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„Schäden an der Zivilbevölkerung minimieren“? Der Völkermord geht weiter

  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Das Ausmaß an Tod und Zerstörung in Gaza ist für alle offensichtlich, doch in der Diskussion unter israelischen Jüdinnen und Juden ist das Thema Völkermord in einem schwarzen Loch verschwunden, als wäre es nie geschehen.


Von Ilana Hammermann, Haaretz, 27. Juli 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

„Heute ist der ‚Krieg‘ zu Ende gegangen. Das ist keine Aggression mehr, sondern ein Völkermord. Es gibt kein anderes Wort, das das Ausmaß der Gewalt beschreiben könnte, die ich vor mir sehe“, schrieb Plestia Alaqad, damals eine 22-jährige Frau aus dem Gazastreifen, bereits am 18. Oktober 2023. Das beeindruckende Tagebuch, in dem sie auf Englisch die ersten drei Wochen der Zerstörung des Gazastreifens dokumentierte, wurde im vergangenen Jahr als Memoirenband veröffentlicht („The Eyes of Gaza: A Diary of Resilience“, erschienen bei Little, Brown and Company in den Vereinigten Staaten und bei Pan Macmillan im Vereinigten Königreich).

Inzwischen sind aus diesen drei Wochen fast drei Jahre geworden, und das Töten aus der Luft, zu Lande und zu Wasser dauert bis heute ununterbrochen an. Es gibt keinen Waffenstillstand. Der Völkermord geht weiter.

Tag für Tag werden Männer und Frauen, Junge und Alte getötet und verwundet. Fast zwei Millionen Menschen sind nach wie vor auf der Flucht, zusammengepfercht in Zelten auf einer kleinen Fläche, die etwa ein Fünftel des gesamten Gebiets von Gaza ausmacht, dazu verdammt, in sieben Kreisen der Hölle [der Ausdruck „sieben Kreise der Hölle“ geht auf Dantes „Inferno“ zurück, in dem die Hölle aus Kreisen besteht, die je nach Schwere der Sünden immer tiefer in die Erde hinabführen, Anm.] zwischen Leben und Tod zu leiden. Das israelische Militär kontrolliert fast 70 Prozent des Gazastreifens, wo einst palästinensische Dörfer und Stadtviertel standen. Sie wurden dem Erdboden gleichgemacht, ihre Bewohner*innen gewaltsam vertrieben und an der Rückkehr gehindert.

Am 7. Juli schrieb Dr. Said Muhammad Al-Kahlout (die Schreibweise des Namens variiert), ein Experte für psychische Gesundheit und Autor aus dem Gazastreifen, auf Facebook: „Der Himmel ist voller Augen, die verfolgen, was die Flugzeuge aufzeichnen, und die Flugzeuge sind so nah, dass sie sogar die Zahnprothesen im Mund eines alten, vertriebenen Mannes zählen können – welchen Schaden hätte es der Welt wohl zugefügt, wäre er noch einen Tag länger am Leben geblieben? ... Aber das Flugzeug will, dass er jetzt stirbt. Wie viele Granatsplitter reichen für deinen ausgemergelten Körper, Opa? Ein halbes Stück, vielleicht weniger. Doch das Flugzeug bombardiert ihn mit tausend Splittern, bis er in kleine Stücke zerfällt. Am Morgen wird der Mann nur noch eine Nummer sein, entmenschlicht, die mühelos über den Nachrichtenticker am unteren Bildschirmrand kriecht.“

Am 17. Juli schrieb der in Rafah lebende Dichter Nima Hasan auf Facebook: „Vor wenigen Minuten habe ich ein Video von einem 15-jährigen Jungen gesehen, der in einen der vielen Abwassergräben gefallen war, die rund um unsere Zelte verstreut sind. Er war bereits tot, als er ins Krankenhaus gebracht wurde. Zuvor hatte ein anderer Junge mit einem verdächtigen Gegenstand gespielt, der explodierte und ihn tötete. Und dann ging ein weiterer Junge an den gelben [Betonblöcken, die den von Israel besetzten Teil des Gazastreifens markieren] vorbei, und Besatzungssoldaten schossen auf ihn. Und eine Kugel drang in ein Zelt ein, in dem sich ein Mädchen befand, und tötete sie. Und Kinder fielen von einem Anhänger und wurden unter den Rädern zerquetscht. Und Kinder starben an Unterernährung, andere wurden nicht behandelt. Und es gibt Kinder, die nicht zur Behandlung gebracht wurden und während des Wartens starben. ... Der Tod lauert unseren Kindern von allen Seiten auf, sogar aus den Tiefen der Erde in Gaza. Hört das jemand? Sieht das jemand?“ (Die beiden oben genannten Beiträge wurden von Tamar Goldschmidt und Aya Kaniuk im Rahmen eines einzigartigen Dokumentationsprojekts auf Facebook hochgeladen, das sich täglich ausschließlich einer Auswahl von Beiträgen von Einwohner*innen Gazas widmet.)

Am Freitag berichtete Nir Hasson in „Haaretz“: „Die israelische Luftwaffe tötet weiterhin Kinder im Gazastreifen. Seit Inkrafttreten des Waffenstillstands dort im vergangenen Oktober wurden 282 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren getötet – durchschnittlich ein Kind pro Tag.“

Doch das letzte Wort in Nachrichtenberichten und Reportagen dieser Art ist aus irgendeinem Grund stets dem Armeesprecher vorbehalten, der in seiner Stellungnahme wiederholt: „Die israelischen Streitkräfte weisen die Behauptung, es gebe eine Politik oder ein Muster der absichtlichen Schädigung von Kindern, entschieden zurück und verurteilen sie. … Die israelischen Streitkräfte bemühen sich, Schäden an zivilen Leben und ziviler Infrastruktur im Einklang mit dem Kriegsrecht zu reduzieren und zu minimieren, und ergreifen vor der Durchführung von Angriffen Vorsichtsmaßnahmen.“

Die Schäden für die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur minimieren? Von Anfang an war der Angriff auf den Gazastreifen ein systematischer Vernichtungskrieg, eine unverhältnismäßige, rasende Reaktion auf den barbarischen Angriff der Hamas am 7. Oktober. Ein Krieg, der vom ersten Tag an keinen Unterschied machte zwischen Kämpfern und Zivilist*innen sowie zwischen der militärischen Infrastruktur der Hamas und der zivilen Infrastruktur Gazas. Tatsache ist, dass bei den schweren Beschüssen und Bombardements dicht besiedelter Wohngebiete, die keinerlei Unterscheidung zuließen, Zehntausende Frauen, Kinder und ältere Menschen getötet, verletzt und dauerhaft behindert wurden und Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen, Straßen, Wasser- und Stromversorgungssysteme ebenso wie die Landwirtschaft zerstört wurden.

Und das Werk der Zerstörung dauert bis heute an, nicht nur durch die Bombardements mit Flugzeugen und Drohnen, sondern auch dadurch, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in entsetzliche Lebensbedingungen gezwungen wird.

Mehr als 80 Prozent der Einwohner*innen Gazas wurden aus ihren Gemeinden vertrieben und ihre Häuser zerstört. Sie leben in überfüllten Zelten, in denen es im Sommer glühend heiß ist und die im Winter mit Regenwasser überflutet werden, während Abwasser zwischen ihnen fließt und sich in Pfützen sammelt. Sie sind einer Plage aus Mäusen, Ratten und Flöhen ausgesetzt sowie Infektionskrankheiten, die mangels angemessener medizinischer Versorgung zu einem Todesurteil werden, insbesondere für Kinder und alte Menschen.

Es handelt sich also um Völkermord. Der Staat Israel hat dem Gazastreifen einen Holocaust zugefügt und tut dies weiterhin. Es gibt heute kein anderes Wort, um dies zu beschreiben, da das Ausmaß des Tötens und der Verwüstung für alle offensichtlich ist. Und doch hat sich in den Medien und im öffentlichen Diskurs unter israelischen Jüdinnen und Juden – und nun auch im Wahlkampf – ein schwarzes Loch aufgetan, in das dieses Verbrechen, diese schreckliche menschliche Tragödie, die uns noch über Generationen hinweg begleiten wird, verschlungen wurde, als wäre sie nie geschehen.

Wie deutlich dies im Wahlkampf der Demokratischen Partei wird, deren englischsprachige Website verkündet: „Wir sind das wertebasierte, ideologische, diplomatisch-sicherheitspolitische und zionistische Rückgrat des demokratisch-liberalen Blocks in Israel. Wir stehen an vorderster Front im Kampf um Israels Charakter und Zukunft unter der Führung von Generalmajor (a. D.) Yair Golan, einem Helden des 7. Oktober [sic]. Wir werden weiterhin mit Entschlossenheit und Mut für ein starkes, sicheres und gerechtes Israel kämpfen … ohne Angst, ohne uns der Propagandamaschinerie zu beugen und ohne Kompromisse bei unseren Werten einzugehen.“

Es ist eine Erklärung, die den größten Wert von allen ignoriert, für den heute im rassistischen, ultranationalistischen und militaristischen Staat Israel gekämpft werden muss, nämlich den Humanismus.

 

Ilana Hammerman wurde 1944 in Haifa geboren und Menschenrechtsaktivistin. Hammerman, die in Deutschland promovierte, hat an mehreren Hochschulen Literatur, Übersetzung und Lektorat unterrichtet und übersetzte bekannte Werke von Kafka und Camus ins Hebräische.



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