top of page

Was macht man, wenn man die Bomben nicht hören kann? Taub während des Völkermords in Gaza.

  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Inmitten des von Israel verübten Völkermords in Gaza sind Palästinenser*innen mit Hörbeeinträchtigungen besonders schutzlos, da sie weder anfliegende Raketen noch Evakuierungsbefehle hören können. Fadl Kuraz ist einer der wenigen, der sein Leben der Aufgabe gewidmet hat, hörbehinderten Menschen das Überleben zu sichern.


Von Jumana Mughari, Mondoweiss, 2. September 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Zuhdi Murtaja, ein gehörloser Mann, der in einer Gemeinschaftsküche für hörgeschädigte Kinder in Gaza-Stadt arbeitet, stellte eine Frage in Gebärdensprache. „Wie können wir uns schützen, wenn wir die Bombenangriffe oder die Warnungen nicht hören können? Und wo ist der sichere Ort?“

Fadl Kuraz, ein Gebärdensprachdolmetscher und Ausbilder, der seit mehr als drei Jahrzehnten mit der Gehörlosengemeinschaft in Gaza arbeitet, hielt kurz inne, bevor er antwortete. „Es gibt nicht immer einen sicheren Ort“, antwortet er ihm. Stattdessen gab Kuraz ihm einen praktischen Rat: Achte auf die Menschen um dich herum. Wenn sie plötzlich losrennen, renne mit ihnen. Trage eine Karte bei dir, auf der steht: „Ich bin gehörlos. Ich brauche Hilfe.“

Für die Gehörlosengemeinschaft in Gaza hat der Krieg eine zusätzliche Gefahrenebene geschaffen, die angesichts der unmenschlichen Bedingungen, mit denen die gesamte Bevölkerung täglich zu kämpfen hat, weitgehend übersehen wird. Da sie ankommende Angriffe, Evakuierungsbefehle oder Notfallsirenen nicht hören können, sind sie vollständig auf andere angewiesen, um eine sich rasch verändernde Realität zu deuten – und in einem Krieg, der mehr als 73.000 Menschen das Leben gekostet und fast die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens vertrieben hat, ist diese Abhängigkeit zu einer Frage des Überlebens geworden.

Eine Umfrage des UNDRR [(United Nations Office for Disaster Risk Reduction, auf Deutsch Büro der Vereinten Nationen für Katastrophenvorsorge, Anm.] aus dem Jahr 2023 unter mehr als 6.000 Menschen mit Behinderungen in 132 Ländern ergab, dass 56 Prozent entweder keine Kenntnis von Katastrophenrisikoinformationen in barrierefreien Formaten hatten oder keinen Zugang dazu hatten. In Gaza, wo die Infrastruktur zur Erreichung von Menschen mit Behinderungen weitgehend zusammengebrochen ist, ist diese Lücke besonders deutlich zu spüren.

Kuraz ist einer der wenigen Menschen geworden, die noch immer versuchen, diese Lücke zu schließen. „Das Schwierigste, womit gehörlose Menschen während des Krieges konfrontiert sind, sind nicht nur die Bombenangriffe“, sagt Kuraz. „Es ist die Tatsache, dass sie keinen Zugang zu Informationen haben, wenn sie diese am dringendsten benötigen.“

Kuraz – der einen Master-Abschluss in Pädagogischer Psychologie besitzt und in Jordanien Sonderpädagogik mit Schwerpunkt Hörbehinderung studiert hat – widmete die Jahre vor dem Völkermord der Unterstützung von Menschen mit Hörbehinderungen. Dazu gehörten der Unterricht in Gebärdensprache, die Unterstützung gehörloser Schüler*innen, die Unterstützung von Lehrkräften bei der Kommunikation mit ihnen sowie die Durchführung von Schulungen bei der Atfaluna Society for Deaf Children, einer der wichtigsten Organisationen in Gaza, die sich für Menschen mit Hörbehinderungen einsetzt. Der Krieg hat die Anforderungen dieser Arbeit völlig verändert.

Er pendelt nun zwischen den von Atfaluna eingerichteten Bildungsstationen in den Vertriebenengebieten und Stadtvierteln hin und her, darunter al-Shati, al-Nasr, Sheikh Radwan, al-Jalaa und Tal al-Hawa in Gaza-Stadt – allesamt Zeltlager innerhalb von Notunterkünften, in denen es an Grundversorgungsgütern mangelt. Seine Arbeit beginnt oft mit Fragen an die Schüler*innen und nicht zum Unterricht: Wie kommen sie zurecht? Sind neue Familien angekommen? Braucht jemand Batterien für ein Hörgerät? Hat jemand nach einer weiteren Nacht voller Bombardements Hörprobleme entwickelt?

 

Eine andere Art des Zugangs

An einer von Atfaluna betriebenen Lernstation im Stadtteil Jalaa in Gaza-Stadt unterbricht eine entfernte Explosion die Aktivitäten. Die Erschütterungen lassen einige Kinder erstarren. Andere schauen sofort zu Kuraz. Er beruhigt sie mithilfe der Gebärdensprache, und die Lehrkräfte bieten ihnen einfache Spiele und Aktivitäten an. Innerhalb weniger Minuten lachen die Kinder wieder und wetteifern um seine Aufmerksamkeit. Kuraz bewahrt einen ruhigen Gesichtsausdruck. Dies, sagt er, gehöre zu den anspruchsvollsten Aspekten seiner Arbeit.

„Ich muss meine Emotionen und meine Mimik innerhalb von Sekunden unter Kontrolle bringen“, sagt er. „Wenn ich diese Kontrolle verliere, verlieren die Kinder ihr Sicherheitsgefühl.“ Der Druck hört nicht auf, wenn er geht. „Die Angst, die ich tagsüber unterdrücke, holt mich nachts ein“, sagt er.

Viele der Lehrer, die mit gehörlosen Schüler*innen arbeiten, sind hörende Pädagog*innen, deren Gebärdensprachkenntnisse sich durch Übung weiterentwickeln. Kuraz arbeitet mit ihnen zusammen, um ihre Kommunikation mit den Schüler*innen zu stärken und deren Bedürfnisse besser zu verstehen. „Es gibt immer neue Ausdrücke, neue Situationen und Gebärden, die die Lehrer*innen nicht kennen“, sagt er. „Ich helfe ihnen, ihre Sprache zu stärken, denn Sprache ist das, was diese Kinder mit der Bildung verbindet.“

Doch Bildung ist nur ein Teil des Problems. Für gehörlose Palästinenser*innen müssen Informationen, die hörende Menschen automatisch erhalten – durch Gespräche, öffentliche Durchsagen, Fernsehen oder Warnsirenen –, oft in einer anderen Form zugänglich gemacht werden. Während aktiver israelischer Angriffe kann diese Lücke unmittelbare Folgen haben. Wenn Kuraz Schüler*innen trifft, wollen diese oft wissen, was außerhalb des Klassenzimmers passiert ist: Wo fand der Bombenangriff statt? Welche Stadtteile waren betroffen? Gibt es eine Evakuierung? Was passiert außerhalb des Schutzraums?

„Sie brauchen jemanden, der ihnen erklärt, was um sie herum geschieht“, sagt Kuraz. „Politische Entwicklungen, humanitäre Lage und Veränderungen in ihren Gemeinden – Dinge, die viele hörende Menschen ganz selbstverständlich mitbekommen, zu denen gehörlose Menschen jedoch oft keinen Zugang haben.“

Murtaja selbst ist Teil dieses Informationsnetzwerks geworden. Als Absolvent der al-Rafa’i-Schule für Gehörlose in Gaza-Stadt schloss er sein Studium im Rahmen eines speziell für gehörlose Studierende konzipierten Programms ab. Während des Krieges verwaltet er neben seiner Arbeit in der Atfaluna-Küche eine WhatsApp-Gruppe und steht Kuraz kontinuierlich zur Seite, um politische Nachrichten und Entwicklungen zu verfolgen und dabei zu helfen, Informationen an die Gehörlosengemeinschaft weiterzugeben.

Das Problem geht über den Informationsaustausch hinaus. Durch die Vertreibung ist es für gehörlose Menschen schwieriger geworden, Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, während viele Notunterkünfte, Gesundheitseinrichtungen und humanitäre Hilfsmaßnahmen nicht auf ihre Kommunikationsbedürfnisse ausgerichtet sind. „Die Herausforderung besteht nicht nur darin, gehörlose Menschen zu erreichen“, sagt Kuraz. „Das Problem ist, dass die Dienste selbst oft nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind.“

Der Zugang zu Hörgeräten und dem dazugehörigen Verbrauchsmaterial stellt ebenfalls eine anhaltende Herausforderung dar. Atfaluna hat bereits zuvor berichtet, dass Familien von Menschen mit Hörbehinderungen in Konfliktzeiten Schwierigkeiten hatten, Hörgerätebatterien und andere notwendige Hilfsmittel zu beschaffen. Diese Herausforderung besteht angesichts der allgemeinen Versorgungsengpässe und der Unterbrechung grundlegender Dienstleistungen in Gaza weiterhin.

 

Messung von Hörverlust

Das Ausmaß der kriegsbedingten Hörbeeinträchtigungen im Gazastreifen lässt sich nach wie vor nur schwer genau beziffern – doch die verfügbaren Daten deuten auf eine weitreichende und weitgehend unsichtbare Krise hin.

Vor dem Krieg lebten in Gaza nach Schätzungen von Al Jazeera, die sich auf Daten von Rehabilitationszentren und Fachverbänden stützen, etwa 20.000 Menschen mit Hörbehinderungen. Mitarbeiter*innen vor Ort warnen, dass diese Zahl seit Oktober 2023 stark angestiegen ist; Schätzungen gehen mittlerweile von 30.000 bis 40.000 Menschen mit Hörverlust oder Hörbeeinträchtigung aus – darunter viele Kinder.

Der Bericht des Global Protection Cluster vom Juli 2025 schätzt, dass über 35.000 Menschen im Gazastreifen durch Explosionen erhebliche Hörschäden erlitten haben. Derselbe Bericht stellt fest, dass zwar keine einheitlichen umfassenden Daten zu Hör- und Sehbeeinträchtigungen infolge der Feindseligkeiten erhoben werden, Organisationen, die mit Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen arbeiten, jedoch von einem erheblichen Anstieg der Zahl der Menschen mit Hör- und Sehproblemen berichten, die Hilfe in Anspruch nehmen.

Die eigenen Erhebungen von Atfaluna liefern einen weiteren Hinweis auf das Ausmaß. Zwischen Dezember 2024 und August 2025 untersuchte die Organisation 32.753 Menschen und identifizierte 2.500 Kinder und Erwachsene mit einer neuen Hörbeeinträchtigung als direkte Folge des Krieges. Diese Zahl stellt keine Gesamtzahl dar, da sie lediglich die unter den untersuchten Personen identifizierten Fälle widerspiegelt. Zur Gehörlosen-Gemeinschaft in Gaza gehören nun sowohl Menschen, die bereits vor dem 7. Oktober 2023 gehörlos waren, als auch Menschen, die während der Angriffe eine Hörbeeinträchtigung erlitten haben. Ihre Kommunikationsbedürfnisse sind nicht immer dieselben. Jemand, der von Geburt an gehörlos ist, hat in der Regel eine Gebärdensprache und Strategien entwickelt, um sich in einer Welt ohne Geräusche zurechtzufinden. Jemand, der sein Gehör während eines Bombardements verliert, sieht sich mit einem plötzlichen und verwirrenden Verlust konfrontiert, ohne eine Sprache, die das ersetzt, was einst durch Geräusche vermittelt wurde, und ohne eine etablierte Gemeinschaft, an die er sich wenden kann.

Hinzu kommt, dass die Organisationen, die versuchen, ihnen zu helfen, selbst mit akuten Engpässen zu kämpfen haben. Laut Berichten von Al Jazeera unterliegen Hörgeräte, Batterien und Ersatzteile für Cochlea-Implantate aufgrund von Einfuhrbeschränkungen weiterhin strengen Beschränkungen. Viele Rehabilitationszentren, die Sprachtherapie sowie psychologische und pädagogische Unterstützung anbieten, wurden beschädigt oder zerstört.

Für Kuraz geht die Arbeit dennoch weiter. An den Bildungsstandorten hilft er Lehrer*innen und Schüler*innen, trotz Vertreibung und wiederholter Unterbrechungen miteinander zu kommunizieren. Und wenn sich die Lage draußen ändert, sind die Fragen oft dieselben, die er zu Beginn des Krieges von Murtaja gehört hat: Was ist passiert? Wohin sollen wir gehen? Wie geht es weiter?

Murtaja hat nicht aufgehört, diese Fragen zu stellen oder anderen dabei zu helfen, Antworten zu finden. In der von ihm geleiteten WhatsApp-Gruppe zirkulieren Nachrichten unter den Mitgliedern der Gehörlosen-Community, die sonst keine Möglichkeit hätten, zu erfahren, was um sie herum geschieht. Es ist ein kleines System, das mitten im Krieg fast aus dem Nichts aufgebaut wurde.

„Wenn sie Angst in meinem Gesicht sehen“, so Kuraz, „wird sie zu ihrer eigenen.“


__________________________________________


An dieser Stelle sei an Hashem Ghazal, dem prominentesten Vertreter der Gehörlosengemeinschaft in Gaza, erinnert. Ghazal, der gehörlos geboren wurde, hatte mit seiner (hörenden) Frau neun Kinder, von denen sechs ebenfalls gehörlos geboren wurden. Der gelernte Tischler engagierte sich ab 1994 bei der „Atfaluna Society for Deaf Children“ und gründete dort eine Tischlerabteilung, in der er hörgeschädigte Schüler*innen im Handwerk ausbildete und ihnen so eine Berufsmöglichkeit eröffnete. Aufgrund seines Engagements wurde Hashem Ghazal im Gazastreifen als „Pate der Gehörlosen“ bekannt, er hielt auf der ganzen Welt Vorträge über die Situation hörbehinderter Menschen in Gaza. Im Genozid wurden Ghazals Haus und seine Werkstatt zerstört, seine Familie und er vertrieben. Seine Frau fungierte als Dolmetscherin und Begleiterin für den Haushalt, da die gehörlosen Familienmitglieder zwar Bombenangriffe anhand der Erschütterungen wahrnehmen konnten, aber oft nichts von Evakuierungssirenen oder Fluchtwegen mitbekamen. Da es für Ghazal und andere gehörlose Familienmitglieder zu gefährlich war, ohne eine hörende Begleitung Lebensmittel von Verteilstellen zu holen, verlor Ghazal aufgrund von Unterernährung 35 Kilo und begann, einen Gemüsegarten anzulegen. Am 13. Mai 2024 wurden Ghazal und seine Frau bei einem israelischen Luftangriff getötet. Sieben seiner Kinder wurden bei dem Angriff schwer verletzt.


 

Kommentare


bottom of page