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Neuer Bericht der Vereinten Nationen: „Das Wesen der Kindheit wurde zerstört“: Israels gezielte Angriffe auf palästinensische Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten seit 7. Oktober 2023

  • vor 1 Stunde
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„Löscht Gaza aus. Nichts anderes wird uns zufriedenstellen. Es ist nicht hinnehmbar, dass wir eine terroristische Autorität direkt neben Israel dulden. Lasst kein Kind dort zurück – vertreibt am Ende alle verbleibenden, damit sie nicht wiederauferstehen können.“

Nissim Vaturi, Mitglied der Knesset und stellvertretender Sprecher der Knesset, 9. Oktober 2023

 

 


„Es gibt keine Gleichheit mit den Kindern aus Gaza [im Vergleich zu israelischen Kindern]. Die Kinder in Gaza haben [ihren eigenen Tod] selbst verschuldet.“ 

Merav Ben-Ari, Knesset-Abgeordnete, 16. Oktober 2023

 

 


Ihr werdet sterben, eure Kinder werden sterben, eure Enkelkinder werden sterben – es wird keinen palästinensischen Staat geben, den wird es nicht geben.“ 

Hanoch Milwidsky, Knesset-Abgeordneter, am 21. Februar 2024

 

 


„Gaza ist voller Terroristen, und jedes dort geborene Kind ist bereits vom Moment seiner Geburt an ein Terrorist.“

Nissim Vaturi, Mitglied der Knesset und stellvertretender Sprecher der Knesset, 30. Januar 2025

 

 


„Jedes Kind, jedes Baby in Gaza ist ein Feind. Der Feind ist nicht die Hamas, und es ist auch nicht der militärische Flügel der Hamas … Jedes Kind in Gaza ist der Feind. Wir müssen Gaza erobern und kolonisieren und kein einziges Kind aus Gaza dort zurücklassen. Es gibt keinen anderen Sieg.“

Moshe Feiglin, ein rechtsextremer Politiker und ehemaliges Likud-Mitglied der israelischen Knesset, in einem Interview mit dem israelischen Sender Channel 14, Mai 2025

 

 


„Ich bin derjenige, der Ihren Sohn erschossen hat. So Gott will, wird er sterben.“

Ein israelischer Soldat zu einem Vater, dessen Sohn am 28. Jänner 2025 in Tulkarem angeschossen und schwer verletzt wurde. Das 10-jährige Kind starb eine Woche später im Krankenhaus. (Protokolliert und aufgezeichnet im UN-Bericht „Das Wesen der Kindheit wurde zerstört“: Israels gezielte Angriffe auf palästinensische Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten seit dem 7. Oktober 2023“, 23. Juni 2026)

 

 


„Das überwältigende Ausmaß und die hohe Zahl der in Gaza getöteten und verletzten Kinder sind im Vergleich zu modernen Konflikten weltweit beispiellos. Das Vorgehen Israels in Gaza seit dem 7. Oktober 2023 und dessen schädliche Folgen für Kinder haben UNICEF dazu veranlasst, den Gazastreifen als „den gefährlichsten Ort der Welt für Kinder“ einzustufen.“

Aus dem UN-Bericht  „Das Wesen der Kindheit wurde zerstört“: Israels gezielte Angriffe auf palästinensische Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten seit dem 7. Oktober 2023“, 23. Juni 2026

 

 


„In einigen Fällen hatten Eltern die Namen ihrer Kinder auf deren Körper geschrieben, damit die Kinder im Falle ihres Todes nicht namenlos sterben würden und die Kinder im Falle des Todes der Eltern identifiziert werden können.“

Aus dem UN-Bericht  „Das Wesen der Kindheit wurde zerstört“: Israels gezielte Angriffe auf palästinensische Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten seit dem 7. Oktober 2023, 23. Juni 2026




„In einem von der Kommission untersuchten Fall warfen israelische Soldaten zwischen dem 20. und 21. Dezember 2023 in Sheikh Radwan ohne jegliche Vorwarnung vier Handgranaten in ein Haus, in dem sich 30 Familienmitglieder aufhielten, und verletzten dabei einen fünfjährigen Jungen schwer, der unter anderem mehrere Verletzungen einschließlich einer Ausweidung des Bauchraums erlitt. Anschließend drangen die israelischen Streitkräfte gewaltsam in das Haus ein, erschossen acht Familienmitglieder, darunter die Eltern, und befahlen den Überlebenden, sich in eine nahegelegene Schule zu begeben. Die israelischen Streitkräfte leisteten den Verletzten keinerlei medizinische Hilfe und unterstützten sie auch nicht bei ihrer Evakuierung. Der Junge wurde mit schweren Verletzungen aus dem Haus zur Schule getragen. Dort verlor er das Bewusstsein, während er von einem Arzt behandelt wurde, der seine herausgetretenen Eingeweide mit Hilfe von Windeln wieder in den Bauch zurückführte und seinen Bauch mit Klebeband fixierte. Er wurde ins Al-Shifa-Krankenhaus gebracht, wo er allein operiert wurde. (…) Der Junge und sein überlebender sechsjähriger Bruder leiden infolge dieses Vorfalls unter schweren psychischen Schäden und Verhaltensänderungen, insbesondere da sie Zeugen der brutalen Erschießung ihrer Eltern durch die israelischen Streitkräfte wurden, darunter ihrer schwangeren Mutter, der in den Bauch und in die Brüste geschossen wurde, sowie ihres Vaters, dem in den Kopf geschossen wurde.“

Aus dem UN-Bericht  „Das Wesen der Kindheit wurde zerstört“: Israels gezielte Angriffe auf palästinensische Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten seit dem 7. Oktober 2023, 23. Juni 2026

 

 


„Der deutlichste Beweis ist der Einsatz einer Kombination aus Quadcoptern, Scharfschützengewehren und Drohnen. Die Quadcopter sind mit Wärmebildkameras ausgestattet, die dem Betrachter des Bildschirms anzeigen, ob es sich bei der abgebildeten Person um ein Kind oder einen Erwachsenen handelt. Auf Videos, die israelische Soldaten in den sozialen Medien hochgeladen haben oder die in israelischen Fernsehsendern zu sehen sind, ist zu sehen, wie sie stolz verkünden, dass es für sie wie ein Spiel sei. Sie können sich irgendwo hinsetzen und Palästinenser*innen erschießen, indem sie einfach auf den Bildschirm schauen. Für den Einsatz dieser Taktik werden sie von ihren Kommandanten gelobt. Zweitens stellen wir fest, dass diese Schussverletzungen gezielt auf den Kopf und den Hals – also die oberen Körperregionen – gerichtet sind, um maximalen Schaden anzurichten. So wurde beispielsweise einem zehn Tage alten Baby, das gerade gestillt wurde, in den Kopf geschossen. Die verwendeten Geschosse sind würfelförmig; sie dringen in den Körper ein – der Körper des Babys ist sehr klein – und wandern dann durch den Körper, wodurch sie maximalen Schaden an den inneren Organen anrichten. (...) Aus diesen Tendenzen lässt sich eindeutig erkennen, dass Kinder ganz gezielte Ziele der israelischen Streitkräfte sind.“

Srinivasan Muralidhar, Vorsitzender der UN-Untersuchungskommission, über den Bericht  „Das Wesen der Kindheit wurde zerstört“: Israels gezielte Angriffe auf palästinensische Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten seit dem 7. Oktober 2023, im Interview mit CNN, 26. Juni 2026




„Jede und jeder, die oder der seit Oktober 2023 in der israelischen Armee im Gazastreifen gedient hat, muss als Verdächtiger für die Begehung von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord angesehen werden.“

Chris Sidoti, einer der weltweit anerkanntesten Experten für internationales Menschenrechtsrecht und Mitglied der UN-Untersuchungskommission zu Palästina, UN-TV, 16. Juni 2026




„Ohne jede Vorwarnung erschütterten etwa vier oder fünf Explosionen die Vorderseite der Schule. Ich rannte nach draußen, um meinen dreijährigen Neffen zu suchen, dessen Eltern bei einem früheren Luftangriff ums Leben gekommen waren. Er lag blutüberströmt da, seine Beine waren abgetrennt, und er signalisierte mir mit beiden Händen, ich solle ihn hochheben und retten.“ 

Onkel eines dreijährigen Waisenjungen, der bei drei verschiedenen Angriffen schwer verletzt wurde; aufgezeichnet und dokumentiert im UN-Bericht  „Das Wesen der Kindheit wurde zerstört“: Israels gezielte Angriffe auf palästinensische Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten seit dem 7. Oktober 2023


 

 




UN-Bericht 


„Das Wesen der Kindheit wurde zerstört“: Israels gezielte Angriffe auf palästinensische Kinder in den besetzten palästinensischen Gebieten seit dem 7. Oktober 2023



Vollständiger Bericht in englischer Sprache, 94 Seiten, 23.06.2026



Auszüge aus dem Bericht:

 


IV. Körperliche Gewalt Israels gegen palästinensische Kinder (S.7f)

 

„Ihr werdet sterben, eure Kinder werden sterben, eure Enkelkinder werden sterben – es wird keinen palästinensischen Staat geben, es wird keinen geben.“

Hanoch Milwidsky, Abgeordneter der Knesset (Likud), am 21. Februar 2024

 

 

A. Kinderopfer infolge des Einsatzes explosiver Waffen durch Israel in bevölkerten Gebieten

 

26. Bis zum 7. Oktober 2023 war etwa die Hälfte der Bevölkerung des Gazastreifens unter 18 Jahre alt. Diese Kinder hatten ihr gesamtes Leben bereits unter der israelischen Blockade und Besatzung verbracht und mehrere Phasen von Feindseligkeiten und Traumata erlebt. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 7. Oktober 2025 wurden mindestens 20.179 Kinder getötet und 44.143 Kinder verletzt – als direkte Folge der Feindseligkeiten im Gazastreifen; dies entspricht 30 Prozent der Getöteten und 26 Prozent der Verletzten in diesem Zeitraum. Die Kommission stellt fest, dass der Anteil der getöteten Kinder im Vergleich zu früheren Eskalationen der Feindseligkeiten gestiegen ist; bei den Eskalationen der Jahre 2008–2009 und 2014 machten Kinder etwa 24 Prozent der konfliktbedingten Todesopfer aus.


27. Die in Gaza getöteten Kinder machen etwa zwei Prozent der 1,2 Millionen Kinder in Gaza im Oktober 2025 aus. Mindestens 5.031 Kinder unter fünf Jahren wurden in diesem Zeitraum getötet, darunter 1.029 Kinder unter einem Jahr und etwa 420 Neugeborene. Die Kommission stellt fest, dass die Zahl der durch die Feindseligkeiten im Gazastreifen getöteten und verletzten Kinder mit Sicherheit höher ist als die offizielle. Nach Schätzungen von „Save the Children“ liegen etwa 5.160 Kinder unter den Trümmern begraben.


28. Darüber hinaus wurde eine unbekannte Anzahl von Kindern in anonymen Gräbern beigesetzt, ohne dass ihr Tod registriert wurde, oder sie gelten schlichtweg als vermisst. Im Laufe des Zweijahreszeitraums schwankte die Zahl der Kinderopfer im Gazastreifen je nach Phase der Feindseligkeiten erheblich, was die Veränderungen hinsichtlich der Intensität, der geografischen Ausbreitung sowie der israelischen Militärstrategien und -operationen widerspiegelt – eine Zeitleiste der wichtigsten Ereignisse findet sich in Anhang I am Ende dieses Berichts. 


31. Die israelischen Militäroperationen im Gazastreifen waren durch den umfangreichen Einsatz von Sprengwaffen und schwerer Munition mit großflächiger Zerstörungskraft in Wohngebieten gekennzeichnet, was zur vollständigen Zerstörung von Wohnvierteln führte. Der umfangreiche Einsatz solcher Waffen im Gazastreifen hatte erhebliche Auswirkungen auf die Zahl der Kinderopfer. Untersuchungen zeigen, dass Kinder aufgrund ihrer physiologischen Anfälligkeit – d. h. einer proportional größeren Körperoberfläche, biegsamerer Knochen, kleinerer Gliedmaßen und dünnerer Haut – siebenmal häufiger an den Folgen von Sprengwaffen sterben als Erwachsene. Aufgrund ihrer geringeren Größe und ihres geringeren Gewichts sind Kinder zudem einem höheren Risiko ausgesetzt, durch die Wucht von Explosionen weggeschleudert zu werden. Explosionsverletzungen führen bei jüngeren Kindern häufiger zum Tod als bei älteren Kindern, wie aus der Altersaufschlüsselung der Todesfälle unter Kindern im Gazastreifen hervorgeht.


32. Israelische Luftangriffe im Gazastreifen haben ganze Familien ausgelöscht. Am 23. Mai 2025 trafen in Khan Yunis zwei israelische Luftangriffe ein Wohnhaus, wobei neun von zehn Kindern sowie der Vater getötet wurden. Beide Elternteile waren Ärzte. Das einzige überlebende Kind, ein 11-jähriger Junge, wurde schwer verletzt und zusammen mit seiner Mutter zur medizinischen Versorgung evakuiert. Israelische Streitkräfte gaben Berichten zufolge an, den Vorfall zu untersuchen; der Kommission sind jedoch keine Ergebnisse dieser Untersuchung bekannt.


33. Die Tötung und Verwundung von Kindern setzte sich auch während vorübergehender Kampfpausen fort, was deutlich machte, dass es bei jeder Kampfpause wiederholt versäumt wurde, die Schwächsten zu schützen. So beendete Israel beispielsweise am 18. März 2025 die Kampfpause, indem es ohne vorherige Warnung eine Reihe von Luftangriffen über den gesamten Gazastreifen flog, bei denen bis zu den Mittagsstunden mindestens 170 Kinder getötet wurden. Zwischen dem 18. und 31. März 2025 kamen bei Luftangriffen, Bombardements und Bodenoperationen der israelischen Streitkräfte mindestens 322 Kinder ums Leben und 609 Kinder wurden verletzt, was allein in einem Zeitraum von zwei Wochen einem Tagesdurchschnitt von mindestens 100 getöteten oder verletzten palästinensischen Kindern entspricht.


34. Im Januar 2025 warnte der Minenräumdienst der Vereinten Nationen (UNMAS), dass zwischen fünf und zehn Prozent der in Gaza eingesetzten israelischen Munition nicht detoniert sei und somit sehr große Mengen an Blindgängern inmitten von mindestens 61 Millionen Tonnen Schutt und Trümmern zurückblieben. Nicht explodierte Kampfmittel sind für Kinder besonders tödlich, da sie naiver und neugieriger sind als Erwachsene und die Gefahr oft nicht erkennen können. In einem Fall dokumentierte die Kommission einen Vorfall am 24. Oktober 2025, bei dem siebenjährige Zwillinge – ein Mädchen und ein Junge – durch ein nicht explodiertes Kampfmittel schwer verletzt wurden, nachdem sie es in der Nähe ihres Hauses in Gaza-Stadt für ein Spielzeug gehalten hatten. Die Zwillinge wurden ins Al-Shifa-Krankenhaus eingeliefert, wo dem Jungen die rechte Hand amputiert werden musste, während das Mädchen eine Beinfraktur erlitt, die zum Verlust des Beins führen könnte. Ein Arzt beschrieb ihre Verletzungen als „lebensbedrohlich“.


35. Das überwältigende Ausmaß und die hohe Zahl der in Gaza getöteten und verletzten Kinder sind im Vergleich zu modernen Konflikten weltweit beispiellos. Das Vorgehen Israels in Gaza seit dem 7. Oktober 2023 und dessen schädliche Folgen für Kinder haben UNICEF dazu veranlasst, den Gazastreifen als „den gefährlichsten Ort der Welt für Kinder“ einzustufen.


36. Am 10. Oktober 2025 trat ein Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und der Hamas in Kraft – die dritte Waffenruhe seit Beginn der Feindseligkeiten (die erste dauerte vom 24. bis zum 30. November 2023, die zweite vom 19. Januar bis zum 18. März 2025). Die Feindseligkeiten wurden nicht eingestellt, sondern lediglich reduziert. Die Tötung und Verwundung von Palästinenser*innen, darunter auch Kinder, hörte nicht auf. Laut UNICEF waren bis zum 13. Januar 2026 seit Anfang Oktober 2025 mehr als 100 Kinder (mindestens 60 Jungen und 40 Mädchen) getötet worden, während Hunderte weitere verletzt worden waren. Am 10. Dezember 2025 wurde ein 16-jähriger Junge aus dem Lager Jabalia von israelischen Soldaten erschossen; anschließend überfuhr ihn ein israelischer Panzer und verstümmelte seinen Körper.


42. In einem von der Kommission untersuchten Fall warfen israelische Soldaten zwischen dem 20. und 21. Dezember 2023 in Sheikh Radwan ohne jegliche Vorwarnung vier Handgranaten in ein Haus, in dem sich 30 Familienmitglieder aufhielten, und verletzten dabei einen fünfjährigen Jungen schwer, der unter anderem mehrere Verletzungen einschließlich einer Ausweidung des Bauchraums erlitt. Anschließend drangen die israelischen Streitkräfte gewaltsam in das Haus ein, erschossen acht Familienmitglieder, darunter die Eltern, und befahlen den Überlebenden, sich in eine nahegelegene Schule zu begeben. Die israelischen Streitkräfte leisteten den Verletzten keinerlei medizinische Hilfe und unterstützten sie auch nicht bei ihrer Evakuierung. Der Junge wurde mit schweren Verletzungen aus dem Haus zur Schule getragen. Dort verlor er das Bewusstsein, während er von einem Arzt behandelt wurde, der seine herausgetretenen Eingeweide mit Hilfe von Windeln wieder in den Bauch zurückführte und seinen Bauch mit Klebeband fixierte. Er wurde ins Al-Shifa-Krankenhaus gebracht, wo er allein operiert wurde. Später wurde der Junge aus Gaza medizinisch evakuiert und unterzog sich acht Operationen; im Dezember 2025 waren noch drei weitere erforderlich. Der Junge leidet seitdem an einer dauerhaften Behinderung an einem Bein und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Junge und sein überlebender sechsjähriger Bruder leiden infolge dieses Vorfalls unter schweren psychischen Schäden und Verhaltensänderungen, insbesondere da sie Zeugen der brutalen Erschießung ihrer Eltern durch die israelischen Streitkräfte wurden, darunter ihrer schwangeren Mutter, die in den Bauch und die Brüste geschossen wurde, sowie ihres Vaters, der in den Kopf geschossen wurde. Die Kommission stellt fest, dass israelische Soldaten der 162. Division, insbesondere der 401. Brigade und der Shayetet 13, zum Zeitpunkt dieses Vorfalls in dem Gebiet im Einsatz waren.


43. Eine Reihe von Gesundheitsmitarbeiter*innen hat der Kommission berichtet, dass Kinder innere Verletzungen erlitten haben, darunter Organrisse, Prellungen und innere Blutungen, ohne dass äußere Anzeichen an den Körpern erkennbar waren, was es dem medizinischen Personal erschwerte, die Ursache der Verletzungen oder des Todes sowie das tatsächliche Ausmaß der Schäden zu erkennen. Sie wiesen zudem darauf hin, dass sie Verletzungen von ungewöhnlicher Schwere beobachtet hätten, deren Behandlung in Gaza außerordentlich komplex sei und die lebenslange Folgen nach sich ziehen würden. Dazu zählen traumatische Hirn- und Rückenmarksverletzungen, Knochenbrüche und ausgedehnte Verbrennungen. Verletzungen bei Kindern haben zudem zu schwerwiegenden Seh- und Hörverlusten geführt. Kinder leiden unter traumatischen Augenverletzungen, darunter Netzhautablösungen, was zu dokumentierten Fällen von teilweiser oder vollständiger Erblindung und schwerer Sehbehinderung geführt hat. Eine Studie von „Children Not Numbers“ (CNN) ergab, dass 48 Prozent der Fälle von Sehbehinderungen durch traumatische Verletzungen verursacht wurden, die nicht diagnostiziert, nicht behandelt und irreversibel waren. Ebenso leiden Kinder unter sensorineuralem Hörverlust aufgrund der ständigen Belastung durch „ohrenbetäubende Geräusche“ von Explosionen und Beschuss sowie durch direkte Verletzungen. Stand Juni 2025 leiden schätzungsweise 10.000 Kinder in Gaza an Hörverlust, wobei 5.000 einen schweren Hörverlust aufweisen, der in erster Linie auf Verletzungen zurückzuführen ist, wodurch sie Evakuierungsbefehle oder Warnungen vor Angriffen nicht hören können.


44. Traumatische Verletzungen haben zudem zu komplexen Wunden an den Gliedmaßen geführt, die eine Amputation erforderlich machten. Innerhalb der ersten drei Monate der israelischen Angriffe (Oktober–Dezember 2023) berichtete UNICEF, dass über 1.000 Kindern ein oder mehrere Gliedmaßen amputiert worden waren.55 Im Dezember 2024 erklärte der UN-Generalsekretär, dass Gaza „die weltweit höchste Zahl an Kindern mit Amputationen pro Kopf“ aufweise – „viele von ihnen verloren Gliedmaßen und mussten sich Operationen unterziehen, ohne dass sie überhaupt betäubt wurden“. In einem Fall amputierte beispielsweise am 19. Dezember 2023 ein palästinensischer Arzt seiner 17-jährigen Nichte, die bei einem Luftangriff verletzt worden war, das Bein – mit Haushaltsutensilien und ohne Betäubung. Da das Viertel von israelischen Panzern und Militärfahrzeugen umzingelt war, konnte die Familie das Mädchen nicht in ein Krankenhaus bringen, und sie musste zu Hause operiert werden. In Interviews mit den Medien sagte das Mädchen: „Sie stellten einen Eimer unter mich, schalteten Taschenlampen ein, um die Arterien zu sehen, und dann schnitt er mir ohne Betäubung das Bein ab.“


45. Bis zum 5. April 2025 verzeichnete das Gesundheitsministerium in Gaza etwa 846 Fälle von Kindern mit Amputationen, was fast 18 Prozent der insgesamt 4.700 registrierten Amputationsfälle ausmachte.5 Die Kommission untersuchte mehrere Amputationsfälle, darunter den Fall eines dreijährigen Jungen, der bei einem Angriff auf eine UNRWA-Schule im November 2023 beide Beine verlor. Ärzt*innen teilten der Kommission mit, dass der Junge für den Rest seines Lebens auf einen Rollstuhl oder Prothesen angewiesen sein wird, sofern er diese erhalten kann. Seine Eltern und sein jüngerer Bruder waren im Oktober 2023 getötet worden. Ärzt*innen teilten der Kommission mit, dass Kinder mit Amputationen im Durchschnitt acht bis zwölf Operationen benötigen, bevor sie das Erwachsenenalter erreichen, um ein ordnungsgemäßes Wachstum der Gliedmaßen zu ermöglichen; ein solches Niveau an kinderchirurgischer Versorgung ist in Gaza jedoch nicht verfügbar, da Israel Gesundheitseinrichtungen zerstört hat, einschließlich des Zugangs zu Prothesen, akuten Rehabilitationsleistungen und regelmäßigen Nachsorgeuntersuchungen.


46. Vor Oktober 2023 lebten in Gaza 90.000 Kinder mit einer Behinderung. Der UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen (CRPD) schätzte, dass zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 3. September 2025 mindestens 21.000 Kinder in Gaza neu behindert wurden und etwa 40.500 Kinder „kriegsbedingte Verletzungen“ erlitten.


47. Kinder mit Behinderungen sind infolge der israelischen Angriffe besonders gefährdet und leiden zudem unter dem Zusammenbruch grundlegender Versorgungsdienste, einschließlich der Gesundheitsversorgung. Viele Kinder mit Behinderungen hatten aufgrund der israelischen Blockade keinen Zugang zu Hilfsmitteln wie Rollstühlen, Hörgeräten, Batterien und anderen Hilfsmitteln, was ihre Fähigkeit beeinträchtigte, sich sicher in Sicherheit zu bringen und mit den extremen Lebensbedingungen zurechtzukommen. Darüber hinaus haben die Feindseligkeiten mehreren Berichten zufolge bereits bestehende Behinderungen und Erkrankungen der Kinder verschlimmert, was zu einem Funktionsverlust und erhöhter Abhängigkeit geführt hat, während die Blockade von Versorgungsgütern und die daraus resultierenden eingeschränkten Dienstleistungen die Gefährdung erhöht und den Zugang zu angemessener Versorgung und Unterstützung behindert haben.

 

 

B. Gezielte Angriffe der israelischen Streitkräfte auf Kinder im Gazastreifen

 

„Aufgrund der Häufung von Verletzungen und der gezielt getroffenen Körperteile gehe ich davon aus, dass die israelischen Soldaten bewusst auf männliche Jugendliche geschossen haben, als wäre es ein Schießspiel – wobei an verschiedenen Tagen jeweils ein anderes Körperteil ins Visier genommen wurde … Es gibt ein sehr deutliches Muster, das darauf hindeutet, dass es sich um gezielte Schüsse auf verschiedene Körperteile [von Kindern] handelt.“ 

Ein Arzt, der im Rahmen einer medizinischen Mission den Gazastreifen besucht hat.

 

48. Die Kommission hat Fälle untersucht und dokumentiert, die ein konsistentes Muster belegen, wonach Kinder von den israelischen Streitkräften im Gazastreifen gezielt ins Visier genommen wurden. Dazu gehören Fälle, in denen Kinder erschossen wurden, während sie versuchten, mit ihren Familien zu fliehen, sowie an Zufluchtsorten wie Vertriebenenlagern, Lebensmittelausgabestellen oder anderen Orten im gesamten Gazastreifen. Die Kommission hat Videos, Fotos und medizinische Berichte, einschließlich CT-Aufnahmen, gesammelt, analysiert und gesichert sowie Untersuchungsberichte mehrerer unabhängiger Stellen geprüft. Die Kommission hat zudem zahlreiche Zeug*innen, darunter medizinisches Fachpersonal, befragt und bei der Analyse zwei unabhängige Gerichtsmediziner hinzugezogen.

 

Aussagen von medizinischem Fachpersonal und visuelle Beweise


63. Die Kommission befragte insgesamt 17 Ärzt*innen, die zwischen dem 7. Oktober 2023 und Juli 2025 in verschiedenen Krankenhäusern im Gazastreifen im Einsatz waren und von einem einheitlichen Muster berichteten, wonach sie Kinder mit einzelnen Schussverletzungen aufnahmen, die entweder von Quadcoptern oder von Scharfschützen verursacht worden waren. Die Tötung eines Kindes durch eine einzelne Schusswunde deutet auf ein hohes Maß an Präzision bei der Anwendung von Gewalt hin, was darauf hindeutet, dass der Schuss sorgfältig gezielt abgegeben wurde und nicht zufällig oder das Ergebnis wahllosen Feuers war. In solchen Fällen deutet dieses Muster auf eine gezielte Attacke auf das kindliche Opfer hin, insbesondere wenn die Umstände nicht auf Kreuzfeuer oder andere Kampfhandlungen hindeuten.


64. Die Ärzt*innen berichteten, dass sie eine beträchtliche Anzahl von Kindern behandelt hätten, die infolge von Schüssen aus Handfeuerwaffen Schussverletzungen im Oberkörperbereich erlitten hatten, jedoch keine Splitterverletzungen aufwiesen. Ein Arzt, der im European Gaza Hospital tätig war, unterschied zwischen zwei Arten von Wunden – kleinen Kugeln mit sehr kleinen Eintritts- und Austrittswunden, die im Körper der Kinder schwer zu lokalisieren waren, wobei die Opfer häufig Lungenkollaps, durchtrennte Gefäße und Nerven aufwiesen; und Hochgeschwindigkeitskugeln aus Gewehren, die kleine Eintritts-, aber große Austrittswunden hinterließen. In einem vom Arzt angeführten Beispiel wurde ein Junge mit einer Schusswunde am Kopf ins Krankenhaus eingeliefert. Die Kugel drang nahe am Ohr des Jungen ein und trat durch den Kiefer aus, der vollständig zerstört war. Der Junge befand sich in Begleitung seines Vaters, der völlig unverletzt war, was darauf hindeutet, dass das Kind wahrscheinlich von einem Scharfschützen ins Visier genommen worden war. Ärzt*innen berichteten der Kommission, dass sie Kinder mit Verletzungen aufgenommen hätten, die durch Quadcopter verursacht worden waren. Eine Ärztin schätzte, dass sie innerhalb von zwei Wochen nach ihrem Einsatz in einem Krankenhaus etwa fünf Kinder gesehen habe, die von Quadcoptern angeschossen worden waren. Quadcopter schweben dicht über ihren Zielen, sodass die Bediener*innen mithilfe hochauflösender Kameras mit Nachtsichtfunktion vor dem Abfeuern genau erkennen können, auf wen sie zielen – was auf gezielte Angriffe hindeutet.


65. Ärzt*innen legten der Kommission Fotos, Videos, CT-Aufnahmen und Röntgenbilder von 17 Kindern vor, die angeschossen worden waren. Es handelte sich um acht Jungen, acht Mädchen und ein Kind mit unbestimmtem Geschlecht im Alter von drei bis 16 Jahren. Die Kommission führte in 15 der 17 Fälle eine unabhängige forensische Analyse durch (die Fälle zweier Jungen wurden nicht untersucht – in einem Fall reichten die Beweise für eine Analyse nicht aus, und im anderen Fall waren die Videoaufnahmen so eindeutig, dass eine forensische Analyse als unnötig erachtet wurde), die bestätigte, dass in 12 der 15 Fälle die Verletzungen mit einem einzigen Schuss vereinbar waren.


66. In einem Fall wurden zwei 16-jährige Cousinen in ein Krankenhaus gebracht, die jeweils einen einzigen Schuss in den Kopf erhalten hatten. Ein begleitendes Familienmitglied teilte dem behandelnden Arzt mit, dass die Mädchen von einem Quadcopter angeschossen worden seien, während sie im August 2024 an einer Hochzeitsfeier in einem Zelt in Khan Younis teilnahmen. Die Mädchen starben kurz nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus. Der Arzt stellte fest, dass die Mädchen aufgrund von Schussverletzungen am Gehirn deutliche Schwellungen an den Augen aufwiesen, die zu einer Entleerung der Augenhöhlen geführt hatten. Zwei unabhängige Gerichtsmediziner bestätigten die Todesursache.


67. In einem zweiten Fall wurde im August 2024 ein 14-jähriger Junge bereits tot in den Nasser Medical Komplex eingeliefert; in seiner Brust und seinem Becken steckten kleine Geschosse. Nach Angaben des Arztes erzeugten die kleinen, würfelförmigen Schrotkugeln einen tunnelartigen Effekt, der mehrere innere Organe traf und eine „Herztamponade“ sowie einen „Sprüh-Effekt“ verursachte, der tief in den Körper eindrang und Blutungen in den inneren Organen des Jungen hervorrief. Unabhängige forensische Patholog*innen bestätigten, dass der Junge mindestens zehn Verletzungen mit einem Durchmesser von etwa 0,5 cm aufwies, die einen quadratischen Abdruck oder eine dreieckige Eintrittswunde aufwiesen. Diese Art von Wunde ist untypisch für nicht gerundete Geschosse mit geraden oder scharfen Kanten, entspricht jedoch den Eintrittswunden eines Projektils aus einer kleinkalibrigen Schusswaffe. Sie kamen zu dem Schluss, dass der Junge wahrscheinlich an einem hypovolämischen Schock, Blutungen sowie Lungen- und Gefäßverletzungen starb, die dadurch verursacht wurden, dass die Schrotkugeln wichtige Arterien im Körper trafen. Die verwendete Munition scheint darauf ausgelegt zu sein, schwere innere Verletzungen zu verursachen, und kann zu übermäßigen Verletzungen oder unnötigem Leiden führen. Der Einsatz solcher Munition ist nach dem Völkergewohnheitsrecht verboten und kann ein Kriegsverbrechen darstellen.


68. Die Kommission dokumentierte einen weiteren Fall, in dem ein achtjähriger Junge mit einer einzelnen Schusswunde am Gesäß im Al-Aqsa-Krankenhaus eingeliefert wurde. Die Familie des Jungen berichtete dem Arzt, dass der Junge am 10. Dezember 2024 beim Spielen vor ihrer Behausung im Flüchtlingslager Bureij angeschossen wurde. Die Kugel traf sein rechtes Gesäß, durchschlug seine Bauchhöhle und blieb in der vorderen Mitte der Bauchdecke stecken. Der Kommission wurde mitgeteilt, dass während der Operation eine 3 cm große Kugel aus dem Bauch des Jungen entfernt wurde. Die Kommission geht davon aus, dass der Junge von einer .338 Lapua Magnum-Patrone getroffen wurde, die aus einem israelischen Scharfschützengewehr vom Typ Dan im Kaliber .338 abgefeuert wurde. Die Kommission stellt fest, dass die 99. Division der israelischen Streitkräfte zum Zeitpunkt des Vorfalls in dem Gebiet im Einsatz war.


69. Der Kommission liegen zudem Berichte über weitere 168 Kinder (98 Jungen, 53 Mädchen und 17 Kinder mit unbekanntem Geschlecht im Alter von 10 Wochen bis 16 Jahren) vor, die zwischen dem 9. November 2023 und dem 16. Juli 2025 Schussverletzungen erlitten haben. Von diesen 168 Kindern wurden mindestens 88 durch Schüsse getötet. Mindestens 70 der 168 Kinder wurden von Quadcoptern beschossen, mindestens 20 von Scharfschützen. Einige der Kinder wurden von Panzerkanonen getroffen. Mindestens 73 der 168 Kinder wurden in den Kopf geschossen, 22 in die Brust; die übrigen erlitten Schussverletzungen an anderen Körperteilen.


70. Mehrere Ärzt*innen berichteten der Kommission zudem, dass sie nach Mai 2025 Kinder mit Schussverletzungen behandelt hätten, die von Scharfschützen und Drohnen verursacht worden waren, während diese auf dem Weg zu den Hilfsstandorten der Gaza Humanitarian Foundation (GHF) waren oder sich dort aufhielten. Israelische Soldaten haben zugegeben, unbewaffnete Palästinenser*innen, darunter auch Kinder, an GHF-Standorten erschossen zu haben. Ein GHF-Lkw-Fahrer, der sieben Wochen in Gaza verbracht hatte, berichtete: „Gegen 1 Uhr morgens rannten ein paar Teenager einfach davon; zwei [israelische] Soldaten rannten ihnen hinterher, gaben zwei Schüsse ab, und die beiden Köpfe knickten einfach nach hinten und fielen zu Boden.“ Ein anderer Soldat sagte: „Offensichtlich haben sie einen leichten Finger am Abzug.“ Die Kommission dokumentierte zahlreiche Berichte, darunter auch von internationalen Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen (MSF) und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), wonach Kinder an GHF-Standorten erschossen wurden.

 

Darstellung palästinensischer Kinder als „Terrorist*innen“ und Geständnisse israelischer Soldaten, Kinder gezielt anzugreifen 


76. Die Kommission stellte fest, dass palästinensische Kinder im Gazastreifen von israelischen Amtsträgern in ihren Reden, Erklärungen und Äußerungen in der israelischen Knesset, in den Medien und in den sozialen Medien ausdrücklich als „Terrorist*innen“ dargestellt wurden. Am 9. Oktober 2023 veröffentlichte Nissim Vaturi, Mitglied der Knesset und stellvertretender Sprecher der Knesset, folgenden Beitrag in den sozialen Medien: „Löscht Gaza aus. Nichts anderes wird uns zufriedenstellen. Es ist nicht hinnehmbar, dass wir eine terroristische Autorität direkt neben Israel dulden. Lasst kein Kind dort zurück – vertreibt am Ende alle verbleibenden, damit sie nicht wiederauferstehen können.“ Am 30. Januar 2025 sagte er erneut: „Gaza ist voller Terroristen, und jedes dort geborene Kind ist bereits vom Moment seiner Geburt an ein Terrorist.“


77. Am 16. Oktober 2023 behauptete die Knesset-Abgeordnete Merav Ben-Ari im Parlament: „Es gibt keine Gleichheit mit den Kindern aus Gaza [im Vergleich zu israelischen Kindern]. Die Kinder in Gaza haben [ihren eigenen Tod] selbst verschuldet.“ 


79. Im Juli 2024 erklärte das israelische Knesset-Mitglied Amit Halevi, dass 300 palästinensische Babys auf der Entbindungsstation des belagerten Al-Shifa-Krankenhauses „allesamt geborene Terrorist*innen“ seien.


81. Moshe Feiglin, ein rechtsextremer Politiker und ehemaliges Likud-Mitglied der israelischen Knesset, sagte im Mai 2025 in einem Interview mit dem israelischen Sender Channel 14: „Jedes Kind, jedes Baby in Gaza ist ein Feind. Der Feind ist nicht die Hamas, und es ist auch nicht der militärische Flügel der Hamas … Jedes Kind in Gaza ist der Feind. Wir müssen Gaza erobern und kolonisieren und kein einziges Kind aus Gaza dort zurücklassen. Es gibt keinen anderen Sieg.“


85. In der ITVX-Dokumentation „Breaking Ranks: Inside Israel’s War“ bestätigten mehrere israelische Soldaten, die im Gazastreifen im Einsatz waren, dass sie ohne jede Zurückhaltung auf unbewaffnete Palästinenser*innen, darunter auch Kinder, geschossen hätten. Wie ein Soldat sagte: „Der erste Schuss geht direkt in den Kopf.“ Ein Soldat berichtete, er habe gesehen, wie Kinder in den Kopf geschossen wurden, und sagte: „Wir sahen zwei Teenager, die eine Art Karren schoben, und der erste Schuss ging direkt in den Kopf.“ Andere israelische Soldaten berichteten, dass ein Soldat gemäß der Ausbildung der israelischen Armee nur schießen darf, wenn das Ziel „über die Mittel verfügt, die Absicht zeigt und die Fähigkeit besitzt, Schaden anzurichten“; in Gaza halten sich israelische Soldaten jedoch nicht an diese Vorgabe. In Gaza werden Entscheidungen nicht durch Verfahren oder Vorschriften zum Schusswaffengebrauch bestimmt, sondern vielmehr durch die Einschätzung des Kommandanten vor Ort. Soldaten gaben zudem an, dass sie sich in Gaza keine Gedanken über das Völkerrecht machen, da sie davon ausgehen, vor Strafverfolgung geschützt zu sein. Die israelischen Streitkräfte scheinen von der Rhetorik israelischer Politiker und Amtsträger beeinflusst worden zu sein, die alle Palästinenser*innen als legitime Ziele darstellen – eine Denkweise, die sich in den Reihen der israelischen Armee durchgesetzt hat.


86. Die Kommission stellt ein weit verbreitetes Muster einer freizügigen Militärkultur fest, in der israelische Soldaten dazu ermutigt werden, palästinensische Kinder direkt ins Visier zu nehmen, unabhängig davon, ob Anweisungen von übergeordneten Kommandanten vorliegen oder nicht.

 

C. Tötung und Verstümmelung von Kindern durch die israelischen Streitkräfte im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem

 

87. Die israelischen Streitkräfte töteten zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 20. Oktober 2025 im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, 213 palästinensische Kinder (206 Jungen und sieben Mädchen). Die meisten dieser Tötungen fanden im Rahmen israelischer Militäroperationen in Jenin, Tulkarem, Tubas und Nablus, obwohl keine allgemeinen Feindseligkeiten herrschten. Die Kommission geht davon aus, dass die hohe Zahl getöteter Jungen eine Politik widerspiegelt, bei der Jungen gezielt ins Visier genommen werden, da sie als „Terroristen“ oder „zukünftige Terroristen“ wahrgenommen werden. Die Kommission stellt fest, dass palästinensische Jungen von den israelischen Streitkräften systematisch als eigenständige Gruppe ins Visier genommen werden, was einen geschlechtsspezifischen Ansatz widerspiegelt, der die palästinensische männliche Identität – selbst bei Kindern – mit einer Bedrohung in Verbindung bringt. Die gezielte Bekämpfung palästinensischer Jungen durch israelische Streitkräfte spiegelt eine Überschneidung von Alter und Geschlecht innerhalb der Einsatz- und Zielauswahlpraktiken des israelischen Militärs wider. Auch palästinensische Mädchen sind nicht sicher, da sie selbst in ihren eigenen Häusern in großem Umfang getötet und verletzt werden, was unterstreicht, dass es für palästinensische Kinder keinen sicheren Ort gibt.


89.  Am 25. September 2024 gegen 17:00 Uhr führten israelische Streitkräfte, darunter verdeckte Ermittler der Duvdevan-Einheit, im Dorf Anza südlich von Jenin eine Festnahmeaktion durch.  Zur gleichen Zeit hatte sich eine große Gruppe von Mädchen und Frauen in einem etwa 120 Meter entfernten Haus versammelt, um den Tod eines Familienmitglieds zu betrauern, der sich früher am selben Tag ereignet hatte. Die Mädchen und Frauen saßen schweigend im Hof, während jüngere Kinder vor ihnen spielten. Ohne jegliche Vorwarnung feuerten israelische Soldaten aus dem Haus des Verdächtigen mit scharfer Munition in Richtung der Mädchen und Frauen im Hof. Der Beschuss war heftig und wahllos und dauerte mit Unterbrechungen etwa 15 Minuten. Infolgedessen wurden zwei Mädchen (im Alter von neun und 15 Jahren) sowie eine 77-jährige Frau verletzt, und eine 34-jährige Frau wurde getötet. Die Opfer waren unbewaffnet und hatten nichts getan, was als Bedrohung hätte wahrgenommen werden können. Der Kommission liegen keine Berichte darüber vor, dass während des Beschusses weitere Personen getötet oder verletzt wurden. Die israelischen Streitkräfte behaupteten, lokale „Terroristen“ hätten schweres Feuer auf die Streitkräfte eröffnet, woraufhin diese mit Feuer reagierten, um die Bedrohung zu beseitigen. Die Kommission konnte jedoch keine Behauptungen über einen Schusswechsel verifizieren. Auf der Grundlage der vorliegenden Fakten kommt die Kommission zu der begründeten Feststellung, dass die israelischen Streitkräfte in die Richtung feuerten, in der sich ausschließlich Frauen und Mädchen aufhielten, und dass die israelischen Soldaten tödliche Gewalt gegen Zivilistinnen angewendet hatten, von denen keine unmittelbare Gefahr ausging.


90. Ähnlich wie bei den israelischen Militärtaktiken im Gazastreifen setzen die israelischen Streitkräfte auch im Westjordanland zunehmend Angriffsdrohnen ein, was zu Verletzungen von Kindern führt. In einem von der Kommission untersuchten Fall wurden am 8. Januar 2025 gegen 09:30 Uhr ein 10-jähriger Junge und ein 8-jähriger Junge zusammen mit ihrem 23-jährigen Cousin im Dorf Tammun von einer Drohne getötet, während sie vor ihrem Haus saßen. Zum Zeitpunkt des Vorfalls befanden sich israelische Soldaten etwa 800 Meter vom Ort des Geschehens entfernt. Nach den Schüssen trafen die israelischen Soldaten mit einem israelischen Krankenwagen am Tatort ein, befahlen der Familie, ins Haus zu gehen, beschlagnahmten ihre Handys (vermutlich, um etwaige Videoaufnahmen der Schüsse zu vernichten) und umstellten das Haus, sodass die Familienmitglieder es nicht verlassen konnten. Die israelischen Streitkräfte nahmen die Leichen an sich und behielten sie zehn Stunden lang in ihrem Gewahrsam, bevor sie sie am Abend an die palästinensischen Behörden zurückgaben. Die Kommission stellt fest, dass die „Jordan Valley and the Valleys Brigade“ (auch bekannt als 417. Territorialbrigade) der israelischen Streitkräfte in dem Gebiet im Einsatz war. Die interne Untersuchung der israelischen Streitkräfte zu diesem Vorfall ergab Berichten zufolge, dass die Kinder und ihr erwachsener Cousin ins Visier genommen wurden, nachdem die israelischen Soldaten fälschlicherweise zu dem Schluss gekommen waren, dass sie einen Sprengsatz platziert hätten, obwohl in dem Gebiet keine Bomben gefunden wurden. Dieser Fall veranschaulicht die Anwendung der „Messing with the Ground“-Richtlinie und ihre schädlichen Folgen für Palästinenser*innen.


91. Am 25. Januar 2025 gegen 20:30 Uhr wurde in Muthallath Al-Shuhada, südlich von Jenin, ein zweijähriges Mädchen beim Abendessen mit ihrer Familie in den Hinterkopf geschossen und starb sofort. Sie ist das jüngste Kind, das seit dem 7. Oktober 2023 von den israelischen Streitkräften im Westjordanland getötet wurde. Die Kommission stellt fest, dass die Menashe-Brigade der israelischen Streitkräfte zum Zeitpunkt des Vorfalls in dem Gebiet im Einsatz war. Der Sprecher der israelischen Streitkräfte soll sich Berichten zufolge geweigert haben, auf die Anfrage der Zeitung „Haaretz“ zu antworten, wie die Einsatzregeln in Gebäuden lauten, in denen sich bekanntermaßen Zivilist*innen aufhalten. Der Kommission ist keine Untersuchung dieses Vorfalls durch die israelischen Streitkräfte bekannt.


92. In einem weiteren von der Kommission untersuchten Fall schossen israelische Streitkräfte am 28. Januar 2025 gegen 18:10 Uhr während eines Militäreinsatzes in Tulkarem auf einen 10-jährigen Jungen im Haus seines Vaters. Die Kommission hat das CCTV-Material, das den Moment der Schüsse auf den Jungen zeigt, gesichtet und überprüft. Auf den Aufnahmen ist der Junge unbewaffnet zu sehen. Die israelischen Streitkräfte hielten den Krankenwagen, der ihn ins Krankenhaus bringen sollte, fast 30 Minuten lang auf. Einer der israelischen Soldaten sagte zum Vater des Jungen: „Ich bin derjenige, der Ihren Sohn erschossen hat. So Gott will, wird er sterben.“ Der Junge erlitt eine einzelne Schusswunde in der Taille, die durch seine Brust austrat und lebenswichtige innere Organe traf. Er erlag am 7. Februar 2025 seinen Verletzungen. Die israelischen Streitkräfte sollen gegenüber „Haaretz“ erklärt haben, die Soldaten hätten geglaubt, der Junge würde „am Boden herumhantieren“, ohne dafür Beweise vorzulegen. Nach der Schießerei wurde Berichten zufolge eine Untersuchung durch die israelischen Streitkräfte eingeleitet. Der Kommission liegen keine Erkenntnisse über die Ergebnisse dieser Untersuchung vor. Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass israelische Soldaten für die Schüsse und den Tod des Jungen sowie für die Verhinderung medizinischer Hilfe verantwortlich waren. Die Kommission stellt fest, dass die Ephraim-Brigade der israelischen Streitkräfte zum Zeitpunkt des Vorfalls in Tulkarem im Einsatz war. 


94. Am 16. November 2025 wurde bei einem israelischen Militäreinsatz im Flüchtlingslager Al-Faraa in Tubas ein 14-jähriger palästinensischer Junge von israelischen Soldaten erschossen. Der Vorfall ereignete sich, als der Junge mit Freunden und einem Cousin draußen spielen wollte. Der Junge lag nach dem Schuss mindestens 45 Minuten lang blutend am Boden und flehte um Hilfe, während israelische Soldaten um ihn herumstanden, ohne ihm Beistand zu leisten. In Videos, die die Kommission gesichtet hat, ist zu sehen, wie der Junge auf dem Boden liegt und eine Kappe in Richtung der israelischen Soldaten wirft, die sich um ihn herum versammelt haben – offenbar in dem Versuch, ihre Aufmerksamkeit zu erregen; ein Soldat tritt die Mütze daraufhin zu ihm zurück. Etwa zehn Soldaten sind zu sehen, wie sie den Jungen umkreisen. Ein Soldat filmt ihn mit seinem Handy, während andere die Umgebung und die Dächer abzusuchen scheinen. Ein Soldat legt dann einen Stein neben ihn. Israelische Soldaten feuerten zudem vier Schüsse in Richtung der Mutter des Jungen ab, die sich ihm nähern wollte; die Schüsse trafen die Wand und die Tür ihres Hauses. Israelische Soldaten hinderten zudem absichtlich einen bereitstehenden Krankenwagen des Palästinensischen Roten Halbmonds daran, den Ort des Geschehens zu erreichen, indem sie den Laser ihrer Waffen auf die Köpfe des Sanitäters und des Fahrers richteten. Nach dem Tod des Jungen beschlagnahmten die israelischen Soldaten seine Leiche, ohne der Familie Zugang zu ihm zu gewähren. Die israelischen Behörden halten seine Leiche weiterhin zurück. Ein weiterer Junge wurde bei diesem Vorfall leicht verletzt.


95. Als Reaktion darauf gaben die israelischen Streitkräfte gegenüber „Haaretz“ angeblich an, israelische Soldaten hätten einen „Terroristen“ identifiziert, der einen Betonblock auf die Truppe geworfen und eine unmittelbare Bedrohung dargestellt habe; sie hätten auf ihn geschossen und Erste Hilfe geleistet, bevor er starb. Das Videomaterial zeigt eindeutig etwas anderes. Dem Jungen wurde nicht nur keinerlei medizinische Versorgung zuteil, sondern Soldaten standen neben ihm, filmten ihn und legten einen Stein neben ihn, um den Vorfall als Folge von Steinwürfen darzustellen. Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass die israelischen Soldaten den Jungen erschossen und medizinische Hilfe verhindert haben. Die Kommission stellt fest, dass Soldaten des Fallschirmjägerbataillons der israelischen Streitkräfte unter dem Kommando der Menashe-Brigade, auch bekannt als 431. Territorialbrigade, in dem Gebiet im Einsatz waren.


96. Die Schüsse auf Kinder, die angeblich Steine auf bewaffnete und gepanzerte israelische Soldaten geworfen haben, wurden von der Kommission konsequent dokumentiert und stellen einen unnötigen Einsatz von Gewalt durch die israelischen Streitkräfte dar, der in keinem Verhältnis zur Tat sowie zum Alter, zur Reife und zum Wohl des Kindes steht. Die Kommission stellt fest, dass israelische Soldaten, die mit modernen Waffen und Schutzausrüstung ausgestattet sind, relativ gut vor der Gefahr von Steinwürfen geschützt sind, insbesondere durch unbewaffnete Kinder, und dennoch haben sie unter solchen Umständen wiederholt scharfe Munition eingesetzt. Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass das israelische Militär wiederholt unangemessene, übermäßige und strafende Gewalt gegen Kinder als Mittel zur Kontrolle, Abschreckung und kollektiven Einschüchterung der palästinensischen Bevölkerung im besetzten Westjordanland eingesetzt hat.

 

D. Tötungen und andere Formen der Gewalt gegen Kinder durch israelische Siedler und andere israelische Zivilisten

 

97. Seit dem 7. Oktober 2023 ist die Gewalt israelischer Siedler gegen palästinensische Zivilist*innen, darunter auch Kinder, im Westjordanland einschließlich Ostjerusalem stark angestiegen. In der ersten Hälfte des Jahres 2025 verübten israelische Siedler, oft unterstützt oder geschützt von den israelischen Streitkräften, mehr als 1.000 Angriffe, darunter Sachbeschädigungen, in 230 palästinensischen Gemeinden,100 bei denen 11 Palästinenser*innen getötet und 700 weitere von Siedlern oder den israelischen Streitkräften verletzt wurden. Das entspricht einem Durchschnitt von fast 133 Angriffen pro Monat – dem höchsten Monatsdurchschnitt seit Beginn der Aufzeichnungen durch die Vereinten Nationen im Jahr 2006. Im Juni 2025 wurde die höchste Zahl an Palästinenser*innen verzeichnet, die in einem einzigen Monat durch israelische Siedler verletzt wurden. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 30. September 2025 töteten Siedler 19 Palästinenser*innen, darunter zwei Jungen, und verletzten 1.603 Palästinenser*innen, darunter 156 Jungen und acht Mädchen. Im selben Zeitraum befand sich ein weiterer Junge unter den 13 Palästinenser*innen, die entweder von israelischen Siedlern oder Soldaten getötet wurden, wobei der tatsächliche Täter nicht identifiziert werden konnte. In vielen Fällen war es schwierig, zwischen den Handlungen von Siedlern und den israelischen Streitkräften zu unterscheiden, da Siedler oft gemeinsam mit den Soldaten oder unter dem Schutz bzw. bei Untätigkeit der israelischen Soldaten agieren, wodurch die Grenzen zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren verschwimmen, wie die Kommission in ihrem vorherigen Bericht festgestellt hat.


100. Palästinensische Kinder sind gewalttätigen Übergriffen durch israelische Siedler ausgesetzt, wobei es in mehreren Fällen zu Entführungen kam, was ein Muster gezielter Einschüchterung widerspiegelt. In einem von der Kommission untersuchten Fall entführten im April 2025 zwei Siedler zwei Geschwister, ein Mädchen und einen Jungen unter fünf Jahren, während diese vor ihrem Haus im Dorf spielten. Die Siedler zerrten die Kinder unter Androhung eines Messers in einen Olivenhain und hielten ihnen dabei den Mund zu. Sie fesselten die Kinder mit Plastikbändern an einen Baum. Die Familie traf etwa fünf Minuten später am Tatort ein und befreite die Kinder von ihren Fesseln. Die beiden Siedler stammten wahrscheinlich aus der Siedlung Itamar, der ihrem Zuhause am nächsten gelegenen Siedlung. Die Kommission erfuhr, dass die Kinder seitdem Anzeichen eines psychischen Traumas zeigen, wie zum Beispiel Albträume und die Angst, das Haus zu verlassen. In einem weiteren von der Kommission im August 2024 dokumentierten Fall entführte eine Gruppe bewaffneter Siedler zwei 15-jährige Jungen, die gerade Vieh hüteten, und griff sie körperlich und sexuell an. Die Jungen wurden von den Siedlern geschlagen, ihnen wurden die Augen verbunden und sie wurden ihrer Kleidung beraubt. Ein Siedler urinierte auf einen der Jungen und brach ihm das Bein. UNOCHA berichtete, dass die für den Angriff verantwortlichen israelischen Siedler aus einem neu errichteten israelischen Außenposten in der Nähe von Khallet an Nahala stammten.


101. Der Kommission lagen mehrere Berichte vor, wonach Siedler körperlichen und seelischen Schaden zugefügt haben, wobei insbesondere Jungen ins Visier genommen wurden. Die Berichte betrafen vier Jungen im Alter zwischen 12 und 16 Jahren, von denen einer mit besonderen Bedürfnissen war. Am 9. Februar 2025 wurde ein 16-jähriger Junge von zwei Siedlern angegriffen, während er in der Nähe eines Schafstalls in Masafer Yatta schlief. Ein Siedler trat mit dem Fuß auf ihn, während der andere ihn mit einem Stock schlug. Am nächsten Tag erstattete die Familie Anzeige bei der Polizei, doch der Kommission sind keine Maßnahmen bekannt, die im Anschluss an die Anzeige ergriffen wurden. Bei einem weiteren Vorfall am 18. Oktober 2024 wurde ein 16-jähriger Junge mit Hörbehinderung von etwa 15 israelischen Siedlern, die Stöcke und Messer bei sich trugen, geschlagen, während er allein auf seinem Bauernhof in Salfit arbeitete. Die Siedler traten abwechselnd auf ihn ein, einer von ihnen drückte sein Knie auf das Gesicht des Jungen und andere schlugen seinen Kopf gegen einen Felsen. Der Junge verlor während des Angriffs das Bewusstsein und sein Hörgerät fiel heraus.


102. Bei der Untersuchung zahlreicher Vorfälle stellte die Kommission ein Muster fest, wonach Siedler gezielt palästinensische Kinder ins Visier nahmen, während diese ganz normalen Tätigkeiten nachgingen, wie beispielsweise in der Nähe ihrer Häuser zu spielen, zur Schule und zurück zu gehen, auf den Feldern zu arbeiten oder Vieh zu hüten, wodurch alltägliche Orte zu Schauplätzen der Angst wurden. Siedler nahmen Kinder gewaltsam fest, zerrten sie an abgelegene Orte wie Olivenhaine oder zwangen sie, dorthin zu gehen, und fesselten sie mit Seilen oder Kabelbindern, um Kontrolle auszuüben und Angst zu schüren. Die Siedler waren den Kindern oft zahlenmäßig überlegen und häufig bewaffnet. Die Kinder erlitten bei diesen Vorfällen lebensbedrohliche Übergriffe, darunter Schläge, Tritte, Schläge mit Gegenständen sowie erniedrigende Beschimpfungen und Drohungen, die bei ihnen Verletzungen wie Prellungen, Knochenbrüche und psychische Traumata hinterließen. Durch diese Angriffe wurden Kinder als Teil einer umfassenderen Zwangsstrategie instrumentalisiert, um Palästinenser*innen von ihrem Land zu vertreiben.

 

E. Misshandlung von Kindern bei der Festnahme und in Haft

 

„Du kommst nach Israel; du kommst in die Hölle.“ 

– Das sagte ein israelischer Soldat zu einem 15-jährigen Jungen, der mit verbundenen Augen und in Handschellen in einem israelischen Lastwagen saß, während er in ein israelisches Gefängnis gebracht wurde.

 

103. Palästinensische Kinder wurden im Rahmen der willkürlichen Massenfestnahmen und Inhaftierungen durch die israelischen Streitkräfte festgenommen und inhaftiert, die seit Oktober 2023 im Gazastreifen und im Westjordanland durchgeführt wurden. Die Zahl der inhaftierten Kinder aus dem Gazastreifen ist nach wie vor unbekannt, da die israelischen Behörden weder die Daten noch den Verbleib der festgenommenen Kinder offengelegt haben. Allerdings wurden 44 palästinensische Kinder, die nach dem 7. Oktober 2023 im Gazastreifen festgenommen worden waren, von Israel im Rahmen der zweiten Kampfpause und des Geiselaustauschabkommens vom Januar 2025 freigelassen. Darüber hinaus soll Israel im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens vom Oktober 2025 fast 2.000 Palästinenser*innen, politische Gefangene und Inhaftierte freigelassen haben, darunter eine unbekannte Anzahl von Kindern.


105. Palästinensische Kinder aus dem Gazastreifen wurden ohne Kontakt zur Außenwelt und an unbekannten Orten festgehalten, sowohl in Einrichtungen des israelischen Strafvollzugsdienstes (IPS) als auch in militärischen Einrichtungen innerhalb Israels. Zwischen Mai und Oktober 2024 reichte HaMoked beim Obersten Gerichtshof Israels 24 Anträge auf Erlass einer Haftprüfung (Habeas Corpus) für 30 Personen ein, darunter einen 17-jährigen Jungen und ein fünfjähriges Mädchen. Israel antwortete laut der von HaMoked eingereichten Petition, dass es im Fall des fünfjährigen Mädchens „keine Anzeichen für eine Festnahme oder Inhaftierung“ gebe. Der Oberste Gerichtshof wies diese Petition zusammen mit 16 weiteren Petitionen zurück.


106. Seit dem 7. Oktober 2023 wurden über 1.655 Kinder im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, inhaftiert, davon 600 im Jahr 2025. Zum 31. Dezember 2025 befanden sich 51 Prozent der 351 palästinensischen inhaftierten Kinder im IPS in „Verwaltungshaft“, bei der Kinder ohne Anklage auf unbestimmte Zeit inhaftiert werden. Dies ist eine Rekordzahl an Kindern in Verwaltungshaft. Die übrigen 49 Prozent der inhaftierten Kinder befanden sich in Untersuchungshaft, wurden gemäß dem Gesetz über unrechtmäßige Kämpfer festgehalten oder verbüßten eine Strafe nach einer Verurteilung. In den Zahlen des IPS sind palästinensische Kinder nicht enthalten, die in Militärhaftanstalten oder Verhörzentren festgehalten werden, die außerhalb des Strafvollzugssystems betrieben werden.

 

Misshandlung palästinensischer Kinder in Militärhaft und in Einrichtungen des Strafvollzugsdienstes (IPS)


107. Kinder sind häufig bereits unmittelbar nach ihrer Festnahme Gefahren ausgesetzt, da diese oft mitten in der Nacht stattfinden, wenn israelische Soldaten in ihre Häuser stürmen, Eigentum beschädigen und bei Kindern und Familien intensive Angst und Traumata auslösen, unter anderem durch körperliche Übergriffe, das Anlegen von Handschellen und das Verbinden der Augen. Kinder berichteten, dass sie bei ihrer Ankunft in militärischen Haftanstalten extrem demütigender und missbräuchlicher Behandlung ausgesetzt waren, darunter die Erzwingung von Geständnissen, die Zwangsentkleidung bis auf die Unterwäsche vor anderen, das Anlegen von Augenbinden und Handschellen, während sie gezwungen wurden, auf Kies oder Asphalt zu knien, Schläge mit Waffen und Tritte gegen den Kopf und andere Körperteile sowie die Terrorisierung durch Hunde. In Sde Teiman wurden Jungen von ihren erwachsenen männlichen Familienangehörigen getrennt, zusammen mit ihnen nicht verwandten erwachsenen Männern untergebracht und denselben harten Bedingungen wie die Männer ausgesetzt, darunter eingeschränkter Zugang zu Toiletten, strenge Rationierung von Nahrung und Wasser sowie körperliche Bestrafung, wenn sie mit anderen Inhaftierten sprachen oder um medizinische Versorgung baten. Der Kommission liegen ähnliche Berichte verschiedener Organisationen vor, in denen schwerwiegende Vorwürfe bezüglich der Haftbedingungen für inhaftierte Kinder detailliert beschrieben werden, darunter Fälle von Folter, Aushungerung, Entzug von Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene sowie die anhaltende Verweigerung des Zugangs zu Toiletten, was zu schmerzhaften Infektionen führte.


108. Ein 15-jähriger Junge, der in der Haftanstalt Sde Teiman inhaftiert war, berichtete der Kommission, dass er das einzige Kind unter 70 Erwachsenen in einer Zelle gewesen sei. Er sagte, israelische Soldaten hätten ihn mehrfach als Strafe stundenlang mit erhobenen Händen stehen lassen. Seine Beine seien mit Metallketten gefesselt und seine Hände so fest mit Handschellen gefesselt worden, dass sie bluteten, ohne dass er medizinische Versorgung erhalten habe. Im Winter durfte er nur vier Stunden auf einer dünnen Matratze und mit nur einer dünnen Decke schlafen. Israelische Soldaten betraten seine Zelle mit Hunden, zwangen ihn und andere Inhaftierte, sich auf den Bauch zu legen, und ließen die Hunde auf sie los. Er beschrieb seine 23 Tage in Haft als „die schlimmsten Tage meines Lebens“.


109. Die Kommission hörte die Aussage eines 15-jährigen Jungen an, der schilderte, wie er am 4. Dezember 2023 im Rahmen von Massenverhaftungen in Gaza von den israelischen Streitkräften festgenommen wurde. Israelische Soldaten riefen ihn anhand seines Personalausweises namentlich auf, verbanden ihm die Augen und fesselten ihm die Hände; anschließend wurde er zusammen mit anderen mitten in der Nacht an einen unbekannten Ort gebracht, wo den Gefangenen Wasser verweigert und ihnen befohlen wurde, ihren eigenen Urin zu trinken. Um Mitternacht wurde der Junge zusammen mit etwa 70 anderen in einen Lastwagen verladen und geschlagen. Er wurde nackt auf felsigen Boden geworfen und anschließend zu einer militärischen Einrichtung gebracht, wo er zu der Hamas und zu Tunneln verhört und beschuldigt wurde, an Angriffen im Süden Israels am 7. Oktober 2023 beteiligt gewesen zu sein. Über einen Zeitraum von 54 Tagen wurde er wiederholt verhört und gefoltert, unter anderem durch Stromschläge über eine in seine Schulter eingeführte Nadel, durch Entzug von Nahrung und Wasser sowie durch das Zwingen in schmerzhafte Körperhaltungen für bis zu 12 Stunden am Stück, bevor er über den Grenzübergang Karem Shalom freigelassen und von einer Hilfsorganisation in eine Schule gebracht wurde, wo er ohne seine Familie blieb – verängstigt, hungrig und frierend.


110. Als die israelischen Behörden inhaftierte Kinder aus dem Gazastreifen aus der Militärhaft entließen, gewährten sie ihnen keine medizinische Versorgung und trafen keine Vorkehrungen für die Zusammenführung mit ihren Familien. Sie setzten sie massenhaft zusammen mit erwachsenen Häftlingen am Grenzübergang Kerem Shalom zwischen Israel und dem Gazastreifen ab. Dieses Vorgehen trug dazu bei, dass Kinder aus dem Gazastreifen von ihren Familien getrennt wurden, da sie unbegleitet zurückkehrten und nur begrenzte Möglichkeiten hatten, sich innerhalb des Gazastreifens fortzubewegen sowie ihre Familien ausfindig zu machen oder mit ihnen zu kommunizieren, von denen die meisten bereits mehrfach vertrieben worden waren. Ein 15-jähriger Junge, der auf diese Weise freigelassen wurde, lebte allein in einer Schule in Rafah, da sein Vater und sein Onkel bis zu ihrer Freilassung einen Monat später in Haft waren und der Rest seiner Familie sich im Norden des Gazastreifens befand, den er nicht erreichen konnte.


111. Die Haftbedingungen für palästinensische Kinder in IPS-Gefängnissen haben sich seit dem 7. Oktober 2023 erheblich verschlechtert, nachdem der für Gefängnisse zuständige Minister, der Minister für nationale Sicherheit, Itamar Ben Gvir, Anweisungen erteilt hatte, den Gefangenen weitaus strengere Bedingungen aufzuerlegen. Kinder, die zuvor mit fünf anderen Häftlingen untergebracht waren, berichteten, dass sie nun Räume mit mindestens zehn weiteren Häftlingen, darunter auch Erwachsene, teilen müssten. Eine Kinderrechtsorganisation legte der Kommission die Aussage eines 17-jährigen Jungen aus Nablus vor, der seine Erfahrungen in der Jugendabteilung des Meggido-Gefängnisses detailliert schilderte. Dort blieb das Licht die ganze Nacht über an, und es fanden häufig unangekündigte Kontrollen der Insassen während der Nachtstunden statt, wodurch die Inhaftierten am Schlafen gehindert wurden. Die Kinder mussten häufig die Gefängniszellen wechseln und waren täglich Beschimpfungen und Schlägen durch die Wärter ausgesetzt.


112. Palästinensische Kinder aus dem Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, die bereits vor dem 7. Oktober 2023 in Haft waren, berichteten von verschärften Einschränkungen des Kontakts zu ihren Familien und davon, dass Wärter Bettzeug, Matratzen, Decken und Utensilien beschlagnahmten. Sie waren zudem zunehmender Gewalt ausgesetzt, darunter dem Einsatz von Tränengas in den Zellen, Schlägen mit Stöcken, dem Einsatz von Hunden durch Spezialeinheiten, um sie einzuschüchtern und zu terrorisieren, sowie dem fehlenden Zugang zu medizinischer Versorgung oder Medikamenten. Im Rahmen der verschärften Härten wurden inhaftierte Kinder Nahrungs- und Wasserrestriktionen ausgesetzt, die laut „Physicians for Human Rights Israel“ (PHRI) möglicherweise zu Hungersnöten in den Haftanstalten geführt hat.


113. Ein Bericht der israelischen Ombudsstelle vom Mai 2024 enthielt Einzelheiten zu Überbelegung, schlechten sanitären Verhältnissen, mangelnder Hygiene und Schädlingsbefall, unzureichender Belüftung, fehlender Grundausstattung und anderen harten Bedingungen, die einer Misshandlung gleichkommen. Im November 2024 antwortete der IPS auf Petitionen mehrerer Nichtregierungsorganisationen an den Obersten Gerichtshof und gab bekannt, dass 1.704 palästinensische Gefangene in allen israelischen Haftanstalten an Krätze litten, darunter 596 Krätze-Patienten im Megiddo-Gefängnis, 566 im Ketziot-Gefängnis und Dutzende im Ofer-Gefängnis.

 

Tod eines 17-jährigen palästinensischen Jungen im israelischen Megiddo-Gefängnis


114. Am 22. März 2025 starb ein 17-jähriger Junge aus Ramallah im Megiddo-Gefängnis. Der Junge befand sich seit dem 30. September 2024 in Haft; zuvor war er laut Angaben seines Vaters fit, sportlich und gesund gewesen. Nach seiner Festnahme wurde er im Dezember 2024 und im Februar 2025 zweimal in der Gefängnisklinik auf Krätze untersucht. Im Dezember 2024 wandte er sich an den Gefängnisarzt und es wurde bei ihm ein Schädeltrauma sowie eine unzureichende Ernährung diagnostiziert. Diese Diagnose war in seiner medizinischen Gefängnisakte vermerkt, die von der Kommission eingesehen wurde. Am 22. März 2025 um 07:48 Uhr erlitt er einen plötzlichen Bewusstseinsverlust und starb um 09:10 Uhr.


115. Die Obduktion ergab keine eindeutige Todesursache, stellte jedoch fest, dass der Junge unter schwerer, langanhaltender Unterernährung litt, die zu Sarkopenie, einem fortschreitenden Verlust an Skelettmuskelmasse und -kraft, führte. Infolgedessen befand er sich in einem Zustand starken Gewichtsverlusts und Muskelschwunds, begleitet von einer Entzündung des Dickdarms, die auf eine Kolitis hindeutete, sowie von Krätze an den Beinen und im Genitalbereich. Die Autopsie kam zu dem Schluss, dass er möglicherweise an Hunger, Mediastinitis und Dehydrierung aufgrund unzureichender Wasseraufnahme in Verbindung mit Flüssigkeitsverlust durch kolitisbedingten Durchfall gestorben ist. Erkrankungen wie Kolitis und Krätze sind leicht behandelbar, was darauf hindeutet, dass der Junge keinen Zugang zu angemessener und rechtzeitiger medizinischer Versorgung hatte. Darüber hinaus war offensichtlich, dass ihm ausreichende Nahrung und Wasser vorenthalten worden waren. Die Kommission stellt fest, dass die Gefängnisbehörden das Opfer schwer misshandelt und seinen Tod verursacht haben, was den Kriegsverbrechen der Folter, unmenschlicher Behandlung und vorsätzlicher Tötung gleichkommt.


116. Die Familie wurde nicht direkt über seinen Tod informiert, sondern erfuhr am folgenden Tag aus einem Medienbericht davon. Stand 10. November 2025 hielten die israelischen Behörden seine Leiche zurück, obwohl die Obduktion abgeschlossen war und der Anwalt der Familie beim Verwaltungschef des Westjordanlands einen rechtlichen Antrag auf Freigabe der Leiche gestellt hatte.


117. Nach Angaben einer Kinderrechtsorganisation hielt Israel am 17. Februar 2025 die Leichen von 40 palästinensischen Kindern zurück. In einem früheren Bericht stellte die Kommission fest, dass die israelischen Behörden routinemäßig die Leichen von Palästinenser*innen, darunter auch Kinder, zurückhalten, um sie als Verhandlungsmasse einzusetzen, was traumatische Folgen für die Familien der Opfer hat.

 

Auswirkungen der Inhaftierung auf freigelassene inhaftierte Kinder


118. Kinder, die im Anschluss an das Abkommen zum Austausch von Gefangenen und Geiseln vom November 2023 aus der Haft entlassen wurden, gaben an, dass sie vor ihrer Freilassung von israelischen Behörden mit einer erneuten Festnahme bedroht wurden, sollten sie über das sprechen, was sie während ihrer Haft erlitten hatten. Diese Drohungen verschlimmerten die körperlichen und psychischen Misshandlungen, denen sie in der Haft ausgesetzt waren, und führten zu einem Leben, das von ständiger Angst vor einer erneuten Festnahme und starken Gefühlen der Unsicherheit geprägt ist. Einige Kinder berichteten, dass sie gezwungen wurden, ein Dokument zu unterzeichnen, oder dass ihnen von israelischen Streitkräften mitgeteilt wurde, dass sie erneut festgenommen würden, sollten sie innerhalb von drei Jahren nach ihrer Freilassung bestimmte Handlungen vornehmen (zum Beispiel die Freilassung von Gefangenen feiern oder Schilder oder Transparente hochhalten).


119. Die Kommission stellt fest, dass klinische Erkenntnisse und Studien über festgenommene und misshandelte Kinder in Haft darauf hindeuten, dass Missbrauch und schwere Traumata inhaftierte Kinder aufgrund ihrer besonderen Verletzlichkeit stärker beeinträchtigen als erwachsene Häftlinge; dazu gehören dauerhafte Auswirkungen auf ihr sich entwickelndes Gehirn und ihr Stressreaktionssystem sowie die Unfähigkeit, den Grund für ihre Festnahme vollständig zu begreifen. Ein Trauma kann die neuronalen Bahnen von Kindern neu vernetzen, die körperliche und emotionale Entwicklung stören und das Risiko langfristiger psychischer und physischer Gesundheitsprobleme erhöhen, was sich auf ihre Entwicklung bis ins Jugend- und Erwachsenenalter auswirkt. Zwar sind auch Erwachsene stark betroffen, doch ist ihr Gehirn so entwickelt, dass es mit solchen Situationen umgehen kann. Die Kommission geht davon aus, dass die Angst und das Trauma, die inhaftierte, festgenommene und misshandelte palästinensische Kinder erleben, sie aufgrund der gravierenden Auswirkungen auf ihr sich entwickelndes Gehirn und ihren Körper wahrscheinlich tiefgreifender und länger beeinträchtigen werden als erwachsene Inhaftierte. Dies kann zu dauerhaften negativen neurologischen Veränderungen, psychischen Problemen und Entwicklungsstörungen führen, die sich bei den freigelassenen inhaftierten Kindern langfristig in körperlichen, emotionalen und verhaltensbezogenen Symptomen äußern können.


121. Der 17-jährige Junge, der in israelischer Haft starb (siehe Absätze 114–116), starb an vermeidbaren Ursachen. Dieser Fall sowie weitere von der Kommission dokumentierte Fälle von Misshandlung und die vom IPS selbst beim Obersten Gerichtshof Israels eingereichten Daten belegen, dass das IPS und die israelischen Behörden inhaftierten Kindern bewusst die zum Lebenserhalt notwendigen und für ihr Überleben unverzichtbaren Ressourcen vorenthalten haben, wie beispielsweise angemessene Ernährung und Wasser, Zugang zu Medikamenten und medizinischer Versorgung sowie sichere Lebensbedingungen, aber auch Entwicklungsressourcen wie Bildung, Rechtsbeistand und psychosoziale Unterstützung. Zu den weiteren wichtigen Ressourcen für inhaftierte Kinder gehören der Schutz vor Gewalt und Missbrauch sowie die Möglichkeit zum Kontakt mit ihren Familien und Rechtsanwält*innen, was von den israelischen Strafvollzugsbehörden untersagt wurde.

 

F. Sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt gegen palästinensische Kinder


„Der Konvoi wurde von einem israelischen Militärjeep angeführt, gefolgt von drei Lastwagen, auf denen nackte Jungen und Männer aus dem Gazastreifen transportiert wurden, und einem weiteren Militärjeep mit israelischen Soldaten, die Fotos und Videos machten und alle fünf Minuten in der Nähe der Lastwagen Schüsse in die Luft abfeuerten.“ 

Ein palästinensischer Häftling berichtete, wie Jungen und Männer im Gazastreifen bis auf die Unterwäsche ausgezogen und zu Militärstützpunkten in Israel gebracht wurden.

 

122. Die Kommission kam bereits in einem früheren Bericht zu dem Schluss, dass palästinensische Jungen und Männer aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Identität als Palästinenser spezifischen Handlungen sexueller Natur ausgesetzt waren, die mit dem Ziel begangen wurden, sie speziell für die am 7. Oktober 2023 begangenen Taten zu bestrafen und zu demütigen. Die Kommission berichtete in einem früheren Bericht über mehrere Vorfälle sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt, die von israelischen Streitkräften gegen Kinder – sowohl Jungen als auch Mädchen – begangen wurden.


123. Seit dem 7. Oktober 2023 werden palästinensische Jungen unter demütigenden und erniedrigenden Umständen fotografiert und gefilmt, während sie Handlungen sexueller Natur ausgesetzt sind, darunter erzwungene öffentliche Nacktheit. Die Kommission untersuchte Fälle von sexuellem Missbrauch, die von Angehörigen der israelischen Streitkräfte an Jungen begangen wurden. Ein Zeuge beschrieb, wie eine israelische Soldatin im Gazastreifen zwei Teenager, die bis auf die Unterwäsche entkleidet worden waren, anwies, vor anderen Inhaftierten zu tanzen, und dabei ein Video von ihnen aufnahm, während sie lachte.


125. Ein Mann schilderte der Kommission seine Erfahrungen, wie er während der Evakuierung von Beit Lahia Anfang Dezember 2023 auf diese Weise festgehalten und fotografiert wurde. Der Zeuge gab an, dass er sich in seinem Haus befand, als Soldaten das Gebiet betraten und die Menschen zur Evakuierung aufforderten. Im Verlauf der Evakuierung wurden Jungen gezwungen, sich vor ihren Familienangehörigen auszuziehen, und mussten sich hinknien. Ihm und etwa 50 weiteren Männern wurde befohlen, barfuß und nur in Unterwäsche bis zum Ende der Straße zu gehen, wo sie gezwungen wurden, sich zusammen mit etwa 250 anderen Männern und Jungen, die ebenfalls nur Unterwäsche trugen, hinzuknien. An diesem Ort wurden die Jungen gezwungen, nebeneinander in Reihen auf den Knien zu sitzen, die Hände hinter dem Rücken gefesselt und mit verbundenen Augen. Er erinnerte sich an seinen Verwandten, einen 17-jährigen Jungen, der ebenfalls entkleidet worden war, sowie an einen weiteren etwa 15-jährigen Jungen unter den Entkleideten und Festgenommenen. Er schätzte, dass etwa 30 Jungen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren entkleidet und festgenommen worden waren. Der Zeuge wurde, noch immer unbekleidet, zusammen mit mindestens zehn Jungen auf einem Militärlastwagen an einen unbekannten Ort gebracht, wo ein israelischer Soldat ihm die Augenbinde abnahm und ihn sowie die anderen Jungen der Gruppe fotografierte. Die Kommission überprüfte zudem digitales Bildmaterial, das bestätigte, dass palästinensische Jungen im Dezember 2023 im Yarmouk-Stadion zusammen mit Erwachsenen festgehalten und bis auf die Unterwäsche ausgezogen wurden.


126. Die Kommission untersuchte Vorfälle, bei denen israelische Streitkräfte Kinder und ihre Familienangehörigen während der Evakuierung zur öffentlichen Nacktheit zwangen. Ein Mann berichtete der Kommission, wie er zusammen mit seiner Familie und anderen Vertriebenen Anfang November 2023 auf der Salah-al-Din-Straße während der Evakuierungen Misshandlungen, Übergriffen und erzwungener öffentlicher Nacktheit ausgesetzt war. Er beschrieb eine militärische Präsenz entlang der Straße mit zahlreichen Panzern und Soldaten, darunter Scharfschützen, die auf Gebäuden positioniert waren. Er gab an, dass Frauen, Männer, Mädchen und Jungen an einem provisorischen Kontrollpunkt unter Waffengewalt aufgefordert wurden, sich auszuziehen, ihre Kleidung zu einem Ball zusammenzurollen und diese den israelischen Soldaten zuzuwerfen. Man wies sie an, ihre Ausweispapiere hoch in die Luft zu halten und nackt weiterzugehen. Die israelischen Streitkräfte drohten, jeden zu erschießen, der den Befehlen nicht Folge leiste.


127. In einem weiteren von der Kommission untersuchten Fall wurden Mädchen zusammen mit anderen Familienmitgliedern zur öffentlichen Nacktheit gezwungen, als sie versuchten, über die Salah-al-Din-Straße zu fliehen. Ein männlicher Zeuge berichtete, dass ein etwa 17-jähriges Mädchen unter mehreren Frauen bis auf die Unterwäsche entkleidet und von den israelischen Soldaten sexuell belästigt wurde.


128. Ähnlich wie bei den Vorfällen von erzwungener Nacktheit und dem Entkleiden von Jungen unter demütigenden Bedingungen im Freien während Massenverhaftungen im Gazastreifen dokumentierte die Kommission einen Vorfall im Westjordanland am 10. März 2025, bei dem israelische Streitkräfte gegen 04:20 Uhr eine Wohnung in Jenin stürmten und eine ältere Großmutter erschossen. Die Soldaten zwangen zwei Cousins, einen 7-jährigen und einen 13-jährigen Jungen, unter Waffengewalt, sich in der Kälte bis auf die Unterwäsche auszuziehen, fesselten ihnen die Hände mit Plastikbändern, schlugen sie – darunter auch den jüngeren Jungen, der auf den Rücken geschlagen wurde – und hielten sie draußen fest, während sie das Haus durchsuchten. Die teilweise entkleideten Jungen wurden anschließend mit verbundenen Augen in ein Militärfahrzeug geschoben und zum Verhörzentrum Jalameh [Haftanstalt Kishon] gefahren, wo sie fast 12 Stunden lang in einer schmutzigen Zelle festgehalten wurden und Zeugen von Misshandlungen anderer Häftlinge wurden, bevor sie teilweise entkleidet und mit Alufolie unterhalb der Taille bedeckt freigelassen wurden. Die Brüder blieben zutiefst traumatisiert zurück und litten unter Albträumen, Angst und psychischen Belastungen.


130. Die Kommission erhielt die Aussage einer Jugendlichen, die die Umstände ihrer Inhaftierung schilderte. Sie berichtete, dass sie ihr am Tag ihrer Festnahme in den linken Fuß geschossen wurde. Nach ihrer Festnahme sei sie in einen Raum gebracht worden, wo eine Soldatin ihr in Anwesenheit männlicher Soldaten den Schleier, die Schuluniform, die Schuhe und die Hose abgenommen habe, sodass sie nur noch in Unterwäsche und einem kurzärmeligen Hemd dastand. Die Soldatin hob ihr Hemd hoch, entblößte ihren BH und fotografierte sie; als sie weinte, schlug ein Soldat auf sie ein und stieß ihr den Kopf gegen etwas, bevor ein Krankenwagen eintraf. Sie wurde unter Begleitung männlicher Soldaten zur Operation in ein Krankenhaus gebracht; danach wurde sie in einem Auto, noch immer weitgehend unbekleidet und nur in ein Krankenhauslaken gewickelt, zurück ins Gefängnis gebracht. Im Auto wurde sie von einem männlichen Soldaten fotografiert. Im Gefängnis erhielt sie eine Uniform und wurde am nächsten Tag von einem männlichen Verhörbeamten befragt, während ihre Hände an einen Stuhl gefesselt waren; dieser bedrängte sie mit Fragen zu angeblichen Taten in Gaza und fragte sie, ob sie lieber mit Hamas-Mädchen oder mit Straßenmädchen inhaftiert sein wolle.


132. In den Aussagen, die die Kommission von freigelassenen inhaftierten Kindern, insbesondere von Jungen im Teenageralter, aus dem Gazastreifen erhalten hat, wird beschrieben, wie sie entkleidet, gezwungen wurden, nackt oder in Windeln zu bleiben, und wie sie Schlägen auf die Genitalien sowie anderen Formen sexualisierter Folter ausgesetzt wurden, die vor den Augen anderer Häftlinge als Mittel der Demütigung und Unterwerfung durchgeführt wurden. Mehrere Organisationen haben sexuelle Gewalt gegen palästinensische Kinder aus dem Gazastreifen und dem Westjordanland in israelischer Haft als systematischen und integralen Bestandteil des Folterregimes des Strafvollzugssystems dokumentiert, das weit über vereinzelte Vorfälle hinausgeht. Diese Handlungen nutzen die besonderen Verletzlichkeiten der Kinder – ihre körperliche Zerbrechlichkeit, ihre emotionale Abhängigkeit und das kulturelle Stigma rund um männliche Viktimisierung – aus, um tiefgreifende, irreversible Traumata zu verursachen. Eingebettet in Haftanstalten ohne Aufsicht, in denen Kinder parallel dazu Schrecken wie Hunger, Folter und andere grausame Behandlungen ausgesetzt sind, findet sexuelle Gewalt unter Duldung oder ausdrücklicher Förderung innerhalb der Haftkette statt.


135. Auf der Grundlage untersuchter und dokumentierter Fälle, direkter Aussagen von überlebenden Kindern sowie glaubwürdiger Berichte verschiedener Organisationen kommt die Kommission zu dem Schluss, dass sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt im Zusammenhang mit Inhaftierungen und Festnahmen als Kriegs- und Einschüchterungsmethode gegen palästinensische Kinder eingesetzt wird. Sexuelle Gewalt gegen palästinensische Kinder in israelischer Haft ist keine Ausnahme, sondern ein systematischer, vom Staat ermöglichter Angriff auf ihren Körper und ihre Würde, der bewusst verübt wird, um sie zu demütigen. Die betroffenen Kinder sind mit starker Stigmatisierung, einem geschwächten Selbstwertgefühl und der Angst vor Vergeltungsmaßnahmen konfrontiert und haben angesichts des Mangels an transparenten, unabhängigen Ermittlungen und der unterbliebenen Strafverfolgung – selbst wenn schwerwiegender sexueller Missbrauch auf Video festgehalten wurde – so gut wie keine realistische Aussicht darauf, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

 

G. Angriffe auf das Gesundheitswesen und deren Auswirkungen auf Kinder und Neugeborene


„Ich traf einen kleinen Jungen mit schweren Verletzungen an den unteren Gliedmaßen. Er wurde von einigen Teenagern versorgt. Als ich den Jungen fragte, wo seine Eltern seien, antwortete er, sie seien im Norden [von Gaza], doch die älteren Jungen gaben ihm von hinten Zeichen, ihn nicht nach seinen Eltern zu fragen. Später erzählten mir die älteren Jungen, dass seine gesamte Familie während der Evakuierung getötet worden war und sie es nicht übers Herz brachten, ihm von seiner Familie zu erzählen. Nun wird der Junge also von Menschen versorgt, die er zufällig im Krankenhaus kennengelernt hat.“ 

Ein Arzt, der im Rahmen einer medizinischen Mission in Gaza war

 

1. Direkte Angriffe auf pädiatrische Gesundheitseinrichtungen 


136. Vor dem 7. Oktober 2023 gab es im Gazastreifen mindestens drei große Kinderkrankenhäuser, nämlich das Al-Nasr-Kinderkrankenhaus, das Al-Durra-Kinderkrankenhaus und das Al-Rantisi-Fachkrankenhaus für Kinder im Norden des Gazastreifens, die eine spezialisierte Versorgung für Kinder bis zum Alter von 12 Jahren anboten. Alle drei Kinderkrankenhäuser mussten in den ersten beiden Monaten der Feindseligkeiten schließen. Die Kommission stellt fest, dass Krankenhäuser in Gaza seit Oktober 2023 wiederholt zur Schließung gezwungen wurden und – in der Regel nur teilweise – wiedereröffnet wurden, wobei die meisten jedoch nicht in der Lage waren, ihren Betrieb vollständig wieder aufzunehmen.


137. Das Al-Nasr-Kinderkrankenhaus wurde im November 2023 mindestens dreimal angegriffen, und zwar am 4., 9. und 10. November 2023. Als der Angriff der israelischen Streitkräfte die Stromversorgung unterbrach, starb ein Säugling an Sauerstoffmangel, und acht weitere Säuglinge gerieten in Lebensgefahr.


138. Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, der mit seiner Familie Zuflucht gesucht hatte und ehrenamtlich im Al-Nasr-Kinderkrankenhaus tätig war, berichtete im Dezember 2023, wie die israelischen Streitkräfte das Krankenhaus wiederholt angriffen, unter anderem durch Schüsse eines Scharfschützen auf das Personal, wodurch ein Verlassen des Gebäudes unmöglich wurde, während sie gleichzeitig dem Krankenhaus die Verlegung von Kinder- und Neugeborenenpatienten verwehrten. Am 10. November 2023 gaben die israelischen Streitkräfte den Krankenhäusern Al-Nasr und Rantisi dreißig Minuten Zeit für die Evakuierung. Sie veröffentlichten eine Pressemitteilung über ihre Bemühungen, die Evakuierung beider Krankenhäuser zu ermöglichen. Laut dem Direktor des Al-Nasr-Krankenhauses, Dr. Mustafa al-Kahlout, wurden die Mitarbeiter*innen, die auf Befehl der israelischen Streitkräfte evakuiert wurden, jedoch Beschuss ausgesetzt. Mindestens vier Frühgeborene, die auf lebenserhaltende Geräte angewiesen waren, konnten aufgrund fehlenden tragbaren Sauerstoffs und anhaltender Beschüsse nicht sicher verlegt werden.


139. Am 27. November 2023 berichtete der emiratische Fernsehsender AlMashhad während der ersten Kampfpause in einem Nachrichtenvideo über die verwesenden Leichen von vier Säuglingen, die in der Neugeborenen-Intensivstation des Al-Nasr-Kinderkrankenhauses zurückgelassen worden waren; die Leichen waren noch immer an die lebenserhaltenden Geräte angeschlossen, die aufgrund eines Stromausfalls und von Angriffen auf das Krankenhaus nicht mehr funktionierten. Diese Säuglinge waren auf lebenserhaltende Geräte wie Beatmungsgeräte, Infusionsschläuche und Sauerstoffmonitore angewiesen gewesen. Sie wurden in fortgeschrittenem Verwesungszustand neben Milchflaschen und Windeln zurückgelassen aufgefunden. Der Zustand der Leichen deutete darauf hin, dass sie etwa zwei Wochen lang unbeaufsichtigt geblieben waren, was die verzweifelten Umstände verdeutlichte, unter denen das medizinische Personal am 10. November zur Evakuierung gezwungen war, ohne die Möglichkeit zu haben, die schutzbedürftigsten Patient*innen zu transportieren. Das Video wurde von der Kommission sowie von anderen Stellen, darunter die „Washington Post“ und CNN, digital überprüft, wodurch bestätigt wurde, dass es innerhalb der Neugeborenen-Intensivstation des Al-Nasr-Krankenhauses aufgenommen wurde. Die israelischen Streitkräfte haben nie behauptet, dass das Al-Nasr-Kinderkrankenhaus von der Hamas genutzt wurde.


140. Die israelischen Streitkräfte behaupteten im November 2023, dass es im Al-Rantisi-Fachkrankenhaus ein Terror-Netzwerk der Hamas gegeben habe. Die Kommission konnte diese Behauptung nicht unabhängig überprüfen, stellt jedoch fest, dass selbst wenn die Behauptung zutreffend wäre, hätten die israelischen Streitkräfte im besten Interesse des Kindes die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen treffen und dem Krankenhauspersonal ausreichend Zeit und Unterstützung für eine kindgerechte Evakuierung und Verlegung von pädiatrischen und neonatologischen Patient*innen gewähren müssen, wodurch deren Tod hätte verhindert werden können.


145. Da die Kinderkliniken und andere große Krankenhäuser in Gaza zu den ersten gehörten, die den Betrieb einstellen mussten, suchten viele Kinder mit komplexen Vorerkrankungen Hilfe in Krankenhäusern, die oft nicht für die Versorgung von Kindern mit solchen Erkrankungen ausgerüstet waren. Ein Arzt, der im November 2023 im Al-Ahli-Krankenhaus tätig war, berichtete, dass Kinder mit komplexen medizinischen Problemen wie schwerem Asthma und Epilepsie im Al-Ahli-Krankenhaus eintrafen, dem jedoch die notwendigen Medikamente – wie beispielsweise Inhalationsgeräte – sowie die erforderliche Ausrüstung und das Fachwissen fehlten, um die Kinder behandeln zu können.


146. Auch Kinderkliniken in Gaza wurden angegriffen. Bei einem Vorfall am 10. Juli 2025 tötete ein israelischer Luftangriff etwa 15 Zivilist*innen, darunter mindestens neun Kinder und vier Frauen, und verletzte mindestens 30 weitere, darunter 19 Kinder und mindestens drei Frauen, während sie in der Gesundheitsklinik Altayara in der Abu-Hosni-Straße in Deir al-Balah im Zentrum des Gazastreifens in der Schlange auf Nahrungsergänzungsmittel für Kinder warteten. Der Angriff erfolgte, als sich die Patient*innen draußen versammelt hatten und darauf warteten, dass die Klinik ihre Behandlung bei Unterernährung und andere Gesundheitsdienste aufnahm. Vor dem Angriff gab es keine Warnung. Die israelischen Streitkräfte gaben Berichten zufolge an, sie hätten einen militanten Hamas-Kämpfer ins Visier genommen, nannten jedoch keine Identität der Person; sie fügten hinzu, dass ihnen Berichte über eine Reihe von Verletzten in dem Gebiet bekannt seien und sie den Vorfall untersuchen würden. Project Hope musste den Betrieb in der Altayara Klinik einstellen und das dortige Team zu einer anderen Gesundheitseinrichtung in Deir al Balah bringen.

 

2. Auswirkungen der Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen für die Neugeborenenversorgung


„Jedes Kind, jedes Baby in Gaza ist ein Feind. Der Feind ist nicht die Hamas, und es ist auch nicht der militärische Flügel der Hamas, wie uns unser oberster Militärstaatsanwalt sagt, dass wir einem Hamas-Mitglied keinen Schaden zufügen dürfen, es sei denn, es gehört zum militärischen Flügel. Jedes Kind in Gaza ist der Feind … Wir müssen Gaza erobern und kolonisieren und kein einziges Kind aus Gaza dort zurücklassen. Es gibt keinen anderen Sieg.“ 

Moshe Feiglin, ein rechtsextremer Politiker und ehemaliges Likud-Mitglied der israelischen Knesset, in einem Interview mit dem israelischen Sender Channel 14 am 20. Mai 2025.


148. Die israelischen Angriffe auf Gaza haben Neugeborene, die auf Inkubatoren angewiesen sind, schwer getroffen, und viele sind infolge des Mangels an Inkubatoren gestorben. Der Mangel an Inkubatoren und/oder Verbrauchsmaterialien für den Betrieb können für Säuglinge lebensbedrohlich sein und zu erhöhter Sterblichkeit, Unterkühlung, Infektionen und Entwicklungsstörungen führen. Vor dem Konflikt gab es in Gaza acht Neugeborenen-Intensivstationen mit insgesamt 178 Inkubatoren. Im November 2024 wurden drei der Neugeborenen-Intensivstationen im Norden von Gaza zerstört, woraufhin die Zahl der Inkubatoren von 178 auf 54 sank.


149. Medizinisches Personal, das zwischen Februar 2024 und Februar 2025 in Krankenhäusern in Khan Younis, Rafah und Deir al-Balah tätig war, berichtete, dass es drei oder vier Säuglinge gesehen habe, die gemeinsam in einem Inkubator lagen. Zum 31. August 2025 war die Bettenkapazität für Neugeborene um 50 Prozent reduziert, wodurch schätzungsweise 2.500 Säuglingen der Zugang zu lebenswichtiger Neugeborenenversorgung verwehrt blieb. Am 1. September 2025 berichtete „Ärzte ohne Grenzen“, dass im Norden des Gazastreifens 36 Inkubatoren zur Verfügung standen, verglichen mit 126 vor Oktober 2023.


151. Auch im zentralen und südlichen Gazastreifen ist die Lage dramatisch. Zwischen Oktober und November 2024 nahm der Nasser Medical Complex 274 Neugeborene auf und meldete 35 Todesfälle bei Neugeborenen, während das Al-Aqsa-Krankenhaus 203 Neugeborene aufnahm, von denen 17 starben. Das Al-Aqsa-Krankenhaus, das European Gaza Hospital und der Nasser Medical Complex kämpfen darum, den Betrieb aufrechtzuerhalten, wobei die Bettenauslastung aller Krankenhäuser über 100 Prozent liegt. Diese Einrichtungen arbeiten über ihre Kapazitäten hinaus, was zu überfüllten Stationen und einem erhöhten Risiko für nosokomiale Infektionen führt, da die Maßnahmen zur Infektionskontrolle beeinträchtigt sind, was wiederum zum Tod von Neugeborenen führt.

 

3. Auswirkungen reproduktiver Gewalt auf den Geburtsverlauf 


„Israel zielt direkt darauf ab, die langfristigen gesundheitlichen Folgen für Babys zu beeinflussen. Es gibt keinen Grund, warum wir keine Medikamente nach Gaza bringen können, um schwangeren Frauen und Babys zu helfen; daher ergibt dies keinen Sinn, außer man geht davon aus, dass diese bestimmte Gruppe gezielt ins Visier genommen wird, was zu einer höheren Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen führt.“ 

Eine Krankenschwester in der Notaufnahme und auf der Kinderstation


152. In einem früheren Bericht, der im März 2025 veröffentlicht wurde, kam die Kommission zu dem Schluss, dass die israelischen Behörden die Fortpflanzungsfähigkeit der Palästinenser*innen in Gaza durch die systematische Zerstörung der sexuellen und reproduktiven Gesundheitsversorgung teilweise zunichte gemacht haben, einschließlich der Zerstörung des Al-Basma-Zentrums für In-vitro-Fertilisation (IVF), der größten Fertilitätsklinik in Gaza, im Dezember 2023.


153. Diese Gewalt hatte direkte, unverhältnismäßige und langfristige Folgen für Kinder bei der Geburt. Israelische Angriffe auf Einrichtungen der Reproduktions-, Mütter-, Neugeborenen- und Säuglingsversorgung (RMNI) haben zu einem kritischen Mangel an Ausrüstung, Medikamenten und medizinischem Fachpersonal geführt, wovon insbesondere die Neugeborenen-Intensivstationen (NICUs) sowie die Fähigkeit zur Bereitstellung lebenswichtiger Versorgung vor und während der Geburt betroffen sind. UNICEF berichtete, dass die Zahl der Babys, die zu früh geboren, unterernährt oder mit Entwicklungsstörungen und anderen gesundheitlichen Komplikationen zur Welt kommen, aufgrund des Konflikts gestiegen ist, der die Entwicklung des Fötus, die Geburt und die Versorgung beeinträchtigt hat. Von der Kommission befragte medizinische Fachkräfte stellten einen Anstieg von Frühgeburten, angeborenen Fehlbildungen oder Anomalien, niedrigem Geburtsgewicht und anderen Erkrankungen fest.


155. In Gaza kommen immer mehr Babys mit Untergewicht, zu früh oder mit Komplikationen zur Welt, was auf die durch den Konflikt verschärften Bedingungen zurückzuführen ist und zu einer höheren Neugeborenensterblichkeit führt. Vor Oktober 2023 lag die Prävalenz von Frühgeborenen und Babys mit niedrigem Geburtsgewicht in Gaza bei 9,5 Prozent bzw. 9,1 Prozent. Zwischen Januar und Juni 2025 wurden 5.560 Babys (etwa 33 Prozent der Geburten) als frühgeboren, untergewichtig oder als auf eine Aufnahme in die neonatologische Intensivstation oder auf fachärztliche Versorgung angewiesen gemeldet, die in Gaza weiterhin nicht verfügbar war. Studien haben gezeigt, dass der psychische Zustand und der Stress einer Mutter während der Schwangerschaft die Durchblutung der Plazenta beeinträchtigen können, was zu einer Verringerung des fetalen Wachstums und des Geburtsgewichts führt. Stand 27. März 2026 wurden 70 Prozent der Neugeborenen entweder als Frühgeborene oder als untergewichtig eingestuft.


156. Im Juli 2025 meldete der UNFPA einen sprunghaften Anstieg von Frühgeburten und Fällen von niedrigem Geburtsgewicht im Gazastreifen: Mehr als 1.460 Babys kamen zu früh zur Welt, über 1.600 wiesen ein zu geringes Geburtsgewicht auf und mehr als 2.500 Säuglinge wurden auf die Neugeborenen-Intensivstation aufgenommen. Ärzt*innen berichten, dass sie im Gazastreifen keine „normal großen“ Babys mehr sehen. Viele Babys mit niedrigem Geburtsgewicht müssen in Inkubatoren untergebracht werden, die jedoch größtenteils nicht verfügbar sind, ebenso wie andere medizinische Ressourcen für Neugeborene wie intravenöse Ernährung und Magensonden, die in Gaza ebenfalls knapp sind. Ein Kinderarzt berichtete, dass das niedrigste Geburtsgewicht, das er seit dem 7. Oktober 2023 beobachtet habe, bei einem in der 32. Schwangerschaftswoche geborenen Mädchen bei nur 900 Gramm (0,9 Kilogramm) gelegen habe.


158. Unter den angeborenen Fehlbildungen des Magen-Darm-Trakts sind viele Neugeborene insbesondere von einer Ösophagusatresie und einer Analatresie betroffen, die möglicherweise auf eine Infektion der Mutter oder die Exposition gegenüber Chemikalien und Schadstoffen zurückzuführen sind. Babys mit diesen Erkrankungen benötigen dringend eine korrigierende Operation; aufgrund der großen Zahl von Kindern mit traumatischen Verletzungen im Krankenhaus wurden diese Eingriffe jedoch zurückgestellt, was zu vermeidbaren Todesfällen in den ersten Tagen nach der Geburt führte.


159. Nach Angaben von Ärzt*innen kommen manche Babys mit Fehlbildungen des Zentralnervensystems oder Neuralrohrdefekten (Spina bifida), Hydrozephalus oder Makrozephalie zur Welt, was in erster Linie auf einen Folsäuremangel in der Ernährung der Mutter während der Schwangerschaft zurückzuführen ist, der zu einer unzureichenden Reifung des Zentralnervensystems führt. Diese Erkrankungen sind durch kinderchirurgische Eingriffe behandelbar, können jedoch, wenn sie unbehandelt bleiben, langfristig zu dauerhaften Behinderungen führen, darunter Wachstums- und motorische Entwicklungsverzögerungen. Ein Arzt zeigte der Kommission ein Video eines vier Monate alten Jungen mit Spina bifida, bei dem ein sichtbares Loch oder eine Öffnung direkt in das untere Rückenmark führte. Aufgrund dieser Erkrankung konnte das Baby seine Beine nicht bewegen. Sein Zustand erforderte einen sofortigen chirurgischen Eingriff, der in Gaza nicht möglich ist. Infolgedessen wird das Baby eine lebenslange Behinderung haben.


162. Einige Mütter haben auf unsichere Ernährungsmethoden für ihre Babys zurückgegriffen, darunter die Verabreichung einer Mischung aus Sternanis und Wasser, die langfristig zu einem Ungleichgewicht des Elektrolythaushalts und anderen Gesundheitsrisiken für die Babys führen könnte. Ein Kinderarzt erklärte gegenüber der Kommission: „In meiner über 35-jährigen ärztlichen Laufbahn habe ich noch nie erlebt, dass Mütter in Gaza aus Hilflosigkeit auf solch riskante und unsachgemäße Ernährungs- oder Entwöhnungspraktiken zurückgegriffen haben.“

 

4. Auswirkungen der Unterkühlung auf das Überleben von Neugeborenen 


„In meiner gesamten beruflichen Laufbahn – und ich bin mittlerweile 72 Jahre alt – habe ich noch nie ein solches Ausmaß an Leid bei Neugeborenen gesehen, das absichtlich von Israel verursacht wurde. Eine derart extreme Situation hat es in Gaza noch nie gegeben. Es ist nicht normal, dass Neugeborene an Unterkühlung sterben.“ –

Ein Kinderarzt


163. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza starben zwischen Dezember 2024 und Februar 2025 mindestens 15 Neugeborene an vermeidbarer Unterkühlung. Diese Todesfälle waren auf eine Kombination verschiedener Faktoren zurückzuführen, darunter anhaltende Kälteexposition, schwere Unterernährung, Mangel an angemessener Unterkunft, Strom und Brennstoff, begrenzte medizinische Versorgung sowie von Israel auferlegte Beschränkungen der humanitären Hilfe.

 

 

H. Angriffe auf und militärische Besetzung von Bildungseinrichtungen sowie deren Auswirkungen auf Kinder im Gazastreifen


„Als Kind habe ich immer davon geträumt, meine Schule in die Luft zu sprengen. Heute sprenge ich eine Schule in die Luft. Wow!“ 

Ein israelischer Soldat in einem Video mit dem Titel „Es macht immer Spaß, Schulen in die Luft zu sprengen“, kurz bevor er eine Schule in die Luft sprengte [wie in dem von ihm geposteten Video zu sehen ist].

 

166. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 11. Oktober 2025 wurden 459 von insgesamt 564 Schulgebäuden im Gazastreifen direkt getroffen. Von den getroffenen Gebäuden befanden sich 208 in Gaza, 125 in Khan Younis, 95 im Norden des Gazastreifens, 70 in Deir al-Balah und 66 im Gouvernement Rafah. Da 61 Prozent der Schulen im Gazastreifen vor Oktober 2023 im Zwei- oder Dreischichtbetrieb gearbeitet hatten, war durch jedes zerstörte Schulgebäude potenziell Hunderte und manchmal Tausende von Schüler*innen betroffen. Die 459 direkt getroffenen Schulgebäude hatten vor dem Kriegsausbruch etwa 497.712 Schüler und 18.740 Lehrer beherbergt.


167. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 11. Oktober 2025 wurden 81,4 Prozent (459) der als Notunterkünfte genutzten Schulgebäude direkt getroffen, was zu einer erheblichen Zahl von Opfern führte. Von der Gesamtzahl der Angriffe auf Bildungseinrichtungen im Gazastreifen, die von den Vereinten Nationen im Jahr 2024 erfasst wurden, ereignete sich die höchste Anzahl – 78 Vorfälle – im Oktober. Die Gouvernements Nord-Gaza und Rafah waren am stärksten betroffen: 100 Prozent ihrer Schulgebäude wurden vom Bildungscluster entweder als direkt getroffen oder beschädigt eingestuft, gefolgt vom Gouvernement Khan Younis, wo im Oktober 2025 98,4 Prozent der gesamten Schulgebäude entsprechend klassifiziert waren.


170. Im November 2025 war das Bildungssystem im Gazastreifen zusammengebrochen: Über 97 Prozent der Schulen waren beschädigt oder zerstört, und 93 Prozent der Schulen müssten umfassend saniert oder vollständig wieder aufgebaut werden, um wieder funktionsfähig zu sein. Bei vielen Angriffen auf Schulen berichteten Zeug*innen, dass es keinerlei Vorwarnung gab oder dass Evakuierungswarnungen erst kurz vor den Angriffen ausgegeben wurden, sodass den Menschen nicht genügend Zeit blieb, um zu fliehen.


174. Bei dem Angriff auf die Al-Fakhoura-Schule am 4. November 2023 hatten sich etwa 16.000 Binnenflüchtlinge in der Schule in Sicherheit gebracht. Bei dem Angriff kamen 15 Menschen ums Leben, darunter mindestens sechs Kinder, und über 50 wurden verletzt, darunter mindestens vier Kinder. Die israelischen Streitkräfte gaben Berichten zufolge an, dass sie diesen Ort nicht ins Visier genommen hätten und dass die Explosion möglicherweise auf Schüsse zurückzuführen sei, die auf ein anderes Ziel gerichtet waren. Der zweite Angriff auf die Al-Fakhoura-Schule erfolgte zwei Wochen später, am 18. November 2023, nachdem das Lager Jabalia in den Tagen zuvor wiederholt bombardiert worden war. Die Schule wurde am frühen Morgen getroffen, und eine weitere Schule, die Tal-al-Zaatar-Schule, ebenfalls im Norden des Gazastreifens, wurde später am selben Tag angegriffen.


175. Die Ma’en-Schule in Khan Younis wurde am 5. Dezember 2023 angegriffen. Ein Zeuge berichtete der Kommission, dass israelische Streitkräfte vor dem Bombenangriff auf die Schule Flugblätter mit Evakuierungsaufforderungen abgeworfen hätten. Als die achtjährige Tochter des Zeugen und andere Kinder hinliefen, um die Flugblätter aufzuheben, warfen die israelischen Streitkräfte genau an dieser Stelle eine Bombe ab. Die Verletzten wurden in den Nasser Medical Complex gebracht. Die Tochter des Zeugen erlitt eine schwere direkte Verletzung am Bauch, wodurch sie einen Teil ihres Darms verlor. Der Zeuge war der Ansicht, dass die israelischen Streitkräfte die Flugblätter als Trick abgeworfen hatten, um Menschen zusammenzutreiben, da die meisten Getöteten und Verletzten gerade dorthin rannten, um die Flugblätter aufzuheben.


176. Am 21. Oktober 2024 wurde die Bubenschule in Al-Fawqa, Jabalia, angegriffen; Berichten zufolge wurden dabei mindestens 10 Menschen getötet und 30 verletzt. Ein Zeuge, der in der Schule Zuflucht gesucht hatte und die unmittelbaren Folgen des Angriffs filmte, berichtete den Medien, dass am Morgen eine Drohne über der Schule auftauchte, deren Lautsprecher den dort untergekommenen Zivilist*innen ein Ultimatum stellte, die Schule innerhalb einer Stunde zu verlassen, „da sie sich in einer gefährlichen Kampfzone befänden“. Dem Zeugen zufolge griffen israelische Flugzeuge die Schule 10 Minuten später an.


177. Am 21. Juli 2025 wurde ein Gebäude, in dem sich der Al-Jinan-Kindergarten – einer der wenigen noch verbliebenen Kindergärten – im Stadtteil Al-Rimal in Gaza-Stadt befand, während des Unterrichts indirekt getroffen; der Angriff war vermutlich auf ein benachbartes Gebäude gerichtet. Infolge des Angriffs wurden mehrere Kinder verletzt; Videoaufnahmen zeigen Kinder, darunter einen Jungen mit Blut im Gesicht, die schreien und weinen, während sie gerettet werden. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass die 98. Division der israelischen Streitkräfte wahrscheinlich für diesen Angriff verantwortlich ist. Die Kommission fand keine Anhaltspunkte dafür, dass der Kindergarten oder ein anderer Teil des Gebäudes zum Zeitpunkt des Angriffs von der Hamas genutzt wurde.


178. Auch Schulen in Gebieten, die von den israelischen Streitkräften als „sichere Zonen“ ausgewiesen wurden, wurden angegriffen. Am 6. Januar 2024 verteilten die israelischen Streitkräfte in Wohngebieten von Khan Younis Flugblätter, in denen sie den Bewohner*innen rieten, sich in Schutzräume in sicheren Zonen zu begeben. Zwei Tage später wurden ein 15-jähriges Mädchen und eine 30-jährige Frau, die in der UNRWA-Grundschule „Deir al-Balah Elementary Co-ed A und B“ in Deir El-Balah, die als „humanitäre Zone“ ausgewiesen war, Zuflucht gesucht hatten, durch einen Quadcopter verletzt, der direkt auf diese Unterkunft feuerte. Die israelischen Streitkräfte übernahmen die Verantwortung für den Angriff und erklärten, die Hamas habe innerhalb der Schule ein Kommando- und Kontrollzentrum betrieben. Die Kommission konnte diese Behauptung der israelischen Streitkräfte jedoch nicht überprüfen und ihr sind keine von den israelischen Streitkräften vorgelegten Beweise bekannt. Airwars berichtete, dass es keine bei dem Angriff getöteten Militanten identifizieren konnte; stattdessen identifizierte es getötete Zivilist*innen, die drei Familien angehörten.


179. Im Januar 2025 stellte BBC Verify fest, dass die israelischen Streitkräfte die als „humanitäre Zone“ ausgewiesene Region im Gazastreifen mindestens 97 Mal angegriffen und dabei mehr als 550 Menschen getötet hatten; davon räumten die israelischen Streitkräfte 28 Angriffe zwischen dem 6. Mai 2024 und dem 15. Januar 2025 öffentlich ein. Forensic Architecture berichtete im Mai 2024, dass 67 von 92 Schulen innerhalb der erweiterten „humanitären Zone“ in Al-Mawasi beschädigt oder zerstört worden waren.


180. Neben Luftangriffen auf und dem Beschuss von Bildungseinrichtungen führten die israelischen Streitkräfte in mehreren Gebieten des Gazastreifens auch geplante, kontrollierte Sprengungen von Bildungseinrichtungen durch. Die Kommission hat in ihrem vorherigen Bericht festgestellt, dass die israelischen Streitkräfte Schulen zerstörten und verbrannten, von denen viele zum Zeitpunkt der Zerstörung leer standen, und dass diese Zerstörung vorsätzlich und unnötig war und einen Verstoß gegen die Grundsätze der Notwendigkeit, der Unterscheidung, der Vorsicht und der Verhältnismäßigkeit nach dem humanitären Völkerrecht darstellt.

 

 

I. Auswirkungen der Angriffe und der Schließung von Schulen auf die schulische Entwicklung und das Lernen in Gaza


„Wenn Kinder ihre Chance auf Bildung verlieren, verlieren sie ihre Zukunft.“ 

So äußerte sich ein Lehrer gegenüber der Kommission


188. Vor den israelischen Angriffen auf Gaza ab Oktober 2023 wies Gaza historisch gesehen eine der höchsten Alphabetisierungsraten der Welt auf. Die israelischen Angriffe haben den Bildungssektor massiv getroffen. Kinder in Gaza haben drei Jahre formaler Bildung verpasst. Im Februar 2025 berichtete der Bildungscluster, dass über 668.000 Kindern im schulpflichtigen Alter in Gaza der Zugang zu formaler Bildung und der damit verbundenen schützenden Unterstützung durch ein funktionierendes Bildungssystem verwehrt worden war. Im Januar 2026 waren über 335.000 Kinder unter fünf Jahren aufgrund des Zusammenbruchs der frühkindlichen Betreuungseinrichtungen von schweren Entwicklungsverzögerungen bedroht.


191. Selbst dort, wo Kinder Zugang zu Online-Unterricht hatten, hat die harte Realität ständiger Angriffe, Hungersnot und unmenschlicher Lebensbedingungen ihren Fokus vom Lernen auf das Überleben verlagert. Eltern haben der Kommission berichtet, dass ihre Kinder seit dem 7. Oktober 2023 keinen Unterricht mehr erhalten haben und sich ausschließlich auf das Überleben konzentrieren, einschließlich der Suche nach Nahrung und Unterkunft. Kinder sind zudem zunehmend gezwungen, informelle Arbeit zu suchen, um das Überleben ihrer Familie zu sichern. Eine Mutter berichtete der Kommission, dass ihr 17-jähriger Sohn früher Klassenbester war, nun aber Zigaretten verkauft, anstatt zu lernen. Eine andere Mutter erzählte der Kommission, dass sie früher davon geträumt habe, ihren 15-jährigen Sohn einmal als Arzt zu sehen, dieser aber seine Tage damit verbringe, Schuhe zu flicken, um zu überleben.


194. Die Zerstörung des Bildungssystems in Gaza wird voraussichtlich den Palästinenser*innen über Generationen hinweg schaden und zu entsprechenden Herausforderungen in den Bereichen wirtschaftliche Entwicklung, Beschäftigung und soziale Kompetenzen führen. Der Verlust an Humankapital in Verbindung mit der physischen Zerstörung der Infrastruktur hat zu einem prognostizierten Rückschritt von 69 Jahren im Index der menschlichen Entwicklung in Gaza geführt und durch den verwehrten Zugang junger Generationen zu Bildung einen potenziellen „Brain Drain“ ausgelöst. Dies wird den langfristigen Wiederaufbau in Gaza behindern.

 

Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem 


195. Die israelischen Behörden haben Schließungs- und Abrissverfügungen gegen bestimmte Schulen im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, erlassen. Am 8. April 2025 drangen israelische Beamte und Streitkräfte gewaltsam in die sechs von der UNRWA betriebenen Schulen in Ostjerusalem ein und ordneten deren Schließung mit Wirkung in 30 Tagen an, und am 8. Mai 2025 führten israelische Streitkräfte eine Razzia in drei der UNRWA-Schulen im Lager Shu’fat durch, vertrieben mehr als 550 Kinder und erzwangen die Räumung der sechs Schulen. Die sechs Schulen sind bis heute geschlossen, wovon etwa 800 Schüler*innen betroffen sind. Die betroffenen Schüler*innen mussten auf andere verfügbare Schulen in ihrer Umgebung verlegt werden oder auf den Online-Unterricht der UNRWA zurückgreifen. Stand 20. Oktober 2025 waren 85 Schulen in den am stärksten gefährdeten Gebieten des Westjordanlands, die etwa 13.000 Schüler*innen – darunter 6.557 Mädchen – unterrichten und in denen mindestens 1.089 Lehrkräfte – darunter 649 Lehrerinnen – beschäftigt sind, von teilweisen oder vollständigen Abrissverfügungen betroffen oder hatten eine Baustoppverfügung erhalten. Laut OCHA tragen diese Abrissmaßnahmen und die Androhung von Abrissen zu einem Klima der Nötigung bei, das die Bewohner*innen unter Druck setzt, den Ort zu verlassen, und sie der Gefahr einer Zwangsumsiedlung aussetzt.

 

Angriffe auf und Schäden an Einrichtungen zur Betreuung von Kindern (Waisenhäusern) im Gazastreifen und deren Auswirkungen 


„Bei Säuglingen, deren Eltern ums Leben gekommen waren, suchte das Krankenhaus mit Hilfe der Ethikkommission nach anderen Familienangehörigen oder sogar Nachbar*innen, die sich um sie kümmern konnten, da im Krankenhaus kein Platz mehr war und die Waisenhäuser voll waren und nur noch über eingeschränkte Kapazitäten verfügten. Daher haben diese Säuglinge keine Identität.“ 

Ein Kinderarzt und Neonatologe.


202. Seit Oktober 2023 sind Zehntausende Kinder in Gaza zu Waisen geworden oder von ihren Familien getrennt worden, wodurch sie nun als unbegleitete Minderjährige gelten. Nach Angaben des Palästinensischen Zentralamts für Statistik lebten im Jahr 2020 in Gaza 26.349 Kinder (im Alter von 0 bis 17 Jahren) als Waisen, nachdem sie einen oder beide Elternteile verloren hatten. Zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 7. Oktober 2025 verloren schätzungsweise 58.554 Kinder einen oder beide Elternteile, und zwischen 17.000 und 18.000 Kinder waren unbegleitet oder von ihren Eltern getrennt.


203. Kinder in Gaza wurden von ihren Familien getrennt und befanden sich allein und ohne Begleitung. Einige Kinder wurden während der Angriffe von ihren Familien getrennt und allein ins Krankenhaus eingeliefert oder von Fremden betreut. In einem Fall berichtete ein Arzt der Kommission von einem verletzten Jungen im Rollstuhl im Al-Aqsa-Krankenhaus, der von einer Gruppe von Jugendlichen betreut wurde, die dem Jungen nicht mitteilten, dass seine gesamte Familie getötet worden war und er der einzige Überlebende war, um ihm keinen Schmerz zuzufügen. Im März 2024 traf die Kommission in Ägypten auf einen unbegleiteten Jungen, der stark bandagiert und völlig bewegungsunfähig in einem Krankenhausbett lag. Er war aus dem Gazastreifen medizinisch evakuiert worden und wurde von einem Fremden Anfang zwanzig betreut, der den verwundeten Jungen im Krankenhaus kennengelernt hatte, als er seinen eigenen verletzten Bruder begleitete, der in einem Nachbarzimmer hospitalisiert war.


204. Unbegleitete Kinder sahen sich aufgrund des vollständigen Zusammenbruchs des Sozialfürsorgesystems, der Umwidmung von Kinderheimen in Notunterkünfte, der physischen Zerstörung und Beschädigung von Einrichtungen sowie anderer konfliktbedingter Herausforderungen mit schwerwiegenden Problemen konfrontiert. Zudem mangelt es in Gaza an formellen alternativen Betreuungsangeboten für unbegleitete und von ihren Familien getrennte Kinder, da Berichten zufolge mindestens vier Waisenhäuser in Notunterkünfte für Vertriebene umgewandelt wurden. Die verfügbaren Möglichkeiten beschränkten sich weitgehend auf die informelle Betreuung durch Familienangehörige oder Fremde. Berichten zufolge kümmern sich mehr als 40 Prozent der Familien in Gaza um nicht-leibliche Kinder. Großfamilien hatten Schwierigkeiten, die Grundbedürfnisse zu decken, was dazu führte, dass Kinder ohne ein stabiles Unterstützungsnetzwerk zurückblieben.


205. Aufgrund des Zusammenbruchs der familiären Betreuung und alternativer Unterstützungssysteme wurden viele Kinder allein und teilweise verletzt in Krankenhäusern aufgefunden, ohne dass eine Möglichkeit bestand, Angehörige zu identifizieren und ausfindig zu machen. Ein Chirurg schilderte der Kommission, wie das medizinische Personal im Al-Shifa-Krankenhaus den Begriff „Wounded Child No Surviving Family (WCNSF)“ geprägt hat, um die Krankenakten von verletzten Kindern zu kennzeichnen, die allein im Krankenhaus waren. Dem Chirurgen zufolge gab es bis zum 15. November 2023, nur fünf Wochen nach der Eskalation der Feindseligkeiten, im Al-Shifa-Krankenhaus 120 WCNSF-Fälle mit Kindern im Alter zwischen einem und 14 Jahren, bevor das Krankenhaus später in diesem Monat aufgrund eines israelischen Angriffs geschlossen werden musste. Berichten zufolge hatten Eltern in einigen Fällen die Namen ihrer Kinder auf deren Körper geschrieben, damit die Kinder im Falle ihres Todes nicht namenlos sterben würden und die Kinder im Falle des Todes der Eltern identifiziert werden können.


206. Die Kommission untersuchte und dokumentierte Angriffe, durch die Einrichtungen zur Betreuung von Kindern beschädigt und beeinträchtigt wurden. In einem Fall griffen israelische Streitkräfte am 2. Oktober 2024 das Al-Amal-Waisenhaus in der Al-Wehda-Straße in Gaza-Stadt an. Einem Zeugen zufolge befanden sich zum Zeitpunkt des Vorfalls 143 Waisenkinder, darunter 62 Jungen und 81 Mädchen, sowie etwa 3.000 Vertriebene, darunter Hunderte von vertriebenen Kindern, im Waisenhaus. Gegen 12:45 Uhr wurde das Waisenhaus bombardiert, wobei neun Menschen, darunter vier Kinder, getötet und elf Erwachsene verletzt wurden.


209. In einem weiteren Vorfall dokumentierte die Kommission Schäden am Waisenhaus „Mubarrat Al Rehmat“, in dem mehr als 20 Waisenkinder untergebracht waren, darunter 12 Waisenkinder mit Behinderungen wie Zerebralparese, Blindheit oder Mehrfachbehinderungen. Am 28. Oktober 2023 wurde eine nahegelegene Moschee durch einen israelischen Luftangriff bombardiert, wodurch Teile des Waisenhauses strukturelle Schäden erlitten, da die Druckwelle alle Fenster zerbarst und das Spielzimmer, das Klassenzimmer sowie die Küche im Erdgeschoss zerstörte, sodass sich die Kinder und das Personal in den drei noch nutzbaren Räumen drängen mussten. Die Kinder erlitten leichte Schnittverletzungen durch Glassplitter. Der Leiter versuchte, die Waisenkinder im beschädigten Gebäude zu behalten, anstatt eine gefährliche Evakuierung zu wagen. Die Kinder mit Behinderungen im Waisenhaus gehörten zu den am stärksten gefährdeten. Viele von ihnen konnten weder gehen noch ohne Unterstützung sitzen und waren daher jederzeit darauf angewiesen, von Erwachsenen getragen zu werden, was eine Evakuierung lebensgefährlich machte. Wochenlang galt eine Evakuierung als praktisch unmöglich. Seitdem dienen die Räumlichkeiten des Waisenhauses in Gaza-Stadt nicht mehr als Kinderheim.

 

 

J. Auswirkungen von Vertreibung und Belagerung auf die Lebensbedingungen der Kinder im Gazastreifen


„Es gab eine Zeit, in der wir Katzenfutter essen und Eselfutter mahlen mussten, um Brot zu backen. Es schmeckte widerlich, aber wir mussten essen, um zu überleben, um am Leben zu bleiben.“ 

Ein 13,5-jähriger Junge, der bei einem Luftangriff auf sein Zuhause im Dezember 2023 schwer verletzt wurde.


211. Stand 13. Oktober 2025 waren mindestens 1,9 Millionen Menschen, etwa 90 Prozent der Bevölkerung, innerhalb des Gazastreifens gewaltsam umgesiedelt worden. Die Kommission analysierte Aussagen israelischer Amtsträger sowie die Methoden und das Verhalten der israelischen Streitkräfte während der Militäroperationen und kam in einem früheren Bericht zu dem Schluss, dass Israel als Besatzungsmacht die Zivilbevölkerung innerhalb des Gazastreifens gewaltsam vertrieben hat, was ein Kriegsverbrechen und einen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht darstelle.


212. Die Kommission stellte ferner fest, dass Zivilist*innen, darunter auch Kinder, infolge der Zwangsumsiedlung gezwungen waren, in Notunterkünften und Lagern unter Bedingungen zu leben, die nicht nur unmenschlich, erniedrigend und demütigend, sondern auch gefährlich und unsicher sind. Die israelischen Streitkräfte griffen weiterhin Orte an, an denen Vertriebene untergebracht waren und die als sicher ausgewiesen waren.


218. Der Zusammenhang zwischen Ernährungsunsicherheit und Wasserknappheit infolge der Belagerung hat schwerwiegende Auswirkungen auf Kinder. Schon vor der derzeitigen vollständigen Belagerung hatte die UNO gewarnt, dass 96 Prozent des Wassers in Gaza „für den menschlichen Verzehr ungeeignet“ seien. Seit Beginn der Blockade haben Schäden an der Wasserinfrastruktur dazu geführt, dass Kinder verunreinigtes Wasser trinken mussten. Unsicheres Trinkwasser sowie der Mangel an Wasser und sanitären Einrichtungen haben zu Durchfallerkrankungen geführt, was die Kinder zusätzlich daran gehindert hat, die für ihr Überleben notwendigen Nährstoffe aufzunehmen, und zu einer hohen Zahl von Fällen akuter Dehydrierung und Unterernährung beigetragen hat. Eine Mutter aus Gaza berichtete der Kommission: „Wir konnten kaum sauberes Wasser bekommen. Es war schmutziges und salziges Wasser; manchmal mussten die Kinder und ich beim Trinken die Augen schließen, weil Würmer im Wasser waren.“ Zudem müssen Kinder in Gaza aufgrund der Zerstörung der Wasser- und Sanitärinfrastruktur lange, gefährliche Wege zurücklegen, um Wasser zu holen, und verbringen täglich sechs bis acht Stunden damit, schwere Wasserlasten zu tragen, wodurch Schulzeit durch tägliche Überlebensaufgaben ersetzt wird. Viele Kinder, manchmal barfuß, durchsuchen Trümmer nach Wasser, was zu schwerer Erschöpfung und Krankheitsrisiken führt.


221. Notunterkünfte, in denen durchschnittlich eine Toilette auf 700 Menschen kam, wurden zu Brutstätten für Krankheitsausbrüche. Ärzte ohne Grenzen berichtete, dass Kinder aufgrund des Mangels an sauberem Wasser zum Baden oder Waschen unter Hautekzemen litten. Diese Faktoren haben zum Ausbruch von durch Wasser übertragenen und anderen Krankheiten geführt. Die WHO meldete bis Ende Dezember 2023 50.000 Fälle von Durchfallerkrankungen bei Kleinkindern unter fünf Jahren, was einer 25-fachen Zunahme gegenüber den vor Oktober 2023 gemeldeten Fällen entsprach. Die körperlichen Folgen des Mangels an Nahrung und Wasser haben die schweren psychischen Traumata der Kinder noch verschlimmert.

 

Vermeidbare Kindersterblichkeit und Morbidität 


„Das Aushungern? Das ist eine Schande und eine Schmach, es ist unsere Schuld, dass sie hungern; sie verdienen es zu sterben! Ganz Gaza sollte mit seinen ‚unschuldigen‘ Einwohner*innen niedergebrannt werden, vom Größten bis zum Kleinsten, die alle Kinder des Satans sind!“ 

Beitrag eines israelischen Soldaten vom 18. März 2024.

 

224. Die Kommission kam in ihrem Bericht vom Juni 2024 zu dem Schluss, dass Israel das Kriegsverbrechen begangen hat, die Aushungerung von Zivilist*innen vorsätzlich als Kriegsmittel einzusetzen. Dies hatte schwerwiegende, lebensbedrohliche Folgen für Kinder, darunter auch pädiatrische und neonatologische Patient*innen. Die Zerstörung des Gesundheitssystems, einschließlich der Infrastruktur, hat diese Risiken noch verstärkt und aus geringfügigen, behandelbaren Erkrankungen lebensbedrohliche Zustände gemacht.


225. Im Jahr 2025 wurden fast 95.000 Kinder mit akuter Unterernährung identifiziert. Etwa 320.000 Kinder unter fünf Jahren gelten als von Unterernährung bedroht, wobei im Dezember 2025 rund 100.000 eine spezielle Behandlung wegen Auszehrung benötigten. Obwohl sich nach dem Waffenstillstand im Oktober 2025 kein Gebiet im Gazastreifen mehr in einer akuten Hungersnot befindet, leidet nahezu die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens weiterhin unter akuter Ernährungsunsicherheit. Prognosen deuten zudem darauf hin, dass von Dezember 2025 bis Mitte Oktober 2026 voraussichtlich fast 101.000 Kinder im Alter von sechs bis 59 Monaten an akuter Unterernährung leiden werden, darunter über 31.000 schwere Fälle.


226. Der Juli 2025 war der Monat mit den meisten Todesfällen durch Unterernährung bei Kindern: 24 Kinder unter fünf Jahren starben, was 85 Prozent aller Todesfälle im Zusammenhang mit Unterernährung im Jahr 2025 entspricht. Ein Arzt berichtete der Kommission, dass er im Juli 2025 den Tod eines sieben Monate alten Mädchens miterlebt habe, weil keine einfache Säuglingsnahrung verfügbar war. Bis zum 1. Oktober 2025 meldete UNICEF 151 Todesfälle bei Kindern aufgrund von Unterernährung. Todesfälle bei Kindern aufgrund von Unterernährung sind alle vermeidbar; zur Prävention bedarf es nichts weiter als angemessener, nährstoffreicher Nahrung.


229. Die israelischen Behörden wiesen Berichte über Kinder, die starben oder vom Verhungern bedroht waren, mit dem Verweis auf bereits bestehende Erkrankungen zurück; diese Erkrankungen waren jedoch leicht behandelbar und führten ausschließlich aufgrund des Hungers zum Tod. Somit starben Kinder infolge der Belagerung an Hunger. Ein 12-jähriges Mädchen mit Zöliakie litt unter schwerer Unterernährung, nachdem die von Israel von März bis Mai 2025 verhängte Blockade den Zugang zu glutenfreien Lebensmitteln eingeschränkt hatte, wodurch sie innerhalb von sechs Monaten ein Drittel ihres Körpergewichts verlor, was zu geschwächten Gliedmaßen, Durchfall, Erschöpfung und einem geschwächten Immunsystem führte. Im Oktober 2025 wurde sie in den Nasser Medical Komplex aufgenommen. Die medizinischen Behörden beantragten bei den israelischen Behörden die Genehmigung für ihre medizinische Evakuierung, damit sie behandelt werden konnte, erhielten jedoch keine Antwort. Sie starb am 9. Oktober 2025 an einem septischen Schock infolge einer einfachen Infektion. Anfang November 2025, etwa einen Monat nach ihrem Tod, genehmigten die israelischen Behörden ihre Evakuierung nach Italien.

 

Haut- und Zahnerkrankungen bei Kindern


„Ich konnte keine Operation zu Ende bringen, denn jedes Mal, wenn die kleinen Patient*innen in den Operationssaal gebracht wurden, waren ihre Wunden unter den Verbänden von Maden befallen und von einer Sepsis befallen – diese Kinder hatten aufgrund von Unterernährung kein Immunsystem. Die Kinder erholten sich einfach nicht.“

Ein Arzt, der im Rahmen mehrerer medizinischer Einsätze in Gaza war


232. Im Laufe der Zeit sind bei Kindern in Gaza weitere Anzeichen für eine chronisch akute Unterernährung aufgetreten, darunter schwerwiegende Veränderungen des Haut-, Haar- und Zahnzustands. Dazu gehören sprödes und stellenweise helleres Haar, trockene Haut sowie Veränderungen der Hautpigmentierung – allesamt wichtige Indikatoren für den allgemeinen Gesundheitszustand von Kindern. In einem Fall hatte sich ein sechsjähriges Mädchen mit Durchfall infiziert, was zu Nierenversagen und Dysurie führte. Zudem litt sie an Hypochromotrichie, wobei ihr Haar ausfiel und sich aufhellte, sowie an einer Hypopigmentierung im Gesicht, was zu einem Verlust der Hautfarbe und sichtbaren Hautflecken um die Augen herum führte. Der behandelnde Arzt erklärte der Kommission, dass dies alles Anzeichen für akute Unterernährung seien, die sich bei Kindern erst langsam manifestieren. Die Kommission hat mehrere Fälle von Kindern dokumentiert, die Haut- und Haarveränderungen aufwiesen, die mit Unterernährung vereinbar sind.


233. Während der mehr als zwei Jahre andauernden Eskalation der Feindseligkeiten haben Hautinfektionen im Gazastreifen zugenommen. Im Juli 2024 bestätigte die WHO über 103.000 Fälle von Krätze und Läusebefall, mehr als 65.000 Fälle von Hautausschlägen, 11.000 Fälle von Windpocken sowie Tausende Fälle von Impetigo [auch Borken- oder Grindflechte genannt, Anm.], einer hochansteckenden Hautinfektion, von der vor allem Kinder betroffen sind. Der Kommission wurden Fotos von Kindern unterschiedlichen Alters und Geschlechts vorgelegt, die an roten und gelben, verkrusteten Schorfstellen im Gesicht, an den Armen und am Gesäß litten.


234. Ein Arzt berichtete der Kommission, dass die Krätze bei Kindern in Gaza durch Impetigo weiter verschlimmert worden sei. Der Arzt zeigte Fotos eines kleinen Jungen und eines Teenagers aus einem Lager in Deir Al Balah, die an Krätze litten, die sich nach und nach zu Impetigo entwickelte.


235. Berichten zufolge ist bei Kindern eine erhebliche Morbidität im Bereich der Zahngesundheit zu verzeichnen, die auf Unterernährung zurückzuführen ist, darunter Skorbut, der Zahnfleischbluten und Zahnfleischentzündungen verursacht, verminderter Speichelfluss, Schwächung des Zahnschmelzes, mangelnde Hygiene aufgrund von Vertreibung sowie ein Mangel an Antibiotika und Behandlungsmöglichkeiten. Ein Arzt erklärte gegenüber der Kommission, dass die Mundgesundheit der Kinder infolge von Unterernährung, mangelnder Versorgung mit Kalzium und Vitaminen sowie fehlendem Zugang zu zahnärztlicher Versorgung sichtbar beeinträchtigt sei. Eine schlechte Mundgesundheit kann die Entwicklung und Gesundheit der Zähne und des Zahnfleisches von Kindern beeinträchtigen; zudem erschwert sie das Essen und die Aufnahme von Nährstoffen, was wiederum zur Unterernährung beiträgt und so einen Teufelskreis der Verschlechterung sowohl der Mundgesundheit als auch der allgemeinen Gesundheit darstellt.


236. Die Kommission erhielt zahlreiche Fotos von Kindern mit sich verschlechternder Mundgesundheit, insbesondere von Kindern bis zu sechs Jahren mit Milchzähnen, von denen viele an Zahninfektionen leiden, wie z. B. nekrotischen Zähnen mit Zahnbelag, fleckiger Hyperpigmentierung oder Zahnverfärbungen, was zu faulen Zähnen oder Karies führt. Im März 2024 traf die Kommission Kinder aus dem Gazastreifen mit ähnlichen Zahnproblemen, die in Krankenhäusern in Ägypten aufgenommen worden waren.

 

 

 

 

V. Psychische Schäden bei palästinensischen Kindern durch Israel

 

„Kinder, die in die Notaufnahme gebracht wurden, sahen um sich herum das Chaos einer Massenkatastrophe: schreiende Menschen, abgerissene Gliedmaßen, Blut … Diese Kinder saßen in einer Ecke, starrten ausdruckslos vor sich hin, sagten kein Wort und beobachteten all das, ohne dass Erwachsene ihnen halfen, das Gesehene zu verarbeiten, oder ihnen ein Gefühl der Sicherheit vermittelten. Die psychische Gesundheit der Kinder ist vollständig gefährdet.“ 

Ein Arzt, der im Rahmen einer medizinischen Mission Gaza besuchte

 

A. Psychische Gesundheit und Lebensbedingungen von Kindern in Gaza 


238. Seit Beginn der israelischen Angriffe im Oktober 2023 sind palästinensische Kinder in Gaza in zunehmendem Maße von Tod und Verletzungen, Hunger, Vertreibung, unverhältnismäßigen Gesundheitsrisiken und erheblicher Morbidität betroffen, in vielen Fällen, während sie verwaist, unbegleitet oder von ihren Familien getrennt waren. Im November 2024 ergab eine Umfrage, dass Kinder unter fünf Jahren psychisch am stärksten vom Krieg betroffen sind, gefolgt von Kindern im Alter von 6 bis 10 Jahren. Die Kriegserfahrungen und die Konfrontation der Kinder mit dem Krieg haben zu tiefgreifendem psychischem Leid geführt.


239. Im Jahr 2024 schätzte UNICEF, dass fast alle der 1,2 Millionen Kinder in Gaza psychologische und psychosoziale Unterstützung bei Depressionen, Angstzuständen und Selbstmordgedanken benötigten. Im März 2026 berichtete UNFPA, dass 96 Prozent der Kinder in Gaza das Gefühl hatten, der Tod stehe unmittelbar bevor. Mehrere Quellen haben berichtet, dass Kinder über den Tod und das Sterben sprechen und Selbstmordgedanken unter Kindern weit verbreitet sind. Eine Krankenschwester berichtete der Kommission, dass sie in der Klinik in Tal al-Sultan einen Teenager gesehen habe, der durch das Trinken einer Chemikalie einen Selbstmordversuch unternommen habe.


240. Zahlreiche medizinische Berichte weisen darauf hin, dass Kinder in Gaza akute Traumareaktionen zeigen, darunter ein allgegenwärtiges Gefühl der Angst, Erstarrung, Mutismus, Krämpfe, Verwirrung, Verlust der Blasenkontrolle und Angst vor verschiedenen Reizen wie lauten Geräuschen. Eine im April 2025 von der WHO veröffentlichte Studie hob umfassendere Muster psychologischer Symptome bei Kindern in Gaza hervor, wie emotionale Dysregulation, Hypervigilanz, sozialer Rückzug und Hoffnungslosigkeit, da den Kindern die psychologische Reife und die Bewältigungsstrategien fehlen, um ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten und damit umzugehen, was wahrscheinlich zu langfristigen emotionalen, kognitiven und verhaltensbezogenen Herausforderungen führen wird.


242. Die schweren psychischen Schäden, die den Kindern durch die anhaltenden israelischen Angriffe im Gazastreifen zugefügt wurden, haben zu Entwicklungs- und Kommunikationsstörungen sowie zu einer Reihe von Sprachproblemen geführt, darunter die teilweise oder vollständige Unfähigkeit zu sprechen, Verzögerungen in der Sprach- und Sprechentwicklung sowie Stottern. Therapeut*innen berichten zudem von traumatisierten Kindern, die Anzeichen zurückgezogenen Verhaltens zeigen, wie beispielsweise völliges Schweigen oder verminderte Interaktionen.


243. Kinder mit Behinderungen sind überproportional von verstärkten und sich überschneidenden Formen psychischer Probleme bedroht, darunter ein höheres Maß an Angstzuständen, Depressionen und Traumata. Ihre Situation wird durch Faktoren wie den Zusammenbruch familiärer und gesellschaftlicher Unterstützungssysteme, den fehlenden Zugang zu und den Verlust von Hilfsmitteln, unzugängliche Notfallinfrastrukturen und -vorkehrungen – wie Unterkünfte, Gesundheitsversorgung, Hilfsgüterverteilungsstellen, verständliche Warnsysteme und barrierefreie Evakuierungswege – sowie den Mangel an Grundversorgungsgütern wie Nahrung und Wasser verschärft.


245. Kinder sehen sich nach dem Tod von Erwachsenen und der Trennung von ihren Familien zunehmend gezwungen, die Rolle von Erwachsenen zu übernehmen. Eine im Juni 2024 vom in Gaza ansässigen Community Training Centre for Crisis Management und der War Child Alliance durchgeführte Bedarfsanalyse ergab, dass fast jede vierte (24 Prozent) der 504 befragten Familien von einem Kind unter 16 Jahren geführt wurde. Kinder, die als Familienoberhäupter fungieren, kümmern sich um jüngere Kinder und kämpfen darum, deren Überleben zu sichern – unter anderem, indem sie in Schlangen für Hilfsgüter oder an Lebensmittelausgabestellen anstehen –, was sie zusätzlich psychischen Traumata, geistiger und körperlicher Erschöpfung, Verletzungen und dem Tod aussetzt.


248. UN-Organisationen haben die Traumatisierung der Kinder im Gazastreifen als „chronisch und unerbittlich“ beschrieben. Expert*innen haben festgestellt, dass Kinder ständig und kontinuierlich Gewalt und Blockaden ausgesetzt sind, und haben die Situation als „kontinuierlichen traumatischen Stress (CTS)“ eingestuft. Dies erklärt das generationenübergreifende und transgenerationelle Trauma innerhalb der palästinensischen Gemeinschaft im weiteren Sinne. Während eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) typischerweise eine Reaktion auf ein spezifisches, begrenztes traumatisches Ereignis ist, resultiert CTS aus einer anhaltenden Exposition gegenüber Gefahr und Trauma, die Jahre andauern kann. Dieses Trauma kann schwerwiegende generationenübergreifende Traumata hervorrufen, wie sie bei Kindern und Enkelkindern anderer Gräueltaten zu beobachten sind. Expert*innen schätzen, dass palästinensische Kinder in ihren entscheidenden Entwicklungsphasen wahrscheinlich unter den dauerhaften psychologischen Folgen lang anhaltender traumatischer Zustände leiden werden, was zu einer psychologischen und epigenetischen Weitergabe dieses Traumas führt, von der künftige Generationen betroffen sein werden. Die Konfrontation mit vergangenen traumatischen Erfahrungen während früherer Eskalationen der Feindseligkeiten, der militärischen Besatzung und der Blockade des Gazastreifens hat ebenfalls dazu beigetragen, das derzeitige Trauma exponentiell zu verstärken.

 

B. Psychische Gesundheit und Lebensbedingungen von Kindern im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem


249. Auch die psychische Gesundheit palästinensischer Kinder im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, hat sich seit Oktober 2023 verschlechtert. Gründe hierfür sind häufigere und intensivere israelische Militäroperationen, die zunehmende Ausweitung der Siedlungen und die Gewalt durch Siedler, systematische Diskriminierung, ein von Zwang geprägtes Umfeld, Zwangsräumungen und die Vertreibung von Palästinensern aus ihren Häusern sowie Schikanen und tägliche Beeinträchtigungen, die in bestimmten Gebieten zur Routine geworden und normalisiert sind. Während des gesamten Konflikts haben UN-Organisationen darauf hingewiesen, dass palästinensische Kinder in einem ständigen Zustand der Angst, des Traumas, der Panik und der Unruhe leben und sich fürchten, normale Alltagsaktivitäten auszuüben.

 

 

VI. Entmenschlichung der palästinensischen Kindheit

 


Bevor meine Mutter [bei einem Luftangriff, bei dem auch meine beiden Schwestern ums Leben kamen] getötet wurde, sagte sie zu mir: ‚Ich möchte, dass du ein guter Mensch in der Gesellschaft wirst, zum Beispiel als Arzt oder Ingenieur, und Gutes für andere tust.‘ Trotz allem, was meiner Familie widerfahren ist, werde ich alles tun, was der Gesellschaft zugutekommt.“ 

Ein 13,5-jähriger Junge, der bei demselben Luftangriff auf sein Haus, bei dem im Dezember 2023 seine Mutter und seine beiden Schwestern ums Leben kamen, schwer verletzt wurde.

 


255. Die Kommission hat ein weit verbreitetes Muster festgestellt, wonach Angehörige der israelischen Streitkräfte sich selbst dabei filmen, wie sie Symbole der Kindheit in Gaza verspotten, als Waffen einsetzen und entweihen. Die Kommission hat mindestens 35 Fälle dokumentiert, in denen israelische Soldaten sich selbst in privaten Familienräumen (zum Beispiel in Wohnhäusern, insbesondere in Kinderzimmern), im öffentlichen Raum (zum Beispiel in Schreibwarengeschäften, Schulen, Universitäten und zerstörten Stadtvierteln) sowie in militärischen Einrichtungen (unter Einbeziehung von Panzern und Waffen) gefilmt haben. Hierbei handelt es sich nicht um Einzelfälle. Sie zeugen von einer vorherrschenden entmenschlichenden Haltung der israelischen Streitkräfte gegenüber Palästinenser*innen im Allgemeinen und palästinensischen Kindern im Besonderen. Die Kommission kommt zu dem Schluss, dass das wiederholte Auftreten dieser Handlungen – unter klarer Kenntnis der israelischen Befehlshaber – auf eine stillschweigende Akzeptanz seitens der israelischen Streitkräfte hindeutet, die diese Handlungen ermöglichte oder begünstigte.


256. Die Kommission dokumentierte mehrere solcher Vorfälle, die von den israelischen Streitkräften in privaten Familienwohnungen gefilmt wurden, darunter in Schlafzimmern verlassener Wohnungen und Häuser im Gazastreifen. In einem Video vom Dezember 2024 filmte sich ein israelischer Soldat im Schlafzimmer einer Wohnung, wie er eine Puppe mit zugeklebtem Augenbereich und einen Teddybären, der am Hals am Deckenventilator aufgehängt war, zeigte, bevor er die Kamera zum Fenster richtete und die zerstörte Nachbarschaft in der Umgebung zeigte. In einem anderen Video sind mehrere israelische Soldaten in einer zerstörten Wohnung zu sehen, die mit einem Spielzeug spielen und spöttisch mit arabischen Worten darauf einreden, wie etwa „Hamoud, Habibi, Hamoud!“, „Ma’a salama!“, und lachen, während sich das Spielzeug bewegt und die Worte wiederholt. In einem weiteren Beispiel sah die Kommission ein Gruppenfoto von israelischen Soldaten in voller Kampfausrüstung vor einem beschädigten Betonboden, die mit Kinderspielzeug und -spielen posieren.


257. Ein Video zeigt einen israelischen Soldaten in voller militärischer Kampfausrüstung, der in einer mit Trümmern übersäten Wohnung, in der Matratzen verstreut liegen, auf einem hölzernen Spielzeugpferd für Kinder reitet, während in einer offenen Holztür ein zweiter bewaffneter israelischer Soldat als Silhouette Wache steht. Die Kommission stellte fest, dass das Video am 14. September 2025 während der ersten Phase der Offensive auf Gaza-Stadt veröffentlicht wurde, und kam zu dem Schluss, dass es sich bei den Soldaten im Video wahrscheinlich um Angehörige der 98., 99. oder 162. Division der israelischen Streitkräfte sind, da die Militäroperationen in Sheikh Radwan von der 98. Division für Stadteinsätze geleitet wurden, unterstützt von der 99. Division (Reserveinfanterie) und Einheiten der 162. Division unter dem Kommando des Zentralkommandos, was mit der Taktik der Haus-zu-Haus-Räumung im Einklang steht.


259. Die Kommission dokumentierte zudem ähnliche Handlungen der israelischen Streitkräfte im öffentlichen Raum, bei denen israelische Soldaten zu sehen sind, wie sie Kinderspielzeug, Schulmaterial und Sportausrüstung verspotten und als „begehrte Trophäen“ instrumentalisieren oder sie als Symbole der Eroberung des Gazastreifens nutzen. In einem Video ist ein israelischer Soldat in Uniform und mit Helm zu sehen, der stolz eine Kinder-Trophäe als Zeichen der Macht zur Schau stellt und behauptet: „Der Arme, er hat eine Trophäe bekommen. Du hast die Trophäe verloren. Wir haben gewonnen! Nicht ihr, wir! Verstanden?“ In einem anderen Video ist zu sehen, wie ein israelischer Soldat in einem Schreibwarengeschäft Notizblöcke zerreißt und Kinderspielzeug sowie Geschenke zerbricht. In einem weiteren Video zünden israelische Soldaten Gegenstände in einer Süßwarenfabrik an, während sie scherzen, das Feuer stelle „die zweite Chanukka-Kerze“ dar, und behaupten, die Süßigkeiten der Fabrik seien dazu bestimmt gewesen, an Kinder verteilt zu werden, um Terroranschläge zu feiern.


260. Die israelischen Streitkräfte verspotteten und missbrauchten zudem Kinderspielzeug in der Nähe von oder innerhalb militärischer Einrichtungen, darunter gepanzerte Militärfahrzeuge. Auf zwei verschiedenen Bildern filmten israelische Soldaten Stofftiere, die vor ihren Militärfahrzeugen festgebunden waren, umgeben von israelischen Soldaten, die auf das Spielzeug herabblickten, vor dem Hintergrund zerstörter Gebäude. Auf einem weiteren Foto ist ein Teddybär zu sehen, der am Hals in der Mitte des Laufs eines israelischen Panzers aufgehängt ist.



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