Rede von Dr. Nahreen Ahmed vor den Vereinten Nationen in New York
Dr. Nahreen Ahmed, amerikanische Lungenfachärztin und vor kurzem von ihrem 5. Einsatz auf medizinischer Hilfsmission in Gaza zurückgekehrt, hielt am 23. September 2026 eine Rede vor den vereinten Nationen in New York. Im Folgenden finden Sie einen Auszug daraus:
"Ich möchte Ihnen von Aya erzählen, dem elfjährigen Mädchen, das ich im Aqsa-Krankenhaus gesehen habe. Als sie hereinkam, trug sie noch ihren Schlafanzug, auf dem Kätzchen abgebildet waren. An dieses Detail erinnere ich mich besonders gut, weil es ihre Unschuld so deutlich zum Ausdruck brachte. Sie schlief gerade in ihrem Zelt, als ihr eine Kugel in den Kopf eindrang, und zwei Tage später erlag sie ihren Verletzungen.
Ich möchte Ihnen von Mowaz erzählen, einem fünfzehnjährigen Jungen, den ich getroffen habe und der aufgrund der schweren Unterernährung wie zehn Jahre alt aussieht. Er leidet an einer angeborenen Erkrankung, die sein Immunsystem geschwächt hat, und er hat Zöliakie – eine Verdauungsstörung, für die man spezielle Lebensmittel benötigt, zu denen er seit Oktober 2023 überhaupt keinen Zugang mehr hatte. Er befindet sich derzeit im Al-Aqsa-Krankenhaus und ist dort bereits seit Wochen, da sein Knochenmark von der Krankheit befallen ist. Er erhält täglich Bluttransfusionen. Seit sechs Monaten steht er auf der Warteliste für eine medizinische Evakuierung. Seit sechs Monaten. Ich mache mir jeden Tag große Sorgen, wenn ich Neuigkeiten von ihm höre – er schwebt in Lebensgefahr, und ich befürchte, dass er die Evakuierung nicht überleben wird.
Ich möchte Ihnen von Dawood erzählen, einem viereinhalbjährigen Jungen, der von einem Quadcopter in den Kopf geschossen wurde. Die Kugel blieb in seinem Gehirn stecken. Das CT-Bild habe ich auf meinem Handy gespeichert. Dieses Bild ist so erschütternd, dass es Ihnen allen Albträume bereiten sollte. Mir geht es jedenfalls so. Eines Tages fiel mir auf, dass Dawood eine wiederholte Bewegung mit seiner Hand machte. Ich war mir nicht sicher, ob es ein Reflex war oder ob er Angst hatte und nach mir griff, also nahm ich seine winzige Hand in meine, und überraschenderweise umklammerte er sie. Und er ließ sie nicht mehr los. Ich spürte seine winzige, hilflose Hand in meiner, und alles, woran ich denken konnte, war: Welche Träume hatte er? Was waren seine Lieblingsspielzeuge? Spürt er etwas von den Schmerzen, die er in diesem Moment erleidet? Ich hoffte so sehr, dass das nicht der Fall war. Zwei Tage später betrat ich erneut die Intensivstation, und sein Bett war leer. Er war an diesem Tag um vier Uhr früh gestorben, ohne dass seine Familie dabei war.
Ich möchte Ihnen von Fadi erzählen, einem elfjährigen Jungen, bei dem nach Verletzungen durch einen Luftangriff eine Amputation der unteren Gliedmaßen notwendig wurde. Es gibt keine Rehabilitationsmöglichkeiten für ihn. In ganz Gaza gibt es keine Prothesen. An der Grenze stehen Rollstühle, die zusammen mit anderen medizinischen Hilfsgütern aus irgendeinem Grund zurückgewiesen werden – ich kann Ihnen nicht sagen, warum. Und diese medizinischen Hilfsgüter werden dringend benötigt.
Ich möchte Ihnen von Iyad erzählen, einem vierjährigen Jungen mit wunderschönem lockigem Haar, der am Straßenrand spielte. Viele der Zelte, in denen die Menschen leben, stehen derzeit direkt neben der Straße. Es gibt keine sicheren Orte, an denen Kinder spielen können. Er war nicht in der Schule, weil es keine Schule gab, in die er hätte gehen können, und ein Auto überfuhr Iyad. Der Vorderreifen des Autos überrollte seine winzige Brust. Er erlitt schwere Verletzungen an der Lunge, und aufgrund chronischer Unterernährung – die nach wie vor ein Problem darstellt und bei der Kinder nur einen Schritt davon entfernt sind, wieder in schwere akute Unterernährung zurückzufallen – war er anfällig für weitere Komplikationen. Und tatsächlich entwickelte er eine schwere Lungenentzündung in beiden Lungenflügeln. Aufgrund seiner verzögerten Genesung musste eine Tracheotomie durchgeführt werden. Das ist ein Standardverfahren, bei dem ein kleiner Schlauch eingesetzt wird. Dabei verlegen wir den Atemschlauch vom Mund in den Hals. Er wäre bei diesem Eingriff beinahe gestorben, weil wir keine Tracheotomiekanüle in Kindergröße hatten. Zwei Tage später kam sein Herz zum Stillstand, weil sein Sauerstoffgehalt sank – er hatte Schleim in der Lunge, und wir hatten keinen Katheter in der richtigen Größe, um ihn abzusaugen. Einen Tag später kam sein Herz erneut zum Stillstand, weil das Beatmungsgerät ausfiel – ein häufiges Problem auf den Intensivstationen in ganz Gaza. Bis heute lebt Iyad noch, aber ich habe keine Ahnung, in welchem Zustand er sich nach seiner Entlassung befinden wird, und es gibt keine Unterstützung, um seine Genesung zu fördern.
Ich möchte Ihnen von Salma erzählen, einem zwölfjährigen Mädchen, das miterleben musste, wie ihre Mutter eines Abends zu Hause direkt vor ihren Augen in den Kopf geschossen wurde. Übrigens befand sich ihr Zuhause auf der „sicheren“ Seite der gelben Linie. Jedes Mal, wenn Schüsse, Panzerbeschuss oder Luftangriffe zu hören sind – was tagtäglich geschieht –, macht sie sich Sorgen und gerät in Panik. Ich habe direkt mit ihr gesprochen. Sie sorgt sich um ihren einzigen verbliebenen Elternteil. Und in letzter Zeit hören wir Geschichten von jungen Menschen, die Pestizide und Rattengift trinken, um Selbstmord zu begehen. Ich mache mir Sorgen um Salma, genauso wie ich mir Sorgen um all die anderen Kinder mache, die eine solche Last tragen.
Zuletzt möchte ich Ihnen von Fares erzählen. Als Fares’ Mutter mit ihm schwanger war, hatte sie Schwierigkeiten, an Gewicht zuzunehmen. Ihre Blutwerte waren aufgrund von Unterernährung, eingeschränktem Zugang zu Schwangerschaftsvorsorge und der Unmöglichkeit, die während der Schwangerschaft benötigten Vitamine zu erhalten, niedrig. Sie brachte Fares im siebten Schwangerschaftsmonat zur Welt. Da viele Frauen in Gaza zu früh gebären – was ein massives Problem darstellt –, kam Fares untergewichtig zur Welt, und es wurde festgestellt, dass er einen stark verminderten Sauerstoffgehalt im Blut aufwies. Es stellte sich heraus, dass eine seiner Herzklappen vollständig zerstört war. Dies ist ein medizinischer Notfall, der innerhalb von Stunden bis spätestens einem Tag nach der Geburt behandelt werden muss. Fares wartete monatelang auf der Evakuierungsliste, er war monatelang auf der Evakuierungsliste, bis er vor wenigen Tagen verstorben ist. Stand 17. September sollten 136 Patient*innen evakuiert werden. Bei allen lag eine Genehmigung zur Evakuierung vor, doch nur 61 durften die Grenze überqueren.“

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