Neue Berichte von PCHR und PCHRI: Gewalt gegen die Reproduktionsfähigkeit in Gaza
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- vor 6 Tagen
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„Das Kamal Adwan-Krankenhaus wurde wiederholt angegriffen und überfallen. Patient*innen wurden in der Einrichtung durch Artillerie und Panzer getötet. Auch medizinisches Personal wurde in den Einrichtungen getötet. Und dann gab es eine Art letzten Angriff. Wir gingen durch [das Krankenhaus] und es war erschreckend. Ich bin noch nie durch eine Gesundheitseinrichtung gegangen, die Ziel eines Krieges war. All das war mir völlig fremd, aber durch eine Einrichtung zu gehen, die niedergebrannt worden war, war besonders erschreckend. Es war einfach toxisch. Es lag ein toxischer Geruch in der Luft, beißender Rauch hing noch in der Luft, alles war verbrannt und verkohlt, Medikamentenfläschchen knirschten unter unseren Stiefeln. Das Kamal Adwan-Krankenhaus hatte zu dieser Zeit eine der wenigen funktionierenden neonatologischen Intensivstationen im Norden [von Gaza]. Wir gingen durch die neonatologische Intensivstation, die zwar nicht verbrannt, aber zerstört worden war. Die Inkubatoren waren zerschlagen und über den Boden verstreut.“
„Der Mangel an Säuglingsnahrung, wenn sie eine spezielle Säuglingsnahrung benötigten, war offensichtlich. Die Neonatolog*innen stellten fest, dass die Verfügbarkeit von Muttermilch zurückgegangen war. Aber ich konnte auch bei jedem Baby sein Wachstum verfolgen und seine Krankenakte einsehen. Es gab einen dokumentierten akuten Mangel an Müttern, die stillen konnten, was bedeutet, dass Babys, die bereits gefährdet sind, zusätzliche Nahrung benötigen, wenn das Stillen nicht möglich ist. Und dieser Mangel an Nahrung wurde festgestellt. Es geht also nicht nur um Säuglingsnahrung, sondern auch um die spezielle Ernährung, die Babys benötigen, die keine Flasche nehmen können.“
„Uns wurde ausdrücklich gesagt, dass wir keine Babynahrung mitbringen dürfen, weil dies nicht erlaubt ist. Uns wurde ausdrücklich gesagt, dass wir keine Antibiotika oder Schmerzmittel mitbringen dürfen, weil dies von den israelischen Soldaten nicht erlaubt ist und wir, wenn wir dabei erwischt werden, Gefahr laufen, dass uns die Einreise verweigert wird.“
„Eine 28-jährige Frau erzählte mir, dass sie in einem Zelt lebt. Früher hatten sie vier Häuser, die alle bombardiert wurden; sie hatten drei Lebensmittelgeschäfte, die alle bombardiert wurden. Und jetzt leben sie in einem Zelt, weil das alles ist, was sie haben. Und sie sagte: Ich habe seit drei Tagen nichts mehr gegessen. Und diese Menschen waren im Krankenhaus untergebracht ... es gab nichts zu essen. Wir konnten den Patient*innen nichts gegeben, nicht einmal eine Mahlzeit.“
„Jede einzelne Frau, die ich gesehen habe, ob schwanger oder nicht, war unterernährt.“
„Ich habe eine Frau behandelt, die seit drei Monaten blutete und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hatte. Sie litt unter Anämie. Sie blutet immer noch, weil sie aufgrund der unhygienischen Bedingungen Infektionen entwickelt hat, darunter vaginale Infektionen und urogenitale Infektionen, und nun unter wiederkehrenden Infektionen leidet.“
„Die Mütter waren sehr anämisch … es war offensichtlich, dass sie blasser waren, als sie hätten sein sollen, und schwächer und müder. Und wir hörten immer wieder: „Ich bin einfach so sehr müde. Ich bin unendlich müde, ich bin erschöpft.‘ Und man führte diese grundlegenden Messungen durch und sagte: ‚Okay, ja, Ihr Hämoglobinwert ist wirklich niedrig, und deshalb sind Sie wirklich müde, und mütterliche Anämie ist offensichtlich gefährlich für den Fötus, weil Ihre roten Blutkörperchen den Sauerstoff zu Ihrem wachsenden Fötus transportieren.‘“
„Wir haben bei jeder schwangeren Frau, die entweder im dritten Trimester oder zur Entbindung zu uns kam, eine Blutuntersuchung durchgeführt. Ich kann Ihnen grob sagen, dass die meisten Frauen, die wir gesehen haben, einen Eisenmangel hatten. Die meisten dieser Frauen waren anämisch. Eines Tages kam eine Frau zu uns, die etwas blasser war als die anderen … Wir haben dann einen Bluttest durchgeführt. Sie war in der 32. Schwangerschaftswoche und hatte einen Hämoglobinwert (HB) von 4,3. Wie kann ein Mensch mit einem HB-Wert von 4,3 überhaupt noch gehen?“
„Eine Frau kam herein. Sie litt schlimme Qualen und schrie, aber ihre Schreie klangen nicht wie die einer Frau, die gerade in den Wehen lag. Es war noch etwas anderes. Es stellte sich heraus, dass sie miterlebt hatte, wie ihr Mann und ihre fünf Kinder bei einem Angriff ums Leben gekommen waren, und nun lag sie in den Wehen mit ihrem sechsten Kind und schrie vor Schmerz. Da es ihre sechste Entbindung war, war ihr Muttermund bereits acht Zentimeter geöffnet. Sie befand sich in der Geburtsphase. Also wollten wir das Baby zur Welt bringen. Glücklicherweise hatten wir Medikamente und konnten sie nach der Geburt sedieren, denn das Trauma und die Schmerzen, die sie durchgemacht hatte, und das Leiden, das sie während der Geburt ertragen musste, waren einfach zu groß. (…) Offensichtlich handelte es sich um einen psychischen Zustand [aufgrund des Schocks], etwas, das ich wirklich noch nie zuvor gesehen hatte. Die Hebammen und Ärzte sagten, dass sie so etwas schon öfter gesehen hätten. Dass so etwas leider immer wieder vorkomme.“
„[Wir waren] gerade dabei, eine schwangere Patientin zu untersuchen, die wahrscheinlich in der 33. bis 34. Woche war und Komplikationen hatte, und wir diskutierten, [ob] wir sie jetzt entbinden oder versuchen sollten, noch eine Woche zu warten, obwohl wir wussten, dass sie ein erhöhtes Risiko für Infektionen und Sepsis hatte. [Aber wir] setzen sie und ihr Baby einem Risiko aus, da wir wissen, dass sie mehr Betten brauchen, weil alles voll und überbelegt ist. Während wir uns beraten, ob wir sie entbinden sollen, ist das Fenster offen, und wir haben eine klare Sicht, und wir hören das unverkennbare Geräusch einer Explosion. Sofort schaue ich nach draußen und sehe eine gewaltige Explosion nur einen Block entfernt. Der Gedanke, jetzt in diese Welt Leben zu bringen, die täglichen Herausforderungen und Sorgen... das hat mich wirklich sehr getroffen. Dass diese Gespräche stattfinden, während neues Leben in die Welt gebracht wird. Und gleichzeitig sind das die Bedingungen, ganz zu schweigen von dem akuten Mangel an Nahrung und Babynahrung, falls das Baby Babynahrung brauchen sollte.“
„Wenn man zum Beispiel mehrere Kinder hat oder einfach nur in einem Zelt lebt und sich um so viele Dinge wie Wasser und Essen kümmern muss, ist es wirklich schwer, Müttern die Zeit zu geben, die sie brauchen, um zu ihren Babys zu kommen und ihnen die nötige Pflege zukommen zu lassen, insbesondere wenn man sich auf einer Neugeborenen-Intensivstation befindet, die nicht über genügend Pflegepersonal verfügt, um sich ständig um das Baby zu kümmern. Also ja, ich würde sagen, erstens wurde die Gesundheit der Mütter durch Unterernährung beeinträchtigt; zweitens führten Stressfaktoren aufgrund des Konflikts zu einem erhöhten Risiko für Frühgeburten; drittens war das Wachstum der Föten vor der Geburt unzureichend – die Babys waren im Allgemeinen eher klein; und viertens war die postnatale Versorgung mit Känguru-Pflege beeinträchtigt. Die Möglichkeit, für sein Baby da zu sein, während es auf der Intensivstation lag, war definitiv beeinträchtigt.“
„Wir haben das bei Frauen beobachtet, die Fehlgeburten hatten, Frauen, die nicht stillten, denn wenn man schwanger ist oder stillt, steigt der Kalorienbedarf. Und diese ansonsten gesunden Frauen ohne Begleiterkrankungen produzierten keine Muttermilch, obwohl sie dies in früheren Schwangerschaften getan hatten.“
„Es gab Babys, die in die Notaufnahme gebracht wurden, weil sie mit Zuckerwasser gefüttert worden waren, da ihre Mütter keine Milch produzieren konnten und keine Säuglingsnahrung fanden.“
„Ich habe viele Frühgeburten behandelt. Babys, die zwischen der 28. und 33. Woche geboren wurden. Wir hatten ein Baby, das aufgrund von Sauerstoffmangel während der Geburt eine Hirnschädigung erlitten hatte. Dieses Baby erhielt nicht die Behandlung, die es benötigte, und auch nicht die Standardversorgung, da die richtige Ausrüstung für die Versorgung dieses Babys fehlte. Und auch, weil das Al-Shifa-Krankenhaus, in das das Baby hätte verlegt werden sollen, zerstört worden war.“
„Noch bevor ich dort ankam, war klar, dass sie dieses Baby bereits triagiert hatten und im Grunde gesagt hatten: Okay, dieses Baby wird sterben. Wir haben nicht die Ressourcen, um dieses Baby am Leben zu erhalten. Diese Entscheidung war bereits gefallen. Wir hatten diesen Weg bereits eingeschlagen. Wir taten unser Bestes, um das Baby so lange wie möglich am Leben zu erhalten, da die Mutter es noch nicht gesehen hatte. Also legte ich dem Baby einen Nabelschnurkatheter, um einen intravenösen Zugang zu erhalten, als sie ihren intravenösen Zugang verlor, und wir konnten sie lange genug am Leben erhalten, damit die Mutter sie sehen konnte. Nachdem ich gegangen war, erhielt ich die Nachricht, dass das Baby verstorben war.“
„Ich behandelte Babys, die überlebt hätten, wenn sie die richtigen Hilfsmittel gehabt hätten, die wir [in anderen Ländern] haben. Da war ein Baby, das in der 25. Woche geboren wurde und das wir im Wesentlichen am Leben erhielten, weil es das einzige überlebende Familienmitglied der Mutter war, die nach der Bombardierung ihres Hauses eine Frühgeburt hatte und alle ihre Familienmitglieder verloren hatte. Sie überlebte, und ihr Baby überlebte dank eines Kaiserschnitts, aber das Baby starb schließlich eine Woche später. Sie hatten nicht die Mittel, um dieses Baby am Leben zu erhalten. ... Unter den damaligen Umständen in Gaza hatten sie nicht die Möglichkeit, dieses Baby am Leben zu erhalten, weil sie keine spezielle Ernährung hatten, wie z. B. individuell anpassbare spezielle Ernährung. Sie triagieren ihre eigenen Beatmungsgeräte, versuchen, ein 25 Wochen altes Baby in dieser Situation am Leben zu erhalten, und opfern ein Beatmungsgerät für dieses Baby, obwohl sie nur über begrenzte Vorräte und eine begrenzte Anzahl von Beatmungsschläuchen verfügen. Die Überlebenschancen dieses Babys waren generell sehr gering, da sie keine Hilfsmittel wie Surfactants [ein Medikament für die Lunge, Anm.] hatten. Sie hatten auch keine spezielle Ernährung.“
Alle Zitate stammen von internationalen Ärzt*innen und Hebammen, die auf medizinischen Hilfsmissionen in Gaza im Einsatz waren und von Physicians for Human Rights und Global Human Rights Clinic at the University of Chicago Law School für den im Jänner 2026 erschienenen Bericht „Die Zerstörung der Hoffnung auf die Zukunft: Gewalt gegen die Reproduktionsfähigkeit in Gaza“ befragt wurden.
„Wir haben das Emirati-Krankenhaus in Rafah mehrmals aufgesucht, da zu dieser Zeit die Krankenhäuser al-Hilal und Nasser nicht funktionierten. Meine Wehen setzten um 1:00 Uhr morgens ein, aber es gab keine Fahrzeuge und nur sehr wenige Krankenwagen, die für Beschuss oder andere kritische Notfälle reserviert sind. Also musste ich eine lange Strecke im Regen zurücklegen, begleitet von meinem Mann und meiner Schwiegermutter. Meine Eltern waren nicht da, da ich den Kontakt zu ihnen verloren hatte, nachdem ich Khan Younis einen Monat zuvor verlassen hatte. Die Situation im Krankenhaus war erschreckend. Ich sah eine Frau, die im Flur entbunden hatte, und ihr Baby ist gestorben. Es war sehr voll, und die Ärzt*innen arbeiteten ununterbrochen. Ich hatte das Gefühl, dass ich jeden Moment entbinden könnte. Nach der Geburt meiner ältesten Tochter wurde mir gesagt, dass ich nicht mehr auf natürliche Weise entbinden sollte, da mein Becken zu schmal sei. Trotzdem sagten die Ärzte, ich müsse auf natürliche Weise entbinden, da für einen Kaiserschnitt eine Narkose erforderlich sei und nicht genügend verfügbar sei. Ich stand drei Stunden lang, bis ich endlich an der Reihe war, ohne mich auch nur einen Moment hinzusetzen.“
Samah Muhammad Abu Mustafa, eine 30-jährige Mutter von zwei Kindern aus Khuza'a, Khan Yunis
„An dem Tag, als der Krieg begann, verließen wir unser Zuhause in Beit Lahia und gingen zum Haus meiner Eltern in al-Falouja … Wir blieben dort etwa eine Woche lang, bis sie begannen, das Gebiet anzugreifen und auf Häuser zu schießen. Sie massakrierten meine Familienmitglieder, meinen Bruder, seine Frau und ihre Kinder, meine Schwester, ihren Mann und ihre Kinder und meine andere Schwester – alle wurden getötet. Sie verübten ein Massaker. Mein Mann sagte zu mir: „Lass uns nach Gaza-Stadt gehen, zum al-Shifa-Krankenhaus.“ Also verließen wir das Haus meiner Eltern... Nach etwa vier bis sechs Wochen drangen sie in das Gebiet um das al-Shifa-Krankenhaus ein... Als wir merkten, dass sie vorhatten, das Krankenhausgelände zu stürmen, verließen wir es drei Tage vor der Invasion und marschierten nach Rafah. Ich lief etwa fünf Kilometer entlang der Salah-al-Din-Straße, ohne zu wissen, dass ich schwanger war, da ich keinen Schwangerschaftstest gemacht hatte ... Wir blieben während des Monats Ramadan in Rafah, aber dann drangen sie auch in Rafah ein ... Wir flohen und erreichten am 15. Mai al-Mawasi am Meer. Jedes Mal, wenn wir an einen neuen Ort vertrieben wurden, wurden wir aufgefordert, erneut zu fliehen … In Rafah machte ich einen Test und stellte fest, dass ich schwanger war. Als ich hier ankam, war ich bereits im dritten Monat schwanger … Ich behielt das Kind und mein Entbindungstermin rückte näher, während ich noch hier im Lager war. Ich war sehr besorgt und dachte ständig: Wie soll ich gebären, wenn es soweit ist? Es gibt keine Krankenhäuser, keine Transportmöglichkeiten, keine Fahrzeuge. Ich hatte schreckliche Angst.“
Nariman Shakoura, 33 Jahre alt, Mutter von zwei Kindern aus Beit Lahia
„Ich habe versucht, sie zu füttern, noch bevor sie ein Jahr alt war – mit Babynahrung, gekochtem Gemüse und solchen Dingen … Aber seit Beginn des Krieges ist alles teurer geworden, und ich musste ihre Portionen einschränken. Gleichzeitig habe ich sie weiter gestillt und wollte damit bis zu ihrem zweiten Lebensjahr fortfahren, damit sie weiterhin etwas Gesundes zu essen bekam. Lebensmittel sind sehr teuer und schwer zu bekommen. Manchmal gelingt es uns, ein paar Mahlzeiten zu kaufen, aber das Geld reicht nie lange. Wir hatten keine andere Wahl, als uns auf die Gemeinschaftsküche zu verlassen, aber sie konnte das Essen dort nicht essen, da es oft nicht durchgekocht war. Ich habe mich nicht beschwert, obwohl die Schmerzen in meinen Knochen und Zähnen so stark waren, dass ich mich kaum bewegen konnte. Das Wichtigste für mich war, dass meine Tochter gesund bleibt und ich sie weiter stillen kann. Aber schließlich bekam sie eine Mundinfektion und hörte auf, von der Brust zu trinken. Ich wollte nicht aufhören, sie zu stillen ... Ich gab ihr meine Milch, anstatt ihr Essen zu geben. Ein Kind muss wachsen, es braucht Proteine! Sie soll sie von mir bekommen, mein eigener Körper ist mir egal. Ich würde ihr mein Leben geben, wenn sie dadurch gesund bleiben könnte ... Mutterschaft ist immer eine Verantwortung, aber unter diesen harten Bedingungen, was soll ich sagen? Es ist unvorstellbar. Und doch danke ich Gott für alles ... Die Schmerzen in meinen Zähnen kommen vom Stillen, weil mein gesamtes Kalzium in die Milch geht. Wenn ich nicht genug zu essen bekomme, entzieht mein Körper es meinen Zähnen und Knochen, um die Milch zu produzieren, was zu Schäden führt.“
Anonym, 28-jährige Mutter eines Kindes aus Beit Lahia
Alle Zitate stammen von Frauen aus Gaza, die von Physicians for Human Rights Israel für den im Jänner 2026 erschienenen Bericht „Mutterschaft unter Beschuss – Wie viel kann eine Frau ertragen?“ befragt wurden.
Der Krieg im Gazastreifen führt zu einem Rückgang der Geburten um 41 Prozent und löst Anschuldigungen wegen Gewalt gegen die Reproduktionsfähigkeit aus
Zwei Berichte belegen, dass der Krieg Israels im Gazastreifen zu einer hohen Zahl von Todesfällen bei Müttern und Neugeborenen geführt hat.
Von Lorenzo Tondo, The Guardian, 14. Jänner 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Der Krieg Israels im Gazastreifen hat zu einem Rückgang der Geburten um 41 Prozent in diesem Gebiet und zu einer hohen Zahl von Todesfällen bei Müttern, Fehlgeburten, Neugeborenensterblichkeit und Frühgeburten geführt, wie zwei Berichte über die Auswirkungen des Konflikts auf schwangere Frauen, Babys und die Geburtshilfe zeigen.
Zwei Berichte von Physicians for Human Rights in Zusammenarbeit mit der Global Human Rights Clinic der University of Chicago Law School und Physicians for Human Rights–Israel (PHRI) dokumentieren, wie der Krieg zu hohen Zahlen bei der Mütter- und Neugeborenensterblichkeit, zu Zwangsgeburten unter gefährlichen Bedingungen und zur systematischen Zerschlagung des Gesundheitssektors geführt hat – Folgen einer „bewussten Absicht, Geburten unter Palästinenser*innen zu verhindern, was die rechtlichen Kriterien der Völkermordkonvention erfüllt“, so die Forscher*innen.
Aufbauend auf früheren Erkenntnissen des PHRI stellen die Berichte die Aussagen von Frauen neben Gesundheitsdaten und Feldberichten und dokumentieren „2 600 Fehlgeburten, 220 schwangerschaftsbedingte Todesfälle, 1 460 Frühgeburten, über 1 700 untergewichtige Neugeborene und über 2 500 Säuglinge, die eine neonatologische Intensivpflege benötigten“ zwischen Januar und Juni 2025.
„Diese Zahlen stellen eine schockierende Verschlechterung gegenüber der ‚Normalität‘ vor dem Krieg dar und sind die direkte Folge von Kriegstraumata, Hunger, Vertreibung und dem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung für Mütter“, so Lama Bakri von PHRI.
Das Gesundheitssystem in Gaza wurde seit Oktober 2023 systematisch zerstört. Israelische Militäroperationen haben wiederholt Krankenhäuser, Krankenwagen und medizinisches Personal angegriffen, während die Belagerung und anhaltende Bombardierungen die Versorgungswege unterbrochen und die Bewegungsfreiheit zwischen den Einrichtungen eingeschränkt haben, was den Zusammenbruch des öffentlichen Gesundheitswesens in dem Gebiet noch weiter beschleunigt hat.
Israel behauptet, dass die Hamas Krankenhäuser als Unterschlupf für ihre Kämpfer genutzt habe, aber solche Behauptungen wurden nie durch eindeutige Beweise untermauert.
Infolgedessen sind Mütter in Gaza zu unvorstellbaren Entscheidungen gezwungen und gefährden regelmäßig ihre eigene Gesundheit und ihr Überleben, um die grundlegendsten Bedürfnisse ihrer Kinder zu stillen. Da die Versorgung von Müttern und Neugeborenen durch Treibstoffknappheit, blockierte medizinische Lieferungen, Massenvertreibungen und unerbittliche Bombardierungen zusammengebrochen ist, ist das Leben in überfüllten Zeltlagern die einzige verbleibende Option.
„Diese Bedingungen gefährden sowohl Mütter als auch ihre ungeborenen Babys, Neugeborene und gestillte Säuglinge und werden Folgen für Generationen haben, die Familien dauerhaft verändern“, so Bakri, Psychologin und Projektmanagerin bei PHRI.
UN Women schätzt, dass in den ersten sechs Monaten des Krieges mehr als 6 000 Mütter getötet wurden, durchschnittlich zwei pro Stunde. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) wurden schätzungsweise 150 000 schwangere Frauen und stillende Mütter gewaltsam vertrieben, während Daten des palästinensischen Gesundheitsministeriums zeigen, dass seit dem 7. Oktober 391 Frauen eine Amputation der oberen oder unteren Gliedmaßen erlitten haben, von insgesamt 4 500 Fällen. In den ersten Monaten des Jahres 2025 wurden 17 000 Geburten registriert, was einem Rückgang von 41 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2022 entspricht.
„Über die Zahlen hinaus werden in diesem Bericht die Frauen selbst, ihre Stimmen, ihre Entscheidungen und ihre Lebensrealitäten deutlich, die mit unmöglichen Dilemmata konfrontiert sind, die Statistiken allein nicht vollständig erfassen können“, so Bakri.
Masara Khamis al-Sakahfi, 32, aus Rafah, erzählt: „Ich war schockiert, als ich erfuhr, dass ich schwanger war. Während der Schwangerschaft litt ich sehr; ich verbrachte mehr Zeit in Krankenhäusern als im Lager. Ich hatte starke Schmerzen und Infektionen, und es gab einen Mangel an Vitaminen und Nahrungsmitteln … Ich habe sehr gelitten; die Wehen setzten ein und hörten dann plötzlich wieder auf, weil ich Angst vor den Luftangriffen hatte. Ich erstarrte und die Wehen hörten auf.“
Sarah al-Daour, eine 26-jährige Mutter von drei Kindern aus Jabalia, die an einer Herzerkrankung leidet, befand sich am 7. Oktober 2023 im al-Shifa-Krankenhaus, wo sie nach der Entbindung aufgrund einer Infektion aufgenommen wurde. Ihre neugeborene Tochter wurde auf die Neugeborenenstation verlegt. Nach ihrer Entlassung kehrte al-Daour in das Haus ihrer Eltern am Stadtrand von Beit Lahia zurück, wo Verwandte sie ins Haus tragen mussten, da sie nicht mehr gehen konnte. Ihr Zustand verschlechterte sich später und sie wurde zurück ins Krankenhaus gebracht, wo sie sich einer weiteren Operation unterziehen musste. Anschließend wurde sie unter Beschuss und Granatenfeuer in das Haus ihrer verstorbenen Schwägerin in al-Fakhoura evakuiert. Ihre Schwägerin, Aya Naif al-Mashrafi, eine Krankenschwester im al-Awda-Krankenhaus, die sie gepflegt hatte, wurde zusammen mit ihren Kindern und 35 weiteren Familienmitgliedern getötet. „Es war sehr schwierig“, so al-Daour. „Ich habe jedes Mal sehr gelitten, wenn wir wegen meiner Erkrankung gezwungen waren, unsere Unterkunft zu wechseln.“
Der Bericht beleuchtet nicht nur die Tötung von Frauen und Neugeborenen, sondern auch die darin beschriebene Absicht, die palästinensische Bevölkerung demografisch zu schwächen, indem Angriffe durchgeführt werden, die darauf abzielen, ihre Fähigkeit zur Fortpflanzung als Gemeinschaft zu zerstören.
Insbesondere untersuchten die Wissenschaftler*innen dabei Israels Angriff auf die IVF-Klinik al-Basma im Dezember 2023, das größte Fertilitätszentrum im Gazastreifen, bei dem schätzungsweise 5 000 Fortpflanzungszellen zerstört wurden und die zwischen 70 und 100 IVF-Behandlungen pro Monat eingestellt werden mussten.
Die unabhängige internationale Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass der Angriff vorsätzlich war und direkt auf das Fortpflanzungspotenzial der Palästinenser*innen abzielte, was der Bericht als schwerwiegenden Verstoß gegen das Völkerrecht bezeichnet. Eine UN-Kommission hat die Auswirkungen auf das Recht auf reproduktive Gesundheit als einen der Gründe angeführt, um Israels Handlungen als Völkermord zu deklarieren.
„Gewalt gegen die Reproduktionsfähigkeit stellt einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar; wenn sie systematisch und mit der Absicht der Vernichtung ausgeübt wird, fällt sie unter die Definition von Völkermord im Sinne der Völkermordkonvention“, heißt es in dem Bericht. „Die Zerstörung der Mütterpflege in Gaza spiegelt die absichtliche Schaffung von Lebensbedingungen wider, die darauf abzielen, das palästinensische Volk ganz oder teilweise zu vernichten.“
Das israelische Militär reagierte vor der Veröffentlichung nicht auf eine Bitte um Stellungnahme. Nach der Veröffentlichung erklärte die israelische Armee, sie „verurteile die erhobenen Vorwürfe. Sie spiegeln nicht die Realität vor Ort wider und basieren nicht auf Fakten.“
In ihrer Erklärung fügte die israelische Armee hinzu: „Die israelische Armee hat niemals Frauen gezielt angegriffen und wird dies auch niemals tun, im Gegensatz zur Terrororganisation Hamas, die während des Angriffs vom 7. Oktober Frauen ermordet, vergewaltigt und entführt hat.“ Sie erklärte, dass die israelische Armee und COGAT, die Abteilung des israelischen Verteidigungsministeriums, die den Zugang zum Gazastreifen kontrolliert, während des gesamten Krieges „daran gearbeitet haben, humanitäre Hilfe für den Gazastreifen zu ermöglichen, darunter medizinische Hilfe im Allgemeinen und Hilfe für Frauen und Mütter im Besonderen“. Die israelische Armee bezweifelte die Zahlen in dem Bericht und erklärte: „Die israelische Armee ist bestrebt, Schäden für die Zivilbevölkerung während operativer Aktivitäten zu minimieren.“
Unterdessen sterben in Gaza trotz des im Oktober letzten Jahres in Kraft getretenen Waffenstillstands weiterhin Kinder. Ein Sprecher von Unicef, James Elder, sagte, dass seit dem Waffenstillstand mehr als 100 Kinder in dem Gebiet getötet worden seien. „Wir sind jetzt bei sechs Kindern angelangt, die allein in diesem Winter an Unterkühlung gestorben sind“, so Elder.
Das Leben in Gaza bleibt prekär. Die Luftangriffe und Schusswechsel haben zwar nachgelassen, aber sie haben nicht aufgehört. Gleichzeitig haben die jüngsten Stürme die Krise verschärft und Todesfälle und Überschwemmungen in den bereits überfüllten Flüchtlingslagern verursacht.
Starke Winterwinde haben am Dienstag die Wände von notdürftigen Zelten für vertriebene Palästinenser*innen zum Einsturz gebracht und dabei mindestens vier Menschen getötet. Bei den Toten handelte es sich um zwei Frauen, ein Mädchen und einen Mann, wie Mitarbeiter des Al-Shifa-Krankenhauses, dem größten Krankenhaus in Gaza-Stadt, das die Leichen aufgenommen hatte, mitteilten. Das Gesundheitsministerium in Gaza teilte am Dienstag mit, dass ein einjähriger Junge in der Nacht erfroren ist.
Vollständige Berichte:
Physicians for Human Rights und Global Human Rights Clinic at the University of Chicago Law School
Jänner 2026
Physicians for Human Rights Israel
Jänner 2026




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