Stimmen zu Itamar Ben Gvirs Misshandlung der verschleppten Flottilla-Aktivist*innen
- 21. Mai
- 3 Min. Lesezeit
„Ben-Gvir ist abstoßend. Als Mensch und als Minister. Aber er ist nicht die Erklärung. Er ist das Symptom. Was ich sehe, wenn ich diese gefesselten Menschen auf dem Betonboden sehe — Köpfe nach unten, Nationalhymne im Hintergrund, ein Minister mit Flagge, der triumphiert — ist das Ergebnis von Jahrzehnten. Jahrzehnte, in denen Erniedrigung möglich war, weil sie folgenlos geblieben ist. Jahrzehnte, in denen die internationale Gemeinschaft weggeschaut, relativiert, abgewogen hat. Diese Aktivist*innen sind Europäer*innen, Amerikaner*innen, Australier*innen. Ihre Regierungen haben heute protestiert, Botschafter einbestellt, Statements veröffentlicht. Das ist gut. Aber ich frage mich: Wo war diese Empörung als palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen gefoltert wurden? Nicht als Behauptung, sondern als dokumentierte Realität — durch Amnesty International, durch UN-Sonderberichterstatter, durch israelische Menschenrechtsorganisationen wie B‘Tselem. Wir wissen, was in Gefängnissen wie Sde Teiman passiert. Wir wissen von systematischem Schlafentzug, von Stresspositionen, von Misshandlungen, von Essensverweigerung, von sexualisierter Gewalt. Und wir können uns vorstellen — müssen uns vorstellen — wie palästinensische Gefangene behandelt werden, wenn ein Minister es als Errungenschaft inszeniert, internationale Aktivist*innen mit Konsularschutz so zu demütigen. Das System der Straflosigkeit hat Ben Gvir nicht erschaffen. Er hat es geerbt. Und er nutzt es — öffentlich, stolz, mit Fahne. Solange es also keine ernsthaften Konsequenzen gibt, wird es weitergehen. Genau deshalb braucht es die Haftbefehle des Internationalen Strafgerichtshofs. Genau deshalb braucht es Waffenembargos. Genau deshalb braucht es die Aussetzung des EU-Israel Assoziierungsabkommens.“
Shoura Hashemi, Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich, 20. Mai 2026
„Abgesehen von der abscheulichen und unmenschlichen Behandlung der inhaftierten Flottilla-Aktivist*innen, die die meisten Israelis lediglich als Albtraum für die Hasbara betrachten (was nur einen kleinen Einblick in die systematische Behandlung der Tausenden palästinensischen Häftlinge liefert, die jederzeit im israelischen Gefängnissystem inhaftiert werden können), ist es wichtig, nicht darüber hinwegzugehen, dass sie aus internationalen Gewässern entführt wurden, in denen Israel keinerlei Hoheitsgewalt besitzt, und ohne Anklage festgehalten wurden – was im Grunde genommen einen Akt der Piraterie darstellt und jegliche Form des Völkerrechts grob verletzt. Das ist jedoch nichts Neues, denn die vergangenen Jahre und Jahrzehnte der Straflosigkeit haben gezeigt, dass das Völkerrecht bedeutungslos ist.
Das Ende dieses Videos ist eine Metapher, die zugleich Realität ist. Die israelische Hymne, die in der Halle dröhnt, verdeutlicht einen gemeinsamen Nenner zwischen Kahanisten wie Ben Gvir und allen anderen, die die Flottilla lediglich verspotten und Witze darüber machen, und zwar, dass alle außerhalb unseres mentalen und ideologischen Ghettos daran ersticken können.“
Addam Yekutieli, israelischer Künstler, 20. Mai 2026
„Ja, das Video von Ben-Gvir ist skandalös. Aber darum geht es nicht. Das (offensichtliche) Problem ist: Wenn gewaltfreie europäische Demonstrant*innen in der Öffentlichkeit so behandelt werden, kann sich jeder, der bei klarem Verstand ist, vorstellen, wie Palästinenser*innen hinter verschlossenen Türen behandelt werden. Das ist der wahre Skandal.“
Ami Dar, israelischer Unternehmer mit Sitz in New York, auf X (Twitter), 20. Mai 2026
„Schämen Sie sich nicht? Frau Kallas, Israel hat die letzten 24 Stunden – und das ist keine Kleinigkeit – mitten im Mittelmeer damit verbracht, Schiffe und europäische Bürger*innen zu entführen. Finden Sie das lustig? Ich jedenfalls nicht. Werden Sie jemals einen Finger rühren, um etwas für diese EU-Bürger*innen zu tun? Was würden Sie tun, wenn es der Iran oder Russland wäre, die mitten im Mittelmeer auftauchen würden, um europäische Bürger*innen zu entführen? Nun, es ist Israel, also lächeln Sie und schauen weg.“
Die spanische Europaabgeordnete Irene Montero konfrontierte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas mit Israels Abfang der Flottilla auf dem Weg nach Gaza, 20. Mai 2026
„Netanjahu war nicht über Ben Gvirs Handlungen bestürzt, sondern darüber, dass dieser sie gefilmt und ausgestrahlt hatte, um im Vorfeld der bevorstehenden Wahlen seine Wählerschaft anzusprechen.
Netanjahu selbst bezeichnete, genau wie Ben Gvir, die Mitglieder der Gaza-Flottille als Terroristenunterstützer. Der Begriff „Terrorist“ wird mittlerweile verwendet, um die gesamte palästinensische Bevölkerung, UN-Mitarbeiter*innen, humanitäre Helfer*innen und Aktivist*innen aus aller Welt zu charakterisieren. Seine sich ständig ausweitende Bedeutung ermöglicht es, jeden zu entmenschlichen, zu dämonisieren, zu töten und zu verletzen.“
Riyad Mansour, Ständiger Beobachter des Staates Palästina bei den Vereinten Nationen in New York, 21. Mai 2026
„Dass israelische Politiker und Unterstützer*innen Ben Gvir „verurteilen“, ist nur PR-Geschwätz. Das sind dieselben Leute, die die NYT wegen eines einzigen Artikels über das gut dokumentierte System der Vergewaltigungen an Palästinenser*innen angegriffen haben. Als ob wir den Völkermord in Gaza nicht schon miterlebt hätten, um das wahre Gesicht Israels zu kennen. Jedes Mal, wenn es unbestreitbare Beweise für ihre groben Misshandlungen und Verbrechen gibt, springt die PR-Maschinerie an, und dann macht Israel sofort wieder weiter damit, Gräueltaten zu begehen, die die westliche Welt unterstützt.“
Assal Rad, Historikerin, Autorin und Politologin, 20. Mai 2026
„Also: Ärzte in Sde Teiman zu Tode zu vergewaltigen, Kleinkinder zu erschießen, Jugendliche auf der Suche nach Nahrung zu ermorden, Frauen bei lebendigem Leib zu verbrennen … das findet die israelische Öffentlichkeit gut. Aber Aktivist*innen während der Nationalhymne in unbequeme Positionen zu zwingen – das geht einfach zu weit.“
Martin Gak, Journalist, Twitter (X) 21. Mai 2026



Kommentare