Vergessen Sie Gaza nicht
- office16022
- vor 6 Tagen
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Schreckliche neue Daten unterstreichen das Ausmaß des unfassbaren Grauens.
Von Owen Jones, Battlelines, 29. Jänner 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Stellen Sie sich vor, eine Großfamilie würde in Großbritannien, einem Land mit rund 69 Millionen Einwohner*innenn, gewaltsam ermordet werden. Die Großväter, Großmütter, Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Teenager, Kleinkinder und Neugeborenen.
Wenn diese eine Großfamilie in Großbritannien getötet worden wäre, würde dies als eines der größten Verbrechen der Nachkriegszeit angesehen werden. Es würde auf jeder Titelseite stehen, es würde in jeder Nachrichtensendung an erster Stelle stehen. Politiker*innen würden trauernde Reden halten. In den sozialen Medien würden sich normale Bürger*innen mit Wut und Entsetzen äußern. Es würde als Verbrechen in die Geschichtsbücher eingehen, an das sich noch Generationen mit Entsetzen erinnern würden.
Vor dem Völkermord hatte Gaza etwa 2,2 Millionen Einwohner*innen.
Laut einer neuen Studie hat Israel mehr als 2 700 palästinensische Familien in Gaza ausgelöscht. Das jüngste Opfer war ein ein Tag altes Baby. Das älteste Opfer war ein 101-jähriger Mann.
Jede Familie – ihre eigenen Erinnerungen, ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Traditionen, ihre eigenen Geheimnisse, ihre Höhen und Tiefen, ihre Feste, ihre Tragödien.
Alles ist verschwunden, von der Erde ausgelöscht. All diese kostbaren gemeinsamen Momente – das erste Wort eines Kindes, Familienfeiern, Ausflüge an den Strand – alles ist verschwunden, da die Familien aus dem Melderegister von Gaza gelöscht wurden und niemand mehr ihre gemeinsamen Erinnerungen bewahrt, so, als ob sie nie stattgefunden haben.
Wenn irgendwo anders, insbesondere in einem Gebiet mit etwas mehr als 2 Millionen Einwohner*innen, 2 700 Großfamilien innerhalb von zwei Jahren gewaltsam ausgerottet worden wären, gäbe es keine Debatte, keine Diskussion und keine Kontroverse darüber, ob dies einen Völkermord darstellt. Es würde als empörend angesehen werden, dies überhaupt zu leugnen.
Neben den 2 700 Familien, deren Mitglieder vollständig ausgelöscht wurden, gibt es weitere 6 000 Familien, in denen nur noch ein einziger Überlebender oder eine einzige Überlebende übrig ist. Stellen Sie sich vor, Sie wären dieseR einzige Überlebende, der einzige Nachkomme Ihrer Familie. Vielleicht sind einige jung und können andere Familien gründen, um ihre Linie fortzuführen. Andere sind älter und wissen, dass nach ihrem Tod niemand mehr übrig bleiben wird. Als Letzte ihres Familienverbands leben sie in dem Bewusstsein, dass mit ihrem Tod – vielleicht durch Bomben, Schüsse, Hunger oder eine eigentlich behandelbare Krankheit – auch ihre Linie aus dem Melderegister von Gaza ausgelöscht wird.
Der Völkermord Israels geht weiter. Den Zahlen zufolge wurden seit Beginn des sogenannten „Waffenstillstands“ im Oktober mindestens 477 Palästinenser*innen getötet und weitere 1 300 verletzt. Stellen Sie sich vor, in dieser Zeit wäre nur ein einziger israelischer Zivilist von der Hamas getötet worden. Dieser eine Zivilist würde unsere Nachrichtensendungen anführen und auf den Titelseiten zu sehen sein, und es gäbe heftige Verurteilungen von Politiker*innen und Expert*innen, die dies als Beweis für das einzigartige Böse der Hamas anführen würden. Der Waffenstillstand würde für beendet erklärt werden, und Israel würde dies als Vorwand für noch mehr Gewalt nutzen, obwohl es, wie wir sehen können, kaum einen Vorwand braucht.
Am vergangenen Mittwoch beispielsweise tötete die israelische Armee mindestens elf Palästinenser*innen in Gaza, darunter zwei 13-jährige Buben, drei Journalisten und eine Frau. Einer der 13-Jährigen wurde zusammen mit seinem Vater und einem weiteren 22-jährigen Mann getötet. Der andere 13-Jährige, Mo'tasem Al-Sharafi, wurde getötet, als er Feuerholz sammelte. Es gibt Aufnahmen, auf denen sein Vater über seinem Leichnam weint.
Stellen Sie sich noch einmal vor, ein 13-jähriger israelischer Zivilist wäre von einem palästinensischen Militanten getötet worden. Stellen Sie sich die Empörung, den Aufruhr, die Berichterstattung, die Verurteilungen vor. Aber ich könnte mir vorstellen, dass die meisten von Ihnen hier zum ersten Mal von diesem palästinensischen Jungen hören und es mit ziemlicher Sicherheit auch das letzte Mal sein wird.
Laut UNICEF hat Israel während der 108 Tage des „Waffenstillstands“, der am 10. Oktober in Kraft trat, an 92 Tagen Angriffe auf Gaza durchgeführt. Von den Hunderten Getöteten sind über hundert palästinensische Kinder. Das ist dreimal so viel wie die Gesamtzahl der israelischen Kinder, die am 7. Oktober getötet wurden. Und doch gab es mehr Empörung über die fiktive, nicht existierende, erfundene Enthauptung israelischer Babys als über ein einziges palästinensisches Kind – oder sogar über Zehntausende palästinensischer Kinder.
Während das Gemetzel weitergeht, ist es offensichtlich, dass es nach wie vor das Ziel der USA und Israels ist, dass keine Palästinenser*innen mehr in Gaza leben – und dass Donald Trump einen Ferienort für Oligarchen baut, die sich über den Skeletten palästinensischer Kinder bräunen können.
Wir, die wir in den Ländern leben, die diese historische Gräueltaten ermöglicht haben, haben die Verantwortung, unsere Stimme zu erheben.
Owen Jones ist ein britischer Journalist, Autor und Aktivist der politischen Linken. Er schreibt regelmäßig Kolumnen für The Guardian und New Statesman, in der Vergangenheit auch für The Independent.




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