das „Committee to Protect Journalists“ (CPJ) hat angegeben, dass Israel seit 2023 mehr als 200 palästinensische Medienmitarbeiter*innen getötet hat: mehr Journalist*innen als jede andere Regierung seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 1992. Zuvor hatte das CPJ bereits davor gewarnt, dass das israelische Militär Verleumdungskampagnen gegen Journalist*innen gestartet habe, in denen diese als (Hamas-)Militante beschuldigt würden – wie der Al-Jazeera-Journalist Anas Al Sharif, der wenige Wochen vor dem Angriff auf Nasser bei einem gezielten Mordanschlag getötet wurde –, um „Zustimmung für ihre Tötung zu erzeugen“.

„Indem Israel die Presse zum Schweigen bringt, bringt es diejenigen zum Schweigen, die dokumentieren und bezeugen, was Menschenrechtsorganisationen und UN-Expert*innen übereinstimmend als Völkermord bezeichnen“, so das CPJ.

In zahlreichen Stellungnahmen gegenüber „The Independent“ im Laufe der Jahre hat das israelische Militär wiederholt bestritten, dass es Journalist*innen ins Visier nimmt, dass seine Truppen Kriegsverbrechen begangen haben oder dass seine Handlungen einem Völkermord gleichkommen. Die israelische Regierung hat ähnliche Dementis abgegeben.

Die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese, die derzeit Angriffe auf palästinensische Journalist*innen untersucht, erklärte jedoch, die Doppelanschläge im Nasser-Krankenhaus fügten sich in ein Muster der „gezielten Angriffe auf und Tötung von Journalist*innen ein, das auf die klare Absicht hindeutet, palästinensische Journalist*innen mit allen Mitteln zum Schweigen zu bringen“: „Die Untersuchungen, die ich für meinen bevorstehenden Bericht durchgeführt habe, deuten stark darauf hin, dass Journalist*innen gezielt ins Visier genommen wurden, damit sie nicht über die Verbrechen berichten, die im Rahmen des andauernden Völkermords an den Palästinenser*innen begangen werden“, erklärte sie gegenüber „The Independent“. „Es gibt Aussagen von israelischen Führungskräften und Soldaten, in denen die Stimme von Journalist*innen als Waffe, als Bedrohung bezeichnet wird. Journalist*innen müssen während eines Konflikts geschützt werden. Doch palästinensische Journalist*innen in Gaza haben das Gefühl, dass sie durch das Tragen der Presseweste zu einem anvisierten Ziel werden.“

„The Independent“ teilte dem israelischen Militär alle seine Erkenntnisse mit und bat um Stellungnahmen zu jedem einzelnen Punkt. Das Militär lehnte eine Antwort ab und fügte lediglich hinzu: „Die Überprüfung läuft noch im Rahmen des Mechanismus zur Tatsachenfeststellung und Bewertung des Generalstabs.“

Ein Jahr ist vergangen, und es gab noch immer keine Gerechtigkeit für Mariam oder die anderen, denen das Leben genommen wurde. Niemand wurde für das zur Rechenschaft gezogen, was das CPJ als Mord an den Journalist*innen eingestuft hat – keine Antworten für Mariams Familie und kein Ende des Gemetzels, das in Gaza trotz eines nominellen Waffenstillstands weitergeht. Und keine Garantie dafür, dass die Journalist*innen, die in Gaza überlebt haben, nicht die Nächsten sein werden.

„Für alle, die sie nicht kannten: Sie war zutiefst und aufrichtig menschlich – nicht nur eine Journalistin“, sagt Baraa, Mariams Freundin, die Mariams Testament ihrem verzweifelten jugendlichen Sohn überbringen musste. „Bei jeder Geschichte, die Mariam filmte, spürte sie den Schmerz der Menschen, die sie durchlebten. Sie war jemand, den man nicht beschreiben kann. Jeder, der sie kannte – ob jung oder alt – liebte sie. Sie war die Beste von uns.“



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