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Stimmen palästinensischer Christinnen und Christen

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„Liebe Brüder und Schwestern, seitdem das Wort Fleisch geworden ist, spricht die Menschlichkeit nun und verkündet Gottes eigenem Wunsch, uns zu begegnen. Das fleischgewordende Wort hat sein zerbrechliches Zelt unter uns aufgeschlagen. Wie können wir da nicht an die Zelte in Gaza denken, die seit Wochen Regen, Wind und Kälte ausgesetzt sind?“

Aus der Predigt von Papst Leo XIV, Petersdom, 25. Dezember 2025

 

 

„Ich bin als palästinensischer Christ in Palästina aufgewachsen. Ich wurde Dutzende Male vom israelischen Militär geschlagen, nur weil ich Palästinenser bin, und einmal wurde ich verhaftet, weil ich versucht hatte, zur Grabeskirche in Jerusalem zu gehen. Israel hat mich in den letzten 15 Jahren daran gehindert, meine Familie zu sehen, außer zweimal, weil ich in Ramallah lebte, während sie in Gaza waren. Außerdem hat Israel meinen Vater und meine Schwester in Gaza getötet.

Wenn Netanjahu also „christliche Rechte” benutzt, um Israels Verbrechen zu beschönigen, ist das beleidigend und zutiefst empörend.“

Khalil Sayegh, politischer Analyst und Präsident der Agora Initiative, 2. Jänner 2026

 



„Als ich zum ersten Mal sah, wie ein Haus in Bethlehem abgerissen wurde, hatte ich das Gefühl, als wäre der Advent selbst abgebrochen worden.

Ein brandneuer Bulldozer drückte sich ruhig durch die Steinmauern, während die Wintersonne tief über den Hügeln von Judäa stand. Es fühlte sich surreal an, nur wenige Minuten vom Hirtenfeld entfernt zu stehen, auf dem einst Engel den Frieden auf Erden verkündeten.

Die Familie, die in dem Haus gelebt hatte, stand mit Decken und hielt ein paar gerettete Habseligkeiten in den Händen. Ein christlicher Freund neben mir flüsterte ein Gebet auf Arabisch. Seine Worte zitterten in der kalten Morgenluft. Bethlehem fühlte sich nicht wie der Ort an, an dem Christus in die Welt gekommen war. Es fühlte sich wie ein Ort an, der immer noch auf Gott wartete.

Palästina ist keine Metapher. Es ist Erde, Atem, Herzschmerz und Erinnerung.“

Dr. Jack Nassar und Shane Lakatos in ihrem Beitrag „Holy Land, hollow promises: When religion betrays justice“, Baptist News Global, 10. Dezember 2025

 

 

 

„Waren palästinensische Christ*innen bereits vor der Nakba von 1948 eine kleine Gemeinschaft, machen sie heute weniger als zwei Prozent der Bevölkerung in Israel-Palästina aus – ein Rückgang, der hauptsächlich auf die jahrzehntelange Apartheidpolitik, ethnische Säuberungen und Enteignungen Israels zurückzuführen ist. Israel hat auch konsequent versucht, ihre prekäre Lage als Minderheitengruppe auszunutzen, indem es palästinensische Führer für ihre Notlage verantwortlich machte und versuchte, palästinensische Christ*innen von ihren muslimischen Glaubensbrüdern und den breiteren arabischen und palästinensischen Nationalbewegungen zu spalten.

In Gaza zerstörten israelische Bomben drei der ältesten Kirchen der Welt. Im besetzten Westjordanland haben Siedlermilizen wiederholt das christliche Dorf Taybeh angegriffen, während in Beit Sahour, einer überwiegend christlichen Stadt am Rande von Bethlehem, israelische Siedler kürzlich einen neuen illegalen Außenposten errichtet haben, nachdem sie palästinensisches Land beschlagnahmt und mit Bulldozern zerstört hatten.

Angesichts dieser Realität verliert man leicht jede Vorstellung von einer besseren Zukunft. Doch die palästinensischen Christ*innen widersetzen sich seit langem dieser Auslöschung und politischen Manipulation. Vor zwei Wochen versammelten sich die Einwohner*innen auf dem Nativity Square in Bethlehem, um zum ersten Mal seit 2022 wieder einen Weihnachtsbaum zu beleuchten – ein stiller Akt des Widerstands inmitten anhaltender Zerstörung.“

Ghousoon Bisharat, Chefredakteurin bei +972Mag, in Ihrem Beitrag „Who’s afraid of Palestinian Christianity?“, 18. Dezember 2025

 

 

 

 

„Letzte Woche reisten etwa tausend Pastor*innen – hauptsächlich aus den Vereinigten Staaten – im Rahmen einer viel beachteten Tour nach Israel. Sie kamen, um ihre Solidarität zu bekunden, ihren Segen zu verkünden und Fotos an heiligen Stätten zu machen. Doch in all ihren Verkündigungen fehlte schmerzlich eines: jegliche Anerkennung des lebendigen, leidenden Leibes Christi in diesem Land.

Ihr seid dort gegangen, wo Jesus gegangen ist – aber ihr habt euch geweigert, neben seinen Nachfolger*innen zu gehen, die hier ums Überleben kämpfen. Ihr habt an Steinen gebetet – aber ihr habt die lebendigen Steine ignoriert, die heute Zeugnis von Christus ablegen. Ihr habt einen Staat gesegnet – aber ihr habt eure Augen vor den Menschen verschlossen, die vertrieben, bombardiert oder zum Schweigen gebracht werden. Wenn Sie einer der 1 000 Pastor*innen sind: Schämen Sie sich nicht?“

Dr. Jack Nassar, Präsident des Bethlehem Bible College und Pastor, 7. Dezember 2025

 

 

 

„Dieser Krieg hat auch eine weitere Realität des Zionismus – ob jüdisch oder christlich – offenbart, nämlich seine Rechtfertigung von Gewalt und Tötung. Wir palästinensische Christ*innen sind zutiefst schockiert über die Haltung vieler Kirchen, die entweder die Darstellung der Kolonialherren übernommen haben oder angesichts des Völkermords an unserem Volk schweigen. Manchmal stellen sie den interreligiösen Dialog zwischen Jüd*innen und Christ*innen über die Wahrheit, die Menschenwürde und das Leben selbst, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Sie verurteilen die eine Seite und entschuldigen die andere – oder sie schweigen einfach. Einige gehen sogar so weit, dass sie Positionen einnehmen, die den Völkermord gutheißen, unterstützen oder fordern.“

Kairos Palestine: Die Stunde der Wahrheit: Glaube in Zeiten des Völkermords, 14. November 2025

 

 

 

„Diejenigen, die weiterhin zögern, einen Völkermord als solchen zu benennen, oder ihn rundweg leugnen, tun dies aus politischen und persönlichen Gründen, die nichts mit den Tatsachen zu tun haben. Sie leugnen den Völkermord, weil sie sich nicht mit den politischen und moralischen Konsequenzen eines solchen Eingeständnisses auseinandersetzen wollen. (…) Die Tatsache, dass die Kirchen ihrer moralischen Verantwortung nicht ausreichend nachgekommen sind, ist eine vernichtende Anklage. Dass sie unverhohlen ihren Komfort, ihre Interessen, ihre Verbindungen und ihren Wunsch, Unannehmlichkeiten zu vermeiden, in den Vordergrund stellen, ist moralischer Bankrott.“

Jonathan Kuttab, palästinensischer Menschenrechtsanwalt und Exekutivdirektor von Friends of Sabeel North America (FOSNA), Jänner 2025

 

 

 

„Während Israel sich immer wieder als Verteidiger der Christen im Nahen Osten und als weltoffenes Land darstellt, werden Kirchen in Gaza und dem Libanon zerstört, christliche Palästinenser und Libanesen getötet, und nun wurde es den christlichen Palästinensern in Nazareth auch noch verboten, den großen Weihnachtsbaum der Stadt zu beleuchten.“

Jules El-Khatib, deutsch-palästinensischer Hochschuldozent und Autor, 15. Dezember 2025

 

 

 

„Nach zwei langen Jahren, die von Krieg, Verlust und Unsicherheit geprägt waren, beschlossen die Mitarbeiter*innen des Al-Ahli Arab Hospitals, dieses Weihnachten innezuhalten und still ihre Hoffnung auszudrücken. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn kamen unsere Mitarbeiter*innen zusammen, um einen Weihnachtsbaum auf dem Krankenhausgelände zu schmücken.

Diese einfache Geste hatte eine tiefe Bedeutung. Es war kein Fest der Unbeschwertheit, sondern eine sanfte Bestätigung von Widerstandsfähigkeit, Glauben und Leben. Inmitten von Erschöpfung und Trauer wollten unsere Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und Mitarbeiter*innen einen kleinen Raum des Lichts für Patient*innen, Familien und für einander schaffen – um uns daran zu erinnern, dass die Hoffnung auch in den dunkelsten Zeiten Bestand hat.

Bei Al-Ahli bedeutet Weihnachten seit jeher, den Leidenden beizustehen und Mitgefühl zu zeigen. Wir sind zutiefst dankbar für Ihre Partnerschaft, Ihre Gebete und Ihre unerschütterliche Unterstützung, die unsere Mission der Heilung und des Dienstes weiterhin tragen. Wir wünschen Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest voller Frieden, neuer Hoffnung und der Aussicht auf bessere Tage.“

Dr. Suhaila Tarazi, Generaldirektorin des Ahli-Arab-Spitals in Gaza, 19. Dezember 2025

 

 

 

 

„Durch die Beschlagnahmung der letzten Freiflächen unserer Städte und die Verengung des Siedlungsrings um Beit Sahour und Bethlehem bedroht die israelische Siedlung Shdema die Existenz der größten verbliebenen christlichen Gemeinde im Heiligen Land. Wenn es weitergeführt wird, wird es der letzte Nagel im Sarg der christlichen Präsenz in Palästina sein, die Vertreibung beschleunigen, den sozialen Zusammenhalt zerstören und mehr Familien in die Zwangsmigration treiben.

Wir richten diesen Appell nicht an politische Führer*innen, deren Regierungen konsequent ihre Interessen mit Israel über die Gerechtigkeit für die Unterdrückten stellen, in der Hoffnung, dass sie ihren Kurs ändern. Wir schreiben ihn, damit unsere eigenen Nachkommen wissen, dass wir nicht geschwiegen haben, und damit die zukünftigen Generationen dieser Regierungen wissen, dass ihre Vorfahren still dabei zugesehen haben, wie ein Volk und ein christliches Erbe, das seit zwei Jahrtausenden in diesem Land verwurzelt ist, in die Auslöschung getrieben wurden.“

Rifat Kassis, Generalsekretär von Kairos Palestine und Bewohner von Beit Sahour, in einem Interview mit Mondoweiss, Dezember 2025

 

 

 

„In der Adventzeit kehre ich immer wieder zur Weihnachtsgeschichte zurück, aber dieses Jahr fühlt es sich anders an. Früher stellte ich mir diese Szene als ruhig, freudig und heilig vor. Maria und Josef. Das Jesuskind. Hirten und Engel, die in sanftem Licht stehen. Aber das ist nicht die wahre Geschichte.

Jesus wurde unter militärischer Besatzung geboren. Seine Eltern reisten zu einer Volkszählung, die von fremden Herrschern verlangt wurde, denen ihr Leid gleichgültig war. Er wurde in einem Stall geboren, weil es keinen Platz für sie gab, keine Würde, keine Gastfreundschaft. Und kurz nach seiner Geburt versuchte Herodes, ihn zu töten. Die Heilige Familie floh als Flüchtlinge nach Ägypten. Gott kam nicht in einem wohlbehüteten Umfeld, sondern in Gefahr auf die Welt. Nicht in Reichtum, sondern in Armut. Nicht unter den Mächtigen, sondern unter den Menschen, die vom Reich unterdrückt wurden. Das ist der Christus, den wir verehren. Das ist der Christus, den wir an Weihnachten feiern. Und heute erleben seine Kinder in Gaza dieselbe Geschichte.“

Dr. Jack Nassar, Präsident des Bethlehem Bible College und Pastor, in seinem Beitrag „When Bethlehem weeps: An Advent Reflection on Gaza’s Christians“, 12. Dezember 2025

 

 

 

 

 

 

Rund um Weihnachten werden palästinensische Christ*innen in den Medien und im politischen Diskurs oft als Symbole für Glauben, Frieden und Hoffnung präsentiert und romantische Bilder aus der Geburtskirche in Bethlehem gezeigt. Die realen politischen Umstände vor Ort, die ihre kollektive Existenz bedrohen; die militärische Besatzung, der Völkermord, die Zwangsvertreibungen, die Diskriminierung und Apartheid, von der auch sie – so wie alle anderen Palästinenser*innen – betroffen sind, werden jedoch allzu oft heruntergespielt oder gleich gänzlich ignoriert.


„Insgesamt starben [in Gaza] mehr als fünfzig Christ*innen, sei es durch Bomben, Scharfschützen oder mangelnde medizinische Versorgung. Eine Kirche, ein Ort, der Zuflucht bieten sollte, wurde zu einem Grab“, schreibt Dr. Jack Nassar, Präsident des Bethlehem Bible College und palästinensischer Pastor, in einer Adventbetrachtung. „Jetzt, während der Waffenruhe, kehren die Christ*innen zurück und müssen feststellen, dass die meisten ihrer Häuser zerstört oder schwer beschädigt sind. Fast achtzig Prozent aller Gebäude in Gaza sind verschwunden. Wo soll eine Familie Weihnachten feiern, wenn ihr Haus in Trümmern liegt? Wie können sie „Veni veni Emmanuel“ singen, während Christ*innen auf der ganzen Welt dasselbe Lied in warmen Kirchen singen, ohne an die Menschen in dem Land zu denken, in dem Christus geboren wurde? Und während die Bomben in Gaza seltener werden, blutet das Westjordanland in Stille. Mehr Einschränkungen. Mehr Terror durch Siedler. Mehr Angst.“


An dieser Stelle sei an Suhail, Julie und Majd Al-Suri erinnert, Geschwister im Alter von 14, 12 und elf Jahren, die gemeinsam mit ihren Eltern in der griechisch-orthodoxen Kirche St. Porphyrios Zuflucht vor den Bombardierungen gesucht hatten, im Glauben, die israelische Armee würde das Gotteshaus verschonen. Die Geschwister wurden am 19. Oktober 2023 bei der israelischen Bombardierung der Kirche getötet, ihre Eltern verloren in nur einem Augenblick all ihre Kinder. Der Angriff tötete insgesamt 17 palästinensische Christ*innen, darunter neun Kinder, das jüngste erst drei Monate alt. Ganze Familien wurden dabei ausgelöscht.


Es sei an die 84-jährige Elham Farah erinnert, die am 12. November 2023 von einem israelischen Scharfschützen angeschossen wurde und auf der Straße vor ihrer Wohnung langsam verblutete, während Einsatzkräfte und Nachbarn von israelischen Scharfschützen daran gehindert wurden, ihr zu helfen. Die letzte Organistin von Gaza war ein allseits ge- und beliebtes Mitglied ihrer Gemeinde, Generationen von muslimischen und christlichen Schüler*innen erlernten bei der Musiklehrerin ein Instrument.


Es sei an Nahida Khalil Anton und ihre Tochter Samar Khalil Anton erinnert, die am 16. Dezember 2023 am Kirchengelände der katholischen Kirche zur Heiligen Familie auf dem Weg zum Sanitärbereich von einem israelischen Scharfschützen erschossen wurden. Zuerst traf es Nahida, und dann, als sie ihrer Mutter zu Hilfe kommen wollte, auch Samar. Sieben weitere Menschen wurden von Scharfschützen verletzt, als sie versuchten, Nahida und Samar Anton zur Hilfe zu kommen.



 

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