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Wie ein Teenager – und kein*e Journalist*in – Israels Plan zur „freiwilligen Auswanderung“ aus dem Gazastreifen entlarvte

  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Israels führende Nachrichtenreporter*innen, schaut zu und lernt: In einem Interview, wie es eines in Israel seit Jahren nicht mehr gegeben hat, brachte ein junger Teenager den rechtsgerichteten Politiker Moshe Feiglin dazu, eine vollständig ausgearbeitete, naziähnliche Lösung für die Palästinenser*innen im Gazastreifen zuzugeben.


Von Gideon Levy, Haaretz, 06. August 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Ein solches Interview gab es seit Jahren nicht mehr, vielleicht sogar noch nie, im israelischen Fernsehen. Ein Lichtstrahl durchzuckte den dunklen Bildschirm, der in den letzten drei Jahren propagandistisch geworden ist wie nie zuvor. Es war weder in „Uvda“, der mutigen „Investigativ“-Sendung, noch in „Meet the Press“, der Sendung voller Geschwätz. Und es war auch nicht in irgendeiner dummen Diskussionsrunde voller Idioten. Ein Star wurde an einem niemals erwarteten Ort geboren, in der abgelegensten Sendung des Knesset-Kanals.


Eitan Newman, ein 17-jähriger Junge aus Ra’anana, hat Israels Top-Talente in den Schatten gestellt. Yonit Levy und Danny Kushmaro, Ben Caspit und Amit Segal, Raviv Drucker und Ayala Hasson – das müsst ihr euch ansehen. Vielleicht lernt ihr so endlich, wie man Interviews führt und was Journalismus ist. Von diesem Jungen könnt ihr eine Menge lernen.


Die Sendung heißt „First Vote“. Der Interviewpartner war Moshe Feiglin. Hier ist der vollständige Text, der an einigen Stellen redaktionell bearbeitet wurde:


Newman: Nennen Sie es, wie Sie wollen – ethnische Säuberung, Umsiedlung, freiwillige Auswanderung –, mir ist das egal. Ich möchte Sie also fragen: Was wird mit den Bewohner*innen des Gazastreifens geschehen, die nicht auswandern wollen? Werden Soldat*innen der israelischen Armee sie auf einen Lastwagen verladen und ausweisen? Wohin werden sie sie bringen? Was werden Sie mit ihnen machen?


Feiglin: Zunächst einmal: Die überwiegende Mehrheit von ihnen will weg, okay?


Newman: Ich habe nach denen gefragt, die nicht weggehen wollen.


Feiglin: Wir müssen sie dazu ermutigen, zu gehen, denn wer nicht geht, wird euch ermorden.


Newman: Das habe ich nicht gefragt. Ich habe gefragt, was ihr mit jemandem macht, der gehen soll und es nicht tut.


Feiglin: Wir werden ihn dazu zwingen, zu gehen.


Newman: Was bedeutet „zwingen“?


Feiglin: Mit allen Mitteln. Wir werden zum Beispiel seine Wasserleitungen absperren. Nur ein Beispiel.


Newman: Und wer nicht geht, kann Ihrer Meinung nach sterben?


Feiglin: Dann wird er Durst haben. Er wird gehen müssen, um ein Glas Wasser zu trinken. Nur ein Beispiel.


Newman: Also zum Beispiel sozusagen alle umbringen?


Stille.


Newman: Ja? Als ob alle sterben müssten? Entweder sie gehen oder sie sterben? Sind sie etwa keine Menschen?


Feiglin: Es ist schon ziemlich verblüffend, entschuldigen Sie bitte, dass Sie uns nach dem 7. Oktober wie Mörder behandeln und diese islamo-nazistische Terrororganisation so, als stünde sie unter Beschuss. Verzeihen Sie mir.


Newman: Ich frage nach Ihrer Politik. Ich versuche zu verstehen, was passieren wird, wenn Sie in die Knesset gewählt werden.


Feiglin: Wissen Sie, ich habe einen Enkel in Ihrem Alter, okay? Sein Bruder liegt gerade wegen solcher Fragen unter einem Grabstein.

 

Newman: Also bin ich sozusagen für seinen Tod verantwortlich? Wollen Sie das damit sagen?


Feiglin: Nein, ich sage, dass Ihre verdrehte Weltanschauung, die die Menschenrechte dieser mörderischen Organisation verteidigt, letztendlich zu dieser Katastrophe geführt hat.


Newman: Also sollen alle sterben. Zwei Millionen Menschen werden sterben. Wie viele es auch immer sein mögen, von denen Sie sprechen – sie sollen sterben.


Feiglin: Ich schlage Ihnen vor, dass Sie auch demjenigen zuhören, den Sie befragen, und nicht nur sich selbst.

 

Der redegewandte und erfahrene Feiglin war schockiert. Mit einem solchen Interview hatte er nicht gerechnet. In Israel muss man mit einem solchen Interview nicht rechnen, denn im Fernsehen gibt es keine solchen Interviewer.


Der journalistische Wert liegt auf der Hand: Der Junge hat Feiglins wahres Gesicht enthüllt. Und was noch wichtiger ist: Er hat die verabscheuungswürdige Lüge der „freiwilligen Auswanderung“ aufgedeckt. Niemand geht freiwillig. Man lädt sie einfach auf Lastwagen und schickt sie weg. Newman ließ nicht zu, dass er auswich, umging oder etwas verschleierte. Der Interviewte war gezwungen, eine voll ausgeprägte, naziähnliche Lösung zuzugeben. „Sollen sie doch Durst leiden“, sagte er mit teuflischem Zynismus und blutgefrierender Kälte.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie ein ähnliches Interview in den großen Fernsehsendern aussehen würde. Feiglin würde von „freiwilliger Auswanderung“ sprechen, und wir würden zum nächsten Thema übergehen: Wen Sie bei der Wahl wählen werden – der übliche Quatsch eben. Israelische Interviewer*innen verstehen es gut, zwischen Nebensächlichem und Wesentlichem zu unterscheiden; sie wählen immer das weniger Wichtige. Sie haben Angst davor, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen.

 



Nachtrag zu Moshe Feiglin:

Moshe Feiglin (geboren 1962 als Sohn russischer Einwanderer in Haifa) ist der Gründer und Parteivorsitzender der israelischen Partei Zehut („Identität“), die 2015 gegründet wurde. Zuvor war er langjähriges Mitglied und Vertreter des rechten Flügels der Likud-Partei.

Nach dem Beginn des Genozids in Gaza im Oktober 2023 forderte Feiglin mehrfach die vollständige Zerstörung Gaz; er erklärte: „Für uns ist der Krieg in Gaza nicht nur ein Verteidigungskrieg. Es ist ein Befreiungskrieg, die Befreiung des Landes von seinen Besatzern“ und plädierte dafür, die palästinensische Bevölkerung des Gazastreifens durch Jüdinnen und Juden zu ersetzen. Am 16. Juni 2024 zitierte Feiglin Adolf Hitler während einer Podiumsdiskussion des israelischen Nachrichtensenders N12 News in affirmativer Weise, als er für die ethnische Säuberung der Palästinenser*innen aus Gaza plädierte. Er sagte: „So wie Hitler sagte: ‚Ich kann nicht leben, wenn ein Jude übrig bleibt‘, so können wir hier nicht leben, wenn ein ‚Islamo-Nazi‘ in Gaza bleibt“.

Am 21. Mai 2025, nach dem Beginn der Operation „Gideons Streitwagen“, sagte Feiglin in einem Interview mit dem israelischen Fernsehsender Kanal 14: „Der Feind ist nicht die Hamas, auch nicht der militärische Flügel der Hamas. Jedes Kind, jedes Baby in Gaza ist ein Feind.“ Er forderte die vollständige Besetzung und Kolonisierung des Gazastreifens und erklärte: „Wir müssen den Gazastreifen erobern und besiedeln, und kein einziges Kind aus dem Gazastreifen sollte dort bleiben. Es gibt keinen anderen Weg zum Sieg.“


 

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