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Sieben Arten, wie die Wasserkrise im Gazastreifen insbesondere Frauen trifft

  • vor 4 Tagen
  • 14 Min. Lesezeit

Vorliegender Kurzbericht untersucht die geschlechtsspezifischen Auswirkungen des Zusammenbruchs der Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung im Gazastreifen. Er dokumentiert, wie sich die gravierende Wasserknappheit auf die Gesundheit, die Sicherheit und das tägliche Überleben von Frauen auswirkt. Er identifiziert sieben Dimensionen der Krise, darunter chronische Wasserknappheit, die Belastung durch das Wasserholen, erhöhte Risiken für Witwen und von Frauen geführte Haushalte, Hindernisse für Frauen mit Behinderungen und ältere Frauen, die Herausforderungen für schwangere und stillende Frauen, die Auswirkungen auf die Menstruationshygiene sowie erhöhte Sicherheitsrisiken und psychische Belastungen.


Oxfam, Juni 2026

(Vollständiger Bericht)

 

Einleitung

Die Zerstörung der Wasser-, Sanitär- und Hygienesysteme (WASH) im Gazastreifen stellt heute eine humanitäre Katastrophe mit tiefgreifenden geschlechtsspezifischen Auswirkungen dar. Israels Völkermord an den Palästinenser*innen im Gazastreifen Streifen geht mit der systematischen Zerstörung der Wasserinfrastruktur und einer anhaltenden humanitären Blockade einher, was breite internationale Aufmerksamkeit und Verurteilung hervorgerufen hat. Die spezifischen Auswirkungen dieses Zusammenbruchs der Wasserversorgung auf Frauen sowie die Maßnahmen, die zu ihrer Bewältigung erforderlich sind, wurden jedoch bislang nicht ausreichend dokumentiert. Dieser Beitrag rückt die geschlechtsspezifischen Dimensionen des Mangels an Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene im Gazastreifen in den Vordergrund und untersucht die dringenden Maßnahmen, die zu ihrer Bewältigung erforderlich sind.

Dieser Beitrag stützt sich auf eindringliche Erfahrungsberichte von Frauen aus dem Gazastreifen selbst, um ihre Erlebnisse mit der Zerstörung der WASH-Systeme zu schildern. Er greift zentrale Themen aus ihren Schilderungen auf, wie zum Beispiel: wie Frauen im heutigen Gazastreifen zu weit entfernten Wasserstellen gehen müssen und dabei der Gefahr geschlechtsspezifischer Gewalt ausgesetzt sind, nur um an wenige Liter Wasser zu gelangen; wie schwangere und menstruierende Frauen nicht an das Wasser gelangen können, das sie benötigen, um sich sauber zu halten und ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen; wie der Wassermangel die Arbeitsbelastung durch Pflegeaufgaben erhöht, die nach wie vor größtenteils von Frauen geleistet werden – sei es Wäschewaschen, Putzen oder die Betreuung von Kindern, die ständig dem Risiko von Krankheiten und Dehydrierung ausgesetzt sind; wie Witwen und von Frauen geführte Haushalte ohne die zusätzliche Unterstützung, die sie benötigen, zu kämpfen haben; oder wie sich ältere und behinderte Frauen manchmal tagelang nicht waschen können, da die Versorgungsmöglichkeiten nicht an ihre Bedürfnisse angepasst sind.

Der Bericht stützt sich auf Interviews mit 21 vertriebenen Frauen und Mädchen aus dem gesamten Gazastreifen sowie auf eine Literaturrecherche zu humanitären Berichten, um die geschlechtsspezifischen Auswirkungen des Zusammenbruchs der WASH-Versorgung zu dokumentieren. Außerdem befasst er sich mit den Bewältigungsstrategien, zu denen Frauen gezwungen sind, um zu überleben. (…)

 

Zum Hintergrund: Wie Israels militärische Zerstörungen eine verheerende Wasser- und Sanitärkrise ausgelöst haben

Die durch die israelische Militäraggression verursachten Schäden an der Infrastruktur haben in Gaza eine verheerende WASH-Krise ausgelöst. Umfangreiche Schäden an Wasserversorgungsnetzen, Aufbereitungsanlagen und Abwassersystemen haben die Wasserproduktion zum Erliegen gebracht, sodass diese nur noch einen Bruchteil des Niveaus von vor Oktober 2023 beträgt. Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) gibt an, dass 89 % der Anlagen im WASH-Sektor (Anlagen, Netze, Abwasseranlagen) zerstört oder teilweise beschädigt wurden. Laut OCHA ist die Wasserproduktion im Gazastreifen auf weniger als ein Viertel des Niveaus vor dem 7. Oktober 2023 gesunken. Im Mai 2025 betrug die tägliche Wasserproduktion etwa 91.000 m³, wovon 28.000 m³ aus entsalzten oder aus Leitungsnetzen stammenden Trinkwasserquellen stammten, während die restlichen 63.000 m³ aus stark salzhaltigem Grundwasser stammten.

Die Folge ist, dass Millionen Menschen keinen Zugang zu sicherem Wasser oder sanitären Einrichtungen haben und die Bewohner*innen zunehmend auf unsichere und minderwertige Quellen, insbesondere Grundwasserbrunnen, angewiesen sind. Aufgrund der gravierenden Treibstoffknappheit funktionieren die Stromgeneratoren für Wasser- und Sanitäranlagen nicht mehr ordnungsgemäß, was zu einer Verringerung der Wasserförderkapazität führt und dazu, dass Brunnen und Pumpen ausfallen oder ihren Betrieb einstellen, wodurch Tausenden von Familien der regelmäßige Zugang zu Trink- oder Waschwasser vorenthalten wird.

Berichten zufolge ist der durchschnittliche Tagesverbrauch in Teilen des Gazastreifens auf 3–5 Liter pro Person und Tag gesunken ist und damit deutlich unter den humanitären Mindeststandards von 15 Litern pro Person und Tag für Trinkwasser, zum Kochen und zur Körperpflege liegt. Eine Million Menschen erhalten weniger als das Notfall-Mindestkontingent von sechs Litern Trinkwasser pro Tag. Der Mangel an Wasser beeinträchtigt die Möglichkeiten der Menschen, die persönliche und häusliche Hygiene aufrechtzuerhalten, einschließlich Waschen, Wäschepflege und Reinigung der Unterkünfte, was die Risiken für Gesundheit und Umwelt erhöht.

Darüber hinaus stellt der Zusammenbruch der Abwassersysteme eine doppelte Bedrohung für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit dar. Berichten zufolge wurden 85 % der Abwasserpumpwerke (73 von 84) und die dazugehörigen Leitungsnetze zerstört. Einige wurden zwar repariert, benötigen jedoch dringend Treibstoff, um betriebsfähig zu sein. Unbehandeltes Abwasser verunreinigt Oberflächen- und Grundwasserressourcen und erhöht gleichzeitig das Risiko für Infektionskrankheiten wie Durchfall, Hepatitis A und Hautinfektionen.

Nach Angaben von OCHA sind etwa 78 % der Bevölkerung im Gazastreifen Risiken durch Abwasser ausgesetzt, darunter Nagetiere und Schädlinge; 42 % sind Risiken durch angehäuften Festmüll ausgesetzt; 26 % sind direkten Gefahren durch Abwasser ausgesetzt; und 46 % sind von Abwassereinleitungen und Müllablagerungen auf den Straßen betroffen. Wenn Kläranlagen und Pumpstationen ausfallen, verunreinigt unbehandeltes Abwasser den Lebensraum und die Wasserquellen, was das Risiko von Ausbrüchen Infektionskrankheiten erhöht. Humanitäre Helfer*innen versuchen, diese Herausforderungen anzugehen, indem sie Trinkwasser über Wasserentnahmestellen bereitstellen, sanitäre Einrichtungen zur Verfügung stellen und am Wiederaufbau der zerstörten WASH-Infrastruktur arbeiten. Doch diese Bemühungen reichen nicht aus, um dem Ausmaß der Zerstörung und den Bedürfnissen gerecht zu werden.

 

Eine geschlechtsspezifische Krise

Die Auswirkungen dieser Krise sind nicht geschlechtsneutral. Frauen sind besonders von chronischer Wasserknappheit betroffen, die weit unter den humanitären Mindeststandards liegt, wobei ein entscheidender Faktor darin besteht, dass sie die Hauptverantwortung für die Wasserbeschaffung, die Haushaltsführung, die Hygiene, die Kinderbetreuung und die Pflege von Kranken tragen.

In überfüllten, unsicheren Vertriebenenlagern setzt der Zusammenbruch der WASH-Versorgung auch Frauen Krankheiten und psychischen Belastungen aus. Ältere Frauen, Frauen mit Behinderungen, schwangere und stillende Frauen, Witwen, von Frauen angeführte Haushalte und junge Mädchen sehen sich mit zusätzlichen Hindernissen beim Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen konfrontiert, was Ungleichheit und Abhängigkeit noch verstärkt.

Einem Bericht von UN Women zufolge haben mehr als eine Million Frauen und Mädchen im Gazastreifen Schwierigkeiten, Zugang zu sauberem Wasser zu erhalten, das für eine angemessene Hygiene unerlässlich ist, insbesondere während der Menstruation. Mehr als 540.000 Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter haben keinen Zugang zu Artikeln zur Unterstützung der Hygiene. Die kritische Wasserknappheit sowie der Mangel an Hygieneartikeln auf dem Markt zwingen Frauen und Mädchen dazu, ihre Periode ohne sauberes Wasser, Seife oder Hygieneartikel und oft ohne Privatsphäre zu bewältigen. Viele beschreiben die Menstruation infolgedessen als Quelle von Angst und Isolation und sind einem höheren Risiko für reproduktive und gynäkologische Infektionen und Komplikationen ausgesetzt. Darüber hinaus kann der Mangel an Hygieneartikeln Frauen dazu zwingen, sich auf Männer zu verlassen, die sie versorgen, wodurch Abhängigkeitsverhältnisse entstehen, die sie anfällig für Ausbeutung machen können, während häufige Wege auf der Suche nach privaten Toiletten Sicherheitsrisiken bergen, da Frauen gezwungen sind, weit nach Wasser und Privatsphäre zu suchen.

Der Zugang zu sauberem Wasser ist auch für stillende Mütter von entscheidender Bedeutung, da sie einen höheren täglichen Wasser- und Kalorienbedarf haben. Schwangere und stillende Frauen benötigen das Fünffache der derzeit verfügbaren Menge, um sich selbst und ihre Babys gesund und hydriert zu halten.

Die von Oxfam im Gazastreifen durchgeführte Schnellanalyse zur Geschlechtergleichstellung ergab, dass der Völkermord bereits bestehende Geschlechterrollen und Ungleichheiten erheblich verschärft hat. Während Männer weiterhin die Verantwortung für den Unterhalt ihrer Familien unter zunehmend unerträglichen Bedingungen tragen, sehen sich Frauen mit einer dramatischen Zunahme ihrer unbezahlten Pflege- und Hausarbeit konfrontiert. Zusätzlich zu ihren bestehenden Betreuungsaufgaben verbringen Frauen jetzt mehr Zeit damit, unter schwerwiegendem Brennstoffmangel zu kochen, Wäsche von Hand zu waschen, Wasser zu holen, Kinder zu betreuen, Brennholz zu beschaffen, in Schlangen für humanitäre Hilfe anzustehen und ältere sowie andere Familienmitglieder zu unterstützen und zu pflegen. Diese erheblich gestiegenen unbezahlten Betreuungsaufgaben sind besonders akut für Frauen, die Familienangehörige betreuen, die ständige Unterstützung benötigen, sowie für von Frauen geführte Haushalte, einschließlich Frauen, die ihre Ehepartner verloren haben.

Marginalisierte Gruppen, darunter Frauen und Mädchen, sind unverhältnismäßig stark von den Folgen betroffen: Mangel an Privatsphäre, Überbelegung und unsichere Wege zu WASH-Einrichtungen, einschließlich öffentlicher Latrinen und Waschplätze in Vertriebenenlagern, erhöhen die Anfälligkeit für geschlechtsspezifische Gewalt (GBV), da es dort oft an angemessener Beleuchtung, Sicherheitsmaßnahmen und nach Geschlechtern getrennten Räumen mangelt.

Menschen mit Behinderungen sind zudem unverhältnismäßig starken Risiken durch den Zusammenbruch der WASH-Versorgung ausgesetzt. Unzugängliche Latrinen, unebenes Gelände, fehlende Handläufe bzw. Platzmangel sowie unsichere Warteschlangen können die Wasserbeschaffung und Hygiene ohne Hilfe unmöglich machen. Dies führt zu einer Abhängigkeit von Betreuungspersonen und erhöht das Risiko von Vernachlässigung, Missbrauch und Würdeverlust in überfüllten Notunterkünften und Vertreibungssituationen. Die überwiegende Mehrheit der Menschen mit Behinderungen im Gazastreifen hat keinen Zugang zu unverzichtbaren Hilfsmitteln, da lang anhaltende Grenzschließungen, Blockadebeschränkungen für Güter mit „doppeltem Verwendungszweck“ und weit verbreitete Versorgungsengpässe die Einfuhr solcher Hilfsmittel in die Enklave praktisch zum Erliegen gebracht haben. Der Mangel an Hilfsmitteln verschärft die bestehenden Hindernisse für Hygiene, Sanitärversorgung und den Zugang zu WASH-Dienstleistungen. Heute ist es in Gaza äußerst schwierig oder unmöglich, behindertengerechte Einrichtungen oder Hilfsmittel wie Toilettenstühle zu nutzen.

Obwohl humanitäre Hilfsmaßnahmen eine gewisse Soforthilfe geleistet haben, haben sie die spezifischen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen weitgehend außer Acht gelassen. Organisationen in Gaza haben daran gearbeitet, verschiedene Arten von Latrinen zu erweitern, um besser auf die Rückmeldungen von Frauen zu den Herausforderungen und Risiken gemeinschaftlicher Einrichtungen einzugehen, unter anderem durch die Errichtung gemeinsamer Familien-Latrinen und Haushaltslatrinen. Allerdings beeinträchtigen anhaltende Herausforderungen wie Sperren, Kriegsschäden, eingeschränkter Zugang aufgrund von Grenzschließungen und mangelnde Instandhaltung weiterhin die Wirksamkeit und Zugänglichkeit dieser WASH-Maßnahmen, wovon Frauen und Mädchen überproportional betroffen sind.

 

Sieben Dimensionen der WASH-Krise für Frauen

Es wurden sieben Schlüsselthemen identifiziert. Diese wurden aus den ausführlichen Aussagen von 21 Frauen und Mädchen in Vertriebenenlagern, Notunterkünften, Schulen und informellen Zeltlagern im gesamten Gazastreifen abgeleitet. Sie zeigen, wie sich Wasserknappheit mit Geschlechterrollen, Vertreibung, Armut, Behinderung, Alter und Betreuungsaufgaben überschneidet und vielschichtige sowie ungleiche Belastungen verursacht.

 

1. Chronische Wasserknappheit weit hinter humanitären Standards

„Jeden Morgen schaue ich nach, wie viel Wasser wir noch haben. Wenn es nicht reicht, spare ich es nur zum Trinken auf und verschiebe das Waschen. Das passiert jeden Tag.“

R., eine vertriebene Mutter von zwei Kindern

Alle befragten Frauen berichteten, dass die Wasserverfügbarkeit drastisch unter die humanitären Mindeststandards fällt. In vielen Lagern erhalten Familien nur 3 - 6 Liter pro Person und Tag für alle Verwendungszwecke, was sie dazu zwingt, unmögliche Entscheidungen zwischen Trinken, Kochen und Hygiene zu treffen. U.M., eine verwitwete Mutter, die mit ihren fünf Kindern in einem Lager lebt, beschrieb, wie sie manchmal zwei oder mehr Tage ohne Wasser auskommen müssen. Da es keine Wasserleitung in der Nähe gibt, ist das verfügbare Wasser oft verschmutzt und reicht nicht aus, um Wäsche oder ihre Kinder zu waschen. Die Folgen sind unmittelbar und schwerwiegend. Frauen, darunter auch R, berichteten immer wieder von Ausbrüchen von Krätze, Läusen, Durchfall, Hautinfektionen und Dehydrierung, insbesondere bei Kindern. Schwangere und stillende Frauen beschrieben erhöhte Risiken aufgrund von Dehydrierung und mangelhaften hygienischen Bedingungen, während Frauen mit Behinderungen mit zusätzlichen gesundheitlichen Komplikationen konfrontiert waren.

Gemeinschaftliche Sanitäranlagen, sofern vorhanden, sind überfüllt, unsauber und oft gänzlich ohne Wasser, wodurch Toiletten zu Quellen der Infektion statt zu Schutz werden.

 

2. Die geschlechtsspezifische Belastung durch das Wasserholen, Erschöpfung und Risiken

„Manchmal laufe ich fast einen Kilometer auf meinem verletzten Fuß, um ein bisschen Wasser zu holen. Ich habe das Gefühl, dass Israels Völkermord nie aufgehört hat; ich kämpfe immer noch jeden Tag um einen Tropfen Wasser.“

F.R., im neunten Monat schwanger und verletzt

In allen Aussagen beschrieben Frauen das Wasserholen als einen der körperlich und emotional anstrengendsten Aspekte des täglichen Überlebens. Frauen und Mädchen legen regelmäßig Strecken von Hunderten von Metern bis zu mehreren Kilometern zurück, warten stundenlang in überfüllten Warteschlangen und tragen schwere Kanister unter unsicheren Bedingungen.

Die 60-jährige U.M. berichtete den Interviewer*innen, dass sie gezwungen ist, lange Strecken zurückzulegen, um Wasser zu holen, trotz ihrer chronischen Erkrankungen, darunter Bluthochdruck, Diabetes und Gelenkschmerzen. Sie sagte, sie stehe stundenlang in überfüllten Warteschlangen und kehre dennoch oft nur mit halb gefüllten Behältern zurück. Dieses Wasser reicht nicht nur nicht aus, sondern ist zudem häufig verunreinigt oder salzhaltig, was sie dazu zwingt, Trinkwasser zu hohen Preisen zu kaufen.

In den Warteschlangen für Wasser stehen oft sowohl Männer als auch Frauen; sie sind unreguliert und von angespannter Stimmung geprägt, wodurch Frauen Belästigungen, verbalen Übergriffen, Demütigungen und Angst ausgesetzt sind – insbesondere Witwen, geschiedene Frauen, jugendliche Mädchen und diejenigen, die keine männlichen Verwandten haben.

Diese geschlechtsspezifische Belastung führt zu Zeitarmut, da Frauen und Mädchen jeden Tag Stunden damit verbringen, zu laufen, zu warten und Wasser zu tragen, wodurch die Zeit für Bildung, Betreuung, Erholung und andere wichtige tägliche Aktivitäten verkürzt wird. Sie führt zudem zu körperlichen Verletzungen, psychischem Stress und erhöhten Sicherheitsrisiken, wodurch der Zugang zu Wasser zu einer täglichen Bedrohung wird.

 

3. Witwen und von Frauen geführte Haushalte – Überleben ohne Unterstützung

„Jede Person bekommt nur ein paar Liter. Ich stehe stundenlang in der Schlange, wohl wissend, dass es niemals reichen wird.“

U.Y., eine Witwe, die fünf Familienmitglieder versorgt, erhält nur einmal pro Woche Wasser

 

„Das lange Anstehen ist aufgrund meiner Rückenschmerzen und meines hohen Alters sehr schmerzhaft geworden. Die Überfüllung an der Wasserausgabestelle und die Herausforderung, mit Männern zu konkurrieren, machen die Situation noch schwieriger, zumal es nicht genügend Hilfsmittel oder Behälter zum Wasserholen gibt. Manchmal muss ich das Wasser selbst über weite Strecken tragen.“

N.O., eine 63-jährige Witwe, die in einer Notunterkunft lebt und sieben Familienmitglieder versorgt, von denen fünf Kinder sind, beschreibt die körperliche Herausforderung, sauberes Wasser zu beschaffen.

 

Witwen und von Frauen geführte Haushalte sind mit unverhältnismäßig großen Härten konfrontiert. Ohne Einkommen, mit eingeschränkter Mobilität und der alleinigen Verantwortung für Kinder und ältere Angehörige müssen diese Frauen unter extremen Einschränkungen für Wasser, Nahrung und Hygiene sorgen. Viele Witwen berichteten, dass sie ihre Töchter zum Wasserholen schicken müssen, was ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Sicherheit der Kinder und der frühen Belastung der Mädchen aufwirft. Die Frauen betonten das Fehlen gezielter Unterstützungsmechanismen für Witwen im Rahmen der aktuellen WASH-Maßnahmen.

Auch Frauen, die einen Haushalt führen, sind Gefahren, Feindseligkeit und Stigmatisierung ausgesetzt. R, eine geschiedene Mutter von zwei Kindern, die in einem Vertriebenenlager lebt, sagte: „Es gibt keine Sicherheit und keine Würde. Jedes Mal, wenn ich Wasser holen gehe, werde ich gedemütigt und belästigt – verbal oder körperlich. Manche Männer sagen Dinge wie: „Was machst du hier? Du bist doch nur auf der Suche nach Männern.“ Jedes Mal, wenn ich einen Wasserkanister trage, habe ich das Gefühl, das Gewicht von Angst und Demütigung gleichzeitig zu tragen.“

 

4. Frauen mit Behinderungen und ältere Frauen

„Jeder Gang zur Toilette fühlt sich wie ein Kampf an. Ich trage das Wasser in meinen Händen, weil es keinen Spülkasten in der Nähe gibt.“

U.M., eine 67-jährige Frau mit schwerer Osteoporose

Frauen mit Behinderungen und ältere Frauen sehen sich aufgrund unzugänglicher Einrichtungen und weit entfernter Wasserstellen mit extremen Hindernissen konfrontiert. Viele sind bei der Körperpflege, bei der Toilettenbenutzung und beim Wassertransport auf die Hilfe anderer angewiesen, was ihre Privatsphäre, Selbstbestimmung und Würde beeinträchtigt. Diese Frauen berichteten, dass sie das Waschen auslassen, die Wäsche tagelang aufschieben und Schmerzen sowie Isolation ertragen müssen, weil die Infrastruktur weder Behinderungen noch das Altern berücksichtigt – was die systemische Ausgrenzung bei der WASH-Planung deutlich macht.

Während unzugängliche und nicht inklusive WASH-Infrastruktur nach wie vor eine große Herausforderung darstellt, wird die Situation von Frauen mit Behinderungen und älteren Frauen auch durch die umfassendere humanitäre Krise im Gazastreifen geprägt. Die anhaltende Blockade und die Zerstörungen haben den Zugang zu lebensnotwendigen Gütern, Hilfsmitteln und sicheren Orten stark eingeschränkt. Die weitreichenden Schäden an Häusern, Land und Infrastruktur haben die Wirksamkeit von WASH-Maßnahmen für diese Frauen drastisch verringert, trotz des Ausmaßes ihrer Notlage.

 

5. Schwangere, stillende und betreuende Frauen – fast unsichtbar bei der Wasserversorgung

„Ich lebe als Vertriebene in einem Lager, in dem es an den grundlegendsten Lebensnotwendigkeiten mangelt. Bei mir ist mein Neugeborenes, das ich fest in meinen Armen halte und dem ich ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln versuche … aber wie soll mir das gelingen, wenn es nicht genug Wasser gibt, keine ihm angemessene Hygiene, keine Umgebung, die ihn vor Krankheiten schützt, und kein einfaches Recht darauf, in Würde zu leben? Ich rationiere jeden Tropfen [Wasser], auf Kosten meiner Hygiene und der Gesundheit meines Kindes. Wasser ist hier kein Luxus, sondern eine Frage des Überlebens.“

L.J., die sich in einem Zelt um ein Neugeborenes kümmert

Schwangere und stillende Frauen berichteten immer wieder, dass sie bei der Wasserversorgung übersehen würden. Lange Warteschlangen, fehlender vorrangiger Zugang, schlechte sanitäre Verhältnisse und unzureichende Wasserversorgung wirken sich direkt auf die Gesundheit von Müttern und Säuglingen aus. Frauen, die sich um Säuglinge kümmern, betonten, dass es unmöglich sei, die Hygiene bei der Reinigung von Babyfläschchen und der Wäsche von Kinderkleidung zu gewährleisten oder Infektionen vorzubeugen, wodurch Neugeborene einem hohen Risiko ausgesetzt sind.

Diejenigen, die sich um andere kümmern, stehen vor enormen Herausforderungen. Die erst 15-jährige Pflegekraft J, die sich um ihre verletzte und verwitwete Mutter, ihre 4-jährige Schwester und ihren 6-jährigen Bruder kümmert, beschrieb, dass sauberes Wasser ihr Lager nur alle 3–5 Tage erreicht. In der Zwischenzeit ist sie gezwungen, anstrengende Wege zurückzulegen, um stundenlang in der Schlange zu stehen und ein paar Kanister mit salzigem, ungenießbarem Wasser zu füllen – in Warteschlangen, die von Männern dominiert werden und in denen es oft zu Streitigkeiten kommt.

 

6. Menstruation ohne Wasser, Hygieneartikel und private Latrinen

„Stellen Sie sich vor, Sie bekommen Ihre Periode oder Ihre Tochter bekommt ihre, wenn Sie nicht einmal einen Tropfen sauberes Wasser finden können. Der wahre Schmerz ist die Suche nach irgendeinem alten Stück Stoff oder einem zerrissenen Streifen aus abgetragener Kleidung, nur um irgendwie zurechtzukommen. Wir schneiden Stücke aus unserer eigenen Kleidung heraus, waschen sie, trocknen sie heimlich und leben in ständiger Angst vor Infektionen.“

S.A., eine vertriebene Mutter

Frauen und jugendliche Mädchen beschrieben die Auswirkungen auf den Umgang mit der Menstruation als eine der schwerwiegendsten Folgen des Zusammenbruchs der WASH-Versorgung. Der Mangel an sauberem Wasser, Privatsphäre und Menstruationshygieneartikeln zwingt Frauen dazu, ihre Periode unter unsicheren und schmerzhaften Bedingungen zu bewältigen. Viele berichteten, dass sie auf zerrissene Stücke alter Kleidung als improvisierte Menstruationsartikel zurückgreifen, die sie aus Scham und Angst vor Infektionen heimlich waschen und wiederverwenden.

Die Frauen betonten, dass die Menstruation zu einer Quelle von Angst, Isolation und Schweigen geworden ist. Viele vermeiden es, sich während ihrer Periode außerhalb ihrer Unterkünfte aufzuhalten, aus Angst vor Auslaufen, Geruch oder Belästigung. Die Frauen beschrieben Symptome wie Hautreizungen, Infektionen der Harn- und Fortpflanzungswege sowie anhaltende Beschwerden aufgrund der langwierigen Verwendung von unsauberen Materialien und unzureichender Hygiene. Das Fehlen von Menstruationshygieneartikeln und sauberem Wasser wurde als Gesundheitsproblem und als Verletzung der körperlichen Selbstbestimmung beschrieben.

 

7. Sicherheitsrisiken, psychische Belastung und Stigmatisierung

„Früher habe ich die Kanister selbst getragen, aber meine Hände wurden zu schwach. Jetzt warte ich stundenlang in der Schlange und rufe dann meine Söhne an, damit sie sie nach Hause tragen. Ich fühle mich gedemütigt – nachdem ich ein würdevolles Leben geführt habe, stehe ich nun auf der Straße und warte auf Wasser.“

H., 53 Jahre alt und in einem Lager lebend, berichtet, wie diese Krise ihre Gesundheit und Würde beeinträchtigt hat

„Mein Herz schmerzt, wenn ich sehe, wie weit sie gehen müssen. Der Weg ist holprig, und das Wasser ist schwer.“

A.Y., Mutter von fünf Kindern und in einem Lager in Gaza-Stadt lebend, beschreibt den Schmerz und die Sorge, die sie empfindet, wenn sie ihre Töchter auf lange Wege schickt, um Wasser zu holen, da sie sich große Sorgen um ihre Sicherheit macht.

Über die physischen Entbehrungen hinaus beschrieben die Frauen eine tiefgreifende psychische Belastung. Geschiedene und verwitwete Frauen berichteten von Belästigungen durch Mitglieder der Gemeinschaft beim Wasserholen, was das bereits durch Vertreibung und Verlust verursachte Trauma noch verschlimmerte. Wasserknappheit wird somit zu einem Verstärker von Schutzrisiken und verschärft geschlechtsspezifische Gewalt, soziale Ausgrenzung und die Verschlechterung der psychischen Gesundheit.

 

Bewältigungsstrategien von Frauen

Angesichts der gravierenden Wasserknappheit und des fast vollständigen Zusammenbruchs der WASH-Versorgung berichteten Frauen in ganz Gaza den Interviewer*innen, wie sie eine Reihe von Bewältigungsstrategien entwickelt haben, um das Überleben ihrer Familien zu sichern.

Der tägliche Wasserverbrauch wird sorgfältig rationiert, wobei die Frauen ständig abwägen müssen, wie sie die begrenzten Vorräte auf Trinken, Kochen, Hygiene und Kinderbetreuung aufteilen. Viele Haushalte verwenden Grauwasser [Grauwasser bezeichnet verschmutztes Abwasser aus Bädern, Duschen oder Wäschewaschen, Anm.] trotz der Gesundheitsrisiken zur Bodenreinigung oder zum Wäschewaschen – als notwendige Anpassung an die anhaltende Wasserknappheit. Auch der Austausch von Wasser zwischen Nachbar*innen ist zur gängigen Praxis geworden und spiegelt die starke soziale Solidarität in Vertriebenenlagern wider, in denen formelle Unterstützungssysteme weitgehend fehlen.

Frauen haben ihre Hygieneroutinen angepasst: Sie verschieben das Baden, die Wäsche oder die Reinigung um Tage und stellen die Bedürfnisse ihrer Kinder über ihre eigenen. Mütter berichteten, dass sie ihren Kindern beibringen, sich mit möglichst wenig Wasser zu waschen, Seife wiederzuverwenden und alternative Hygienepraktiken anzuwenden, um den Verbrauch zu senken. In einigen Lagern haben Frauen informelle Kooperationsmechanismen organisiert, um gemeinsam die Wasserspeicherung zu verwalten, gemeinsam genutzte Sanitäranlagen zu reinigen und sich gegenseitig zu benachrichtigen, wenn Wasser verfügbar ist.

Obwohl diese Strategien Standhaftigkeit und Eigeninitiative zeigen, betonten die Frauen wiederholt, dass sie weder nachhaltig noch sicher sind.

 

Die wichtigsten Forderungen der Frauen

Was sagen die Frauen in Gaza, was sie brauchen? Die befragten Frauen betonten durchweg die Notwendigkeit sofortiger, menschenwürdiger und nachhaltiger WASH-Maßnahmen. Zu ihren Prioritäten gehören:

  • Die Gewährleistung eines ausreichenden und regelmäßigen Zugangs zu sauberem Wasser, mindestens 15 Liter pro Person und Tag.

  • Die Einrichtung sicherer, fester und geschlechtssensibler Wasserverteilungsstellen innerhalb der Vertriebenenlager.

  • Die Verbesserung der sanitären Infrastruktur, einschließlich barrierefreier Toiletten für Frauen mit Behinderungen.

  • Die Bereitstellung von „Dignity Kits“, Menstruationshygieneartikeln und Haushaltsmitteln zur Wasserspeicherung.

  • Die gezielte Unterstützung von Witwen, von Frauen geführten Haushalten, schwangeren Frauen und Frauen mit Behinderungen.

  • Sichere, private und menschenwürdige Räume für Frauen und Mädchen zur Pflege ihrer persönlichen Hygiene, saubere Latrinen und Zugang zu Wasser. Diese müssen vorrangig behandelt werden.

 

 

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