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„Stilles Leiden“: Warum Kinder in Gaza ihre Fähigkeit zu sprechen verlieren

  • 24. Apr.
  • 5 Min. Lesezeit

Schätzungsweise 1,1 Millionen Kinder in Gaza benötigen derzeit psychologische und psychosoziale Unterstützung. Immer mehr von ihnen verlieren aufgrund von Traumata und Verletzungen durch israelische Angriffe ihre Fähigkeit zu sprechen.


Von Mariem Bah and Ibrahim al-Khalili, Al Jazeera, 24. April 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Nachdem in der Nähe seines Zuhauses ein heftiger Bombenangriff stattgefunden hatte, verlor der fünfjährige Jad Zohud plötzlich seine Fähigkeit zu sprechen. Er ist kein Einzelfall. In ganz Gaza berichten Fachleute von einer steigenden Zahl von Kindern, die nach kriegsbedingten Verletzungen oder psychischen Traumata nicht mehr sprechen können.

Bei manchen von ihnen liegt eine körperliche Ursache vor – Kopfverletzungen, neurologische Schäden oder Explosionsverletzungen. Bei anderen gibt es keine sichtbaren Wunden. Ihr Schweigen ist die Folge wiederholter Gewalterfahrungen, die ihre Fähigkeit, diese zu verarbeiten oder darüber zu sprechen, übersteigen. Die Kinderpsychotherapeutin Katrin Glatz Brubakk, die zweimal mit „Ärzte ohne Grenzen“ (bekannt unter dem französischen Akronym MSF) in Gaza gearbeitet hat, beschreibt dies als „stilles Leiden“, das oft hinter dem Ausmaß der Zerstörung verborgen bleibt.


Wie äußert sich das Problem?


Im Hamad-Krankenhaus in Gaza-Stadt berichten Ärzt*innen, dass Fälle von Sprachverlust bei Kindern zunehmen. Dr. Musa al-Khorti, Leiter der Sprachabteilung des Krankenhauses, erklärte gegenüber Al Jazeera, dass in manchen Fällen „ein Kind die Fähigkeit zu sprechen vollständig verlieren kann“, wobei er sich auf Erkrankungen wie selektiven Mutismus oder hysterische Aphonie bezog, bei der es sich um einen funktionellen Stimmverlust handelt, der mit extremer psychischer Belastung einhergeht. Die Fälle variieren, doch viele folgen einem ähnlichen Muster: einem plötzlichen Verlust zu sprechen nach Gewalterlebnissen oder Verletzungen.

Der fünfjährige Jad hatte zuvor keine Sprachschwierigkeiten, berichtet seine Mutter, doch nach einem Bombenangriff in der Nähe seines Zuhauses wachte er auf und konnte nicht mehr sprechen – er war unfähig, Laute oder Wörter zu bilden. Jad ist kein Einzelfall. Die vierjährige Lucine Tamboura verlor ihre Stimme, nachdem sie aus dem dritten Stock ihres Hauses gestürzt war, als eine durch einen israelischen Luftangriff beschädigte Treppe unter ihr zusammenbrach. „Der Sturz beeinträchtigte ihr Sprechvermögen und führte zu einer teilweisen Lähmung ihres Arms und Beins“, berichtet ihre Mutter, Nehal Tamboura, gegenüber Al Jazeera. „Ihr Bein und ihr Arm haben sich erholt, aber sie hat immer noch Probleme mit dem Sprechen. Wir setzen ihre Behandlung in diesem Bereich fort.“

Ärzte warnen davor, dass diese Beschwerden ohne kontinuierliche Betreuung langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung haben können, insbesondere wenn sie mit einem psychischen Trauma einhergehen.


Warum passiert das?


Die Kinderpsychotherapeutin Katrin Glatz Brubakk sagt, dass Kinder als Reaktion auf ein extremes Trauma ihre Sprache verlieren. „Das sind Kinder, die einem extremen Trauma ausgesetzt waren und ohne medizinische Ursache aufhören zu sprechen“, sagt sie. „Es ist immer ein extremes Trauma.“

Sie beschreibt Kinder, die Familienangehörige verloren haben, Zeug*innen eines Todesfalls wurden, verletzt wurden oder wiederholte Gewalt erlebt haben, wobei Schweigen der einzige Weg ist, damit fertig zu werden. „Irgendwann fühlt sich die Welt völlig unvorhersehbar an, und das Kind befindet sich in akuter Gefahr“, sagt sie. „Es ist keine Entscheidung. Es ist eine körperliche Reaktion.“

Viele verfallen in das, was sie als „Starre“ bezeichnet, bei der der Körper unter Bedrohung abschaltet. „Der Körper sagt: Ich kann dagegen nichts ausrichten. Menschen können sterben. Ich kann sterben. Das Sicherste ist also, regungslos zu bleiben“, sagt sie. „Es ist ein Warten, bis sich die Welt wieder sicher anfühlt.“ Doch die Auswirkungen gehen über den Verlust des Sprechens hinaus, erklärt sie. „Wenn Kinder aufhören zu spielen und zu interagieren, hören sie auf zu lernen und sich zu entwickeln“, sagt sie. „Ich nenne das kognitive Kriegsverletzungen.“

Sie erklärt, dass ein anhaltendes Trauma das Gehirn im Überlebensmodus hält: Die Amygdala – das Alarmsystem des Gehirns – bleibt in Alarmbereitschaft, während die für das Lernen und die Emotionsregulation zuständigen Systeme unterdrückt werden. „Selbst wenn ein Kind wie regungslos wirkt, befindet sich das Nervensystem immer noch in höchster Alarmbereitschaft“, berichtet sie. „Mit der Zeit hat das sehr schwerwiegende Auswirkungen auf die Entwicklung.“


Unterscheidet sich Gaza von anderen Konfliktgebieten?


Brubakk sagt, das Ausmaß und die Gesamtheit des Traumas in Gaza seien mit nichts zu vergleichen, was sie in mehr als einem Jahrzehnt ihrer Arbeit gesehen habe. „Ich arbeite seit 12 Jahren in diesem Bereich, und es gibt nichts, was mit Gaza vergleichbar wäre. Nichts“, sagt sie. „Es gibt derzeit niemanden in Gaza, der nicht betroffen ist.“ Sie berichtet, Gaza sei durch einen völligen Mangel an Sicherheit geprägt: „Überall Bomben, jeder ist betroffen, jeder ist in Gefahr – es gibt keine Sicherheit.“ Dieses Problem, erklärt sie, werde durch den Zusammenbruch des Gesundheitswesens und der grundlegenden Versorgungsdienste nur noch verschärft.

„Man bekommt nicht die Hilfe, die man braucht, weder körperlich noch psychisch, und man kann nicht fliehen“, sagt sie. „Es gibt keinen Ort, an den man gehen kann. Und diese Kombination macht die Auswirkungen so schwerwiegend.“ Für Brubakk sind die am meisten übersehenen Folgen nicht nur die sichtbaren Verletzungen, sondern das, was sie als „stille Langzeitfolge“ bezeichnet, die sich im Verborgenen entfalten.

„Es ist einfach, Amputationen oder Verbände zu zeigen“, sagt sie. „Aber das hier ist das stille Leiden. Und es ist überall.“ In Gaza, sagt sie, gebe es nicht einmal mehr die grundlegende Gewissheit, dass man sicher sei. „Wir können niemandem sagen, dass er sicher ist, weil man es einfach nicht weiß“, sagt sie. „Selbst bei einem sogenannten Waffenstillstand werden immer noch Menschen getötet. Man weiß nie, wann man selbst an der Reihe ist.“

 

Wie beginnt die Genesung bei Kindern?


Für Brubakk verläuft die Genesung von traumabedingtem Mutismus langsam und ist sehr fragil. Sie erinnert sich an einen fünfjährigen Jungen namens Adam, der selektiven Mutismus entwickelte, nachdem er den Tod seines Vaters bei einem israelischen Luftangriff miterlebt hatte. Er sprach mit niemandem mehr außer seiner Mutter, kommunizierte nur noch in leisem Flüstern und zog sich fast vollständig zurück.

Zunächst lehnte er jegliche Interaktion ab. Doch nach und nach zeigten sich kleine Anzeichen der Genesung. „Eines Tages flüsterte er seiner Mutter zu: ‚Schick diese Frau weg, ich mag sie nicht‘“, erzählt sie. „Und ich war tatsächlich glücklich, denn das bedeutete, dass er wieder reagierte.“ Von da an erfolgte die Genesung in kleinen Schritten – kurzer Augenkontakt, Momente der Neugier, kleine Schritte zurück in Richtung Interaktion, bevor er langsam seine Stimme wiederfand.

Brubakk berichtet, dass diese Art von Fortschritt von einer strukturierten, konsequenten Betreuung abhängt, die immer schwieriger zu gewährleisten ist. Im Hamad-Krankenhaus sagt al-Khorti, dass Kinder mit Erkrankungen wie selektivem Mutismus spezielle Hilfsmittel und eine langfristige Rehabilitation benötigen. „Diese Erkrankungen erfordern spezielle therapeutische Maßnahmen und Rehabilitationshilfen“, erklärt er gegenüber Al Jazeera. „Viele davon wurden während des Krieges beschädigt oder sind verloren gegangen.“

Trotzdem, so Brubakk, könne die Genesung auf einfachste Weise beginnen. Eines ihrer Hilfsmittel sind die sogenannten „Hoffnungsblasen“ – Seifenblasen, die in der Therapie mit zurückgezogenen Kindern eingesetzt werden. „Sie sind so schön und wirken so friedlich, wenn sie langsam herabfallen“, sagt sie. „Und sie helfen den Kindern, ihre Aufmerksamkeit von der Angst abzulenken.“ Das Pusten der Seifenblasen wird zudem zu einer Möglichkeit, die Atmung zu regulieren und das Nervensystem zu beruhigen. „Wenn man große Seifenblasen haben will, muss man langsam atmen“, erklärt sie. „Es wird zu einer Möglichkeit, den Körper durch Spiel zu beruhigen.“ Sie berichtet, dass dieser Wechsel von Angst zu Neugier Kindern helfen könne, wieder Kontakt aufzunehmen und sich zu entspannen.

„Es hilft ihnen, sich zu entspannen, besser zu schlafen und ihr Nervensystem zu regulieren“, sagt sie. „Es bringt sie wieder auf den richtigen Entwicklungsweg.“ Sie denkt wieder an Adam, ihr Blick ist in die Ferne gerichtet. Genesung, erklärt sie, komme nicht durch einen einzigen Durchbruch zustande, sondern durch viele kleine, fast unmerkliche Fortschritte. „Man muss geduldig sein“, sagt sie. „Jeder kleine Schritt zählt.“ In Gaza, sagt sie, haben selbst die kleinsten Momente der Sicherheit ein enormes Gewicht, gerade weil sie so selten sind.



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