Mediziner*innen in Großbritannien und den USA berichten, nach öffentlichen Äußerungen aus Gaza ausgewiesen worden zu sein
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Israel wird vorgeworfen, Ärzt*innen die Wiedereinreise zu verweigern, nachdem sie aus erster Hand über den Konflikt berichtet hatten.
Von Geneva Abdul, The Guardian, 17. Februar 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Mediziner aus Großbritannien und den USA gehen davon aus, dass ihnen die Wiedereinreise nach Gaza verweigert wurde, nachdem sie sich öffentlich zum Krieg geäußert hatten. Nach Berichten über steigende Ablehnungsquoten haben medizinische Mitarbeiter*innen und Organisationen, die humanitäre Hilfe in Gaza geleistet haben, beschrieben, was sie als willkürliche Ablehnungen empfinden.
Nach internationalem Recht ist Israel verpflichtet, den ungehinderten und schnellen Durchgang humanitärer Hilfe zu ermöglichen und zu erleichtern. Da ihnen kein Grund für die Einreiseverweigerung genannt wurde, sind die Mediziner*innen, die mit dem Guardian gesprochen haben, davon überzeugt, dass ihre Ablehnung darauf zurückzuführen ist, dass sie aus erster Hand über ihre Zeit in Gaza berichtet haben. Andere sagten, dass ihre Identität oder ihre früheren Erfahrungen in dem Gebiet die Entscheidung, ihnen die Einreise zu verweigern, beeinflusst haben könnten.
Zu denjenigen, denen kürzlich die Einreise verweigert wurde, gehört James Smith, ein Notarzt, der seit Juni 2024 nicht mehr nach Gaza zurückgekehrt ist. Im Jahr 2025 wurde ihm zweimal hintereinander die Einreise ohne Angabe von Gründen verweigert. „Ich habe nicht nur mit den Medien gesprochen, sondern mich auch auf eine bestimmte Art und Weise geäußert“, sagt Smith und verweist dabei auf Israels Registrierungsrichtlinien für NGOs und ausländische Mitarbeiter*innen, die unter anderem Aspekte wie die Aufforderung zu einem Boykott des Staates Israel oder die Teilnahme daran beinhalten. „Ich kann nur vermuten, dass es an meinem öffentlichen Profil lag, denn ansonsten bin ich ein weißer britischer Mann aus der Mittelschicht ohne palästinensische Wurzeln und ohne Vorstrafen“, berichtet Smith, der mit der gemeinnützigen Organisation Medical Aid for Palestinians (MAP) unterwegs war. „Es muss meine politische Haltung gewesen sein, die sie alarmiert hat“, fügt er hinzu.
Nach der Ankündigung eines Waffenstillstands im Oktober steigt die Zahl der Todesopfer in Gaza weiter an, und humanitäre Organisationen kritisieren weiterhin die Hindernisse für Hilfslieferungen und medizinische Evakuierungen. Im August gab die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bekannt, dass die Ablehnungsquote für internationale Gesundheitsfachkräfte um fast 50 % gestiegen ist und seit dem 18. März 102 Personen die Einreise verweigert wurde.
Khaled Dawas, ein beratender Chirurg, sagt gegenüber dem Guardian, es sei klar, dass denjenigen, die sich offen geäußert hatten, die Einreise verweigert worden sei. „Ich kann mir nichts anderes vorstellen“, so Dawas aus London. „Ich bin kein Soldat. Ich trage keine Waffen. Ich unterscheide mich nicht von meinen Kolleg*innen, die eingereist sind. Der einzige Unterschied ist, dass sie sich nicht so offen geäußert haben.“ Ihm wurde im August und November die Einreise mit zwei verschiedenen Organisationen verweigert, nachdem er 2024 nach Gaza gereist war.
Thaer Ahmad, ein Notarzt aus Chicago, wurde viermal die Einreise verweigert, zuletzt im Januar. Als in den USA geborener Palästinenser glaubt er, dass seine Identität einer der Gründe für die Verweigerung der Einreise ist, ebenso wie sein Engagement seit seiner Reise nach Gaza im Jahr 2024. Als Grund gaben die israelischen Behörden Sicherheitsbedenken an. „Diese Idee, Zugang und Hilfe als Waffen einzusetzen, ist in allen Entscheidungen, die wir in Gaza beobachten, tief verwurzelt“, sagt Ahmad und fügt hinzu, dass die jeweiligen Regierungen Ärzt*innen dabei unterstützen sollten, gegen Entscheidungen Berufung einzulegen.
Neue Bedenken hinsichtlich des Zugangs zu Gaza kamen auf, nachdem 37 in Gaza tätigen NGOs im Dezember mitgeteilt wurde, dass sie ihre Arbeit einstellen müssen. Zu den abgelehnten Organisationen gehörte auch die in Großbritannien ansässige MAP (Medical Aid for Palestinians). Seit sechs Monaten ist es MAP nicht mehr möglich, medizinisches Personal oder Hilfsgüter nach Gaza zu bringen. Für jede blockierte Einreise wurde kein Grund angegeben.
Steve Cutts, Geschäftsführer von MAP, bezeichnete die Verweigerung der Einreise als „bewusste Maßnahme“ der israelischen Behörden, die für die Palästinenser*innen in Gaza lebensbedrohliche Folgen habe. „Die Aufhebung der Registrierung internationaler NGOs und die Beschränkungen für medizinisches Personal durch Israel sind Teil eines umfassenderen Maßnahmenpakets, das humanitäre Hilfe auf grausame Weise blockiert und unabhängige medizinische Zeug*innen behindert“, so Cutts.
Es ist bekannt, dass humanitäre Organisationen der WHO Listen mit freiwilligen Mediziner*innen vorlegen, bevor diese nach Gaza reisen. Einige Mediziner und humanitäre Organisationen erfuhren erst knapp 24 Stunden vor ihrer Einreise, nachdem sie bereits nach Jordanien gereist waren, dass ihnen die Einreise verweigert worden war. In anderen Fällen erhielten sie die Ablehnung erst wenige Tage vor ihrer Abreise aus Großbritannien vor den israelischen Feiertagen.
COGAT, die israelische Militärbehörde, die den Zugang zum Gazastreifen kontrolliert, bezeichnete die Behauptungen als „falsch und unbegründet”: „Sie entspringen den versteckten Interessen von Organisationen, die sich weigern, transparent zu arbeiten und mit dem Registrierungsprozess Israels zu kooperieren, der auf klaren fachlichen und sicherheitsrelevanten Kriterien basiert, die die Integrität des humanitären Systems gewährleisten sollen”, erklärt COGAT und fügt hinzu: „Es sollte betont werden, dass Israel weiterhin Maßnahmen zur Stärkung des Gesundheitssystems im Gazastreifen ergreift.“
Ein Sprecher des britischen Außen-, Commonwealth- und Entwicklungsministeriums (FCDO) berichtet, der Außenminister habe sich Ende letzten Jahres mit medizinischen Teams getroffen, denen die Einreise nach Gaza verweigert worden war. „Israel muss unverzüglich die Beschränkungen aufheben und gemäß dem humanitären Völkerrecht dafür sorgen, dass Lebensmittel, medizinische Hilfsgüter und Treibstoff diejenigen erreichen, die sie dringend benötigen“, fügt er hinzu.
In einer kürzlich von Anwält*innen beim israelischen Obersten Gerichtshof eingereichten Petition werden sieben Fälle mutmaßlich rechtswidriger Einreiseverweigerungen angeführt, darunter der Fall von Graeme Groom, einem Orthopäden aus London und Mitbegründer der Wohltätigkeitsorganisation Ideals, der Gaza bereits mehr als 40 Mal besucht hat. Seit dem 7. Oktober war er vier Mal dort und wurde dreimal an der Einreise gehindert. Jedes Mal wurde ihm ohne Angabe von Gründen die Einreise verweigert. „Wir glauben, dass dies daran liegt, dass wir Zeug*innen dessen sind, was in Gaza geschieht“, sagt er. „Uns die Einreise zu verweigern, ist eine Fortsetzung der Politik, die internationale Journalist*innen ausschließt und palästinensische Journalist*innen tötet.“
Die in London ansässige plastische Chirurgin Victoria Rose, der Ende 2025 zusammen mit Groom die Einreise verweigert wurde, glaubt nicht unbedingt, dass ihre offenen Äußerungen über die Zahl der Verletzten oder Kinderverletzungen in Gaza der Grund für die Einreiseverweigerung waren.
„Sie wollen niemanden dort haben, der das System kennt, nützlich ist und effektiv arbeitet – so scheint es mir jedenfalls. Ich glaube nicht unbedingt, dass sie wissen, was ich getan oder gesagt habe“, sagt sie. „Vielleicht.“




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