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Ob mit oder ohne den 7. Oktober: Israels Endziel in Gaza war schon immer die ethnische Säuberung

vor 6 Tagen
8 Min. Lesezeit

Analyse: Israel brauchte den 7. Oktober nicht, um sich ein Gaza ohne Palästinenser*innen vorzustellen, doch die Hamas-Angriffe lieferten ihm einen Vorwand, um ein altes Ziel in die Tat umzusetzen.


Von Muhammad Shehada, The New Arab, 8. Oktober 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Im April 2023, sechs Monate vor den Angriffen vom 7. Oktober, traf sich Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit Yoav Gallant, seinem damaligen Verteidigungsminister, und Alon Davidi, dem Bürgermeister von Sderot – einer israelischen Stadt, die auf dem historischen palästinensischen Dorf Huj errichtet wurde.

Gallant und Davidi scherzten beiläufig darüber, Gaza dem Erdboden gleichzumachen, um auf dessen Trümmern Siedlungen nur für Jüdinnen und Juden zu errichten. „Ich würde auch gerne in Beit Hanoun (in Gaza) bauen, aber ich werde mich mit Sderot begnügen“, so Davidi. Gallant antwortete: „Um in Beit Hanoun zu bauen, muss man zuerst das Gebiet dort dem Erdboden gleichmachen.“

Einen Monat zuvor hatte Israels Siedlungsministerin Orit Strook ausdrücklich erklärt: „Ich weiß nicht, wie viele Jahre es dauern wird … Die Rückkehr nach Gaza wird viele Opfer erfordern. Gaza ist Teil des Landes Israel, und wir werden eines Tages dorthin zurückkehren.“

Strook wiederholte damit, was der stellvertretende Vorsitzende der israelischen Knesset, Limor Son-Har Melech, am selben Tag gesagt hatte. „Unsere Aufgabe ist es nun, in die Siedlungen in Gush Katif zurückzukehren und sie wieder aufzubauen“, sagte er in Bezug auf die israelischen Siedlungen im Gazastreifen, die 2005 geräumt worden waren.

Israels Finanzminister und de-facto-Herrscher über die besetzten palästinensischen Gebiete, Bezalel Smotrich, hatte zudem am Vorabend der Regierungsbildung unter Netanjahu im Dezember 2022 versprochen, dass Israel „zurückkehren“ werde, um jüdische Siedlungen im Gazastreifen wieder aufzubauen. Drei Jahre nach Beginn des israelischen Krieges klingen diese Äußerungen nun wie prophetische Absichtserklärungen.

Beit Hanoun wurde während des Krieges dem Erdboden gleichgemacht, genau wie Gallant es gesagt hatte. Anfang dieses Jahres führte Limor Son-Har Melech eine Gruppe von Siedler*innen tief in den Gazastreifen hinein und pflanzte dort Bäume, um den ersten Schritt zum Wiederaufbau von Siedlungen in der Enklave zu markieren. Er prahlte: „Der Gazastreifen wird jüdisch sein, denn nur so werden wir den Sieg sichern.“

Israel Katz, Israels neuer Verteidigungsminister, hat unterdessen offiziell seine Absicht angekündigt, mit dem Bau von Siedlungen im Gazastreifen zu beginnen. Deshalb bezeichnete Israels Militärrabbiner Amichai Friedman den Monat Oktober 2023 als „den glücklichsten Monat meines Lebens“. Er fügte hinzu: „Wir erkennen endlich, wer wir sind. Dieses ganze Land gehört uns. Das gesamte Land, einschließlich des Gazastreifens und des Libanon. Gush Katif ist winzig im Vergleich zu dem, was wir mit Gottes Hilfe erreichen werden … Wir werden alle vernichten.“

 

Ein seit Jahrzehnten gehegtes Ziel

Sieben Monate vor dem 7. Oktober schlug Israels ehemaliger Verteidigungsminister und rechter Politiker Moshe Yaalon Alarm: Er warnte, dass Israels „jüdisch-suprematistische“ Minister, deren Überzeugungen seiner Meinung nach „Mein Kampf in umgekehrter Richtung“ widerspiegelten, den „endgültigen Krieg“ von „Gog und Magog“ provozieren wollten [Gog und Magog sind mythologische und eschatologische (die „letzten Dinge“ oder das Ende der Welt betreffende) Figuren, die im Alten und Neuen Testament sowie im Koran vorkommen. Sie stehen symbolisch für feindliche Mächte oder Völker, die am Ende der Zeiten einen großen Sturm auf Gottes Volk (Israel) verüben und daraufhin von Gott vernichtet werden, Anm.]

Yaalon warnte davor, dass Smotrich und Ben-Gvir versuchen würden, die Palästinenser*innen zu provozieren – beispielsweise durch Massaker –, um jede palästinensische Vergeltungsmaßnahme als Vorwand für die „endgültige Schlacht“ zu nutzen. Sobald Itamar Ben-Gvir Israels Sicherheitsminister wurde, beeilte er sich, wie Yaalon vorausgesehen hatte, palästinensische Gefangene zu misshandeln, um diesen Krieg zu entfachen. Zu seinen ersten Entscheidungen gehörte es, den Häftlingen Pita-Brot zu verbieten, ihre Duschzeit auf zwei Minuten pro Tag zu verkürzen, ihre Zellen zu überbelegen und einen palästinensischen Hungerstreikenden, Khader Adnan, in Einzelhaft sterben zu lassen. Die Grausamkeit, die den palästinensischen Häftlingen zugefügt wurde, gilt als eine der zentralen Rechtfertigungen und strategischen Triebkräfte für den Hamas-Führer Yahya Sinwar, die Angriffe vom 7. Oktober auf Israel zu starten.

Doch auch ohne den Angriff der Hamas ist das Konzept der „Umsiedlung“ oder ethnischen Säuberung seit langem fest in der offiziellen israelischen Politik verankert. „Ihr werdet weiterhin wie Hunde leben, und wer will, darf gehen … Es ist möglich, dass es in fünf Jahren 200.000 Menschen weniger geben wird, und das ist eine enorme Sache“, sagte Israels damaliger Verteidigungsminister Moshe Dayan kurz nach dem Krieg von 1967.

Die Dichotomie „Lebt wie Hunde oder geht“ wurde 2017 von Smotrich in einem Manifest bekräftigt, das selbst israelische Kommentator*innenen als „genozidal“ bezeichneten. Smotrich stellte den Palästinenser*innen drei Optionen zur Wahl: sich damit abzufinden, als minderwertige Untermenschen zu leben, das Land zu verlassen oder Widerstand zu leisten und getötet zu werden.

Israel wendet diese Politik im Gazastreifen seit der Nakba von 1948 an. Schon bevor es den Gazastreifen 1967 offiziell eroberte, versuchte die israelische Regierung, durch Einschüchterung, Bestechung, regelmäßige Massaker und die Zerstörung lebenswichtiger Infrastruktur eine Massenabwanderung aus dem Gebiet zu erzwingen. Nachdem der Gazastreifen unter israelische Besatzung gefallen war, setzte Israel noch mehr Gewalt, Zwang, Zerstörung, Einschüchterung und Bestechung ein, um den Gazastreifen zu entvölkern. Als Israel 2006 eine Blockade über den Gazastreifen verhängte, wurden Wirtschaftskrieg und Aushungerung systematisch durchgesetzt, unterbrochen von regelmäßigen „Hightech-Tötungsorgien“, um möglichst große Zerstörung anzurichten, damit die Enklave unbewohnbar und ihre Bevölkerung zur Flucht gezwungen wurde.

Vor dem 7. Oktober waren bereits etwa 10 % der Bevölkerung des Gazastreifens (205.000 Menschen) seit Beginn der Blockade aus dem Gazastreifen ausgewandert. Die Hälfte dieser beträchtlichen Zahl entfiel auf Menschen, die in den fünf Jahren vor dem Angriff der Hamas das Gebiet verlassen hatten.

Ein hochrangiger israelischer Beamter prahlte 2019 sogar damit, dass Tel Aviv „die Auswanderung der Palästinenser*innen aus dem Gazastreifen aktiv vorantreibe“. Der Beamte erklärte, Israel wende sich an Länder im Westen und im Nahen Osten, um sie zur Aufnahme von Migrant*innen aus dem Gazastreifen zu ermutigen, und habe sogar angeboten, die Reisekosten zu übernehmen. Israels Fokus auf die Vertreibung der Bevölkerung aus dem Gazastreifen rührt zum Teil daher, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung des Gazastreifens aus Dörfern im heutigen Israel vertriebene Flüchtlinge sind, was dazu führt, dass Israel diese Bevölkerung als eine anhaltende potenzielle Quelle für Aufstände betrachtet. Der damalige israelische Verteidigungsminister Moshe Dayan sagte 1956: „Warum sollten wir [den Palästinenser*innen im Gazastreifen] ihren brennenden Hass auf uns vorwerfen? Seit acht Jahren leben sie in den Flüchtlingslagern des Gazastreifens, während wir vor ihren Augen das Land und die Dörfer, in denen sie und ihre Vorfahren gelebt hatten, in unser Eigentum verwandelt haben.“

 

Der 7. Oktober bot Israel den Einstieg

Die Angriffe vom 7. Oktober wirkten als starker Beschleuniger für Israels langjährige Vertreibung der Palästinenser*innen im Gazastreifen. Fast sofort forderte Netanjahu die Bewohner*innen des Gazastreifens auf, das Gebiet zu verlassen, während seine Regierung die Massenevakuierung des nördlichen Gazastreifens anordnete. Der Angriff belebte zudem eine ältere israelische Sichtweise auf den Konflikt als unvollendeten Krieg um das nationale Überleben wieder, wobei Netanjahu später ausdrücklich auf den Unabhängigkeitskrieg von 1948, die Nakba, Bezug nahm.

In den ersten Tagen der israelischen Gegenmaßnahmen übte Tel Aviv mit Hilfe der USA eilig Druck auf die arabischen Nachbarländer aus, die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens unter dem Vorwand einer „vorübergehenden Umsiedlung bis zur Niederlage der Hamas“ in die Wüste Sinai zu verlegen. Als diese Länder sich weigerten, drängte Israel den Großteil der Bevölkerung des Gazastreifens in Richtung Rafah an der ägyptischen Grenze, in der Hoffnung, sie dazu zu bewegen, von sich aus in den Sinai überzusetzen. Als dies scheiterte, marschierte Israel in Rafah ein und verwüstete die Stadt, nur um dann vorzuschlagen, die Palästinenser*innen erneut in diese Gegend zurückzuschicken – diesmal in eine sogenannte „humanitäre Stadt“, die Israels eigener ehemaliger Ministerpräsident Ehud Olmert als Konzentrationslager bezeichnete.

Selbst nachdem Israel den 20-Punkte-Plan von Präsident Donald Trump für einen Waffenstillstand unterzeichnet hatte – der die Entwaffnung der Hamas, den Abzug der israelischen Truppen und den Wiederaufbau vorsah –, brach Israel seine Verpflichtungen umgehend und drängte weiter auf den Bau der „humanitären Stadt“ in Rafah.

 

Das Bestreben, den Gazastreifen zu entvölkern und neu zu besiedeln

Seit Beginn des Waffenstillstands hat Israels Verteidigungsminister Israel Katz wiederholt betont, dass das langfristige Ziel Tel Avivs im Gazastreifen nach wie vor die vollständige ethnische Säuberung sei.

„Ohne diese Abwanderung gibt es letztendlich keine echte Lösung für den Gazastreifen … Ich glaube, es gibt keine andere Lösung zum Wohle aller“, sagte er im September, obwohl die Hamas zugestimmt hatte, die Waffen niederzulegen. Katz fügte hinzu, dass Israel weiterhin „organisiert und bereit ist, [die Bewohner*innen des Gazastreifens] herauszuholen – auf dem Seeweg, auf dem Luftweg, auf jedem erdenklichen Weg“.

Israels Sicherheitsminister Ben-Gvir legte im September einen konkreten Plan für die ethnische Säuberung von 1,86 Millionen Palästinenser*innen im Gazastreifen in den nächsten sieben Jahren vor, der den Namen „Disengagement 710“ trägt. Im Rahmen dieses Vorhabens würde Israel im ersten Jahr 250.000 Bewohner*innen des Gazastreifens vertreiben, bis zum dritten Jahr 1,11 Millionen und bis 2034 die gesamte Bevölkerung. Während des Völkermords haben bereits mehr als 100.000 Palästinenser*innen den Gazastreifen verlassen.

Deshalb hat Israel selbst im Lager „New Rafah“ deutlich gemacht, dass es keine dauerhaften Bauten aus Beton zulassen werde, sondern der eingesperrten Bevölkerung lediglich provisorische und transportable Schiffscontainer zum Wohnen zur Verfügung stellen werde – womit klar wird, dass diese Lager lediglich eine Durchgangsstation auf dem Weg zur Vertreibung sind.

Der israelische Verteidigungsminister machte deutlich, dass Israel nun nur noch einen Vorwand brauche, um die „Arbeit“ im Gazastreifen „zu Ende zu bringen“. „Wenn klar wird, dass die Hamas ihre Verpflichtungen nicht erfüllt, dann erhalten wir grünes Licht, militärisch, territorial und auch in anderen Bereichen voranzuschreiten“, sagte er.

Das Gleiche gilt für das Westjordanland, wo Katz am Dienstag enthüllte, dass die israelische Armee angewiesen wurde, Pläne für ein Kriegsszenario mit der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) auszuarbeiten. Obwohl die PA Israels Friedenspartner und Sicherheitsunterauftragnehmer ist, machte Katz deutlich, dass Israel bereit ist, sein „Gaza-Modell“ im Westjordanland zu wiederholen.

Jeder Krieg gegen die PA „wäre kurz und entschlossen und würde den Einsatz von Boden- und Luftstreitkräften sowie Spezialmitteln, die Eliminierung und Vertreibung hochrangiger Funktionäre, die Vernichtung von Waffen sowie die groß angelegte Evakuierung der Bevölkerung und die Zerstörung der Terrorinfrastruktur in den Städten und in allen Flüchtlingslagern umfassen“, sagte Katz unter Verweis auf die „Modelle“ im Gazastreifen und im Libanon. Katz’ Drohung gegenüber der PA beschränkt sich nicht auf eine israelische Vergeltungsmaßnahme gegen gewalttätige palästinensische Angriffe auf Siedler oder Soldaten. Ein „Kriegsszenario“ würde auch dann in Gang gesetzt, wenn die Palästinenser*innen einen Volksaufstand organisieren würden. „Es wird keine jahrelange Intifada geben, wie es sie in der Vergangenheit gab, sondern vielmehr einen kurzen und entschlossenen Krieg mit einer klaren Entscheidung und einer Veränderung der Realität“, betonte er.

 

Ein politischer Konsens über die Unterwerfung der Palästinenser

Die bevorstehenden Wahlen in Israel gehören zu den hitzigsten und umkämpftesten in der Geschichte des Landes. Doch das Einzige, was die israelische Regierungskoalition mit den meisten Oppositionsparteien verbindet, ist die Unterwerfung der Palästinenser*innen.

Im Jahr 2024 kam es in der israelischen Knesset zu einem beispiellosen Moment der parteiübergreifenden Einigkeit bei der Ablehnung der palästinensischen Staatlichkeit und Selbstbestimmung. Im Februar jenes Jahres stimmten 99 israelische Knesset-Abgeordnete sowohl aus der Opposition als auch aus der Regierungskoalition für eine Resolution, die die internationale Anerkennung der palästinensischen Staatlichkeit ablehnte. Nur neun Abgeordnete sprachen sich gegen die Resolution aus, die alle palästinensischen Parteien angehörten. Im Juni wurde eine weitere Resolution verabschiedet, gegen die sich ebenfalls nur dieselben neun Abgeordneten aussprachen. Diesmal lehnte die Resolution die palästinensische Staatlichkeit uneingeschränkt ab, selbst wenn eine solche Staatlichkeit durch Verhandlungen und Diplomatie zustande käme.

Im aktuellen Wahlkampf bezeichnet Israels ehemaliger Ministerpräsident und Oppositionsführer Naftali Bennett den Trump-Plan für den Gazastreifen als „undurchführbar“ und lehnt das darin enthaltene Versprechen ab, die Palästinensische Autonomiebehörde in das Gebiet zurückkehren zu lassen.

Israels ehemaliger Verteidigungsminister Avigdor Lieberman setzt sich ebenfalls für die Auflösung der Palästinensischen Autonomiebehörde und die Wiederaufnahme militärischer Operationen im Gazastreifen ein. Israels ehemaliger Kriegsminister und voraussichtlicher nächster Ministerpräsident Gadi Eisenkot griff den Fahrplan zur Entwaffnung der Hamas im Gegenzug für den Rückzug des israelischen Militärs an und bezeichnete ihn als „Kapitulation“ gegenüber Trump, „ohne die Kriegsziele zu erreichen“.

Die Angriffe vom 7. Oktober haben diesen israelischen Mainstream-Konsens nicht erst geschaffen. Sie lieferten höchstens den Vorwand des Krieges, um ihn noch unverhohlener und expliziter zu machen. Israels erklärtes langfristiges Ziel im Gazastreifen und im Westjordanland ist der natürliche Höhepunkt eines Siedlerkolonialprojekts, das auf der Prämisse beruhte, sich „so viel Land wie möglich mit so wenigen Araber*innen wie möglich“ anzueignen. Seit Jahrzehnten werden die Palästinenser*innen von Israel in immer kleiner werdende Gebiete gedrängt, wobei ihnen nur zwei Optionen bleiben: Unterwerfung oder Weggang. Die einzige substanzielle Debatte über dieses Endspiel im Rahmen der israelischen Wahlen dreht sich um das Tempo und die Inszenierung dieser Vertreibung und Unterwerfung.

 

Muhammad Shehada ist ein palästinensischer Autor und Analyst aus dem Gazastreifen und Leiter für EU-Angelegenheiten beim Euro-Med Human Rights Monitor. Folgen Sie ihm auf Twitter: @muhammadshehad2



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