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Ärzte ohne Grenzen: „Das ist kein Waffenstillstand“: Sechs Monate später wird das Leben in Gaza weiterhin ausgelöscht

  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Sechs Monate nach Inkrafttreten eines brüchigen und wirkungslosen Waffenstillstands im palästinensischen Gazastreifen setzen die israelischen Streitkräfte ihre gewaltsamen Angriffe fort. Die medizinischen Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen leiden unter einem kritischen Mangel an medizinischem Material, was sich auf die Versorgung der Menschen auswirkt. Die Staats- und Regierungschefs weltweit müssen alle politischen Hebel in Bewegung setzen und Einfluss auf die israelischen Behörden nehmen, um die Zivilbevölkerung zu schützen.


Pressemitteilung von Ärzte ohne Grenzen (MSF), 10. April 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Sechs Monate nach Inkrafttreten eines brüchigen und wirkungslosen Waffenstillstands in Gaza, Palästina, am 10. Oktober 2025 setzen die israelischen Streitkräfte ihre gewaltsamen Angriffe fort und weiten ihre militärische Kontrolle über den Gazastreifen aus. Die Lebensbedingungen der Palästinenser*innen sind nach wie vor katastrophal, während Israel weiterhin gezielt Hilfslieferungen behindert, was zu Todesfällen führt, die vollständig vermeidbar wären. Die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen (MSF) erleben hautnah, dass die Lage in Gaza zwar weniger intensiv ist, die Realität dort aber nach wie vor katastrophal bleibt.


Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza wurden seit dem Waffenstillstand am 10. Oktober bis zum 8. April 2026 mindestens 733 Menschen getötet und 1 913 verletzt. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen haben monatlich auf mehrere Vorfälle mit zahlreichen Opfern reagieren müssen und mindestens 244 Patient*innen wegen Verletzungen behandelt, die durch israelische Angriffe verursacht wurden, darunter viele Kinder.


Seit dem Waffenstillstand haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen über 40 000 Verbände bei Patient*innen mit Wunden aus gewaltsamen Traumata angelegt, darunter Schuss- und Explosionsverletzungen sowie Verletzungen durch andere Waffen. Seit dem 10. Oktober 2025 haben medizinische Teams allein in den beiden Feldlazaretten von MSF über 15 000 Traumafälle behandelt, sowohl akute Verletzungen als auch Wunden, die eine Langzeitversorgung erfordern. Allein in der MSF-Klinik in Gaza-Stadt wurden über 18 000 Verbände angelegt, davon über 60 Prozent bei Traumawunden. 


„Sechs Monate nach Inkrafttreten des Waffenstillstands ist es nicht gelungen, den Völkermord an den Palästinenser*innen im Gazastreifen zu beenden, da die israelischen Behörden weiterhin Bedingungen auferlegen, die darauf abzielen, die Lebensgrundlagen zu zerstören“, sagt Claire San Filippo, Leiterin der Nothilfeabteilung bei Ärzte ohne Grenzen. „Trotz der nachlassenden Intensität der Gewalt dauern die israelischen Angriffe an, und die Lage bleibt katastrophal. Der Bedarf der Menschen ist enorm, doch die israelischen Behörden schränken die Einfuhr humanitärer Hilfe weiterhin systematisch ein“, so San Filippo.


Die Menschen leiden unter einem Mangel an sauberem Wasser, Nahrungsmitteln, Strom und Zugang zu medizinischer Versorgung; das bereits stark geschwächte Gesundheitssystem wurde durch die Streichung von 37 internationalen NGOs aus dem Register durch Israel, die in Gaza lebenswichtige Hilfe leisten – darunter auch MSF –, weiter beeinträchtigt. Seit dem 1. Januar 2026 haben die israelischen Behörden die Einfuhr aller medizinischen und humanitären Hilfsgüter von MSF nach Gaza blockiert. Gleichzeitig verhindert Israel auch die meisten medizinischen Evakuierungen von Patient*innen, die außerhalb von Gaza eine spezialisierte Versorgung benötigen. Laut der Weltgesundheitsorganisation stehen weiterhin über 18 500 Menschen in Gaza auf der Liste für medizinische Evakuierungen, darunter 4 000 Kinder.

Die Gesundheitseinrichtungen von Ärzte ohne Grenzen (MSF) sind mit einem kritischen Mangel und Versorgungsengpässen bei Medikamenten und medizinischer Ausrüstung konfrontiert – darunter Verbandmull, Kompressen und sterile medizinische Ausrüstung (Handschuhe, Schutzkittel und Desinfektionsmittel für Oberflächen) – sowie bei Arzneimitteln, einschließlich Medikamenten für nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) wie Insulin. Der Mangel an Medikamenten und Hilfsgütern beeinträchtigt die Behandlung chronischer Krankheiten, verstärkt das Leiden der Menschen und raubt ihnen zudem ihre Würde.


„Alle älteren Menschen in unserer Familie sind leider während dieses katastrophalen Krieges verstorben“, sagt Rami Abu Anza, ein MSF-Krankenpfleger in Gaza. „Sie alle hatten chronische Krankheiten und litten unter der Nichtverfügbarkeit dieser Medikamente, zusätzlich zu den Lebensbedingungen und dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems.“

„Wir mussten viel durchmachen, um eine Behandlung zu bekommen“, berichtet Mohammed Abo Zaina, ein Patient, der wegen einer nichtübertragbaren Krankheit behandelt wird. „Wir finden weder Blutdruckmedikamente noch Diabetesmedikamente oder Herzmedikamente. Wir haben seelisch und körperlich gelitten. Und wir sind alte Menschen. Wir sind sehr, sehr erschöpft. Es gibt nichts. Kein Leben, kein würdiges Leben, keine Unterkunft, keine Existenzgrundlage.“

In Gaza wurden etwa 90 Prozent der Menschen gewaltsam vertrieben, oft mehrfach, und leben in Zelten oder Behelfsunterkünften. Die Lage hat sich seit dem Waffenstillstand nicht wesentlich verbessert. In den von MSF unterstützten Gesundheitszentren in Al-Mawasi und Al-Attar, Khan Younis, standen die häufigsten Gesundheitsprobleme zwischen Oktober 2025 und März 2026 in direktem Zusammenhang mit den katastrophalen Lebensbedingungen und der Überbelegung. Dazu gehörten Infektionen der oberen Atemwege (42 %), Hautkrankheiten wie Krätze und Läuse (16,7 %) sowie Durchfall (8,4 %).


Der Lebensraum der Menschen schrumpft kontinuierlich und ist von Gewalt geprägt. Seit dem Waffenstillstand ist der Gazastreifen faktisch entlang der „gelben Linie“ geteilt, die ein Gebiet – derzeit 58 Prozent des Territoriums – markiert, das unter vollständiger israelischer Militärkontrolle steht; dadurch werden die Palästinenser*innen in den verbleibenden 42 Prozent des weitgehend zerstörten Gebiets zusammengepfercht.


Die gelbe Linie ist nicht klar markiert und verschiebt sich kontinuierlich nach Westen in Richtung Meer, wodurch Hunderttausende Menschen auf ein winziges, überbevölkertes Stück Land gedrängt werden. Der Bereich entlang der gelben Linie ist zu einer Todeszone geworden, in der täglich Schüsse, Luftangriffe und Beschuss durch israelische Streitkräfte stattfinden. Auch israelische Kriegsschiffe feuern vom Meer aus ins Landesinnere und halten die Menschen so durch Beschuss von allen Seiten gefangen.


Am 6. April wurden in der Nähe des Flüchtlingslagers Maghazi im Gazastreifen nach bewaffneten Zusammenstößen und einem israelischen Angriff mindestens zehn Menschen getötet und mehrere weitere verletzt. Teams von Ärzte ohne Grenzen in unserem Feldlazarett in Deir Al-Balah versorgten 16 Patient*innen, von denen die Hälfte lebensgefährliche Verletzungen aufwies.


„Unter den Schwerstverletzten befanden sich zwei junge Mädchen im Alter von sieben und acht Jahren“, berichtet Dr. Murad Saliha, ein Arzt von Ärzte ohne Grenzen. „Beide hatten lebensbedrohliche Verletzungen und mussten notoperiert werden. Glücklicherweise konnte unser medizinisches Team trotz begrenzter Ressourcen beiden das Leben retten.“  

MSF fordert die Staats- und Regierungschefs weltweit, darunter die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten sowie die arabischen Staaten, auf, alle politischen Hebel in Bewegung zu setzen und Einfluss auf die israelischen Behörden auszuüben, um die Zivilbevölkerung zu schützen. Sie müssen Druck auf Israel ausüben, damit wieder menschenwürdige Lebensbedingungen hergestellt werden und humanitäre Hilfe unverzüglich und ungehindert nach Gaza gelangen kann, so wie es Israels Verpflichtung als Besatzungsmacht ist.




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