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Nach Gaza sorgt Israel nun auch im Westjordanland für den Zusammenbruch des Gesundheitssystems

  • vor 7 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

In den öffentlichen Apotheken fehlen die meisten Medikamente, und viele Patient*innen können es sich nicht leisten, diese auf dem privaten Markt zu kaufen. Israels Einbehaltung von Zolleinnahmen hat die Verschuldung des palästinensischen Gesundheitsministeriums erheblich verschärft, und dieses warnt: Bald werden wir nicht mehr in der Lage sein, grundlegende Gesundheitsleistungen zu erbringen.


Von Amira Hass, Haaretz, 31. Mai 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Das palästinensische Gesundheitssystem befürchtet eine Verschlechterung des Gesundheitszustands von Patient*innen mit chronischen Erkrankungen im Westjordanland sowie einen Anstieg der Sterblichkeitsraten aufgrund der extremen Haushaltsnotlage der Palästinensischen Autonomiebehörde und der Verarmung der Bevölkerung. Die aufgelaufenen Schulden des palästinensischen Gesundheitsministeriums gegenüber externen Lieferanten in Höhe von 2,6 Milliarden Schekel entsprechen fast dem aktuellen Haushalt für 2025 – 2,89 Milliarden Schekel.

Wie alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst erhalten auch Ärzt*innen und Pflegepersonal nur die Hälfte ihres Gehalts oder sogar noch weniger. Die meisten Medikamente sind in staatlichen Apotheken nicht erhältlich, und die Vorräte an lebensrettenden Medikamenten, beispielsweise für Krebs- und Nierenerkrankungen, schwinden. Viele Patient*innen, die krankenversichert sind, können es sich nicht leisten, Medikamente auf dem privaten Markt zu kaufen.

Medizinische Fachkräfte innerhalb und außerhalb des staatlichen Gesundheitssystems beschreiben die Lage als „am Rande des Zusammenbruchs“. Das palästinensische Gesundheitsministerium warnte letzte Woche, noch vor dem Opferfest, dass die Aufrechterhaltung der grundlegenden Gesundheitsversorgung gefährdet sei, und wies darauf hin, dass die Krise im staatlichen Sektor eine Kettenreaktion ausgelöst habe, von der auch Gesundheitseinrichtungen von Nichtregierungsorganisationen und des privaten Sektors betroffen seien.

Die beiden unmittelbaren Hauptursachen für diese Situation sind die Einbehaltung der Zolleinnahmen der Palästinensischen Autonomiebehörde auf Importe durch das israelische Finanzministerium (nachdem das Ministerium automatisch die Zahlungen der Palästinensischen Autonomiebehörde für die Versorgung mit Produkten wie Wasser und Strom abgezogen hat) sowie das Verbot für etwa 170.000 Palästinenser*innen, an ihren Arbeitsplatz in Israel zurückzukehren.

Seit Anfang Mai befinden sich Ärzt*innen und Pflegepersonal im palästinensischen öffentlichen Dienst im Westjordanland im Streik, da sie seit mehreren Jahren nicht mehr ihre vollen Gehälter erhalten. Schon vor dem Streik arbeiteten die Beschäftigten, wie andere Angestellte im öffentlichen Dienst auch, nur in Teilzeit.

Staatliche Krankenhäuser bieten derzeit nur lebensrettende Behandlungen an, wobei die Qualität dieser Behandlungen durch Personalmangel, einen Mangel an Medikamenten und medizinischem Einwegmaterial sowie Schwierigkeiten bei der Finanzierung der routinemäßigen Wartung und Reparatur der vorhandenen Geräte beeinträchtigt ist. Von dem Streik sind auch 447 Kliniken des Gesundheitsministeriums betroffen, von insgesamt 590, die im Westjordanland in Betrieb sind. Daher sind auch die Versorgung und Nachsorge von Schwangeren, Müttern und Säuglingen, behinderten Kindern sowie Schulkindern beeinträchtigt.

Die vom Gesundheitsministerium angehäuften Schulden in Höhe von rund 2,6 Milliarden Schekel verteilen sich fast zu gleichen Teilen auf nichtstaatliche Krankenhäuser – an die Patient*innen zur Behandlung überwiesen werden – und etwa 30 Arzneimittelhersteller und -importeure.

Dies geht aus Aussagen des palästinensischen Gesundheitsministers Dr. Majed Abu Ramadan hervor, der diese letzte Woche bei einem Treffen mit Vertreter*innen von Pharmaunternehmen machte. Die Vertreter*innen erfuhren von ihm, dass von den 1.260 Medikamenten, die das Gesundheitsministerium regelmäßig einkauft, derzeit 260 in seinen Lagern und Regalen liegen.

Einer der Teilnehmer dieses Treffens war der ehemalige Gesundheitsminister Dr. Fathi Abu Moghli, der heute Mitglied des Verbandes der Arzneimittelhersteller ist. „Dr. Abu Ramadan forderte die Pharmaunternehmen auf, durchzuhalten und das Ministerium weiterhin mit Medikamenten zu beliefern, trotz der Schulden, die das Ministerium bei ihnen angehäuft hat und die mittlerweile 1,3 Milliarden Schekel betragen“, sagt Abu Moghli gegenüber Haaretz und fügte hinzu, dass viele der Unternehmen dieser Aufforderung nicht nachkommen könnten, da sie nicht mehr über das nötige Kapital verfügten, um Medikamente im Ausland zu kaufen.

Der Direktor des Verbandes der Arzneimittellieferanten, Muhannad Habash, erklärte, dass die Unternehmen im Jahr 2025 alles in ihrer Macht Stehende getan hätten, um die Lieferung von Medikamenten auf Kredit fortzusetzen, dass es ihnen jedoch auch in diesem Jahr schwerfalle, dies zu tun. In einem Interview mit Al-Raya Radio sagte Habash, dass das Gesundheitsministerium seit Jahresbeginn nur 16 Millionen Schekel an die Arzneimittellieferanten gezahlt habe.

Eine der sechs Arzneimittelproduktionsstätten im Westjordanland ist Dar al-Shifa (PHARMACARE), deren Direktor, Bassem Khoury, angibt, dass das Gesundheitsministerium dem Unternehmen etwa 20 Millionen Schekel schulde. „Aber wir werden das Gesundheitsministerium weiterhin mit den von uns hergestellten Medikamenten versorgen, wie zum Beispiel Antibiotika für Kinder und Arzneimittel zur Behandlung von Diabetes und Bluthochdruck, denn das ist unsere Pflicht gegenüber der Gesellschaft“, sagt Khoury gegenüber Haaretz und fügte hinzu, dass die Schulden des Gesundheitsministeriums gegenüber anderen Unternehmen noch viel höher seien.

Die andere Hälfte der enormen Schulden besteht gegenüber privaten Krankenhäusern. „Staatliche Krankenhäuser haben gute Ärzt*innen, aber die Wartelisten für Operationen sind sehr lang“, erklärt S., ein palästinensischer Chirurg, der in gemeinnützigen Krankenhäusern in Jerusalem und im Westjordanland arbeitet, gegenüber Haaretz. Abu Moghli sagt, dass das Gesundheitsministerium aufgrund chronischer Haushaltsprobleme über die Jahre hinweg nicht in der Lage war, die Zahl seiner medizinischen Mitarbeiter*innen zu erhöhen, obwohl viele Absolvent*innen der Medizin- und Pflegeberufe arbeitslos sind.

Die geringere Anzahl an Ärzt*innen im öffentlichen Gesundheitswesen ist ein Grund dafür, dass das Gesundheitsministerium Patient*innen an private Krankenhäuser wie das An-Najah in Nablus (ein Universitätskrankenhaus), das Istishari Arab Hospital in Ramallah und zwei Krankenhäuser in Ostjerusalem, das Makassed Hospital und das Augusta Victoria Hospital, überweist, für deren Zugang eine israelische Einreisegenehmigung erforderlich ist. Patient*innen werden auch zur Behandlung nach Jordanien und, seltener als in der Vergangenheit, nach Israel überwiesen.

Im Jahr 2024 gab es 96.000 Überweisungen für Behandlungen im Ausland, die das palästinensische Gesundheitsministerium rund 960 Millionen Schekel kosteten. Bis Oktober 2023 übernahm das Gesundheitsministerium auch die Kosten für die Überweisung von Patienten aus dem Gazastreifen in das Westjordanland und nach Jerusalem.

Aufgrund der Schulden der Palästinensischen Autonomiebehörde bei privaten Krankenhäusern, so der Chirurg S. gegenüber Haaretz, seien diese Krankenhäuser ebenfalls gezwungen, die Gehälter ihrer Mitarbeiter*innen zu kürzen, und einige ihrer Bankkonten seien überzogen. Patient*innen müssten sogar einen Teil der für Operationen notwendigen Verbrauchsmaterialien selbst finanzieren, sagt er. Manche Patient*innen nehmen Kredite auf oder sind auf die Hilfe von Freund*innen angewiesen, um ihre regelmäßigen Medikamente zu kaufen.

Ärzt*innen und Patient*innen berichten, dass der Druck auf die Notaufnahmen in staatlichen Krankenhäusern und auf nichtstaatliche medizinische Einrichtungen durch die Schließung von Kliniken nur noch zugenommen hat. Der Stress und die langen Wartezeiten auf medizinische Untersuchungen führen zu Spannungen zwischen Patient*innen und ihren Familien, anderen Patient*innen und dem medizinischen Personal. Es wurden auch mehrere Fälle von Gewalt gegen Ärzt*innen gemeldet.

Die Krise im Gesundheitswesen hat zwei weitere Ursachen, wie Dr. Mustafa Barghouti, Direktor der Palestinian Medical Relief Society, einer gemeinnützigen medizinischen Hilfsorganisation, feststellt. Seinen Angaben zufolge ist auch die Zahl der Menschen gestiegen, die in den Kliniken der Organisation medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. Ein Faktor ist das direkte und erklärte Bestreben Israels, die UNRWA – das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten – und internationale Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen aus dem Gebiet zu entfernen, sowie die Anordnung zur Schließung für mehrere palästinensische zivilgesellschaftliche Organisationen. All diese Organisationen waren gezwungen, die von ihnen geleistete oder unterstützte medizinische Versorgung einzuschränken.

Ein weiterer Faktor, erklärt er, seien die mehr als 1.000 permanenten Checkpoints und Straßensperren auf den Straßen des Westjordanlands, die einen schnellen Zugang zu medizinischer Versorgung verhindern und medizinische Teams sowie Krankenwagen dazu zwingen, Umwege über kurvenreiche Strecken zu fahren oder Patient*innen und durch israelische Schüsse Verletzte nach der „Back-to-Back“-Methode zu transportieren – wobei ein Patient mit einem Fahrzeug oder einer Trage zu einem verschlossenen Tor oder einer Straßensperre am Ortsausgang gebracht und dann auf der anderen Seite in einen Krankenwagen verladen wird. Dies stellt eine finanzielle Belastung dar und beeinträchtigt zudem die Verfügbarkeit von Personal. Die verlängerte Fahrzeit – einschließlich langer Wartezeiten an von Soldaten bemannten Checkpoints – erhöht zudem die Reisekosten, und manchmal ist das medizinische Personal gezwungen, die Kosten selbst zu tragen und hat Mühe, diese aufzubringen.

S. berichtet von einem Facharzt, der wegen einer Razzia der Armee in seinem Dorf und der Sperrung der Ausfahrt nicht zu einer dringenden Operation in einem Krankenhaus in Hebron gelangen konnte. B., Mutter eines Sohnes mit Zerebralparese, schickt ihn nicht mehr auf eine Förderschule in Ramallah, da die direkte Straße aus ihrem Dorf seit dem 7. Oktober durch ein verschlossenes Eisentor versperrt ist. „Die Fahrt mit dem Spezialtaxi ist teurer geworden, und mein Mann arbeitet nicht mehr in Israel. Eine Zeit lang konnte ich die Medikamente für meinen Sohn noch bezahlen, aber seit zwei Wochen habe ich keine mehr gekauft“, berichtet sie. Dr. Barghouti zufolge „kommt man, wenn man alle Faktoren zusammennimmt, die zur Krise des Gesundheitssystems beitragen, zu dem Schluss, dass dies das Ergebnis einer sorgfältigen und kalkulierten Planung ist.“

Das Gesundheitsministerium hat ein Notfallteam unter der Leitung des Generaldirektors des Ministeriums, Wael al-Sheikh (Bruder von Hussein al-Sheikh, Vizepräsident der Palästinensischen Autonomiebehörde), eingerichtet. Hin und wieder löst eine Spende das eine oder andere Problem. Die Europäische Union unterstützt das Augusta-Victoria-Krankenhaus und hat laut Abu Moghli zudem zugesagt, 23 Millionen Euro an Krankenhäuser im Westjordanland und einen ähnlichen Betrag an Arzneimittellieferanten zu überweisen. Doch diese Beträge sind im Vergleich zur Gesamtverschuldung des Ministeriums gering.

Die palästinensische Wirtschaft befand sich bereits vor der Einführung der Einbehaltung von Zolleinnahmen in einer schwierigen Lage. Bereits 2013 stellte ein Bericht der Weltbank fest, dass die israelische Kontrolle über den größten Teil des Westjordanlands die Entfaltung des wirtschaftlichen Potenzials der palästinensischen Gesellschaft verhindert und ihr jährlich Verluste in Höhe von mehreren Milliarden Dollar verursacht (3,4 Milliarden Dollar nach dem Stand von 2011). Dieser ständige Verlust hat zu einer Abhängigkeit von ausländischen Spenden geführt, die im Laufe der Jahre zurückgegangen sind, und sich direkt auf die begrenzten Entwicklungsbudgets und die knappen Mittel der Sozialministerien, wie beispielsweise für Bildung und Gesundheit, ausgewirkt.



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