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"Was ich in Gaza getan habe" – Bestandsaufnahme eines israelischen Soldaten

  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Am 29. Mai 2026 erschien im Economist eine Reportage mit dem Titel „Was ich in Gaza getan habe – Bestandsaufnahme eines israelischen Soldaten“ von Wendell Steavenson. Darin berichtet ein israelischer Soldat mit dem Pseudonym Jonathan über Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von ihm und Kollegen der israelischen Armee begangen wurden.


Im Folgenden finden Sie übersetzte Auszüge:


In Gaza galten alle Männer im wehrfähigen Alter als legitime Ziele. „Und was unter ‚wehrfähigem Alter‘ zu verstehen ist, lässt viel Raum für Interpretationen“, sagt Jonathan. „Das kann von 16 bis 60 sein oder sogar noch jünger … Die meisten Menschen, die meine Einheit getötet hat, waren unbewaffnet … Es gab Fälle, in denen meine Einheit viele Menschen tötete, ohne zu überprüfen, ob sie Uniformen oder Waffen trugen.“ Oft konnten sie nicht erkennen, gegen wen sie kämpften: Gestalten, die Hunderte von Metern entfernt durch die Trümmer huschten, konnten jeder sein. Jemand im Wachdienst „sieht jemanden, schießt auf ihn, tötet ihn, und nun liegt da eine Leiche – wir wussten nicht, was seine Geschichte war oder was er getan hat.“ Andere Zeugen sprachen von der „Hundelinie“, einer unsichtbaren Grenze um eine Stellung herum. Jeder Palästinenser und jede Palästinenserin, der/die sie überschritt, wurde erschossen; Hunde versammelten sich entlang dieser Linie, um die Leichen zu fressen. (…)


Jahrzehntelang wandte die israelische Armee bei der Festnahme mutmaßlicher Terroristen das „Nachbarverfahren“ an, bei dem Palästinenser*innen, darunter auch Kinder, gezwungen wurden, vor ihnen Häuser zu betreten. (…) Die Praxis verbreitete sich so sehr, dass sie einen eigenen Namen bekam: das „Mosquito-Protokoll“. Jonathan hörte von anderen Einheiten, die „Mosquitos“ einsetzten, und war nicht überrascht, als sein eigener Kommandant nach einem solchen fragte. Jonathan glaubt, dass ihr „Mosquito“ von einer anderen Einheit übergeben worden war. Es handelte sich um einen jungen Mann, der intelligenzgemindert wirkte. (Der „Mosquito“ war von israelischen Geheimdienststellen verhört und als kein Mitglied der Hamas eingestuft worden.) Jonathan erzählte mir, dass er und andere Mitglieder seiner Einheit nicht viel über die ethischen Aspekte dieser Praxis nachdachten: Sie sahen in den „Mosquitos“ eine naheliegende Lösung für den Mangel an Spürhunden.

„Wir hatten Streitigkeiten innerhalb meines Zuges, aber es war keine moralische Diskussion über den Einsatz menschlicher Schutzschilde. Es ging darum, wie wir ihn behandeln sollten: was und wie viel wir ihm zu essen geben sollten, ob wir ihn schlagen sollten oder nicht.“ Nachts wurde der Mann in einer Ecke neben dem Wachposten in ihrer Unterkunft gefesselt. „Die meisten sahen ihn als Terroristen. Sie hassten ihn, sie wollten ihn schlagen.“ (…)


Das Wort „Protokoll“ [in „Mosquito-Protokoll, Anm.] täuscht über den willkürlichen Einsatz von Palästinenser*innen als menschliche Schutzschilde hinweg. In der Praxis war das Ganze „chaotisch und unorganisiert“. Als Jonathans Einheit aus dem Einsatz abgezogen wurde, nahmen sie den „Mosquito“ weder mit ins Gefängnis in Israel noch setzten sie ihn am humanitären Korridor ab: „Wir haben ihm einfach gesagt, er solle gehen.“ Einige der freigelassenen „Mosquitos“, von denen viele im wehrfähigen Alter waren, wurden später von Soldaten erschossen. (…)


Seine Einheit hatte wenige Verluste zu verzeichnen. Die meisten davon, so sagt er, seien nicht vom Feind verursacht worden. „Wir hatten einen Fall von Beschuss durch eigene Truppen“, und andere Verletzungen seien auf Fehler zurückzuführen, etwa wenn Soldaten nach dem Werfen einer Granate von Splittertreffern getroffen wurden oder sich unzureichend in Deckung begaben. Kriegsgebiete sind von Natur aus gefährliche Orte. „Leute wurden durch Kochfeuer verletzt – das ist kein Scherz.“ (…)


Jonathans Einheit wurde in Gebiete zurückgeschickt, die sie bereits gesäubert hatte. Die Soldaten trafen auf weniger Hamas-Kämpfer als zuvor. Ihre Tage wurden eintönig, und die Stimmung verschlechterte sich, je länger der Krieg andauerte. Die Überzeugung, dass es in Gaza „keine Unschuldigen“ gebe, verfestigte sich. „Jeder Mensch in der Gegend wurde als ‚Terrorist‘ bezeichnet“, erzählt mir Jonathan. In ihren Funkmeldungen war „Dirty“ [Dreckskerl] der Jargon, mit dem Palästinenser*innen bezeichnet wurden, etwa in Sätzen wie „Wir sehen zwei Dirtys vor uns.“ Die Soldaten sprachen davon, nach Gaza zu gehen, um zu jagen. (…)


Ich fragte Jonathan, ob es etwas Bestimmtes gebe, das er bereue. Seine Lippen zitterten, aber er konnte nicht antworten. Seine Geschichte zu erzählen sei ein Weg, „die Dinge besser zu machen, Verantwortung zu übernehmen, die Menschen wissen zu lassen, was passiert ist“, sagt er. „Aber es ist kein Weg, meine eigene Verantwortung zu mindern. Ich kann meine Vergangenheit nicht auslöschen.“

Er ist kürzlich durch Europa gereist. „Ich schäme mich“, sagt er mir. „Heute bin ich nicht stolz darauf, Israeli zu sein, ein ehemaliger Soldat zu sein. Es ist etwas, wofür ich mich schäme. Als ich in Europa war, war ich neidisch auf Menschen, die ihre Flagge an ihrem Haus hissen, stolz darauf sein und sich daran erfreuen konnten. Ich glaube, ich werde niemals mehr in der Lage sein, die Flagge meines Landes an meinem Haus zu hissen.“




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