Ratten, ungeklärtes Abwasser, Hautkrankheiten: Israels Blockade hat verheerende Folgen für die Vertriebenen in Gaza
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Da Israel die Hilfslieferungen weiterhin einschränkt, hat das am Boden liegende Gesundheitssystem in Gaza Mühe, die Krankheiten zu behandeln und einzudämmen, die sich rasend schnell in den überfüllten Zeltlagern ausbreiten.
Von Ahmed Dremly und Ibtisam Mahdi, +972Mag, 29. Mai 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Eman Abu Jame hatte ihre Familie zu den Glücklichen gezählt. Israel hatte ihr Haus im südlichen Gazastreifen zu Beginn des Krieges bombardiert, sodass sie gezwungen waren, von einer Notunterkunft zur nächsten zu ziehen. Doch während der ersten beiden Jahre des Völkermords litten weder sie noch ihr Mann oder ihre Kinder unter ernsthaften gesundheitlichen Problemen.
Das änderte sich im Oktober 2025, als sie in einem überfüllten Zeltlager in Khan Yunis Zuflucht suchten.
Als sie dort ankamen, hatten mangelnde Hygiene, die Ausbreitung von Insekten und die extreme Überbelegung das Lager in eine Brutstätte für Krankheiten verwandelt. Zwei Monate später zeigten Abu James achtjähriger Sohn Mousa und ihr 47-jähriger Ehemann Abdul Majeed erste Symptome: Ihre Körper begannen anzuschwellen, begleitet von schwerem Durchfall und hohem Fieber.
Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der explodierenden Preise für Fleisch, Fisch und andere proteinreiche Lebensmittel sank ihr Proteingehalt rapide, was ihre Fähigkeit, Flüssigkeit zu speichern, weiter verschlechterte.
„Wir konnten uns weder Essen noch Wasser leisten“, erzählt Abu Jame dem +972 Magazine. „Damals war alles so teuer, und wir hatten einfach kein Geld. Mein Mann konnte sich nichts leisten – selbst Brot war nicht zu bekommen.“
Die Ärzte hatten Mühe, bei Vater und Sohn eine Diagnose zu stellen. Zunächst vermuteten sie eine Glutenallergie, doch Tests schlossen dies aus. Eine Behandlung im Ausland war aufgrund der geschlossenen Grenzübergänge ebenfalls unmöglich. Die einzige wirksame Behandlung war medizinisches Albumin, eine Proteinlösung, die half, ihren Zustand zu stabilisieren.
„Wenn [Mousa] das Medikament einnahm, ging es ihm besser“, erklärt Abu Jame. „Aber sobald er eine Dosis ausließ, schwoll sein Körper wieder überall an.“
Dennoch war es äußerst schwierig, diese Medikamente zu beschaffen. Seit dem 7. Oktober 2023 hat Israel die Einfuhr von Medikamenten stark eingeschränkt und internationale Nichtregierungsorganisationen daran gehindert, medizinische Hilfsgüter in den Gazastreifen zu liefern. Selbst nach der Ankündigung eines Waffenstillstands im vergangenen Oktober blockierte Israel weiterhin Hilfslieferungen; laut dem Gesundheitsministerium von Gaza sind seit diesem Monat 47 Prozent der lebenswichtigen Medikamente, 59 Prozent der medizinischen Hilfsgüter und 87 Prozent der Materialien für Labortests nicht mehr vorrätig.
Als die Medikamente ausgingen, schwoll Mousas Körper weiter an, und er starb im Januar. Drei Monate später erlag auch Abdul Majeed derselben mysteriösen Krankheit, die die Ärzte nicht diagnostizieren konnten.
Obwohl die Krankheit nicht identifiziert werden konnte, stand sie eindeutig im Zusammenhang mit den Bedingungen im Lager – möglicherweise übertragen durch einen Nagetierbiss oder einen Befall durch Ektoparasiten [wie beispielsweise Flöhe, Läuse, Stechmücken, Spinnen und Zecken, Anm.]. Allein in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 gab es laut UNO über 70.000 Fälle ähnlicher Befälle im gesamten Gazastreifen, wo Parasiten auf oder unter der Haut leben und zu Krankheitsüberträgern werden. Mehr als 80 Prozent der Notunterkünfte melden sichtbare Schädlinge sowie grassierende Hautinfektionen wie Krätze, Läuse und Bettwanzen, während Save the Children kürzlich feststellte, dass zwei von drei Kindern in Gaza in Notunterkünften leben, die von diesen Risiken heimgesucht werden.
Dr. Ayman Abu Rahma, Leiter der Abteilung für Präventivmedizin im Gesundheitsministerium, erklärt gegenüber +972, dass feste Abfälle – einschließlich medizinischer Abfälle –, Abwasser und unter den Trümmern begrabene Leichen zur Verbreitung von Nagetieren und Krankheiten beitragen.
„Die Umweltsituation hat sich seit Kriegsbeginn leider erheblich verschlechtert und verschlechtert sich weiterhin“, erklärt er. „Die Krise hat nun ihren Höhepunkt erreicht: Obwohl das Problem bereits in den Jahren 2024 und 2025 bestand, ist das Ausmaß der Plage in diesem Sommer beispiellos. Hohe Temperaturen haben die Vermehrung von Insekten und Nagetieren beschleunigt, während sich aufgrund zerstörter Ausrüstung und Treibstoffknappheit Hunderttausende Tonnen nicht abgeholter Abfälle rund um die Zelte angehäuft haben.“
Die Zerstörung der Abwasserinfrastruktur durch Israel, fügt Abu Rahma hinzu, habe die Lage weiter verschlimmert, und die anhaltende israelische Blockade habe dazu geführt, dass auf dem lokalen Markt die zur Bekämpfung von Nagetierbefall benötigten Mittel fehlten. „Durch die beschädigten Abwassersysteme sind Pfützen mit stehendem Abwasser entstanden, die als Brutstätten für Schädlinge dienen, und die weit verbreiteten Trümmer sind zu einem natürlichen Lebensraum für Ratten geworden. Die Einfuhrbeschränkungen für Pestizide und Giftköder haben eine wirksame Bekämpfung nahezu unmöglich gemacht.“
Es habe bereits einen deutlichen Anstieg der Beschwerden über Ratten von in Zelten lebenden Bewohner*innen des Gazastreifens gegeben, merkte Abu Rahma an. „Nagetiere haben an den Gliedmaßen schlafender Kinder genagt und Habseligkeiten und Kleidung beschädigt. Es gibt auch Berichte über Nagetierarten, die zuvor nicht gesehen wurden und im Gazastreifen heimisch sind, wobei einige spekulieren, dass die israelische Armee sie während des Krieges eingeschleppt habe.“
Im Flüchtlingslager in Khan Younis leidet Abu James sechsjähriger Sohn Yasser unter derselben Krankheit und denselben Symptomen wie sein Vater und sein Bruder. Zu allem Übel hatte sich Yasser, als sie zur Behandlung ins nahegelegene Nasser-Krankenhaus gingen, aufgrund seines durch die Krankheit stark geschwächten Immunsystems zusätzlich eine Hautinfektion zugezogen.
„Es herrscht überhaupt keine Sauberkeit, und Infektionen verbreiten sich leicht von den Menschen um uns herum“, sagte die 32-jährige verzweifelte Mutter. „Selbst die Krankenhäuser sind vernachlässigt, die Zimmer sind winzig, und die Patient*innen sind dicht gedrängt nebeneinander untergebracht.“
Glücklicherweise zeigt Yassers Gesundheitszustand derzeit kleine, aber stetige Anzeichen einer Besserung. Abu Jame hofft nun, eine Überweisung für eine Behandlung im Ausland zu erhalten, und betet, dass ihm nicht dasselbe Schicksal wie seinem Vater und seinem Bruder widerfährt.
Krank in den Zeltlagern von Gaza
Im Mai 2024, während eines wochenlangen israelischen Angriffs auf Jabalia im Norden Gazas, spielte die 5-jährige Rital Halawa vor ihrem zerbombten Haus im Stadtzentrum, als eine israelische Quadcopter-Drohne über ihr auftauchte – und eine Granate abwarf.
„Das Mädchen stand in Flammen. Ich sah, wie sie schrie“, erinnert sich ihre Mutter Samar, 27.
Rital erlitt schwere Verbrennungen zweiten und dritten Grades im Gesicht, an Brust, Bauch und Beinen. Seit ihr Haus in Jabalia im November 2023 bombardiert wurde, lebt die Familie in einem Zelt – inmitten steigender Temperaturen, Abwasser und Schwärmen von stechenden Insekten. Diese Bedingungen haben ihre Genesung erheblich beeinträchtigt. Der Mangel an Strom und Belüftung lässt Rital „keine Luft zum Atmen“, sagte Samar, da ihr Körper unter den engen Kompressionskleidungsstücken, die zur Behandlung ihrer Verbrennungen verwendet werden, stark schwitzt.
Die Hitze verursacht starken Juckreiz und führt zu einem gefährlichen Kreislauf erneuter Verletzungen. „Sie kratzt und kratzt ununterbrochen, was das Gewebe reizt, es aufreißt und Blutungen verursacht“, erklärt Samar. Das wieder aufgerissene, offene Gewebe ist dann gefährlichen Infektionen ausgesetzt, die die Reizung weiter verschlimmern.
Dr. Ibrahim Haboub, Facharzt für Dermatologie am Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt, berichtet gegenüber +972 über die zunehmende Verbreitung von Hautkrankheiten unter den Vertriebenen aus dem Gazastreifen. Insektenstiche sind mittlerweile das am weitesten verbreitete Problem, insbesondere im Stadtteil Al-Mawasi in Khan Yunis, und Haboub warnte, dass Kinder besonders gefährdet seien, da ständiges Kratzen oft zu sekundären bakteriellen Infektionen und schwerwiegenderen Komplikationen führe.
Haboub berichtete zudem von weit verbreiteten Läusebefall und einem starken Anstieg der Krätzefälle, bedingt durch die extreme Überbelegung in Notunterkünften, Lagern und Schulen. Auch andere Hauterkrankungen, darunter Pilzinfektionen, sind im gesamten Gazastreifen häufiger geworden – insbesondere bei Palästinenser*innen, die in israelischen Gefängnissen inhaftiert waren und von denen einige aufgrund schwerer Infektionen und Arzneimittelresistenzen eine langwierige und intensive Behandlung benötigen würden.
Diese Krise, so Haboub, wurde durch einen gravierenden Mangel an medizinischem Material noch verschärft. Für die Familie Halawa, die ohnehin schon mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, haben diese Engpässe Ritals Genesung nahezu unmöglich gemacht. Ihr Vater ist arbeitslos, und die Familie ist mittlerweile auf Almosen und Suppenküchen angewiesen, um zu überleben. Nahrhafte Lebensmittel sind teuer, und Ritals Wunden verschlimmerten sich erheblich auf dem Höhepunkt der israelischen Aushungerungskampagne im vergangenen Sommer.
Allein ihre lebenswichtigen medizinischen Salben kosten 80 NIS (20 $), hinzu kommen die Fahrtkosten für ihre wöchentlichen Physiotherapie-Sitzungen in einer Klinik von Ärzte ohne Grenzen (MSF), was die Familie zu schmerzhaften Opfern zwingt. „Ich kaufe keine Milch für mein Kleinkind, um [die Fahrt zu] ihrer Physiotherapie bezahlen zu können“, berichtet Samar.
Die psychischen Folgen sind ebenso verheerend wie die körperlichen Schmerzen. Rital werde wegen ihrer Verletzungen häufig gemobbt, erklärte Samar, was sie in eine tiefe Depression stürze. „Das Gesicht des Mädchens ist entstellt – das kann ich nicht verheimlichen“, so Samar. „Sie benötigt spezielle plastische Operationen, die in Gaza nicht verfügbar sind.“
„Eine vollständig von Menschen verursachte Krise“
Für Craig Kenzie, medizinischer Koordinator für Gaza bei Ärzte ohne Grenzen (MSF), befindet sich der Gazastreifen trotz der vor über sieben Monaten verkündeten Waffenruhe weiterhin im Griff einer „vollständig von Menschen verursachten und inszenierten humanitären Krise“, die durch die Blockade Israels ausgelöst wurde.
Die Organisation, die mit 1.500 lokalen Mitarbeiter*innen im Gazastreifen tätig ist, konnte aufgrund israelischer Beschränkungen seit Anfang Januar kein neues internationales Personal und keine medizinischen Hilfsgüter mehr ins Gebiet bringen. Wie Kenzie erklärte, sei dadurch „jeder einzelne Aspekt unserer Programme ernsthaft gefährdet, in der nächsten Zeit eingeschränkt oder ganz eingestellt werden zu müssen“.
Mehr als die Hälfte der Medikamente für chronische Erkrankungen seien mittlerweile nicht mehr vorrätig, sagte er. Die Vorräte an unverzichtbarem Wundverband gehen zur Neige, während Salben zur Behandlung von Hautkrankheiten weiterhin ohne Erklärung von Israel blockiert werden.
„In Deir Al-Balah haben wir Operationen in Zelten durchgeführt“, sagte Kenzie. „Wenn chirurgische Geräte kaputtgehen, gibt es keinen Ersatz, weil wir keine Ersatzteile oder Geräte bekommen können.“
Die Blockade hat nicht nur zu einem gravierenden Mangel an medizinischer Ausrüstung und Personal geführt, sondern auch den Zugang zu sauberem Wasser weiter eingeschränkt. Laut MSF, einem der größten Trinkwasserversorger im Gazastreifen, hat Israel 90 Prozent der Wasser- und Sanitärinfrastruktur des Gazastreifens zerstört oder beschädigt – was die Organisation als eine Form der kollektiven Bestrafung bezeichnet.
Während des gesamten Krieges hat Israel zudem die Einfuhr von Materialien verhindert, die für eine ordnungsgemäße Wasseraufbereitung benötigt werden, sodass Ärzte ohne Grenzen gezwungen war, aus wiederverwerteten Teilen provisorische Umkehrosmose-Wasseraufbereitungsanlagen zu bauen. Die mit einem Generator betriebene Anlage reinigt mit Salz, Schmutz und Abwasser verunreinigtes Grundwasser und produziert täglich 5 Millionen Liter Trinkwasser. Doch selbst der Betrieb dieses einfachen Systems wirft schwierige ethische und operative Fragen auf, erklärte Kenzie.
„Macht man heute weiter Wasser für die Menschen, die es brauchen, obwohl man weiß, dass der Generator dafür fällig für eine Wartung ist und dass er, wenn man ihn heute laufen lässt, morgen kaputtgehen könnte und dann nie mehr repariert werden kann?“, fragt er. „Oder schaltet man ihn ab und sagt den Menschen: ‚Nein, tut mir leid. Ich habe heute kein sauberes Wasser für euch‘?“
Was Kenzie am meisten schmerzt, ist das Wissen, dass dringend benötigte Hilfsgüter nur wenige Kilometer entfernt liegen, während Israel deren Einfuhr weiterhin blockiert. „Es ist einfach inakzeptabel“, sagte er, „dass dieselbe Regierung, die diesen Völkermord begeht, auch diejenige ist, die die humanitäre Hilfe dagegen blockieren und einschränken kann.“
Ahmed Dremly ist ein Journalist aus Gaza, dessen Artikel unter anderem bei Middle East Eye, Mondoweiss, The Electronic Intifada, The Intercept und Al-Monitor erschienen sind. Nachdem er Gaza im Mai 2026 verlassen hat, studiert er derzeit in Italien.
Ibtisam Mahdi ist eine freiberufliche Journalistin aus Gaza, die sich auf die Berichterstattung über soziale Themen spezialisiert hat, insbesondere über Frauen und Kinder. Außerdem arbeitet sie mit feministischen Organisationen in Gaza in den Bereichen Berichterstattung und Kommunikation zusammen.




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