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Wäre ich ein Nazi geworden?: „Ich wusste es nicht“

  • 27. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

Während meiner Holocaust-Exkursion mit der Oberstufe nach Polen fuhren wir an der Stadt Oświęcim vorbei, die direkt neben Auschwitz lag. Ich fragte mich, wie die Menschen ihr normales Leben führen konnten, obwohl sich ein Konzentrationslager direkt neben ihrer Stadt befand. Ich grübelte über die schiere Verleugnung (im besten Fall) nach, die die Polen an den Tag legten, während direkt neben ihnen eine Todesmaschine in Betrieb war.


Von Daniel Klein, Substack, 27. Juli 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Ein kürzlich erschienener Artikel in einer israelischen Mainstream-Zeitung [Ynet, Anm.] beleuchtete die aktuelle Wasserkrise im Gazastreifen. Er schilderte den Lebensalltag anhand klarer, neutraler Fakten. Zwei Millionen Vertriebene stehen jeden Tag stundenlang mit Plastikkanistern und Eimern in Schlangen vor Hilfs-LKWs, ohne Garantie, Wasser zu erhalten, da der Großteil der Wasserinfrastruktur zerstört wurde. Familien duschen höchstens einmal pro Woche. Hautinfektionen, Hautausschläge und andere Krankheiten breiten sich in den überfüllten Zeltlagern aus. Der Artikel enthält Bildmaterial dieser Szenen und berichtet über diese Fakten ohne Hinterfragung oder Kritik. Er berichtet einfach darüber als Tagesnachricht unter einer neuen, wiederkehrenden Rubrik auf der Website: „Phase Zwei in Gaza“.

Diese Artikel erscheinen auf den Startseiten der Mainstream-Medien direkt neben politischer Berichterstattung, Lifestyle-Beiträgen, Wirtschaftsnachrichten und Unterhaltungsnachrichten. Während die Menschen in Israel in Cafés sitzen, zum Yoga gehen und am Wochenende Raves besuchen, wird die Realität von zwei Millionen Menschen, die nur wenige Kilometer entfernt unter diesen Bedingungen leben, für alle sichtbar veröffentlicht.

Ein Blick auf den moderierten Kommentarbereich zeigt, wie diese Berichterstattung aufgenommen wird – wobei die überwiegende Mehrheit sich darüber freut:

„Gebt einfach Rattengift ins Wasser.“

„Ich bin schockiert, dass diese Kakerlaken überhaupt duschen.“

„Ich habe einen Vorschlag für euch: Schießt euch in den Kopf, dann müsst ihr nicht drei Tage auf Wasser warten.“

„Ich hoffe, sie bekommen auch Furunkel und Krätze. Selbst dieses Wasser ist für sie Verschwendung.“

„Mögen Cholera und Malaria über sie hereinbrechen, inshallah, amen!“

„Wen interessieren die schon? Sollen sie doch gar nicht duschen und unter schrecklichen Qualen sterben.“

„Die vermehren sich. Die müssen ausgerottet werden.“

Die erneute Verwendung der Überschrift „Phase Zwei in Gaza“ durch die Medien ist kein Zufall. Sie spiegelt genau die Immobilienfachsprache wider, die von der politischen Führung verwendet wird. Finanzminister Bezalel Smotrich sprach auf einer Immobilienkonferenz vor Bauträger*innen und Investor*innen. Er erklärte, dass ein von Expert*innen erstellter professioneller Geschäftsplan vorliege, um das Land in Gaza nach dessen Zerstörung aufzuteilen, zu vermarkten und daraus Profit zu schlagen. Er bezeichnete die Nivellierung Gazas ausdrücklich als abgeschlossene „Abrissphase“, die den Weg für die Immobilienentwicklung ebne, die er als „Immobilienbonanza“ bezeichnete.

Die Vermarktung Gazas als gewinnorientiertes Immobilienprojekt ist keine Verschwörungstheorie. Der offizielle Plan des „Friedensrats“, der von nicht gewählten Immobilienentwicklern und politischen Beratern vorgestellt wurde, präsentiert den Wiederaufbau Gazas unter dem expliziten Immobilienbegriff „Masterplan“. In ausgefeilten PowerPoint-Präsentationen skizzieren sie, wie die Küste Gazas in luxuriöse Strandimmobilien für wohlhabende Tourist*innen sowie in Hightech-KI-Rechenzentren verwandelt werden soll. Die lokale palästinensische Bevölkerung wird in biometrisch überwachte Lager eingeteilt, die als Arbeitskräfte für die umliegende Infrastruktur dienen sollen.

Zu Zeiten von Auschwitz hätte man argumentieren können, dass die Realität des Lagers hinter seinen Mauern verborgen war und der Mangel an öffentlichen Informationen eine Leugnung zumindest möglich machte. Heute gibt es diese Ausrede überhaupt nicht mehr. Die Vernichtung wird live übertragen, die Situation wird in Mainstream-Berichten dokumentiert, und die Pläne für den Gazastreifen werden öffentlich präsentiert, sodass jeder sie sehen kann.

Jeder Cafè Latte, jeder Yoga-Kurs, jedes Musikfestival und jeder normale Alltag, während diese menschliche Katastrophe nur wenige Kilometer entfernt stattfindet, erfordert eine aktive Entscheidung, das Offensichtliche zu ignorieren. Die plausible Ausrede „Ich wusste es nicht“ ist zusammengebrochen, und die Entscheidung, die Augen zu verschließen, ist eine Entscheidung, sich mitschuldig zu machen.

 

Daniel Klein wuchs in einem religiös-zionistischen Elternhaus in einer Siedlung im Westjordanland auf und diente in der israelischen Armee. Ab seinem 23. Lebensjahr begann er, seine Sichtweise langsam und kontinuierlich – ausgelöst durch den Kontakt mit Palästinenser*innen – zu ändern und verließ 2023 Israel.



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