UNICEF: Massaker an hilfesuchenden Kindern und ihren Müttern
- office16022
- 11. Juli 2025
- 4 Min. Lesezeit

„In diesem Bild sind ein überwältigender Schmerz und ein bitteres Gefühl des Verrats zu spüren. Drei kleine Körper, still und kalt, liegen vor ihrem Vater. Sie sind Opfer einer Brutalität, die keine Gnade kennt. Es gibt keine Schreie mehr, die widerhallen. Es gibt keine Worte mehr, die das Gewicht dieser Trauer tragen können.“
Dr. Nabeel Rana, amerikanischer Chirurg, der zwei Mal in Gaza auf medizinischer Hilfsmission war, beschreibt das Foto eines Vaters, der vor seinen drei getöteten Kindern steht, 10. Juli 2025
„Als Vater ist dies eines der herzzerreißendsten Bilder, die ich gesehen habe. Die Leiche eines kleinen Buben, der heute in Jabalia getötet wurde, liegt auf dem Boden im Al Shifa-Krankenhaus. Keine Eltern, keine Geschwister, keine Onkel, keine Tanten, keine Großeltern, keine Cousins. Ich nehme an, auch seine Verwandten wurden alle getötet. Was hat dieser Junge verbrochen?
Er sieht aus wie mein Sohn.
Er sieht aus wie ich.
Er ist ich.
Er ist jeder einzelne von uns.“
Mosab Abu Toha, palästinensischer Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger aus Gaza, 10. Juli 2025
„Jeder hat in den letzten 21 Monaten mindestens ein Bild, ein Video oder eine Geschichte über ein Kind gesehen, das in Stücke gerissen, geköpft, amputiert, verwaist, verhungert oder traumatisiert wurde – mindestens eines. Und zu diesem Zeitpunkt hat jeder Einzelne von uns eine Entscheidung getroffen – „Nein, auf keinen Fall“ zu Gewalt gegen Kinder in jeglicher Form zu sagen oder mit den Achseln zu zucken und weiterzumachen wie bisher und sich eine Million Gründe als Rechtfertigung dafür anzuhören. Für die Distanzierung.
Und einige für das Töten.
Dieses Mal wird unsere abscheuliche Geschichte für immer durch das staatlich sanktionierte, vom Westen unterstützte Massaker an Kindern in einem nie dagewesenen Ausmaß gekennzeichnet sein. Das wird nicht verschwinden. Es wird immer da sein. Solange es einen Planeten gibt. Solange unsere bedauernswerte Spezies auf ihm lebt.
Und solange wir am Leben sind, werden wir uns mit unserer Rolle in diesem Prozess auseinandersetzen müssen.
Unsere Rolle bei der per Livestream übertragenen Massenvernichtung von Kindern.“
Leila Boukarim, Kinderbuchautorin, 10. Juli 2025
Neun Kinder wurden gestern, am Donnerstag (10.07.2025), um 9:15 Uhr Ortszeit von der israelischen Armee getötet, als sie mit ihren Eltern in einer Schlange vor einem Gesundheitszentrum in Deir al Balah warteten.
Wie UNICEF berichtet, wurden insgesamt 15 Menschen, darunter neun Kinder und vier Frauen, getötet. Weitere 30 Menschen wurden Berichten zufolge mitunter schwer verletzt, darunter 19 Kinder.
„Die Hilfe wurde von Project Hope, einer UNICEF-Partnerorganisation, für Familien in verzweifelter Not bereitgestellt. Die Tötung von Familien, die versuchen, lebensrettende Hilfe zu erhalten, ist unverzeihlich“, so UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Es waren Mütter, die nach Monaten des Hungers und der Verzweiflung einen Rettungsanker für ihre Kinder suchten. Zu ihnen gehörte Donia, deren einjähriger Sohn, Mohammed, getötet wurde. Sie sagte, er habe nur Stunden zuvor sein erstes Wort gesprochen. Donia liegt nun in einem Krankenhausbett, schwer verletzt durch die Explosion, und klammert sich an Mohammeds kleinen Schuh. Kein Elternteil sollte jemals eine solche Tragödie erleben müssen.“
Nach Angaben der UNICEF-Partner-Organisation Project Hope ereignete sich der Angriff am Donnerstagmorgen vor der Altayara-Gesundheitszentrum in Deir al-Balah, als die Patient*innen vor der Klinik warteten, um sich wegen Unterernährung, Infektionen, chronischen Krankheiten und anderen Problemen behandeln zu lassen.
„Plötzlich hörten wir das Geräusch einer sich nähernden Drohne, und dann kam die Explosion", berichtet der Zeuge Yousef al-Aydi der Nachrichtenagentur AFP. „Der Boden bebte unter unseren Füßen, und alles um uns herum verwandelte sich in Blut und ohrenbetäubende Schreie."
In sozialen Medien gepostete Bilder, die mittlerweile von der BBC und von Reuters bestätigt wurden, zeigen die unmittelbaren Folgen des Anschlags: Menschen, die meisten von ihnen Mütter mit ihren kleinen Kindern liegen auf der Straße, einige schwer verletzt, andere bewegen sich nicht, viel Blut, man hört Schreie und verzweifelte Hilferufe. Ein anderes Video, bestätigt von CNN, zeigt, wie mehrere Kinder blutüberströmt und regungslos auf einem Esels-Karren transportiert werden.
In der Leichenhalle des nahe gelegenen Al-Aqsa-Krankenhauses trauerten Angehörige der Getöteten, als sie die toten Kinder in weiße Leichentücher und Leichensäcke wickelten, bevor sie die Totengebete verrichteten.
Eine Frau namens Intisar erzählte der BBC, dass ihre schwangere Nichte Manal und ihre Tochter Fatima unter ihnen waren und dass Manals Sohn auf der Intensivstation lag: „Als es geschah, stand sie stand in der Schlange, um Nahrungsergänzungsmittel für ihre Kinder zu bekommen ", berichtet Intisar.
Rabih Torbay, Präsident und CEO von Project Hope, sagt, die Kliniken der Hilfsorganisation seien „ein Zufluchtsort im Gazastreifen, wo Menschen ihre kleinen Kinder hinbringen, wo Frauen Schwangerschafts- und Wochenbettbetreuung erhalten, wo Menschen wegen Unterernährung behandelt werden und vieles mehr. Doch heute Morgen wurden unschuldige Familien gnadenlos angegriffen, als sie in der Schlange standen und auf die Öffnung der Türen warteten“, fügt er hinzu. „Entsetzt und mit gebrochenem Herzen können wir unsere Gefühle fehlen uns die Worte, wir können unsere Gefühle gar nicht mehr zum Ausdruck bringen. Dies ist ein eklatanter Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht und eine deutliche Erinnerung daran, dass niemand und kein Ort im Gazastreifen sicher ist."
Rabih Torbay berichtete gegenüber der CNN, dass der Standort der Klinik dem israelischen Militär mitgeteilt worden sei. „Es war ein harmloser Ort“, so Torbay.
Das israelische Militär erklärte, es habe einen „Hamas-Terroristen“ getroffen, und „bedauerte die Verletzung von Zivilist*innen“.
________________________________
Informationen entnommen aus:
Children queuing for supplements killed in Israeli strike in Gaza, hospital says
Von David Gritten, BBC News, 10. Juli 2025
Nine children killed while waiting in line for nutritional supplies in the Gaza Strip
Statement by UNICEF Executive Director Catherine Russell on children killed during a nutrition aid distribution in the Gaza Strip
10. Juli 2025
Children queuing at Gaza health center killed in Israeli strike, medics say
Von Abeer Salman, Jeremy Diamond and Ibrahim Dahman, CNN, 10. Juli 2025



Kommentare