Wenn Israel den Gazastreifen angreift, eilen diese Menschen los, um Leben zu retten
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- 13. Juli
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Ein Mitarbeiter des Zivilschutzes, eine Ärztin, ein Reporter und ein Fotojournalist erzählen ihre erschütternden Erlebnisse während des israelischen Krieges gegen Gaza.
Von Huda Skaik, The Intercept, 7. Juli 2025
(Originalbeitrag in englischer Sprache und dazugehörenden Fotos zu den Portraits: )
Im belagerten Gazastreifen haben sich drei Berufsgruppen als Rettungsanker erwiesen, die heldenhaft versuchen, das Schlimmste der humanitären Katastrophe, die sich unter den ständigen Angriffen Israels auf die Zivilbevölkerung und die zivile Infrastruktur abspielt, zu lindern.
Die Retter, die Heiler*innen und die Zeug*innen - die Helfer des Zivilschutzes, die unvorstellbare Opfer bringen, um Menschen aus den Trümmern der bombardierten Gebäude zu retten, die Mediziner*innen, die in den Krankenhäusern einen unmöglichen Kampf mit der fatalen Versorgung führen, und die Journalist*innen, die ihr Leben riskieren, um die Wahrheit ans Licht zu bringen - sie alle unterstützen die gesamte Bevölkerung Gazas, die unter Völkermord und Hungersnot leidet.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums hat das israelische Militär seit dem 7. Oktober 2023 mindestens 113 Zivilschützer, etwa 228 Journalist*innen und mindestens 1.411 medizinische Mitarbeiter*innen getötet.
Hier sind ihre Geschichten.
Nooh Al-Shaghnobi , Zivilschutz
Nooh Al-Shaghnobi ist ein Mitarbeiter des Zivilschutzes in Gaza. Er geht oft auf Einsätze, ohne zu wissen, ob er nach Hause zurückkehren wird. Viele seiner Kollegen wurden bei ihrer Arbeit verletzt, sind verschwunden oder wurden sogar angegriffen und getötet. Es mangelt an Personal, Ausrüstung und Fahrzeugen für ihre Rettungseinsätze.
Bei der Arbeit des Zivilschutzteams geht es um Entscheidungen über Leben und Tod, wobei den Lebenden auch unter direktem Bombardement und sogar unter großem persönlichem Risiko Vorrang eingeräumt wird. „Wir können die Lebenden nicht unter den Trümmern zurücklassen, auch wenn es Stunden dauert“, sagt al-Shaghnobi.
Sein Kollege Ali Omar wurde bei der Rettung einer schwangeren Frau getötet. Ali, der an einem Seil angehängt war, wurde direkt von einer Rakete getroffen. Seine Hand, die noch von einem Kollegen umklammert wurde, war alles, was übrig blieb. „Was uns passiert ist, ist in keinster Weise normal“, sagt al-Shaghnobi und zittert, als er sich an die Rakete erinnerte, die Ali und die Frau traf und in Stücke zerfetzte. „Diese Situation war ein großer Schock für mich. Ich verfiel in einen großen emotionalen Ausbruch, der so weit ging, dass ich verzweifelt die Handfläche von Ali küsste, die durch die israelische Rakete von seinem Körper getrennt wurde."
„Wo ist unser internationaler Schutz?“, fragt al-Shaghnobi. Zivilschutzteams wurden bereits mehrfach getötet, ohne dass es einen internationalen Aufschrei gegeben hätte.
Er erinnert sich an einen anderen herzzerreißenden Einsatz: einen achtstündigen Versuch, ein unter Trümmern begrabenes Baby zu retten, wobei von allen Seiten gegraben wurde, während die israelischen Streitkräfte auf sie schossen. Obwohl sie die Schreie des Babys hören konnten, verhinderten begrenzte Ressourcen eine erfolgreiche Rettung. „Wo bleibt die Menschlichkeit? Und die Welt? Und die Rechte der Kinder?“, fragt al-Shaghnobi und fügt hinzu: „Dieser Krieg hat uns bewiesen, dass es keine Rechte auf der Welt gibt." In seinen Albträumen hört er immer wieder die Schreie des Babys, eine quälende Erinnerung an sein Unvermögen, das Kind zu retten. Der psychologische Tribut ist immens: Der Umgang mit zerfetzten Leichen und schrecklichen Szenen führt zu schweren psychischen Störungen. Er schläft kaum noch.
Nach dem Bombenangriff auf die Fahmi al-Jarjawi-Schule wurde al-Shaghnobi Zeuge, wie Menschen in den Flammen zu Asche verbrannten und nicht mehr zu retten waren. Er versuchte, sie zu erreichen, aber die große Hitze drohte seinen Körper zu verbrennen. Er wird nie vergessen, wie er einen bis zur Unkenntlichkeit verkohlten Körper herauszog. Ein siebenjähriges Mädchen, das unter den Trümmern verkohlt war und nur noch anhand seiner Beinknochen identifiziert werden konnte. Die Rettung eines anderen Mädchens, Ward, unter den Trümmern, die wie durch ein Wunder trotz des Infernos um sie herum überlebte, während ihre gesamte Familie getötet wurde, lässt ihn sich fragen, wie jemand solche Szenen vergessen kann. „Wir, die Menschen in Gaza, mit den Szenen, die wir gesehen haben, und unserer Resilienz, wir lehren Psycholog*innen Standhaftigkeit und Stabilität“, so al-Shaghnobi.
Nachdem al-Shaghnobi und seine Kollegen Überlebende vor israelischen Angriffen gerettet haben, werden diese von medizinischen Fachkräften übernommen.
Dr. Tiziana Roggio, Ärztin
Dr. Tiziana Roggio, eine italienische plastische Chirurgin aus London, die im Mai 2025 als Freiwillige im Nasser-Krankenhaus in Khan Younis arbeitete, beschreibt eine schier überwältigende Erfahrung. „Was ich in Gaza erlebt habe, ist von einer völlig unfassbaren Dimension“, sagt sie. „Die Zahl der Traumafälle, die Schwere der Verletzungen, der Mangel an grundlegenden Hilfsgütern und die überwältigende Zahl der betroffenen Kinder - das ist mit nichts zu vergleichen, was ich je irgendwo anders gesehen habe.“
Roggios Tage sind ein unerbittlicher Zyklus von 12- bis 14-stündigen Operationen, oft bei unterernährten Kindern mit verheerenden Verbrennungen, Explosionsverletzungen, offenen Brüchen und umfangreichen Weichteilschäden. Sie hebt hervor, dass sie eine enorme Anzahl von Amputationen und Patient*innen mit Schrapnellwunden gesehen hat.
Sie erinnert sich an einen besonders erschütternden Fall: ein 3-jähriger Junge mit schweren Verbrennungen, die mehr als 35 Prozent seines Körpers, einschließlich seines Gesichts, bedeckten. Er hatte seine gesamte Familie bei einem Angriff verloren. „Er hat nicht geweint. Er starrte nur ausdruckslos vor sich hin, in einem völligen Schockzustand", berichtet sie. Sie erinnert sich an die unvorstellbaren Schmerzen, die er durchmachte. „Was für ein Leben wird dieses Kind haben, wenn es diese schreckliche Verletzung überlebt?“
Außerhalb des Operationssaals ist die emotionale und körperliche Erschöpfung immens; es bleibt keine Zeit, eine Tragödie zu verarbeiten, bevor die nächste Welle von Verwundeten eintrifft. Das Krankenhaus selbst gleicht einem Schlachtfeld: überfüllt, chaotisch, voller Schmerz, wo Schreie, Gebete, Weinen, Bomben und Drohnen den ständigen Soundtrack bilden. Doch sie hat in der Unverwüstlichkeit ihrer palästinensischen Kolleg*innen und deren unglaublicher Entschlossenheit Kraft gefunden.
Roggio erinnerte sich an den Moment, als das Nasser-Krankenhaus die neun Kinder von Dr. Alaa al-Najjar aufnahm, die auf tragische Weise durch einen israelischen Luftangriff getötet wurden. „Es herrschte eine Atmosphäre der tiefen Trauer und des Kummers. Die Mitarbeiter*innen, von denen viele Dr. Alaa persönlich kannten, waren sichtlich erschüttert", berichtet sie. Was sie tief beeindruckte, war, dass al-Najjar selbst Roggio und ihren Kollegen dankte, nachdem sie ihr einziges überlebendes Kind operiert hatte. In ihrer unvorstellbaren Trauer waren ihre Stärke und Dankbarkeit umso eindringlicher.
Trotz des Gefühls, dass ihr eigenes Leben ständig in Gefahr war, bedauert Roggio nichts. „Ich konnte nicht zu Hause bleiben, ich wusste, dass meine Fähigkeiten hier so sehr gebraucht werden“, erklärt sie und unterstreicht damit die tiefe Bedeutung, die sie in ihrer Mission sieht. Ihre dringende Botschaft an die Welt ist klar: „Humanitäre Hilfe muss sofort und ohne Einschränkungen in den Gazastreifen gelangen können. Jede Verzögerung kostet Leben. Ein Waffenstillstand muss JETZT stattfinden!"
Diese Gräueltaten müssen dokumentiert werden, auch wenn die Welt nicht gewillt zu sein scheint, sie zu stoppen.
Ahmad Alnajar, Journalist
Ahmad Alnajar, Journalist bei Press TV, trägt die Last, aus dem Gazastreifen über einen Völkermord zu berichten und gleichzeitig selbst in dessen brutalem Schatten zu leben. Sicherheit, so sagt er, ist fast ein absurdes Konzept, das in Gaza nur selten zu finden ist. Seine Presseweste bietet keinen Schutz, sondern dient manchmal als Zielscheibe. „Wenn ich vor der Kamera stehe, habe ich das Gefühl, dass dies der letzte Moment sein könnte“, berichtet er. Sein langjähriger Kollege, Hassan Eslaih, wurde von einer israelischen Rakete getötet, während er sich in seinem Krankenhausbett von einem früheren Angriff erholte.
Der psychologische Tribut ist tiefgreifend. „Was wir während dieses Völkermordes erlebt haben und immer noch erleben, ist mehr als genug, um jeden Menschen um den Verstand zu bringen“, so Alnajar. Alnajar erklärte, dass die Menschen in Gaza nicht wirklich die Möglichkeit und die Zeit haben, im Ozean der Trauer um die Menschen, die sie verloren haben, zu ertrinken.
Die Journalist*innen arbeiten jetzt in Zelten, da die meisten ihrer früheren Büros zerstört sind. Um mit der Außenwelt in Verbindung zu bleiben, sind sie auf den Strom des Krankenhauses oder fragile Solarzellen angewiesen. Dennoch wird Alnajar weiterhin von einem starken Pflichtgefühl angetrieben. „Wir werden niemals aufhören, weil die israelische Besatzung niemals aufhört“, sagt Alnajar.
Die Folgen eines jeden Massakers sind schmerzhaft. Er erinnerte sich lebhaft an das Grauen, als er am ersten Tag des Eid al-Fitr im März 2025 über das Massaker an Sanitätern in Rafah berichtete. „Es war eine der schrecklichsten Szenen, zu sehen, wie Sanitäter und Mitarbeiter des Zivilschutzes, die losgezogen waren, um Leben zu retten, stattdessen in Todessäcken zurückkehrten.“ Diese Szene sei nur ein Beispiel für die unzähligen Schrecken, über die sie berichten.
Alnajar vermisst diejenigen, die er verloren hat. „Jedes Material und jede Struktur kann ersetzt und wieder aufgebaut werden, aber wie kann man seine Schwester, seinen Onkel oder seinen Freund zurückbringen? Allah yerhamhum [möge Gott sich ihrer Seelen erbarmen]", sagt er voller Kummer. Er beendete unser Gespräch mit einer dringenden Botschaft: „Bitte wachen Sie auf und handeln Sie, bevor es zu spät ist. Stellen Sie sich vor, dass das, was gerade passiert, Ihnen oder Ihren Kindern oder jemandem, den Sie lieben, passiert. Würden Sie das akzeptieren?"
Bashar Talab, Fotograf
Die Aufgabe der Fotojournalisten ist ebenso erschütternd. Bashar Talab beginnt jeden Tag damit, die Orte der Bombardierungen vom Vorabend zu ermitteln. Wenn er lange genug auf das Internet zugreifen kann, um die Einschläge zu lokalisieren, muss er dann im belagerten Norden ein Transportmittel finden - ein oft unmögliches Unterfangen, da die Straßen gesperrt sind und die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Auch die Suche nach Strom zum Aufladen von Laptops und Geräten ist ein ständiger Kampf, der einen erheblichen körperlichen Tribut fordert.
Eine große Hürde bei der Dokumentation der Gewalt ist der Zugang zu den betroffenen oder gefährlichen Gebieten. Einige Gebiete sind „rote Zonen“, die nur nach Absprache zugänglich sind. Die psychologischen Auswirkungen der Dokumentation von Zerstörung, Tod und Massakern sind tiefgreifend. Talab flüchtet sich häufig in den Schlaf, um den quälenden Bildern zu entkommen, die ihm im Kopf herumgehen, und stellt fest, dass es keine Unterstützung zur Linderung des Traumas gibt. Ein Bild, das er von einem weinenden, um Essen bettelnden Kind gemacht hat, verfolgt ihn immer noch.
Talab sieht seine Rolle als Fotojournalist als entscheidend und wichtig an, vor allem, da ausländische Journalist*innen von der israelischen Besatzung aus dem Gazastreifen ausgesperrt werden. Trotz Momenten der Verzweiflung, Erschöpfung und Müdigkeit weigert sich Talab, aufzuhören. „Die Verantwortung ist größer, denn die Massaker sind überall. Ich habe nicht aufgehört zu fotografieren, weil es eine große Verantwortung und eine Botschaft gibt, die um jeden Preis und in jeder Form in die Welt getragen werden muss", erklärt er.
Huda Skaik ist Studentin der englischen Literatur und journalistische Autorin aus Gaza. Sie ist Mitglied von We Are Not Numbers und schreibt auch für The New Arab, Electronic Intifada, Middle East Eye und WRMEA.

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